Heißhunger: Cannabinoide polen Neuronen um

23. Februar 2015
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Bestimmte Nervenzellen, die normalerweise den Appetit drosseln, können, beeinflusst durch Cannabinoide, die gegenteilige Wirkung entfalten und so Heißhunger auslösen. Der neu entdeckte Mechanismus könnte als möglicher Therapieansatz bei Essstörungen dienen.

Cannabinoide kommen in der Hanfpflanze vor und sind biochemische Botenstoffe, die Reize zwischen Nervenzellen weitergeben. Damit ihre Nachricht in der reizempfangenden Zelle gelesen werden kann, hat sie eine Art Aufnahmeeinrichtung, die sogenannten Cannabinoid-Rezeptoren, erläutert der Leipziger Neuroanatom Marco Koch, der seit vielen Jahren an den Effekten von Cannabinoiden im Gehirn arbeitet. “Es ist ja seit längerem bekannt, dass Konsumenten von Marihuana Heißhunger entwickeln. Der Effekt tritt sogar dann auf, wenn ihr Magen gut gefüllt ist. Mit dem Cannabinoid 1-Rezeptor ist der für die Appetit-stimulierende Wirkung verantwortliche Rezeptor bekannt. Noch nicht ganz klar ist jedoch, welche Mechanismen für den Heißhunger tatsächlich verantwortlich sind und das wird unter Forschern nach wie vor kontrovers diskutiert.“

Paradoxer Mechanismus

Im Hypothalamus-Areal des Gehirns gibt es eine Gruppe von spezialisierten Nervenzellen, die nach einer Mahlzeit aktiv wird und Sättigungsgefühl auslöst. Dabei handelt es sich um sogenannte Proopiomelancortin-haltige Nervenzellen oder kurz POMC-Neurone. Sie drosseln den Appetit, indem sie ein bestimmtes Hormon freisetzen. Es sorgt dafür, dass sich ein Organismus satt fühlt. „Da komplett gesättigte Mäuse nach einer Injektion von Cannabinoiden weiter fraßen, gingen wir zunächst selbstverständlich davon aus, dass dadurch die Appetit-zügelnden POMC-Neurone ausgeschaltet würden“, beschreibt Koch die Erwartungshaltung der Wissenschaftler vor den Untersuchungen.

Überraschenderweise stellten die Forscher jedoch fest, dass die POMC-Neurone keineswegs ausgeschaltet, sondern ganz im Gegenteil tatsächlich aktiviert wurden. Und noch überraschender veränderten sie ihre Bestimmung und feuerten den Hunger sogar noch an. Die Cannabinoide polten die POMC-Neurone um und brachten sie dazu, ein hungrig machendes Hormon als Botenstoff freizusetzen. Dieses „Hunger-Hormon“, das Beta-Endorphin, veranlasste die satten Mäuse weiter zu fressen. „Zur Gegenkontrolle haben wir die Rezeptoren für das Beta-Endorphin blockiert, bevor wir die Cannabinoide injizierten. Und tatsächlich, dann haben die Mäuse nicht mehr gefressen.“

Möglicher Therapieansatz bei Essstörungen?

Aufgrund der dramatisch ansteigenden Zahl von Menschen mit starkem Übergewicht hat sich eine internationale Wissenschaftlerkooperation besonders für das Essverhalten interessiert. „Möglicherweise können unsere Ergebnisse beitragen, Therapien zur Behandlung von Essstörungen zu entwickeln“, weist Koch auf eine mögliche medizinische Anwendung hin.

Originalpublikation:

Hypothalamic POMC neurons promote cannabinoid-induced feeding
Marco Kochet al.; Nature, doi: 10.1038/nature14260; 2015

25 Wertungen (4.4 ø)

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6 Kommentare:

Ein CB1-Rezeptor-Antagonist musste nach der Zulassung vom Markt genommen werden. Zwar wirkte er gut appetitzügelnd, aber die Patienten wurden zunehmend depressiv (antidepressive Wirkung von THC). Also Anwendung bei Magersucht? Sicher nicht ohne Risiken…

#6 |
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Studentin der Pharmazie

Neee, erstmal weiterforschen! Ich halte dies für einen guten Ansatz gerade bei extremen Untergewicht, aber man muss auch an die Psyche denken! Das kann auch nach Hinten losgehen! Wie soll das funktionieren: Anorexie- Patienten zwangsweise Cannabioide verabreichen, damit diese anschließend einen Fressanfall bekommen? Das funktioniert so nicht: Sie wissen nicht wie stark der Wille der Patienten ist ” Nichts ” zu sich zu nehmen…egal wie groß das Hungergefühl ist! Zur Therapie von Essstörungen…eventuell bei fortgeschrittender Therapie!
Für Krebspatienten o.Ä. mit Untergicht: Top!

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Claudia Wallberg, Ärztin
Claudia Wallberg, Ärztin

@Dr. med. Inge Eisenmann-Stock, verwechseln Sie vielleicht abnehmen mit Zunehmen?

#4 |
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Dr. med. Inge Eisenmann-Stock
Dr. med. Inge Eisenmann-Stock

leider muss man befürcheten, dass zwar viel geforscht, viel positives entdeckt wird. wenn aber derzeit gerade mal 2 hand-voll patienten cannabis bekommen,
ist zu befürchten, dass eine – wenigstens medizinische – freigabe noch eine generation dauern wird.
schade, hier würde es wirklich handlungsbedarf geben.
ich habe eine patientin, die seit jahren einfach keinen appetit hat, sich zum essen regelrecht zwingen muss.
es muss doch schrecklich sein, selbst bei gut gekochten speisen und in geselliger runde den teller am liebsten vom tisch zu schieben
– hier könnte doch geholfen werden.

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#2 |
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Gast
Gast

macht nur weiter heftig Reklame für die Freigabe von Drogen,
richtig ist allerdings, dass die auch alle irgendwann abnehmen.
Siehe Amphetamine :-)

#1 |
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