Mutter in spe(ck): Gewicht reduzieren

13. März 2015
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Übergewicht bei Schwangeren ist möglicherweise für einen Teil der Fehlbildungen bei Ungeborenen verantwortlich. Auch wenn die molekularen Zusammenhänge unklar sind, sollten adipöse Frauen versuchen, ihr Gewicht schon Monate vor Eintritt der Schwangerschaft zu reduzieren.

Bei Ausbildung eines Embryos im Mutterleib treten manchmal Störungen auf. Sie führen dazu, dass sich Organe nicht mehr richtig entwickeln und ihr Aufbau beeinträchtigt ist. Die angeborenen Fehlbildungen können in Form und Schwere sehr unterschiedlich sein. Etwa zwei bis vier Prozent aller Kinder kommen damit auf die Welt. Experten schätzen, dass bei rund 50 Prozent dieser Fälle eine weitere Therapie nach der Geburt nötig ist. Fehlbildungen können genetisch bedingt sein, aber auch durch äußere Einflüsse ausgelöst werden. Auch Übergewicht der werdenden Mutter scheint das Risiko zu erhöhen, so dass beim ungeborenen Kind eine Fehlbildung entsteht. Dies berichtete kürzlich die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) in einer Pressemitteilung.

Suche nach weiteren Ursachen für Fehlbildungen

In einer retrospektiven Fall-Kontroll-Studie hatten Forscher vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel den Body-Mass-Index (BMI) von 322 Frauen untersucht, bei denen zwischen 2007 und 2011 ein fehlgebildetes Kind diagnostiziert worden war. In knapp 95 Prozent aller Fälle wurde bereits vor der Geburt mithilfe des Ultraschalls die zutreffende Diagnose gestellt. Aus der weiteren Analyse fielen 140 Mütter heraus – entweder hatten diese einen vorbestehenden Diabetes mellitus oder ihre Kinder wiesen Chromosomenanomalien oder genetischen Veränderungen auf. „Bei diesen Faktoren war schon bekannt, dass sie Fehlbildungen auslösen können“, sagt Christel Eckmann-Scholz, Leitende Oberärztin der Pränataldiagnostik an der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. „Wir wollten wissen, ob es noch andere Faktoren gibt, die dafür verantwortlich sind.“

Den verbliebenen 182 Müttern ordneten Eckmann-Scholz und ihre Mitarbeiter anschließend nach dem Zufallsprinzip als Kontrollgruppe 182 Mütter mit gesundem Kind zu, die in Bezug auf die Kriterien Rauchen, Anzahl bereits geborener Kinder und Alter mit den anderen Müttern übereinstimmten und die sich im gleichen Zeitraum am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein vorgestellt hatten. Die Forscher verglichen in beiden Gruppen den Body-Mass-Index der Mütter, den diese zu Beginn der Schwangerschaft hatten: Der BMI in der Gruppe der Mütter mit fehlgebildeten Kindern war mit durchschnittlich 23,7 signifikant höher als in der Kontrollgruppe, die im Durchschnitt einen BMI von 22,8 aufwies. Die Wahrscheinlichkeit, ein fehlgebildetes Kind zu bekommen, war für Mütter mit einem BMI von 25 oder mehr im Vergleich zu normalgewichtigen Frauen erhöht, was sich am deutlichsten in der Kategorie neurologische Fehlbildungen zeigte.

Molekulare Ursachen sind noch unbekannt

„Für adipöse Mütter mit einem BMI von 30 oder mehr war das Risiko sogar verdoppelt, hier überwogen die multiplen Fehlbildungen“, berichtet Eckmann-Scholz. „Eine falsche Ernährung führt bei den Frauen mit erhöhtem BMI wahrscheinlich zu Störungen im Stoffwechsel, die sich negativ auf die Embryogenese auswirken.“ Über die molekularen Ursachen lasse sich bislang nur spekulieren, so Eckmann-Scholz: „In Betracht kommen epigenetische Veränderungen des Erbguts, bei denen nicht die DNA-Sequenz der Gene, sondern nur die Aktivität einzelner Gene modifiziert wird.“

Eckmann-Scholz zieht mehrere Schlussfolgerungen aus der Studie: „Da in fast allen Fällen bereits vor der Geburt Fehlbildungen erkannt werden können, ist eine qualifizierte Ultraschalldiagnostik durch einen spezialisierten Facharzt daher bei Schwangeren mit erhöhtem BMI besonders wichtig.“ Von großer Bedeutung, so die Medizinerin, sei aber auch eine bessere Aufklärung: Frauen, die eine Schwangerschaft planten, müsse klar gemacht werden, dass eine ausgewogene Ernährung und ein gesunder Lebensstil das Beste für das zukünftige Kind sei. Stark übergewichtige Frauen sollten deshalb versuchen, ihr Gewicht schon einige Monate vor Eintritt der Schwangerschaft zu reduzieren.

Geringe Anzahl an Patientinnen begrenzt Aussagekraft der Studie

Andere Experten sind noch skeptisch: „Die niedrige Fallzahl und das retrospektive Fall-Kontroll-Design der Studie an einem spezialisierten Zentrum schränkt deren Aussagekraft ein“, sagt Karl Oliver Kagan, Leitender Oberarzt der Pränataldiagnostik an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen. „Das Ergebnis könnte auch dadurch etwas verfälscht sein, dass bei einigen Teilnehmerinnen ein latenter Diabetes nicht erkannt wurde.“ Dennoch plädiert auch Kagan für eine gründliche Beratung und Untersuchung der Mutter vor einer geplanten Schwangerschaft: „So sollten nicht nur Zucker– sondern auch Schilddrüsenwerte auf jeden Fall überprüft und richtig eingestellt werden, bevor man in eine Schwangerschaft geht.“

62 Wertungen (3.77 ø)
Forschung, Gynäkologie, Medizin

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16 Kommentare:

Gast
Gast

Bei “Statistik” kann die Fallzahl umso kleiner sein, je deutliche ein Wirkungsfaktor ist.
Danach ist das vermehrte Risiko für eine adipöse Mutter schlecht zu übersehen.
Also eher nichts neues.

#16 |
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Gast
Gast

@#11, “praxisorientierte Hebamme”
Das ist eine sehr interessante Schlussfolgerung. Manchmal hilft gesunder Menschenverstand mehr als 10 Studien! ;-)

#15 |
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Hebamme

Eine Studie mit einer Fallzahl von 128 überhaupt zu veröffentlichen ist beschämend. Sie ernst zu nehmen ist lächerlich.

#14 |
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Gast
Gast

Was für ein geschmackloses Bild!
Eine Studie mit so wenigen Probanten ist von wenig wissenschaftlicher Aussagekraft und das Zusammentreffen statistischer Häufungen sind nach wie vor keine ursächlichen Zusammenhänge.
An die sicherlich wichtige Frage nach dem hohen Gewicht von Schwangeren ist eine differenziertere Vorgehensweise notwendig.
S. Wenner
Ärztin

#13 |
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Ich denke, adipöse – sprich fettleibige – Menschen mit einem BMI über 30 sind immer gut betraten, wenn man ihnen empfiehlt, ihr Gewicht zu reduzieren.
Die meisten Betroffenen wären ja auch gerne leichter, erreichen dieses Ziel aber nur teilweise.
Die Auswirkung der Adipositas auf die Embryonalentwicklung ist in jedem Fall nur ein Aspekt von vielen.

#12 |
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Hebamme
Hebamme

Ach ja, @Remedias Cortes, “meine” schlanken Frauen, also mit BMI zwischen 18-22 haben lt. meinen Aufzeichnungen die prächtigsten und schwersten Kinder bekommen! Und natürlich auch kerngesunde!
Nach m.M. liegt das einfach daran, dass solche Frauen meist eine aktive Muskulatur und damit auch Durchblutung hatten, was sicherlich auch der Versorgung der Foeten entgegen kam!
Fettgewebe ist sozusagen “gierig” und immer bestrebt, sich zu vermehren, ausserdem sind Fettgewebe schlechter durchblutet.
Das hat sicherlich Auswirkungen auf ein Ungeborenes!
Könnte sein, dass deshalb schlanke und oft sportliche Frauen “Brummer” von mehr als 4000 g zur Welt bringen, und zwar war das sehr häufig so! Auch meine Kolleginnen hatten allesamt sehr grosse und schwere Kinder – und sie waren alle schlanke und körperlich sehr aktive Frauen – sonst hätten sie unseren anstrengenden Beruf gar nicht leisten können, spez. in unserer geburtshilflichen Abt.!
Hier spricht eine Praxisorientierte, deshalb bitte ich meine unwissenschaftliche Ausdrucksweise zu entschuldigen! Ausserdem habe ich nie Studien in diesem Bereich durchgeführt!

#11 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Hebamme, völlig richtig, unter 25 sollte man nicht ernsthaft diskutieren!
Zumal “das Gewicht” als solches streng genommen noch keinen Krankheitsfaktor darstellt sondern nur die damit verbundene (zunehmende) Wahrscheinlichkeit, das Stoffwechselstörungen vorliegen könnten.

#10 |
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Hebamme
Hebamme

Hallo @Gast und @Remedias Cortes!
Ein BMI von 23,7 ist nicht als “Übergewicht” einzuordnen, auch nicht einer von 25!
Ich denke mal, das sind normale BMI.
Die 30 (und höher)waren wohl eher Thema der Untersuchung! Da würde sich wohl unklar ausgedrückt, was ja bereits von Fr.Dr.Beate Blättner korrekt kritisiert wurde, ebenso wie die “hellseherischen Fähigkeiten”, wann eine übergewichtige Frau schwanger wird…

#9 |
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Prof. Dr. Beate Blättner
Prof. Dr. Beate Blättner

Das Design dieser Studie klingt schon ein wenig abenteuerlich, aber ohne präzisere Angaben lässt sich schlecht überprüfen, wo die Fehlerquellen liegen. Mir fallen gleich einige Bias-Formen ein, die hier denkbar wären.
Dass gesunde Ernährung in der Schwangerschaft wichtig ist, war auch vorher schon klar, wobei ja wohl nicht die Ernährung, sondern das Gewicht Gegenstand der Studie war. Sollte also die Studie seriöser sein, als es jetzt klingt, stellt sich immer noch die Frage, wie gut die Schlussfolgerungen in den Studienergebnissen begründet sind. Das klingt noch ein wenig abenteuerlicher.
Zur praktischen Relevanz stellt sich in jedem Fall die Frage, wieviele der 182 Frauen schon etliche Monate vor der Schwangerschaft wussten, dass sie schwanger werden würden, so dass sie rechtzeitig ihr Gewicht hätten reduzieren können.
Herr Braun, ich würde mir wünschen, dass sie keine Artikel über Studien schreiben, die man aufgrund noch nicht erfolgter Publikation gar nicht überprüfen kann. Vielleicht ist an der Studie ja mehr dran, als es jetzt scheint.

#8 |
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Gast
Gast

Leiber Herr @Remedias Cortes Ihre Sorge ist unbegründet, das liegt nur daran, dass es halt wesentlich mehr Übergewichtige wie Untergewichtige gibt.
Beides ist ungesund.

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Mich würde auch eine Studie interessieren, in der leichtgewichtige Mütter, also Frauen mit einem BMI < 20 erforscht werden. Ich weiß, dass sehr viele Frauen in den Zwanzigern und Dreißigern an Essstörungen wie Bulimie oder Anorexia nerviosa leiden – und sie sind auch weiterhin davon während ihren Schwangerschaften betroffen. Ich weiß, dass die Kinder öfters zu früh kommen.
Was noch? Aber dieses Problem wird totgeschwiegen, weil es nicht in das allgemeine Schema " superschlank = supergesund" passt, stattdessen schießt man sich auf schwerere Frauen ein ( wobei ein BMI von 23,7 ca. 69 kg für eine 1,70 cm große Frau bedeutet )

#6 |
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Wo bitte schön ist das veröffentlicht? Ich habe meine größten Zweifel, dass diese Studie mit ihrem Ansatz und der dünnen Datenlagen in einem Peer-Review-Journal auch nur den Hauch einer Chance auf eine Veröffentlichung hätte …

#5 |
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Mit 35jähriger Erfahrung und Berufstätigkeit als Hebamme, also sozusagen “an derFront” denke ich, dass der obige Artikel durchaus fundiert und der Realität entsprechend ist! Ich hatte viele sehr übergewichtige Frauen, bes. in den letzten 15-20 J., die wegen ihrer Adipositas bzw. Fettsucht gar nicht erst schwanger wurden, diese “Wahrheit” aber nur schwer an sich heran lassen konnten! Die, die es schafften, signifikant an Gewicht zu verlieren, hatten dann auch Erfolg mit einer Schwangerschaft!
Abgesehen von den geburtshilflichen Schwierigkeiten, eine 170 kg schwere Frau von einem eher “kleinen” 3 kg Baby zu entbinden, fällt mir im Nachhinein tatsächlich auf, das ich zu dem Artikel einige Parallelen erkennen kann! Ich habe das nur zuvor nicht in Zusammenhang gebracht, da schwangere “Schwergewichte” ohnehin schon reichlich Schwangerschaftsbeschwerden und Pathologien im Verlauf mitbringen! Hoher RR, Wassereinlagerungen bis zum HELLP Syndrom…
Danke für den Artikel!

#4 |
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Medizinisch-Technischer Assistent

Für mich ein Artikel aus der Reihe: “..amerikanische Wissenschaftler haben festgestellt,..”

#3 |
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Arzt
Arzt

Sind sicher die Ärzte schuld, die da wieder irgend etwas falsch gemacht haben,
da fällt uns sicher noch was ein.
Gestern auf einem Kinderspielplatz mit Sandkasten etc. lagen neben der Sitzbank für die Mütter jede Menge Kippen.
Da fiel mir sofort ein, da müssen Ärzte wieder was falsch gemacht haben.
Die armen Kinder.

#2 |
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Gast
Gast

Sie sollten auch nicht Rauchen, Alkohol trinken und Medikamente einnehmen,
die Ärmsten,
kann man das einer modernen Frau überhaupt noch zumuten?

#1 |
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