Medikationsfehler: Alle mischen mit

24. Februar 2015
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Die Arzneimitteltherapiesicherheit ist ganz oben auf Hermann Gröhes Agenda. Ärzte und Apotheker sind bereit, das zeigen viele Modellprojekte. Nur arbeiten sie teils gegeneinander, nicht miteinander. Ihr gemeinsames Ziel, den Patienten, haben sie nicht unbedingt im Blick.

Wenn Therapien krank machen: Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge lässt sich jede zehnte stationäre Behandlung auf Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen der Pharmakotherapie zurückführen. Für Deutschland gibt das Netzwerk regionaler Pharmakovigilanzzentren (NRPZ) an, dass drei Prozent aller stationären Aufnahmen in internistischen Abteilungen durch Medikamente zustande kommen. Genaue Zahlen gibt es nicht, und Experten rechnen mit hohen Dunkelziffern. Besonders häufig sind Senioren betroffen.

Falsch verordnet

Der Hintergrund: Nicht immer halten sich Ärzte und Apotheker bei der Verordnung von Rx-Präparaten oder bei der Abgabe von OTCs an wissenschaftliche Standards. Laut Untersuchungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) nahmen im Untersuchungszeitraum von drei Monaten 87,1 Prozent aller GKV-Versicherten über 65 ärztlich verordnete Arzneimittel ein. Rund ein Viertel von ihnen (27,4 Prozent) kam auf fünf oder mehr Packungen und bewegte sich damit im Bereich der Polymedikation. Von diesen Patienten schluckten 17,2 Prozent Präparate, die für Senioren gemäß der Beers-Liste sowie der Priscus-Liste als ungeeignet gelten. Knapp ein Drittel aller Bürger mit Polymedikation (30,4 Prozent) kaufte noch OTCs. Pharmaka zur Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen waren an zwei Dritteln aller potenziell gesundheitsgefährdenden Arzneimittelkombinationen beteiligt. Ein perfektes Chaos: „Häufig wissen weder Arzt noch Apotheker, was ein Patient einnimmt und ob er sich an die Therapie hält“, so WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Kommt es zu lebensbedrohlichen Situationen, ist guter Rat teuer.

Fehlersuche auf allen Ebenen

Genau hier setzen mehrere Projekte an. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erforscht ab sofort Medikationsfehler bei Patienten im Krankenhaus. Zwölf Monate lang werden Experten in den Notaufnahmen der Unikliniken Bonn, Fürth und Ulm untersuchen, ob Verschreibungsfehler zum medizinischen Notfall geführt haben. Bei rund 90.000 Notaufnahmen rechnen sie mit 9.000 unerwünschten Arzneimittelereignissen. Auf Basis entsprechender Daten wollen Julia Stingl und Dirk von Mallek, Wissenschaftler am BfArM beziehungsweise an der Uni Bonn, in Erfahrung bringen, wie viele Medikationsfehler vermeidbar gewesen wären. Das Bundesministerium für Gesundheit finanziert ihr Projekt mit 580.000 Euro. Als Partner ist die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) beteiligt. Um Medikationsfehler jenseits der Klinik zu erfassen, setzt die AkdÄ auf ihr Spontanmeldesystem. Über diesen Kanal sollen niedergelassene Ärzte nicht nur produktbezogene, sondern auch anwendungsbezogene Medikationsfehler und deren Folgen kommunizieren.

Apotheker verschnupft

Doch pharmazeutische Konkurrenten schlafen nicht. Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), forderte im Rahmen der letzten pharmakon, Apotheker stärker einzubinden. Gemeinsam mit Kollegen aus Österreich und aus der Schweiz entwickelte Kiefer drei Thesen: Für Patienten, die fünf oder mehr Präparate einnähmen, müsste das Medikationsmanagement ausgebaut werden. Bei der Ausgestaltung müssten die Apotheker federführend sein. Und ihre Leistungen müssten auch honoriert werden. Verbände arbeiten jetzt mit Hochdruck an der Umsetzung ihres Perspektivpapiers „Apotheke 2030“. An erster Stelle sollten klare Absprachen getroffen werden, welche Aufgaben Ärzte und Apotheker beim Medikationsplan und beim Medikationsmanagement übernehmen. „Wenn jeder Heilberuf seine klar definierten und voneinander abgegrenzten Zuständigkeitsbereiche engagiert ausfüllt, dann erreichen wir das optimale Ergebnis für die Patienten“, so Kiefer.

Mit dabei statt außen vor

Grund genug für Apotheker, ihrerseits ein Projekt auf die Beine zu stellen. Mit PRIMA (Primärsystem-Integration des Medikationsplans mit Akzeptanzuntersuchung) wollen sie untersuchen, wie sich elektronisch erstellte Medikationspläne in den medizinischen beziehungsweise pharmazeutischen Arbeitsalltag integrieren lassen. Zur Umsetzung hat die ABDA aus BMG-Mitteln eine finanzielle Förderung bewilligt bekommen. Gleichzeitig avancierten Sachsen und Thüringen erneut zu Testregionen. Läuft alles nach Plan, könnten Resultate aus PRIMA in ARMIN, die Arzneimittelinitiative Sachsen/Thüringen, mit einfließen.

Regionaler Wildwuchs

Darüber hinaus existiert eine Vielzahl an Modellprojekten zur Arzneimitteltherapiesicherheit. Im Januar präsentierte Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Bündnis 90/Die Grünen) fünf Initiativen allein aus ihrem Zuständigkeitsbereich. Im südwestfälischen Siegerland machen die Barmer GEK, die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe und das Versorgungsnetz Siegen gemeinsame Sache. Ihr Projekt, das „strukturierte Arzneimittelmanagement“, richtet sich vorwiegend an Mediziner. Patienten in Bochum-Wattenscheid profitieren von „TEAM eGK“. Dahinter stehen die Apothekerkammern Nordrhein und Westfalen-Lippe, der Apothekerverband Nordrhein und die ABDA. In der Region Düren profitieren Patienten vom „Medikationsplan NRW“. Geleitet wird die Initiative von beiden Ärztekammern in Abstimmung mit der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft. Weitere 40 Praxen in Lennetal und in Bonn testen zeitgleich das „Arzneimittelkonto NRW“. Und die Knappschaft will mit ihrem Tool „elektronische Behandlungsinformation“ Versicherte unterstützen. Welche Erfahrungen tatsächlich in Hermann Gröhes noch recht abstrakte Vorstellungen zum Medikationsmanagement einfließen, wird sich zeigen. Jedenfalls plant der Bundesgesundheitsminister, Ärzte und Apotheker mit einzubeziehen.

28 Wertungen (4.14 ø)

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2 Kommentare:

Apothekerin

Also bitte
Jeder Apothekecomputer hat heutzutage einen SicherheitsCheck!

Und wir Apotheker achten auf die kundnekarte und stellen die erforderlichenFragen
welche Medikamente nehmen ssie sonst noch ein?
Weiß Ihr HAusarzt davon?

Wir rten dringend dazu, alle Ärzte über alle Medikamente zu informieren,

Anders wäre es nicht zu verantworten. Bin zwar krank heute, aber das ist ja wohl immer klar.
Leute die PPT.Vorträge können , dürfen das nicht unter den Tisch fallesn lassen.
und
Künstliche Ausgänge wegen Enteritiden. ohne vorher Mutaflor ( und den Standard der GKV)Salofalk , nebst, soweit zu verantworten Corticoide…voll auszureizen- manchmal frage ich mich, ob die Ärzte nicht viel lieber Schneiden als zu helfen. aber es möchten dies auch Einzelfälle sein.
nur
natürlich müssten wir bitte
immer
wachsam sein ! Danke für IHR GEHÖR und INTERESSE !

#2 |
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Gast
Gast

Kurze Ergänzung: PRIMA (Primärsystem-Integration des Medikationsplans mit Akzeptanzuntersuchung) wird Mitteln des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) über den “Aktionsplan des BMG zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) in Deutschland” finanziert und untersucht den Medikationsplan auf Papier in Verbindung mit einem Barcode als pragmatische Lösung. Zeitgleich finanziert das BMG zwei weitere Projekte zu diesem Medikationsplan. Alle Projekte werden von Ärzten und Apothekern gemeinsam getragen und verwenden ein einheitliches Format für den Medikationsplan. Mit diesem Format arbeitet auch ein Projekt in Rheinland-Pfalz (Apotheke Universitätsmedizin Mainz) mit Fördergeldern des dortigen Landes.

#1 |
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