Zweittumoren: Freispruch für Radiotherapie

13. Februar 2015
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Wer eine Krebserkrankung von Enddarm oder Gebärmutter überlebt, erkrankt in den Folgejahren dreimal häufiger als andere Menschen erneut an einem bösartigen Tumor. Die Radiotherapie ist jedoch nicht für diese erhöhte Rate von sekundären Krebserkrankungen verantwortlich.

Jährlich erkranken in Deutschland etwa 62 000 Männer und Frauen neu an einem Rektumkarzinom. Die Zahl der neu erkrankten Frauen mit Endometriumkarzinom liegt bei etwa 11.500 pro Jahr. Die meisten dieser Patienten erhalten heute eine Radiotherapie. „Die Radiotherapie bringt Vorteile für die lokale Tumorkontrolle, das heißt, sie senkt die Zahl der Tumorrückfälle und erspart vielen Patienten eine erneute Operation“, erläutert Professor Jürgen Dunst, Direktor der Klinik für Strahlentherapie an der Universität Lübeck. Bislang war jedoch unklar, ob es durch die Bestrahlung einen langfristigen Überlebensnachteil gibt, erklärt das DEGRO-Vorstandsmitglied. „Patienten, die von einer Krebsbehandlung geheilt sind, haben ein erhöhtes Risiko, in den nächsten Jahrzehnten noch einmal an einem Krebs zu erkranken. Unklar war bislang, ob oder welche Rolle die Strahlentherapie dabei spielen könnte.“ Frühere Untersuchungen hatten ergeben, dass viele Menschen, die ein Endometrium- oder Rektumkarzinom überlebt haben, später erneut an Krebs erkranken. Eine Auswertung des US-amerikanischen Krebsregisters hatte vermuten lassen, dass bis zu acht Prozent dieser sekundären Tumore eine Spätfolge der Strahlentherapie sein könnten.

„Diese Zahlen müssen nach einer neuen Untersuchung aus den Niederlanden revidiert werden“, sagt Professor Dunst. Ein Team um Corrie Marijnen von der Universität Leiden hatte die Daten aus drei großen Therapiestudien ausgewertet. Insgesamt 2.554 Patienten waren nach einer Behandlung ihres Rektum- oder Endometriumkarzinoms nachbeobachtet worden. Jeder vierte Patient erkrankte innerhalb von fünfzehn Jahren erneut an Krebs. Die meisten Patienten entwickelten einen Hautkrebs oder Krebserkrankungen fern der Bestrahlungsfelder. Es gab jedoch auch Tumore im Bereich von Darm und Harnwegsorganen, die im Bestrahlungsfeld der Radiotherapie lagen.

Radiotherapie als Grund für sekundäre Krebserkrankung ausgeschlossen

Die niederländischen Forscher fanden allerdings heraus, dass Patienten, die keine Radiotherapie erhalten hatten, ebenso häufig an einem sekundären Krebs erkrankten wie solche, die bestrahlt worden waren. Mit Radiotherapie betrug die Rate nach 15 Jahren 25,6 Prozent, ohne Radiotherapie 26,5 Prozent. Auch im Beckenbereich kam es nicht zu vermehrten Krebserkrankungen. „Dies zeigt, dass die hohe Zahl von sekundären Krebserkrankungen andere Gründe als die Radiotherapie gehabt haben muss“, sagt der Experte. Er vermutet, dass bei vielen Patienten die Ursachen für die Krebsentstehung weiter bestanden. „Dies können Verhaltensweisen der Patienten sein oder eine genetische Anfälligkeit für Krebs“, so Professor Dunst.

„Die Ergebnisse sind für alle Patienten mit Rektum- und Endometriumkarzinom eine gute Nachricht“, sagt Professor Dr. med. Frederik Wenz, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Mannheim und Pressesprecher der DEGRO. „Sie können sich für eine Radiotherapie entscheiden, ohne dass die Gefahr von sekundären Krebserkrankungen steigt“, so Professor Wenz. Ob diese Ergebnisse uneingeschränkt auf andere Krebserkrankungen oder Personengruppen übertragen werden können, müssen weitere Untersuchungen zeigen, ergänzt der DEGRO-Pressesprecher.

Originalpublikation:

No Increased Risk of Second Cancer After Radiotherapy in Patients Treated for Rectal or Endometrial Cancer in the Randomized TME PORTEC-1, and PORTEC-2 Trials
Wiltink LM et al. ;. J Clin Oncol. ; doi: 10.1200/JCO.2014.58.6693, 2014

15 Wertungen (4.8 ø)
Forschung, Medizin, Onkologie

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10 Kommentare:

Arzt
Arzt

Wunderbar Dr.Bayerl
und um den Regierungs-Unsinn deutlicher zu machen,
für Flugpersonal (Höhenstrahlung) reichen die 1mSv/Jahr leider nicht,
oder auch für Röntgenologen und alle die beruflich mir Röntgenstrahlen arbeiten,
nun,
dann wird halt die 1mSv/Jahr erst mal auf 20mSv angehoben
und der Schwarzwald (Uran im Boden) muss auch nicht evakuiert werden wie Fukushima.

#10 |
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Dr.med.Bayerl
Dr.med.Bayerl

@Univ.Professor, Dr.med Gerhard Jakse, was soll denn nun wieder dieser Blödsinn?
wenn Sie überhaupt was von “Dosierung” verstehen
genügt die Angabe von “25 Gy in five fractions” und “46 Gy in 2-Gy fractions”
völlig auch für jeden Halbfachmann.

Dazu muss man nur noch wissen,
dass als tolerierte “künstliche Höchstbelastung” für die “Bevölkerung” durch “den Staat”
1mSv pro Jahr
festgelegt ist!!!!
Also der 25- bzw. 46-Tausendste Teil der oben verwendeten therapeutischen Dosis für ein ganzes Jahr!

Ein Hinweis, dass der staatlich verordnete Strahlenschutz mit Wissenschaft wenig zu tun hat. Siehe auch den Beitrag #3 über die unbeabsichtigte hohe Bestrahlung gesunder Menschen in Taiwan, die erhebliche gesundheitliche Vorteile gezeigt hat.
Mit kollegialem Gruß

#9 |
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Univ.Professor, Dr.med Gerhard Jakse
Univ.Professor, Dr.med Gerhard Jakse

Es ist immer wichtig die eigentliche Publikation zu lesen, die zu diesen Schlussfolgerungen führt. Die Strahlendosis, die in den randomisierten Studien appliziert wurde ist mit 25Gy und 40Gy nicht die Dosis üblicherweise bei kurativer, definitiver Strahlentherapie appliziert wurde. Ich denke die Frage des durch Strahlentherapie induzierten sekundären Tumors ist weiterhin unbeantwortet.

#8 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Wirklich eine großartige Arbeit der mutigen Holländer, die überfällig war!
Publiziert im Hausorgan der American Society of Clinical Oncology

Nochmal Dank auch an Doccheck.
man sollte eine Kopie an Angela Merkel und ihre “Ethik-Kommision” schicken.

25 bis 46 Gy!!!

#7 |
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Arzt
Arzt

@Dipl.-Biologe Andreas Kühne auch für Sie,
lesen Sie den Bericht über Kobalt 60 aus #3
und behaupten Sie nichts was Sie nicht belegen können.

#6 |
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Es ist, wie die Studie zeigt, unwahrscheinlich, an einem strahleninduzierten Sekundärmalignom zu erkranken.
Was die Hysterie strahlenphobischer Teilnehmer hier soll, weiß ich nicht.
Und selbst wenn es so wäre (was äußerst unwahrscheinlich ist): ist der Überlebensvorteil von 20 Jahren damit nicht aufgewogen, wenn der Patient bereits 70 ist ?
Und wer sagt denn, daß man das putative Zweitmalignom nicht auch nochmal kurativ angehen kann?

Für jugendliche Sarkome gibt es nicht anderes, als aggressive chirurgische und radiochemotherapeutische Protokolle, es sei denn, es plädiert hier jemand für das Auflegen von Teeblättern.

Tja, was gibt es da für eine Alternative? Sterben in 3 Monaten oder die Chance auf eine Heilung oder zumindest ein paar Jahre Aufschub? Die jungen Patienten wissen es. Warum regen sich die “alten Esel” über sowas auf? Die Jungen wollen leben!

Fragen Sie mal all die Patienten, die sowas hinter sich haben.
Die meisten leben heute noch.
Und alle in einer palliativen Situation betrifft es ohnehin nicht.

Teils traurige Statements insbesondere von wissenschaftlichen Kollegen.

#5 |
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Dipl.-Biologe Andreas Kühne
Dipl.-Biologe Andreas Kühne

wahrscheinlich hat man sich bei den Patienten ohne Bestrahlung zu einer agressiveren Chemotherapie entschlossen, beides oft mutagen und carcinogen, und nicht nur an den exponierten Körperstellen, das ist eine alles bekannt.
MfG

#4 |
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Arzt
Arzt

Herr Zahnarzt, wenn Sie ein Minimum an wissenschaftlicher Neugier haben, empfehle ich ihnen das über die versehentliche Cobalt60-Bestrahlung in Taiwan zu lesen:
Effects of Cobalt-60 Exposure on Health of Taiwan Residents Suggest New Approach Needed in Radiation Protection
doi: 10.2203/dose-response.06-105.Chen
übrigens mit 29 Literaturstellen.

Was wir hier in Deutschland an Strahlungspanik zelebrieren, mit völlig irrationaler Abschaltung von Atomkraftwerken, macht einen Arzt wirklich beschämt, ein Deutscher zu sein.

Deshalb war dieser doccheck-Beitrag ein Lichtblick.
Beim tiefsitzenden Rektum-Ca ist aus anatomischen Gründen die chirurgische Radikalität einer Entfernung unsicher, natürlich stadienabhängig und die zusätzliche lokale Bestrahlung kann hier die Überlebensrate deutlich erhöhen.

mfG

#3 |
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Wer’s glaubt wird Selig!!!!

#2 |
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Arzt
Arzt

Ausgezeichnet!
Und Gratulation für den Mut gegen die Strahlungshysterie.

#1 |
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