Lungenkrebs: Abfahrt für den Atemzug?

17. Februar 2015
Teilen

Paradigmenwechsel bei Tumorpatienten: Mehr und mehr rücken selektive Pharmaka an die Stelle unspezifischer Chemotherapien. Stoffwechsel-Inhibitoren oder immunologische Ansätze gehören zum Repertoire. Vor allem bei Lungenkrebs ist der große Durchbruch jedoch ausgeblieben.

Anlässlich des Weltkrebstages hat Carlo La Vecchia, Mailand, neue Zahlen veröffentlicht. Eine gute Nachricht: Bei fast allen Tumorarten verringerte sich die Sterblichkeit. Trotzdem ist nicht alles eitel Sonnenschein. Frauen aus Industrienationen sterben mittlerweile häufiger an Lungenkrebs (210.000 Opfer) als an Brust- oder Dickdarmkrebs (198.000 beziehungsweise 158.000 Todesfälle). Entsprechende Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2012. Rauchen ist nach wie vor die Ursache Nummer eins – laut Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg gelten 85 bis 90 Prozent aller Fälle von Lungenkrebs als tabakbedingt. „Der Trend wird weitergehen, solange es nicht gelingt, die Frauen in den mittleren Lebensjahren dazu zu motivieren, mit dem Rauchen aufzuhören“, sagt Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Abteilung Krebsprävention am DKFZ. Deutschland hatte zuletzt Kritik von Health Consumer Powerhouse (HCP) geerntet. Im fünften Euro Health Consumer Index (EHCI) kritisierte die schwedische NGO, Präventionskampagnen gegen Nikotin erreichten ihr Ziel nur bedingt. Besser sieht es im wissenschaftlichen Bereich aus.

Gewinn an Lebenszeit

Jetzt liegen weitere Daten zu Ramucirumab vor. Der monoklonale Antikörper bindet spezifisch an Rezeptoren des vaskulären endothelialen Wachstumsfaktors vom Typ 2 (VEGF-2). Edward Garon, Los Angeles, wertete Daten seiner REVEL-Studie mit 1.253 Patienten aus. Alle Teilnehmer litten an nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinomen (NSCLC) im Stadium IV. Bei ihnen war es nach einer Chemotherapie mit Platinsalzen erneut zur Progression gekommen. Daraufhin erhielten sie randomisiert Ramucirumab plus Docetaxel oder mit Placebo plus Docetaxel. Unter dem Angiogenese-Hemmer Ramucirumab lag die Überlebenszeit bei 10,5 Monaten, im Vergleich zu 9,1 Monaten bei Docetaxel alleine. Das mediane progressionsfreie Überleben betrug 4,5 Monate (Docetaxel: 3,0 Monate). Dafür mussten Patienten Nebenwirkungen wie schwere Blutungen, Thrombosen, Müdigkeit oder Neutropenien hinnehmen. Nach der US-amerikanischen Zulassung zur Zweitlinientherapie bei nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom gab die Europäische Arzneimittelbehörde EMA auch ein positives Votum ab.

Tyrosinkinasehemmer zur Primärtherapie

Neben Antikörpern haben sich kleine Moleküle (small molecules) mit inhibitorischen Eigenschaften bewährt. Der Tyrosinkinase-Hemmer Crizotinib greift in Stoffwechselprozesse von Krebszellen ein, bei denen das Enzym Anaplastische-Lymphom-Kinase (ALK) überexprimiert wird. Schätzungsweise drei bis fünf Prozent aller NSCLC haben diese Eigenschaft. Seit Ende 2012 ist Crizotinib zur Second-Line-Therapie ALK-positiver nicht-kleinzelliger Bronchialkarzinome zugelassen. Daten von Benjamin Solomon, Melbourne, zeigen den Mehrwert bei Primärtherapien. Solomon behandelte 343 Patienten mit fortgeschrittenem, ALK-positivem NSCLC randomisiert mit Crizotinib oder mit Pemetrexed plus Cisplatin/Carboplatin. Crizotinib verlängerte die Zeit bis zur Tumorprogression auf 10,9 Monate (Vergleich: 7,0 Monate). Bleibt als Problem, dass früher oder später Rezidive auftreten. Als Grund sehen Forscher neue Mutationen im Tumorgewebe, so dass Tyrosinkinase-Inhibitoren ihren Effekt verlieren.

Hilfreiches Metformin

Noch ein Spezialfall: Lungenkrebs tritt – wenn auch selten – bei Nichtrauchern auf. Lori C. Sakoda von Kaiser Permanente Northern California, Oakland, fand heraus, dass Metformin protektive Effekte zeigt. Als Basis dienten der Forscherin Versicherungsdaten von 47.351 Typ 2-Diabetikern. Nichtraucher erkrankten unter dem oralen Antidiabetikum zu 43 Prozent seltener an Lungenkrebs. Besonders deutlich zeigte sich die schützende Wirkung bei Adenokarzinomen. Einflüsse auf Bronchialkarzinome, die häufig durch Tabakrauch ausgelöst werden, konnte Sakoda jedoch nicht finden. Sie spekuliert, niedrigere Insulinkonzentrationen könnten den Effekt erklären. Metformin hemmt die Gluconeogenese in der Leber, und Beta-Zellen setzen weniger Insulin frei. Das Peptidhormon zeigt Effekte auf den Zellzyklus und damit auf die Zellproliferation. Inwieweit Metformin tatsächlich schützt, lässt sich mit retrospektiven Kohortenstudien nicht zweifelsfrei beantworten – weitere Arbeiten müssen folgen.

Impfungen ohne Mehrwert

Jenseits aller Innovationen entwickeln sich manche Studien zur großen Enttäuschung, wie beim Thema Immunisierung. Ziel ist, dass unser Immunsystem Zellen mit molekularen Strukturen, die sich von gesundem Gewebe unterscheiden, eliminiert. Bei Lungenkarzinomen hofften Forscher, ein geeignetes Antigen gefunden zu haben. Sie randomisierten 4.210 Tumorpatienten mit MAGE-A3-Expression. Betroffene erhielten entweder Placebo-Injektionen oder Spritzen mit einem neuen Impfstoff. Bei Bedarf bekamen sie eine adjuvante Chemotherapie. Zwar kam es zur humoralen Immunantwort. Signifikante Vorteile brachte die Strategie aber nicht. Es bleibt spannend – von der generellen Möglichkeit, unser Immunsystem zu aktivieren, sind Wissenschaftler nach wie vor überzeugt. Ihr Wunsch, Lungenkrebs mit körpereigenen Mechanismen zu heilen, ist noch Zukunftsmusik.

40 Wertungen (4.2 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

2 Kommentare:

zu #1: Den gesenkten Blutglucosespiegel nicht vergessen! Tumorzellen brauchen für ihr rasantes Wachstum und die vielen Teilungen massenhaft Energie, die sie aus Glucose ziehen…sonst würde z. B. der PET-Scan mit radioaktiver 18/9F-Desoxyglucose zur Erkennung von Tumorherden nicht funktionieren ;)

#2 |
  0
Biochemiker

Zu Metformin: Sehe ich genauso: Der gesenkte Insulinspiegel und vermutlich die resultierende mTOR-Downregulation bzw. die gesteigerte Auto- bzw. Mitophagie duerften die Erklaerung liefern.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: