Suchtforschung: Cowboys koksen schneller

9. Februar 2012
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Für Raucher liegt die Schwelle zum Kokain sehr viel niedriger. Denn Nikotin verändert die Nerven im Belohnungszentrum des Gehirns. Wirkstoffe, die in die Genregulation in diesem Bereich eingreifen, könnten ein Mittel sein, um der Sucht zu begegnen.

Der „goldene Schuss“ ist das Ende einer Drogen-Laufbahn. Hätte man das verhindern können oder war das Opfer ein Getriebener, dem die Sucht mit seinem Erbgut in die Wiege gelegt wurde? Der genetische Code bestimmt etwa zu Hälfte mit, ob Drogen oder Alkohol für seinen Besitzer ein besonderes Suchtrisiko sind. Wie aber die Risikogene genau aussehen, ist bisher noch unbekannt.

Nikotin stachelt kokainsüchtige Mäuse an

Seit Herbst letzten Jahres wissen wir jedoch, dass der regelmäßige Griff in Zigarettenschachteln den Übergang zur Kokainspritze deutlich erleichtert. Nikotin sorgt für hohe Genaktivität im Belohnungszentrum des Gehirns, im Striatum, indem es mit Histonen, DNA-bindenden Proteinen, reagiert.

Die Forschergruppe des Nobelpreisträgers Erich Kandel von der New Yorker Columbia University simulierte bei Mäusen den Zug an der Zigarette mit Nikotin im Trinkwasser für einen Tag oder eine Woche. Kam danach Kokain dazu, steigerte das die lokomotische Sensibilisierung der Tiere um nahezu hundert Prozent. Die Tiere wurden hyperaktiv, wenn es um die erwartete Belohnung ging. Gegenüber den Artgenossen ohne Nikotinvorbehandlung bevorzugten sie noch viel öfter (78 Prozent) einen Platz im Käfig, an dem sie den Stimulus bekamen.

Auch beim Umbau von Synapsen bei kokainsüchtigen Mäusen beobachteten die Autoren des Artikels in „Science Translational Medicine“ Unterschiede je nach Vorgeschichte des Tiers. Nikotin sorgte im Nucleus accumbens für eine weitere Reduktion der kokain-induzierten Langzeitpotenzierung. Das wiederum bewirkt eine lokale Ausschüttung von Dopamin und damit den Belohnungseffekt.

Histon-Modifikation: Sucht mittels Feed-back-loop

Beim Blick auf die Gene im Striatum registrierten die DNA-Analysten einen vermehrten Ausstoß des FosB-Genprodukts. Der Transkriptionsfaktor ist ein alter Bekannter unter Sucht-Experten. Fast alle Drogen sorgen für seine Dauerausschüttung, die wiederum eng mit veränderten Verhaltenswesen von Abhängigen verknüpft ist. In den Experimenten der New Yorker Forscher sorgte aber die Nikotin-Vorbehandlung für eine weitere Steigerung der FosB-Produktion. Das Tabakgift verändert auch die Aktivität von Enzymen, die DNA-bindende Histone (H3 und H4) acetylieren, und hemmt entsprechende Deacetylasen. Histone mit Essigsäure-Resten binden jedoch nicht mehr so effektiv an den DNA-Strang. In der Folge werden viele Gene vermehrt abgelesen, unter anderem auch jenes FosB, das nach Kokaingenuss dafür sorgt, dass das Verlangen nach der Droge nicht verloren geht.

Die Wirkung von Nikotin konnten die Forscher auch mit einem synthetischen Histon-Deacetylase-Inhibitor simulieren. Möglicherweise, so hoffen die Autoren, könnte das ein entscheidender Hinweis auf medizinische Eingriffsmöglichkeiten sein, wenn aus dem einmaligen Probieren der Droge eine Abhängigkeit wird. Eines scheint aber bereits festzustehen: Wer versucht, mit Nikotinpflaster oder E-Zigarette vom Dauerqualm loszukommen, tut vielleicht seiner Lunge Gutes, vermindert aber wohl nicht sein Verlangen nach immer neuer Befriedigung.

Besonders gefährdet: Weibliche gestresste Teenager

Eine ganze Reihe von Faktoren hilft mit, um aus der Lust eine Sucht zu machen. Gerade bei Jugendlichen unterstützt Stress die ungesunde Umgestaltung bei den großen Interneuronen unseres Belohnungszentrums. Einmal in Gang gesetzt, sind Veränderungen bei der Genexpression außerordentlich stabil. Daher sind auch diejenigen rückfallgefährdet, die jahrelang auf den Stoff ihrer Begierde verzichtet haben. Frauen tragen dabei ein höheres Risiko als Männer. Bei ihnen reagiert das Belohnungszentrum auf Schlüsselreize mit höheren Dopaminspiegeln als bei Männern.

In der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins „PNAS“ zeigten Forscher bei Laborratten, dass Heranwachsende besonders gefährdet sind. Die Befriedigung, gemessen an der Aktivität im Nucleus accumbens, war bei erwachsenen und jugendlichen Tieren gleich, der Antrieb zu entsprechendem Verhalten jedoch bei den Ratten-Teenagern wesentlich größer.

Die Forscher um Eric Kandel ließen es bei der Erforschung von Nikotin als Einstiegsdroge zu Kokain nicht allein bei Mäuseversuchen bewenden, sondern prüften ihre Hypothesen auch im Drogenmilieu New Yorks. Eine Untersuchung von über tausend High-School Studenten einer früheren Studie zeigt: Drei von vier Kokainsüchtigen haben ihre Drogenkarriere mit dem Rauchen angefangen. Alkohol ist eine weitere Droge, die oft am Anfang des Untergangs von Abhängigen steht. Können Bier und Schnaps das gleiche ausrichten, was die Zigarette mit dem Belohnungszentrum im Gehirn anstellt? Wie sieht es mit Marihuana aus? Das sind Fragen, die das Team in der Abteilung für Neurowissenschaften der Columbia-University angehen will.

Zukünftige Suchttherapie: „Reset“ an den Synapsen?

In „Nature“ erschien Anfang des Jahres ein Artikel von Christian Lüscher und seinen Mitarbeitern von der Universität Genf, der zeigt, wie man Abhängigen einmal zu einem Ausweg aus dem Teufelskreis verhelfen könnte. Zumindest bei Mäusen gelang es den Forschern, das Suchtverhalten – die Gewöhnung an den Reiz und das entsprechende Verhalten – abzuschalten. Mithilfe von optogenetischen Methoden machten sie Veränderungen an den Synapsen rückgängig, die eine regelmäßige Einnahme von Kokain bewirkt hatte. Danach verhielten sich auch die vorher süchtigen Mäuse wieder normal. Auch wenn sich die Methode aus dem Tierversuch nicht direkt auf den Menschen übertragen lässt, so setzen Lüscher und andere Experten große Hoffnungen darauf, Gehirnströme mit physikalischen Methoden wie etwa der transkraniellen Magnetstimulation oder der tiefen Hirnstimulation zu beeinflussen und damit dem unbändigen Verlangen nach Nachschub bei Süchtigen einen Riegel vorzuschieben.

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6 Kommentare:

Rettungsassistentin

@Horst Rieth: keine Sorge, meinem Nähkästchen entfleucht nur was redaktionell geprüft wurde. Wenn hier jemand ein Sicherheitsloch hat, dann wohl Sie mit ihrer hochspekulativen Phantasie.

Bestimmt können Sie mir sagen, welche Infos mir wohl fehlen, statt einfach nur variabel interpretierbare Behauptungen in den Raum zu stellen.

#6 |
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Stefan Kelter
Stefan Kelter

Ebenfalls am 03.02. veröffentlichte der DLF in Forschung aktuell, dass es eine erblich bedingte Gehirnveränderung gibt, die bei Drogensucht eine Rolle spielt und die folgende Bereiche abdeckt: weniger Selbstkontrolle und schnellere Gewöhnung (auch an nichtstoffliches). Die Veränderung wurde durch Geschwisterforschung belegt, d. h. die Veränderung war auch bei den nichtabhängigen Geschwistern vorhanden.
Reset an den Synapsen ist dann wohl nix. Eher Psychoedukation und entsprechend angepasste Therapien.

#5 |
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sehr unwahrscheinlich. Kokainabhängige hassen Raucher, weil sie den Tabakrauch bei der geschädigten Nasenschleimhaut gar nicht vertragen können. Ja so ist es mit den Tierversuchen.
Glückauf

#4 |
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Rettungsassistentin

offensichtlich hat der gute Mann (Herr Lederer) keinerlei Bezug zur Praxis. Schon beim diesbezüglich hochverräterischen Wort “Kokainspritze”, musste ich das lesen einstellen um mir größere Übelkeit zu ersparen, ist doch die absolut übliche und mit Sicherheit zu über 99% gewählte Applikationsform von Kokain das Schnupfen (nasal), ggf. noch das Einreiben der Mundschleimhäute, oder das Rauchen in Form von Crack.
Erinnert mich irgendwie an den Referenten der Drogenkonferrenz aus “Fear and Loathing” :-)

#3 |
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“Für Raucher liegt die Schwelle zum Kokain sehr viel niedriger” Und nachts ist’s kälter als draußen?
Welche Schwelle und zu was? Zum Drogenverlangen? Zur Drogenwirkung? Zur Abhängigkeit? Ich schließe mich der Vorkommentatorin an, ein schlecht geschriebener Artikel.

#2 |
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Eva Anita Hoffmann
Eva Anita Hoffmann

Gutes Thema!
Sprunghaft und unübersichtlich geschrieben!

#1 |
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