Ocrelizumab: Der Ja-Aber-Antikörper

9. Februar 2012
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Ein „neuer“ monoklonaler Antikörper beeinflusst die Multiple Sklerose hinsichtlich Läsionen und neurologischer Symptome beachtlich positiv. Ocrelizumab wirkt auch bei anderen Autoimmunerkrankungen, doch wurden Studien aufgrund der Sicherheitsrisiken gestoppt.

Der monoklonale Antikörper Ocrelizumab greift gezielt in das von MS-Patienten überschießende Immunsystem ein, indem es an CD 20-positive B-Zellen bindet. Diesen wird neben den T-Zellen seit einiger Zeit eine entscheidende Rolle im Entzündungsprozess zugeschrieben. Der Angriff von B-Zellen stellt damit einen neuen Ansatz der MS-Therapie dar.

Ocrelizumab sorgt für Euphorie

In einer im Lancet veröffentlichten Phase-II-Studie erhielten 220 Patienten mit schubförmig remittierender MS in einem Zeitraum von 24 Wochen randomisiert Ocrelizumab. Auf zwei Infusionen verteilt wurden jeweils die Dosierungen 600 mg oder 2.000 mg verabreicht. Eine weitere Gruppe erhielt Interferon-β-1a, eine Kontrollgruppe Placebo. Monatliche Magnetresonanzuntersuchungen offenbarten Erstaunliches: Im Vergleich zu Placebo wiesen MS-Patienten unter Ocrelizumab in einer Dosierung von 600 mg um 89 Prozent und bei 2.000 mg um 96 Prozent reduzierte ZNS-Läsionen auf. Überlegen war das experimentelle Medikament auch der Interferonbehandlung. Darüberhinaus verringerten sich Schwere und Häufigkeit von Schüben gegenüber Placebo in der niedrigeren Dosierung des Immunsuppressivums um 80 Prozent, in der höheren Dosierung um 73 Prozent.

Diese Ergebnisse stimmen hoffnungsfroh und untermauern die Bedeutung von B-Zellen im Krankheitsprozess. Auch die Nebenwirkungen unter der Behandlung mit Ocrelizumab waren bemerkenswert gering. Schwere Nebenwirkungen waren in allen Behandlungsgruppen gleich häufig. Allerdings reagierten Patienten vor allem auf die erste Infusion zu 34,5 und 43,6 Prozent häufiger auf Ocrelizumab als auf Placebo mit 9,3 Prozent. Zudem ereignete sich in der Gruppe mit hoher Dosierung des Antikörpers in Woche 14 ein Todesfall – die Ursache: eine überschießende Immunreaktion, das systemische inflammatorische Response-Syndrom (SIRS). Bei infektiöser Genese des Syndroms entspricht das einer Sepsis. Ein Zusammenhang mit dem Medikament ist nach Angaben des Herstellers Roche jedoch unklar.

Opportunistische Infektionen im Blickpunkt

Allerdings lässt gerade dieser Todesfall aufhorchen, zumal dieser in den euphorischen Schilderungen der Ergebnisse gewollt oder ungewollt fast unterzugehen droht. Es heißt, in der Studie ereigneten sich keine opportunistischen Infektionen. Dass Ocrelizumab potenziell gefährlich ist, eben weil es opportunistische Infektionen verursachen kann, zeigten bereits Phase-III-Studien an Patienten mit rheumatoider Arthritis und Lupus erythematodes. Die Entwicklung der Substanz unter diesen Krankheitsbildern wurde nach Todesfällen bereits im März 2010 vollkommen eingestellt, nachdem das unabhängige Data and Safety Monitoring Board (DSMB) diese Empfehlung ausgesprochen hatte, da der Nutzen die Sicherheitsrisiken nicht rechtfertigt. Studien mit MS-Patienten liefen allerdings weiter.

Nach Mitteilung von Roche ist die Wirksamkeit von Ocrelizumab 600 mg auch nach 96 Wochen anhaltend gut. Daten wurden anlässlich des jährlichen Kongresses des European Commitee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis im Oktober in Amsterdam vorgestellt. So zeigten sich auch fast zwei Jahre nach Studienbeginn keine neuen oder vergrößerten ZNS-Läsionen und die Schubrate betrug weniger als 0,2 Schübe pro Jahr. Bei zwei Drittel der Patienten ließ sich keine Krankheitsaktivität nachweisen. Auch ereigneten sich keine opportunistischen Infektionen.

Der Abschluss der bereits begonnenen Zulassungsstudien mit Ocrelizumab 600 mg ist für 2015 geplant. Man darf etwas ängstlich gespannt sein, was diese Studien erbringen.

121 Wertungen (4.31 ø)
Allgemein

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10 Kommentare:

Milan Stanojevic
Milan Stanojevic

Da die Remyelinisierung ja von Gliazellen übernommen wird und nicht von B Zellen wird die Substanz diese ja nicht beeinflussen.
Der Schluss daß die Patienten sich im EDSS verbessern, sprich Ausfälle sich zurückbilden, ist bei bereits geschädigt Neuronen sowieso nur sehr beschränkt im Zns möglich. Die interindividuelle Remyelinisierungskapazität schwankt ja auch sehr und ist zur Zeit leider noch nicht beeinflussbar.
Die Schlussfolgerung für mich aus dem Artikel ist für mich das man unter ocrelizumab in 2/3 der Patienten ein stabiles, progressionfreies Stadium für fast 2 Jahre erreichen kann wobei man auf Entzündungszeichen vermehrt achten sollte.

#10 |
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P.S. zu 8:
Vielleicht werden meine Bedenken so deutlicher:
In 2 Jahren Beobachtungszeit dürfte unter dem Medikament nur bei jedem 2.-3. Patienten 1 MS-Schub aufgetreten sein.
Ließe erwarten, dass die Entmarkungs-Symptomatik bei über der Hälfte der Patienten nicht mehr da ist.

#9 |
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Abnahme der MS-Läsionen unter 600 mg Dosierung um 89 %, unter 2 g gar 96 % bei Rückgang der Schubfrequenz auf 1/5:
Hätte sich der Zustand dieser Patienten nicht enorm verbessern müssen?
Einmal gesetzt, ist eine Entmarkung sonst in 3-4 Monaten spontan repariert.

#8 |
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Interressanter Artikel. Läßt hoffnungsvoll in die Zukunft sehen. Es wäre schön, mehr darüber zu erfahren wie es sich mit bestehenden Ausfällen bzw. Entmarkungen verhält.
Da muß ich Dr. Franz unterstützen!

#7 |
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Naturwissenschaftler

Viele spezielle Arzneimittel, z.B. wie bei
OCRELIZUMAB bei MS-Patienten und ADALIMUMAB
bei RA-Patienten, haben bekanntlich ihre Wirkungen und Nebenwirkungen.

Denn diese Medikamenten ersparen den Patienten zum einen enorme Nebenwirkungen, die bei klassischen Arzneimitteln nicht zu vermeiden wären, und zum andern verursacht wiederrum unerwünschten Ereignissen, die vom Anfang an für bestimmte Patienten zu vermeiden wären, wenn diese Patienten bestimmte Gesundheitskriterien erfüllt würden.

Als Beispiel für ein ähnliches Präparat, welches neu auf dem Markt zugelassen war, heißt ADALIMUMAB (TNF-alpha Blocker) zur Therapie bei Rheumatoider Arthritis-Pateinten.
Hier ersparen solchen solchen Arzneimitteln bekanntlich Magenschmerzen, Magengeschwüren und Herzerkrankungen aber zur gleichen Zeit könnten Infektionskrankheiten, genauso wie bei dem Präparat Ocrelizumab, hervorrufen, da es immunsuppressiv einwirken.

Diese Immunsuppression könnte verringert werden, wenn der behandelnde Arzt vom Anfang an z.B. bestimmte historische Krankheiten feststellt und seine Therapie zur Entscheidung abwiegt.

MfG
(Zulassungsarzneimittelprüfung)

#6 |
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Leider ist nirgends gesagt, daß sich bestehende Ausfälle gebessert bzw. Entmarkungen rückgebildet haben. Was beim normalen Remylinisierungspotential des Menschen eigentlich geschehen müsste.
Verhindert Ocrelizumab die Remyelinisation?

#5 |
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Sehr guter Artikel. Aber? Was Patienten empfehlen?

#4 |
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Sehr guter Artikel!

#3 |
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Studentin

Wunderbare Zusammenfassung.

Danke!

#2 |
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Mitarbeiter Industrie

Gute Zusammenfassung.

#1 |
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