Kognition: „Ich“ ist doch Herr im Haus

9. Februar 2015
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Ist der Mensch Sklave des Unterbewusstseins? Aktuelle MRT-Untersuchungen legen das Gegenteil nahe. Demnach kontrolliert das Bewusstsein unbewusste Prozesse im Gehirn. Wille und automatische Verarbeitung arbeiten Hand in Hand, und nicht gegeneinander.

Unbewusste Prozesse, die im Widerspruch zu unseren Absichten stehen, werden weitgehend von unserem Bewusstsein blockiert. „Unser Wille ist freier als gedacht“, sagt Markus Kiefer, Sprecher eines deutschlandweiten Projektnetzwerkes zur Bewusstseinsforschung. Seine Forschungsgruppe konnte mit Messungen der Hirnaktivität im Magnetresonanztomographen (MRT) zeigen, dass bewusste Vorsätze die Arbeit unserer automatischen Systeme im Gehirn steuern. Die Forscher wiesen erstmals nach, dass solche Vorsätze für eine gewisse Zeit Netzwerke von Bereichen im Gehirn etablieren, die den unbewussten Informationsfluss im Gehirn steuern. Diese Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift Human Brain Mapping veröffentlicht.

Seit den Arbeiten des Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud wurde unhinterfragt angenommen, dass unser Unbewusstes autonom und nicht vom Bewusstsein kontrollierbar ist. „Die Vorstellung des chaotischen und unkontrollierbaren Unbewussten prägt bis heute auch die akademische Psychologie und Kognitionsforschung. Dieses Dogma wurde in der Vergangenheit kaum kritisch hinterfragt“, so Professor Markus Kiefer. „Unsere Befunde widerlegen diese Lehrmeinung. Sie zeigen eindeutig, dass unser Bewusstsein zu den Absichten passende unbewusste Vorgänge in unserem Gehirn verstärkt, nicht passende dagegen abschwächt.“ Dadurch werde gewährleistet, dass unser bewusstes „Ich“ Herr im Haus bleibt und nicht durch eine Vielzahl unbewusster Tendenzen beeinflusst wird. „Wir sind also keinesfalls Sklaven unseres Unbewussten, wie lange Zeit angenommen“, meint Kiefer.

MRT lokalisiert Auswirkung bewusster Denkprozesse

Diese Kontrolle des Unbewussten durch das Bewusstsein zeige sich, so Kiefer, auch im Alltag: “Wenn ich in den Supermarkt gehe, um Spülmittel zu kaufen, bin ich wenig empfänglich für die Schokolade im Süßwarenregal. Die Situation ist ganz anders, wenn ich gerade hungrig und dabei bin, Nahrungsmittel einzukaufen. Ähnliches gilt auch beim Autofahren: Wenn ich einen Fußgänger auf der Fahrbahn erwarte, kann ich ihn mit höherer Wahrscheinlichkeit auch dann rechtzeitig erkennen und abbremsen, wenn er am Rande meines Gesichtsfeldes auftaucht und damit nicht bewusst wahrnehmbar ist.“ Die bewussten Absichten und Einstellungen entscheiden somit darüber, ob ein unbewusster Prozess in unserem Gehirn überhaupt ablaufen kann.

Für die Studie haben die Forscher der Ulmer Universitätsklinik für Psychiatrie die Gehirnaktivität von Probanden beim Lesen von sichtbaren Worten im Magnetresonanztomographen gemessen. Zuvor wurden andere Worte, so genannte Bahnungsreize, für eine ganz kurze Zeit eingeblendet, so dass sie nicht bewusst wahrnehmbar waren. Bedeutungsmäßig verwandte unbewusste Bahnungsreize beschleunigten die Erkennenszeiten der nachfolgend gezeigten kritischen Wörter (z.B. Tisch-Stuhl, Henne-Ei) nur dann, wenn die Probanden zuvor die Absicht hatten, die Bedeutung von Wörtern zu verstehen. Hatten die Probanden dagegen die Absicht, auf die Form von Buchstaben zu achten und die Wortbedeutung zu ignorieren, hatten die unbewussten Bahnungsreize keinen Einfluss auf die Erkennenszeiten der sichtbaren Worte.

Bewusste Absichten blockieren Unbewusstes

Diese Blockade unbewusster Prozesse durch die bewussten Absichten der Probanden konnte auch anhand der Messung der Hirnaktivität nachgewiesen werden. Wie bei den Erkennenszeiten auch, wurde die Gehirnaktivität beim Lesen der sichtbaren Worte nur dann durch die unbewussten Bahnungsworte verändert, wenn die Probanden zuvor auf die Bedeutung von Bildern geachetet hatten. Beachteten die Probanden zuvor die Form von Bildern, hatten die unbewusst wahrgenommenen Worte keinen Einfluss auf die Gehirnaktivität beim Lesen. Es zeigte sich, dass die bewussten Absichten der Probanden, auf Bedeutung oder Form zu achten, für eine gewisse Zeit unterschiedliche Netzwerke von Hirnarealen etablierten, welche die Verarbeitung der unbewusst wahrgenommenen Reize beeinflussten.

Originalpublikation:

Flexible establishment of functional brain networks supports attentional modulation of unconscious cognition.
Ulrich M., Adams SC., Kiefer M.; Human Brain Mapping, doi: 10.1002/hbm.22566; 2014

27 Wertungen (4.41 ø)
Medizin, Neurologie, Psychiatrie

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14 Kommentare:

Arzt
Arzt

“Freier Wille” ist ja leicht miss-zu verstehen, gemeint ist damit eher die “bewusste” eigene ENTSCHEIDUNG zwischen zwei oder auch mehreren Alternativen.
Also eher freie Entscheidung, als freier Wille.
Dieser freie Entscheidungsmöglichkeit ist ein wesentlicher Pfeiler unseres Strafrechtes.
Letztlich auch von dem was schon unsere philosophischen Vorväter “Moral” nannten,
schon viele Jahrhunderte vor der Geburt Christi.
“Determiniert” sind also zahlreiche Einzelmotive, wie die Nahrungssuche bei Hunger,
aber NICHT die Entscheidung, ob ich hier und jetzt esse oder nicht esse.

#14 |
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Dr. Karin Kreutzberg
Dr. Karin Kreutzberg

Dr. Georg Kreutzberg
Hirnforscher

Gratulation an die Ulmer Autoren! Das sind sehr schöne, originelle Experimente, deren Resultate bestätigen die schon lange diskutierte Vermutung, dass bewusster Wille neben dem determinierten Verhalten als Option und Alternative existiert. Es gibt demnach ein “Sowohl-als-auch” und nicht ein “Entweder-oder”, wie es von populären Autoren der Hirnforscxhung propagiert wird.
Im Lichte der Evolution menschlicher Sozietäten musste sich eine klare Zuordnung von Urheberschaft entwickeln, die auf bewusstem d.h. sogen. “freien” Willensentscheidungen beruht. Determiniertes Verhalten, das uns täglich vielfach das Leben erleichtert ist ein Erbe unserer biologischen Evolution. Die Gabe des sogenannten freien Willens und der bewussten Steuerung unseres Verhaltens verdanken wir der sozialen Entwicklung zum Homo sapiens als Teil der immer noch andauernden sozio-kulturellen Evolution.

#13 |
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Dieser 11. Beitrag ist wunderbar! Alle Achtung!

#12 |
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Gast
Gast

Nietzsche nannte den Mensch das “nicht festgestellte Tier” und wollte damit ausdrücken, dass das Tier “festgestellt” ist, also sozusagen ausreichend instinktive Handlungsanweisungen hat, die dem Mensch fehlen.
Er benötigt nach Nietzsche als Ersatz “gesellschaftlich” kulturelle Regeln um “überlebensfähig” zu sein.

Auch das ist natürlich etwas überzeichnet, denn wer ein Tier beobachtet, weis, dass auch das durchaus ratlos sein kann und man kann regelrecht den Konflikt unterschiedlicher Handlungsmuster beobachten. Diesen unterschiedlichen “Mustern” könnte man dann auch “Personennamen” verpassen, was imho eher dem Verständnis schadet als nützt, ähnlich wie bei Freud.

Verehrter Herr @Karl-Heinz Licht, Sie beschreiben hier das angloamerikanische Zerrbild des Egoismus als “survival of the fittest”,
sicher eine zunehmende Gefahr des agressiven (militärischen und geheimdienstlichen) US-amerikanischen Imperialismus,
dass keineswegs “den Menschen” allgemein beschreibt
und das selbstverständlich bekämpft und energisch zurückgewiesen werden muss,
womit sich unsere angebliche freie Presse merkwürdig schwer tut.
Ich will das hier bewusst nicht auf ein einzelnes Land oder eine Person projizieren, denn das ist eine übernationale anonyme Herrscherschicht.

Der Mensch hat aber zweifellos angeborene “soziale Instinkte”, die Fähigkeit der Empathie (Mitleid), die sich rel. spät (NACH der Pupertät) vollständig ausbildet und die sogar cerebral ungefähr lokalisierbar ist. Eine gewisse Verbindung zur rationalen Denkfähigkeit (Vernunft) ist sicher dabei vorhanden, beides im Frontalhirnbereich, dem evolutionär jüngsten Teil des Gehirns verortet.
Ich halte die Amerikaner daher auch nicht für besonders intelligent, eher primitiv
und kann mich nur über unsere Unterwürfigkeit wundern.

mfG

#11 |
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Die hypothetischen Beispiele widersprechen nicht den bisherigen Ansichten. (Die kamen im Übrigen nicht von Freud, sondern von Nietzsche. Freud hat die Bezeichnungen von den kortikalen Zentren (ICH = das denkende Bewusstsein = BZ A; das ÜBER-ICH = das Bewusstseins-Zentrum des Unterbewusstseins = BZ B; und das ES = Unterbewusstsein im Hypothalamus = BZ C) von Nietzsche übernommen und zu seiner Lehre gemacht. “nicht passende Vorgänge abgeschwächt” heißt nicht “eliminiert”! “unbewusste Absichten” gibt es nicht! Die “Sekunden-Bilder” zeigen nur, dass alle Sinneswahrnehmungen erst einmal im BZ C landen. Von hier aus werden auch die hemmenden Neurone über das aktive BZ B aktiviert.
(nachzulesen in: Nietzsches Vision; die Demokratie am Galgen!)

#10 |
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Medizinjournalist

Absolut perfekt durch die Brust ins Auge.

Zitat:

„Unsere Befunde widerlegen diese Lehrmeinung. Sie zeigen eindeutig, dass unser Bewusstsein zu den Absichten passende unbewusste Vorgänge in unserem Gehirn verstärkt, nicht passende dagegen abschwächt.“ Dadurch werde gewährleistet, dass unser bewusstes „Ich“ Herr im Haus bleibt und nicht durch eine Vielzahl unbewusster Tendenzen beeinflusst wird. „Wir sind also keinesfalls Sklaven unseres Unbewussten, wie lange Zeit angenommen“

Entscheidend ist, dass sich widersprechende Vorgänge gezeigt haben. Grob eingeteilt, rangeln zwei Ebenen in unserem Gehirn. Die „wache Kognition“, was wir so täglich machen, ist nach der Geburt individuell in jedem Exemplar Mensch entwickelt. Der Sockel auf dem diese intellektuelle Schicht operiert, ist die Millionen Jahre alte Entwicklung verschiedenster Hirnaggregate. Die Evolutionäre Komponente ist im Wesentlichen bei allen Menschen gleich. Sie operiert ohne Sprache. Die intellektuelle Schicht kann nur Sprache. Die Durchlässigkeit zwischen den beiden Komponenten ist vorhanden, aber wegen des Verständigungsproblems gering ausgeprägt. Jede Menge Programme laufen unbewusst automatisch ab. Ohne sie wären wir nicht am Leben. Sie konkurrieren und rangeln mit den selbst erdachten Teilen und diese Rangelei erkennt man wunderbar an allerhand psychosomatischen Störungen. Der Hauptfehler unseres denkenden Gehirns ist in seiner Datenverarbeitungskapazität zu suchen. Eingehende Nachrichten werden kurz auf Übereinstimmung geprüft und massenhaft verworfen. Was passt, wird bevorzugt der Bibliothek hinzugefügt. Was schwer einzupassen ist, schafft es kaum bis zu einer Speicherung. Wenn doch, versucht der alte evolutionäre Teil den jungen individuellen Teil in „Musestunden“ zu überzeugen. So gelangen Konflikte ins denkende Gehirn und lösen dort allerhand Probleme aus. Die Schnittstelle Übersetzung ist das eigentliche Problem. Die Verständigung rudimentär. Die Zusatzoption, fast frei denkendes individuelles Gehirn, die die Evolution dem mickrigen überaus gefährdeten Menschen spendiert hat, verursacht unabdingbar eine schizoide Konstruktion in allen Köpfen. Gleichwohl haben wir mit dem Brain-App die Welt erobert. Dass wir diese egoistische App nicht in den Griff kriegen, wie der kommentierte Forschungsbericht nachweist, ( siehe Zitat) ist die Klippe, deretwegen die Menschheit untergehen wird.
Unser altes evolutionäres Gehirn würde, sich selbst beschränkend, nicht die Welt als überbordende, alles vernichtende Spezies markieren. Unsere haltlose, zu allem bereite Überlensapp verdanken wir den einzigen wenigen Überlebenden der letzten Eiszeit. Sie, die Eiszeit, hat die Menschen zu den härtesten, unnachgiebigsten, alles verachtenden und alles dem eigenen Vorteil unterwerfenden, sich gegen alles und jeden durchsetzende Individuen selektiert.

Der unbewusste, anständige Teil hat keine reale Chance.

#9 |
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Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann
Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann

Ja, ja,
noch immer können wir niemandem hintr die Stirn gucken, so interessant es wäre. Aber es ist wahrscheinlich besser so – es kann da ganz schön schrecklich zugehen.
In dieser Richtung ist der gute S. Freud zu verstehen: Er hat einen Ansatz zum Verstehen gesucht. Als Scharlatan und ärztliche Niete kann man sowas nicht bezeichnen (s. div. Kommentare).
Wir sind heute noch nicht viel weiter, und werden es auch nie sein. Der Mensch ist kein Roboter, dessen Programm man einfach auslesen und mit ein paar Klicks reparieren kann, zum Glück.

#8 |
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Gast
Gast

Womit wieder bewiesen ist, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte.

#7 |
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Biochemiker

@Arzt: Ich habe mir gestattet, im Studium Freud komplett zu lesen – nicht nur Texte ueber ihn. Vielleicht ist Ihnen bekannt, dass er selbst auch Arzt – Neurologe – war und durchaus selbstkritisch. Wie uebrigens ich in meiner medizinischen Vergangenheit auch. Dass es sich bei dem Ueber-Ich wie auch bei jedem anderen Selbst-Konzept um ein virtuelles Konstrukt und nicht um eine somatische Entsprechung handelt, ist auch selbstredend. Es ist durchaus kongruent mit der aktuellen Forschung, dass Menschen durch Identifikation lernen und diese Bilder macht man sich zu eigen, daher sie werden zu eigenen Erfahrungen. Da die Eltern hierbei das Vorbild darstellen, liegt es doch auf der Hand, dass auch die widerspruechlichen Konflikte mit internalisiert werden. Man kann dies auch aus der Kommunikationstheorie betrachten: Das Kind lernt – verbal wie nonverbal – bestimmte Kommunikationsmuster, dh. das Gehirn versucht Voraussagen zu treffen, mit welcher Strategie man am effektivsten zum Ziel kommt, wobei das Ziel hier Sicherheit (Liebe, Akzeptanz) der Eltern ist. Dabei entsteht eine ‘Schere’ im Kopf, eine Strategie zur Vermeidung von Angst und Schmerz analog dem Lernprozess, wenn man auf eine heiße Herdplatte fasst. Nichts anderes ist mit dem Ueber-Ich gemeint als dieser Anteil der eigenen Person. Freud und auch ich bin mir wohl im Klaren, dass dies eine subjektive Beobachtung ist. Da wir jedoch heute auch in der Pharmakologie mit bis zu 50% Placebo-Effekt zu tun haben und auch Schmerzwahrnehmung letztlich etwas subjektives ist, kommen wir kaum darueber hinaus.

Das Problem bei jedwelcher Psychologie ist, dass diese niemals objektivierbar ist – auch nicht das fMRI, das einen gewaltigen Interpretationsspielraum gestattet, da man allenfalls Korrelation und nicht Causation beobachtet.

Wenn Sie einem Menschen eine Pistole an den Kopf halten, steigt der Cortisol- und Adrenalin Spiegel analog zu seiner Angst. Kann man deshalb behaupten, dass der Proband Angst hat, weil seine Blutchemie verändert ist?

Seitdem die Epigenetik sogar das Dogma DNA-RNA-Protein in Frage stellt, ist eine klare Kausalitaet weiter entfernt denn je. Das Gehirn ist ein außerordentlich plastisches Organ, welches reziprok mit seiner Umwelt interagiert. Dabei spielt die genetische Ausstattung gewiss eine Rolle, jedoch ebenso Erfahrungen.

Und je früher diese auf den Menschen einwirken, umso intensiver ist ihr Eindruck (Kinder kann man bekanntlich leichter beeindrucken – positiv wie negativ).

Viele dieser Erfahrungen sind uns jedoch nicht mehr bewusst, dennoch wirken sie vermittels des Lust / Unlust Prinzips auf das aktuelle Verhalten. Wie könnte man auch sonst Dinge wie PTBS erklären?

Vielleicht hilft es ja zum Verstaendnis, wenn man die Begrifflichkeit einmal außer Acht lässt:

Ein Frau wird vergewaltigt. Das Gehirn muss nun zum Selbstschutz dieses Ereignis möglichst schnell vergessen um seine Lebensfaehigkeit zu bewahren und nicht tagtäglich das schlimme Gefuehl gegenwärtig zu haben. Gleichzeitig versucht es sich aber auch vor Wiederholung zu schützen. Also wird die Person fortan bestimmte Orte oder Menschen meiden. Dabei koennen augenscheinlich irrationale Dinge wie Gerueche, Farben, Kleidung usw. als Trigger fuer Angst wirken, da sie ‘zufällig’ mit der Tat assoziiert wurden (analog dem pavlov’schen Hund).

Das Gesagte führt nun zwangsläufig in eine Situation, in der das Unbewusste das bewusste Handeln bestimmt, manchmal eben auch ohne dass der Patient den Zusammenhang herstellen kann, weil er ja die Ursache ‘vergessen’ hat.

Schlussendlich haben wir da das ‘Es’ welches nichts anderes als die somatische Repraeaentanz ist – im Falle Hunger also der Hypothalamus. Wenn ich heute zB. einen Patienten mit metabolischen Syndrom sehe, tue ich ihm einen Gefallen, wenn ich ihm Schuldgefuehle einrede, weil dieser nicht ‘stark’ genug ist und endlich abnimmt? Viele Patienten kommen geradezu in einen Circulus Vitiosus indem sie sich dann auf Grund der Schuldgefuehle zurückziehen und mehr essen – meistens noch Zucker.

Je mehr diese Patienten nun eine NASH und folglich eine relative Insulinresistenz entwickeln, umso höher steigt ihr Insulinspiegel. Da Insulin am ventro-medialen Hypothalamus mit dem Saettigungshormon Leptin konkurriert, kann letzteres nicht mehr andocken. Das Gehirn sieht also die Energie in Form von Glucose und Fett nicht mehr und schaltet auf Energiesparen (reduzierte Muskelaktivitaet) und Nachtanken (Essen).

Ich durfte erfahren, dass wenn man das Problem anstatt nur auf den freien Willen bzw. das Versagen des Patienten abzustellen, auch auf diese Art erklärt, man viel eher Compliance erreicht, weil man dem Patienten so etwas von seiner Schulter nimmt, das – ebenfalls unbewusst – nicht gerade zur Genesung beiträgt: Das Schuldgefuehl, ein Versager zu sein.

Aber – suum cuique.

#6 |
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Arzt
Arzt

@Marc N. Fraessdorf, es gibt weder ein Über-Ich noch ein Unter-Ich,
das ist nur eine “Vorstellung”, die von jemand einfach übernommen haben.
Meine Kritik richtete sich nicht gegen “die Psychologie” , sondern gegen die Freudsche “Psychoanalyse”, die schon deshalb nichts mit Wissenschaft zu tun hat, weil sie mit PRINZIPIELL NICHT NACHPRÜFBAREN Deutungen arbeitet, vorzugsweise “Erlebnissen” der frühesten Kindheit, einige wollen ja partout noch bis in das Embryonalstadium hinein. Sie können das ja gerne weiter glauben, die Frage ist nur, ob sie damit den Patienten einen Gefallen tun.
Dass der Mensch von seiner biologischen und darüber hinaus physikalischen (Energie) Basis abhängig ist, ist selbstverständlich unbestritten.
Man muss nur einmal die Luft anhalten und dann auf die Stoppuhr schauen, wie lange man dann noch klar denken kann.
Auch ein Regenwurm ohne menschliche Intelligenz “überlebt”.
Dass jemand essen möchte, wenn er Hunger hat, ist kein Anzeichen fehlenden freien Willens.
Natürlich ist diese bewusste “Entscheidungsinstanz”, die bei unterschiedlichen Alternativen selbstverständlich eine Wahlfreiheit hat, individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt, manchen scheint Eigenentscheidung sehr schwer zu fallen, man schwimmt lieber mit dem Strom, bei manchen mag das sogar in Richtung Regenwurm gehen, was nach Aristoteles allerdings nicht dem Anspruch eines Menschen genügt.
Von Freud-Kritik scheinen Sie noch nicht viel vernommen zu haben.
Wissenschaftlich betrachtet, soll man also nicht vorgeben, etwas zu wissen, was man eigentlich nicht weis (scio, nescio).

#5 |
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Biochemiker

Das Problem mit der Kritik an der Freudschen Theorie ist m.E. meistens, dass diese gar nicht richtig verstanden wurde. Ich sehe in den genannten Ergebnissen keinen akuten Widerspruch. Im Gegenteil, Freud revidierte später mit Nachdruck, dass das Ich ausschließlich das hilflose zwischen Es und Über-Ich zerriebene Opfer ist.
Auch fehlt es an einer klaren Differenzierung, da ‘bewusst’ nicht unmittelbar mit ‘willentlich’ gleichzusetzen ist und vice versa.

Im Übrigen spricht gerade das Beispiel mit dem hungrigen Einkaufengehen gegen eine willentliche Kontrolle, da besonders beim Thema Nahrungsaufnahme der Biochemie der Imperativ zuzuordnen ist. Das Ich kann sich fuer eine Weile dem Diktat des Triebes widersetzen, am Ende unterliegt es jedoch der Dominanz des somatischen Impulses. Der geneigte Leser koennte nun die Anorexie als scheinbares Gegenbeispiel anfuehren, allein es ist auch hier nicht der voluntaere Anteil des Ichs, sondern das Diktat des terroristischen Ueber-Ichs bzw. die Angst vor der imaginierten Strafe, welches die noetige Energie fuer den opponierenden Impuls zur Verfuegung stellt. Man darf auch nicht uebersehen, dass der Mensch ein rationalisierendes Wesen ist, welches seine bereits erfolgten Taten gerne als die eignen ausgibt. So kann man bei Suchtkranken haeufig feststellen, dass sie sich zunächst mit dem Aggressor identifizieren und ihre Abhaengigkeit als gewollt angeben (‘ich steh dazu und rauche/esse/trinke gern’) verschleiern um den Kontrollverlust und die eigene Ohnmacht zu kaschieren. Wie eindrucksvoll unsere Selbsttaeuschung hierbei wirkt, mag das Beispiel verdeutlichlichen, bei dem einem Probanden der posthypnotische Befehl gesetzt wird, er solle, sobald der Untersucher in die Haende klatscht, das Fenster oeffnen. Nachdem der Proband, der sich im Wachzustand nicht an den Befehl erinnern kann, nun aus der Hypnose geholt wurde, klatscht der Untersucher und die Testperson oeffnet das Fenster. Fragt man ihn jedoch nach der Ursache fuer seine Handlung, so erwidert dieser ‘weil mir warm war’. Er gibt also einen aus dem Unbewussten stammenden Befehl fuer eine willentliche Handlung aus, um die allmächtige Illusion der unbedingten Kontrolle durch den eigenen Willen aufrecht zu erhalten.

Wie schwer scheint die narzisstische Kraenkung der Erkenntnis, dass der Mensch nichtmal Herr im eigenen Haus ist, doch gerade in der unsrigen Zeit zu wiegen, in der wir nichtmal mehr einen Gott haben, den wir zur Not fuer unser Schicksal verantwortlich machen koennen.

In einer Welt der ‘Self-Made’ Illusion, die den Menschen fortwährend die Botschaft vermittelt ‘alles ist möglich, wenn Du nur willst’ ist dies wohl auch nötig, damit man sich eventueller Ungerechtigkeiten und den damit zusammenhängenden Schuldgefühlen entledigen kann.

Wenn ein Patient zu dick ist, dann hat er eben nicht stark genug gewollt. Wenn ein Kind in der Schule scheitert, fehlte es ihm an Willensstaerke.

Was fuer ein genialer Abwehrmechanismus – so müssen wir wenigstens nicht unsere Gesellschaft hinterfragen…

#4 |
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Heilpraktikerin

Die Energie folgt der Aufmerksamkeit.
Schöner Artikel.

S.Pfaue
HP für Psychotherapie

#3 |
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Arzt
Arzt

Diese Kehrtwende von “Neurowissenschaft” ist überaus erfreulich und überfällig gleichzeitig. Denn Determinismus ist seit über 100 Jahren bereits in der unbelebten Physik widerlegt (Ljapunow 1892 u.a.), obwohl das viele noch nicht mitbekommen haben.
@Dr. Martin Wolkerstorfer mein “Unterbewusstsein” ist weder ein Homunkulus noch störrisch und kann mein Auto lenken, besser als in höchster “Aufmerksamkeit” möglich, sogar während “ich” an was anderes denke, das würde ich eher einen perfekten Diener nennen.
Kein Rechner ist ihm gewachsen.
Und der sexbesessene Homunkulus ist ein Märchen des völlig unwissenschaftlichen Scharlatans S.Freud.
Ohne die dummen Amerikaner wäre er längst vergessen.
Die glauben an jeden Blödsinn.

#2 |
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Das Ich ist wie ein Reiter, der sein Pferd lenkt. Wenn das Pferd “gut drauf” ist, erreicht der Reiter sein Ziel schneller als zu Fuß. Ist das Pferd störrisch oder geht es durch, wird der Reiter nicht weit kommen.

So ähnlich hat Freud es ausgedrückt.

#1 |
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