Demenz: Denk an Anticholinergika

20. Februar 2015
Teilen

Deutschland wird dement: Seit Jahren steigen die Fallzahlen. Forscher versuchten, mögliche Risikofaktoren zu identifizieren und wurden fündig: Anticholinergika spielen eine stärkere Rolle als gedacht, was für Ärzte und Apotheker bedeutet, bei Pharmakotherapien vorsichtig zu handeln.

Tendenz steigend: Auf Basis von Versichertendaten und mathematischen Extrapolationen kommen Forscher zu dem Ergebnis, dass Demenzerkrankungen bis 2050 mit mehr als drei Millionen Betroffenen weiter an Relevanz gewinnen werden. Neben dem Lebensalter gelten Depressionen, metabolische und kardiovaskuläre Erkrankungen als Risikofaktoren. Nicht immer sind Interventionen möglich. Jetzt fordern Wissenschaftler, die Arzneimitteltherapie besser zu überwachen.

Riskante Pillen

Dass Anticholinergika negative Folgen auf die kognitive Leistung von Patienten haben, ist nichts Neues. Bislang bewerteten Pharmakologen derartige Effekte als reversibel – spätestens beim Absetzen der Medikation ging es Patienten wieder besser. Malaz Boustani, Indianapolis, äußerte an dieser These bereits 2012 Zweifel. Seine Vermutungen bestätigt jetzt die Apothekerin Shelly L. Gray von der University of Washington, Seattle. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen nicht nur klassische Anticholinergika wie Atropin, sondern auch Antihistaminika wie Diphenhydramin, Antimuskarinika wie Oxybutynin oder trizyklische Antidepressiva wie Doxepin. Gray nahm 3.434 Menschen über 65 in ihre Studie auf, die keine Anzeichen von Demenz hatten. Nach durchschnittlich 7,3 Jahren entwickelten 797 Patienten eine Demenz; bei 637 aller Betroffenen wiesen Forscher eine Alzheimer-Demenz nach. Sie fanden sogar dosisabhängige Effekte, was als Anhaltspunkt für die Kausalität zu werten ist. Mit der Menge anticholinergischer Pharmaka erhöhte sich auch das Risiko. Bereits zehn Milligramm Doxepin pro Tag, vier Milligramm Oxybutynin pro Tag oder fünf Milligramm Oxybutynin pro Tag wirkten sich innerhalb von drei Jahren negativ aus.

Jetzt beraten

Deshalb rät Gray Ärzten und Apothekern, andere Pharmaka auszuwählen – sowohl im Rx- als auch im OTC-Bereich. Anstelle trizyklischer Antidepressiva könnten sie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) einsetzen, etwa Citalopram oder Fluoxetin. Und Antihistaminika der zweiten Generation sind besser als ältere Wirkstoffe. Nicht immer gibt es Alternativen, etwa bei Oxybutynin zur Behandlung von Senioren mit Harninkontinenz. Dann bleibt nur, Dosis und Behandlungsdauer zu minimieren, so Gray.

18 Wertungen (4.33 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: