Vulvodynie: City ohne Sex

9. Februar 2012
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Brennende oder stechende Schmerzen im Schambereich, oftmals über Jahre hinweg, deuten auf eine Vulvodynie hin. Die Krankheit belastet Patientinnen und fordert Ärzte heraus, fehlen immer noch etablierte Therapien. Erfolge bringt in Einzelfällen die Chirurgie.

Geschichten, wie sie das Leben schreibt: „Sex and the City“-Akteurin Charlotte York musste sich in der Serie aufgrund vaginaler Schmerzen behandeln lassen. Als ihr Arzt eine Vulvodynie diagnostizierte, meinte er lapidar, das Leiden sei nicht ernst, nur unbequem. Charlotte bekam ein niedrig dosiertes Antidepressivum, und schon schien die Welt wieder in Ordnung zu sein. Gegen diese Darstellung liefen Mediziner und Patientenorganisationen in den Staaten Sturm, allen voran Vertreter der National Vulvodynia Association. Ihr Vorwurf: Die Soap bagatellisiere eine ernste, chronische Krankheit mit hohem Leidensdruck für Patientinnen und für deren Partner.

Höllenqualen

Bei einer Vulvodynie werden leichte Berührungen des Genitalbereiches zur Tortur, allein schon durch Unterwäsche oder Tampons. Die teils als unerträglich beschriebenen Schmerzen können sich bis zum After ausdehnen und beeinträchtigen das tägliche Leben immens: Betroffene können im Extremfall nicht einmal mehr für längere Zeit sitzen. Andere Patientinnen berichten von Juckreiz, Schmerzen beim Wasserlassen sowie Zug- und Druckbelastungen. Zwangsläufig wird auch das Liebesleben stark eingeschränkt, eine Penetration gestaltet sich quasi als unmöglich.

Nicht selten – aber selten diagnostiziert

Allein in den USA sind Millionen Einwohnerinnen betroffen sind, wie eine populationsbasierte Studie ergab. Dazu befragten Forscher aus Michigan 2.269 Frauen. Ihr Resultat: Rund 8,3 Prozent litten zum Zeitpunkt der Datenerhebung an einer Vulvodynie. Hinzu kamen knapp 18 Prozent, die im Laufe ihres Lebens schon einmal ähnliche Beschwerden hatten. Die Autoren kommentierten, Vulvodynie gelte folglich als häufige, obgleich selten diagnostizierte Krankheit mit hoher Prävalenz bei sexuell aktiven Frauen jeden Alters. Von 208 Frauen, bei denen Kriterien für die Krankheit sprachen, hatten lediglich 101 ärztliche Hilfe gesucht, und nur in drei Fällen war tatsächlich die richtige Diagnose gestellt worden. „Bisher konnte mir kein Arzt helfen, da die meisten nicht mal wussten, was Vulvodynie ist“, äußern sich Frauen etwa in einem Selbsthilfe-Forum. Betroffene Patientinnen suchen etliche Ärzte auf, bevor das Leiden erkannt wird. Wie eine Vulvodynie aber entsteht, bleibt unklar.

Ursachen rätselhaft

Trotz zahlreicher Untersuchungen konnten Wissenschaftler nach wie vor keine kausale Ursache finden. Vielmehr entwickelten sie zahlreiche Hypothesen: Infektionen mit Trichomonas, mit Hefen oder humanen Papillomaviren erscheinen mehr als verdächtig. Oftmals heilen diese nicht richtig aus, und die Entzündung bleibt auf subklinischem Niveau bestehen. Weitere Risikofaktoren sind Arzneimittel im Urogenitalbereich, inklusive einer langjährigen, antibiotischen Therapie. Auch Hormone werden genannt, sei es topisch oder systemisch – letzteres etwa bei der oralen Kontrazeption. Überempfindlichkeiten gegen Körperpflegeprodukte oder Reaktionen auf Oxalat in der Nahrung kommen ebenso in Frage. Als weiteren möglichen Auslöser bewerten Gynäkologen frühen, regelmäßigen Geschlechtsverkehr. Ganz auszuschließen sind auch Effekte chirurgischer Eingriffe im Genitalbereich nicht. Andere Untersuchungen wiederum sehen die Schuld in Autoimmunerkrankungen ähnlich Lupus erythematodes oder Lichen sclerosus. Humangenetiker wiesen zudem Mutationen im Erbgut nach, betroffen waren Bereiche, die Botenstoffe wie Interleukin-1β codieren. Entsprechende Anomalien gingen im Vergleich zur Normalbevölkerung mit deutlich langwierigeren Entzündungsvorgängen einher.

Neurologen und Psychiater ratlos

Aus neurologischer Sicht könnten zu viele Nervenendigungen im Vaginalbereich lokalisiert sein. Ein Anhaltspunkt: Gynäkologen der University of Rochester School of Medicine and Dentistry, USA, untersuchten bei Vulvodynie-Patientinnen die kutane Reaktion auf Capsaicin – bekannt als probates Mittel zur Reizung diverser Nozizeptoren. Die Frauen hatten unter der Provokation deutlich stärkere Schmerzen, verbunden mit einem höheren Ruhepuls und einem niedrigeren systolischen Ruheblutdruck als bei den Kontrollen. Psychiater diskutieren derweil Depression sowie Angststörungen, wobei wenig für psychosexuelle Auslöser spricht. Ein Zusammenhang mit Traumata ließ sich nicht nachweisen.

Evidenz Fehlanzeige

Angesichts der schwammigen Studienlage bleibt als Schlussfolgerung: Den typischen Auslöser einer Vulvodynie gibt es nicht, vielmehr scheinen etliche Faktoren relevant zu sein. Aus dieser Not wurden zahlreiche Behandlungsstrategien konzipiert: Diäten ohne Oxalsäure, TENS, Lokalanästhetika oder Hormone sollten die Symptome bessern. Versuchsweise kamen auch trizyklische Antidepressiva, SSRI oder Gabapentin zum Einsatz. Mit diesen Arzneistoffen hatte man schon langjährige Erfahrungen bei Fibromyalgie sowie bei neuropathischen Schmerzen. Andere Kollegen empfahlen Entspannungsmethoden von Yoga bis zur progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson. Und Sexualtherapien sollten für ein glücklicheres Liebesleben sorgen, indem sie Alternativen zum schmerzhaften Koitus aufzeigen. Unterstützen können in leichteren Fällen auch Lokalanästhetika plus Gleitmittel.

Alle Therapien gleichen dem Stochern im Nebel, ergab eine Metaanalyse, an randomisierten, klinischen Studien mangelt es. Forscher der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, fanden keine Evidenz – außer bei Placebo. Dennoch gibt es eine Ausnahme.

Skalpell gegen Schmerz

Beim vulvären Vestibulitis-Syndrom (VVS), einer speziellen Form der Vulvodynie, helfen chirurgische Eingriffe tatsächlich mit hoher Evidenz. Zur Symptomatik: VVS-Patientinnen klagen über Rötungen sowie Entzündungen am Scheideneingang, wobei nicht weiter überraschend alle gängigen Untersuchungen ohne Befund bleiben. Histologisch deutet viel auf chronisch-inflammatorische Prozesse hin, allerdings ohne aktiven Infekt. Davon betroffene Hautschichten tragen Gynäkologen im Rahmen einer Vestibulektomie teilweise ab und entfernen, falls erforderlich, auch Bereiche des Hymenalrings. Schließlich decken sie das Gebiet mit einer Verschiebeplastik ab. Um die Sicherheit und den Erfolg dieser Methode kritisch zu untersuchen, führten finnische Ärzte eine retrospektive Kohortenstudie mit 57 Patientinnen durch, inklusive Gesprächen, Fragebögen, gynäkologischen Untersuchungen sowie Berührungstests zur Einschätzung der Schmerzempfindlichkeit. Überwältigend: 91 Prozent der Frauen waren mit dem Ergebnis der OP zufrieden. Dementsprechend nahmen diverse Skalenwerte hinsichtlich Schmerz und Problemen beim Geschlechtsverkehr ab. Lag kein VVS vor, versagte aber auch die chirurgische Methode.

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145 Wertungen (4.21 ø)

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15 Kommentare:

Es gibt gute Hinweise, dass eine Lockerheit der Uterosakralen Ligamente eine Mitverantwortung für die Vulvodynie haben. Fallbeschreibungen und eigene Erfahrungen zeigen dass die operative Verstärkung zum Beispiel durch ein TFS (tissue fixation system) Tape die Symptome erheblich bessern. (Bornstein J, Zarfati D, Petros P, Causation of Vulvar Vestibulitis ANZOG 2005, 45:538 – 541)

#15 |
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Prim.em.Med.Rat Reinhard Barousch
Prim.em.Med.Rat Reinhard Barousch

Sehr gut und ausführlich von allen Seiten beleuchtet. Leider gibt es offensichtlich die optimale Therapie (noch) nicht.

#14 |
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Vulvodynie ist keine Diagnose sondern ein Symptom. Genau so der Pruritus wo auch immer. Wenn dies in jeder Konsequenz verstanden wurde, eröffnen sich Ursache und Therapie von allein.

#13 |
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Dr. Daniela Wetzel
Dr. Daniela Wetzel

Egloff hat Recht! Lesen Sie nach bei Dmoch, Richter etc zu lav Sexualstörungen!Siehe unten:
Die psychoanalytische Psychosomatik weiss seit langem um funktionelle u.ä. Störungen wie diese… Wen es interessiert:
Dmoch, W. (2008): Funktionelle gynäkologische Syndrome als larvierte Sexualstörungen. In: Gynäkologe, 41, 2, 139-146.
Egloff, G. (2011): Kombinierte sanfte Maßnahmen bei Pruritus vulvae. In: Report Naturheilkunde, 5, 15, 66-67.
Härtl, K. et al. (2010): Chronische Schmerzen bei Vulvodynie und Pruritus vulvae. In: Psychotherapeut, 55, 3, 241-246.

#12 |
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Ein bekanntes Phänomen: Bei diesem und den meisten anderen Krankheitsbildern unklarer Genese werden Entstehungsursachen und Therapiemöglichkeiten in erster Linie der Phantasie und dem Fachgebiet des Betrachters entnommen. Dann werden Placeboeffekte und Zufallsverbesserungen als Beweis für die Wirksamkeit entsprechender Methoden angeführt. Eine Besserung auf Operationen ist z. B. keinesfalls ein Beweis für eine physische Ursache. Selbst bei Arthrose (Knie) helfen Placebo-Operationen. M. E. könnte auch eine genetische Prädisposition eine Rolle spielen, aber das ist natürlich auch nur eine vage Spekulation.

#11 |
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Was war zuerst: die Vulvodynie oder die Depression bzw. die sexuelle Unlust? Ich halte von der hier viel erwähnten Psychosomatik-Schiene gar nichts. Es ist wie bei vielen anderen Erkrankungen bei denen die Forschung erst Jahrzehnte später die Ursache findet- ist erst einmal die gute alte Psyche schuld! Ich las neulich wegen Leistenbeschwerden in einem gutem Chirgurgiebuch und siehe da, es können doch tätsächlich auch Beschwerden bis in die Labien etc. auftreten bei etsprechenden Nerveneinklemmungen. Daher vermutlich auch die deutliche Besserung nach chirurgischer Intervention und osteopathischer Therapie, von der übrigends sehr viel halte! Einen Lichen sclerosus et atrophicus kann man ohne weiteres histologisch und auch von einem gutem Dermatologen klinisch als Differntialdiagnose ausschließen-dieser wäre ja mit Protopic Salbe bzw. hochpotenten Steroiden gut behandelbar. Bitte nicht alle unklaren Fäle gleich in die Psychoecke stellen- das zeigt nur die Verzweiflung des Arztes! Welcher normale Mencsch kriegt keine Depression, wenn es plötzlich nur noch Schmerzen beim GV hat?

#10 |
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Dr. med. Ilka Funke-Wellstein
Dr. med. Ilka Funke-Wellstein

Ich habe in den letzten Jahren etliche Patientinnen mit einer Kombination aus Psychotherapie und Osteopathie,teilweise kombiniert mit Neuraltherapie und
Selbstuntersuchungen mit Dildo behandelkt und sehr gute Erfolge gesehen. Allerdings kostet das sehr viel (unbezahlte)
Zeit

#9 |
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Dipl.Psychologin Gerda Neuwirth
Dipl.Psychologin Gerda Neuwirth

Im Bereich Biofeedback gibt es eine von Howard Glazer (New York) entwickelte Methode des Beckenbodentrainings mit Biofeedback, das wissenschaftlich in mehreren Studien untersucht wurde. Mehrere Studien (Glazer et al. 1995, 2000, 2001 ) berichten von einer Schmerzfreiheit bei etwa 50 % der Frauen, Besserung der Schmerzen konnten in über 83 % der Fälle erreicht werden. Die mit der Vulvodynie oft bestehende sexuelle Abstinenz veränderte sich bei ca 80 % der Frauen, die nach der Behandlung wieder Geschlechtsverkehr hatten.

#8 |
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Eine chirurgische Internention halte ich für ein “zweischeigiges ” Schwert berichten doch Patientinnen oft von Schmerz oder von Gefühllosigkeit im Narbenberich.

#7 |
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Vor Jahren suchte mich eine Patientin auf mit chron Vulvodynie, bei der wegen der Intensität der Schmerzen eine gynäkoligisch-chirurgische Nervendurchtrennung geplant war. Nach dermatologischer Beratung zur schonenden Hautreinigung und 1 Woche Prednitop Fettsalbe mit einer Woche blander Fettsalbe im Wechsel stellte sich deutliche Besserung ein. Im weiteren Verlauf konnten die Prednitop-Tage reduziert werden und dann war die Patientin über Jahre ohne Prednitop Fettsalbe und unter weiter nur blander Fettsalbe beschwerdefrei. Die Op konnte ihr erspart werden.– Die Führung einer solchen Patientin braucht aber viel Zeit…..

#6 |
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Dr. med.univ. Arno Galler
Dr. med.univ. Arno Galler

Ich würde unbedingt eine Neuraltherapie bei einem ausgebildeten geübten Therapeuten,- vorzugsweise bei einem neuraltherp.tätigen Gynäkologen versuchen.

#5 |
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Dipl. Psych. Margret Ackermann
Dipl. Psych. Margret Ackermann

vielleicht geht es auch darum, bei diesem Leiden, die Sexpraktiken und die Zufriedenheit der Paare beim Liebe machen weitergehend zu beleuchten, da könnten sich andere Antworten finden als das Skalpell

#4 |
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Die Störung könnte einer psychosomatischen Erkrankung entsprechen. Orginalstudie?

#3 |
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Dieser Beitrag ist sehr gut und informatif.Leider sind wir genau so schlau und so dumm wie zuvor.
Wie könnten wir denn Pat. mit Volvodynie helfen ???

#2 |
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Mag. Götz Egloff
Mag. Götz Egloff

Die psychoanalytische Psychosomatik weiss seit langem um funktionelle u.ä. Störungen wie diese… Wen es interessiert:
Dmoch, W. (2008): Funktionelle gynäkologische Syndrome als larvierte Sexualstörungen. In: Gynäkologe, 41, 2, 139-146.
Egloff, G. (2011): Kombinierte sanfte Maßnahmen bei Pruritus vulvae. In: Report Naturheilkunde, 5, 15, 66-67.
Härtl, K. et al. (2010): Chronische Schmerzen bei Vulvodynie und Pruritus vulvae. In: Psychotherapeut, 55, 3, 241-246.

#1 |
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