Apo-Trends: Reise ins Ungewisse

10. Februar 2015
Teilen

Neues Jahr – alte Sorgen: Landesapothekerkammern und Institutionen haben Zahlen zur Branchenentwicklung vorgelegt. Ihr Fazit: Es geht weiter bergab – aber langsamer als bisher. Ein Problem ist der fehlende Nachwuchs in der Offizin. Von Lösungsansätzen fehlt jede Spur.

Vorläufige Zahlen aus Deutschlands Kammerbezirken zeigen, wohin die Reise geht: Bundesweit sind im letzten Jahr rund 200 Apotheken von der Landkarte verschwunden. Das entspricht einem Minus von einem Prozent. An der Spitze stehen Hamburg, Schleswig-Holstein und Westfalen-Lippe (minus 1,8 Prozent), gefolgt von Nordrhein (minus 1,5 Prozent), Rheinland-Pfalz (minus 1,4 Prozent) und Bayern (minus 1,2 Prozent). Die neuen Bundesländer hielten sich vergleichsweise stabil – in Sachsen-Anhalt blieb die Zahl konstant. Und Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen beziehungsweise Thüringen melden einen leichten Rückgang um 0,5 Prozent. In Berlin und Brandenburg erhöhte sich die Zahl sogar marginal um 0,5 Prozent. Ob es in einigen Jahren tatsächlich weniger als 20.000 Betriebsstätten geben wird, wie Vertreter der apoBank spekulieren, erscheint angesichts dieser Entwicklung recht wahrscheinlich.

Zeit der Zurückhaltung

Der Rückgang an Betriebsstätten mag gesundheitspolitische oder wirtschaftliche Gründe haben. Ganz klar zeichnet sich ab, dass Approbierte mittlerweile den Weg in Richtung eigene Apotheke scheuen. So berichtet die ABDA von Tendenzen hin zum Apothekenverbund. Gab es in 2010 noch 3.478 Filialen, lag deren Zahl in 2013 bei 4.001. Im gleichen Atemzug entstehen immer häufiger Hauptapotheken mit zwei Filialen (2010: 466; 2013: 568) oder drei Filialen (2010: 163; 2013: 231). Ein Ende dieser Tendenzen zeichnet sich nicht ab. Große Verbünde mit hohem Nettoumsatz lassen sich jedoch schwer verkaufen – Kreditinstitute sind bei der Finanzierung vorsichtiger geworden. Und kleine, wenig rentable Betriebsstätten verschwinden mehr und mehr von Markt. Als durchschnittliches Finanzierungsvolumen für eine Haupt- beziehungsweise Einzelapotheke gibt die apoBank 562.000 Euro an (2013), ein Jahr zuvor waren es noch 517.000 Euro. Bei Filialapotheken stieg die erforderliche Summe im gleichen Zeitraum von 487.000 auf 508.000 Euro. Übernahmen erhöhten sich von 57 auf 65 Prozent, während sich immer weniger Approbierte für eine Neugründung entscheiden – der Anteil sank von 6,0 auf 4,0 Prozent, bezogen auf Haupt- oder Einzelapotheken.

„Tickende Zeitbombe“

Die Branche leidet noch unter ganz anderen Sorgen. Bereits heute ist jeder vierte Inhaber mindestens 60 Jahre alt, schätzen Standesvertreter. Und in jeder dritten Apotheke steht demnächst das Thema Nachfolge an. Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, bezeichnet demographische Tendenzen als „tickende Zeitbombe“. In ihrem Kammerbezirk seien zwei Drittel aller Apothekenleiter über 50 Jahre alt. Kollegen arbeiten nicht nur aus Freude am pharmazeutischen Beruf. Vielen Apothekenleitern gelingt es nicht, geeignete Approbierte zu finden. Mehr als 60 Prozent aller befragten Apotheker gaben bereits 2012 an, hier Probleme zu haben. Mittlerweile hat sich die Lage weiter zugespitzt. Im gesamten Bundesgebiet gibt es weniger als 1.000 arbeitslose Approbierte – bei 400 bis 500 offenen Stellen. Jobs in der öffentlichen Apotheke gelten bei Hochschulabsolventen nicht mehr als attraktiv – sie suchen ihr Glück lieber in Krankenhausapotheken oder bei pharmazeutischen Herstellern. Damit nicht genug: Das Pharmaziestudium hat seit Jahren massiv an Attraktivität eingebüßt. So berichtet die Universität Konstanz im Rahmen ihrer zwölften Studierendensurvey, wie hoch die tatsächliche Zeitbelastung zwischen Hörsaal und Labor ist. Pharmaziestudierende stehen mit durchschnittlich 39,5 Wochenstunden nach angehenden Tierärzten (44,6 Wochenstunden) und Zahnärzten (42,5 Wochenstunden) an dritter Stelle des Negativ-Rankings. Auch die Inhalte bilden berufliche Realitäten kaum noch ab. Echte Reformen fehlen bis heute – und klinische Pharmazie kann als vermeintliche Wunderwaffe keinesfalls davon ablenken, dass angehenden Apothekenleitern Kenntnisse in Betriebswirtschaft oder Personalführung fehlen.

Wer tippt auf TTIP

Jenseits schlechter Rahmenbedingungen, magerer Honorare und demographischer Widrigkeiten bereitet die große Weltpolitik Apothekenleitern viel Kopfzerbrechen. Momentan dürfen sie in Deutschland neben ihrer Hauptapotheke bis zu drei Filialapotheken betreiben. Dieser eingeschränkte Mehrbesitz gemäß Apothekengesetz (ApoG), Paragraph 1 und Paragraph 2 steht auf tönernen Füßen. Schuld daran ist die umstrittene Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft TTIP. Momentan beraten Chefunterhändler der EU und der USA über Regelungen für Kosmetik- und Pharmaunternehmen. Kritiker warnen, europäische Standards könnten in Mitleidenschaft geraten. Beispielsweise sprach die ABDA von „verbraucherfeindlichen Liberalisierungen heilberuflicher Dienstleistungen“. Über Schiedsgerichte lassen sich möglicherweise nationale Besonderheiten aushebeln, etwa bei der Struktur öffentlicher Apotheken. Internationale Betreiber von Apothekenketten könnten klagen, Deutschland schränke ihre Interessen ein.

47 Wertungen (4.72 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

10 Kommentare:

Apotheker

Wieviel Gäste habt Ihr denn?Ich komme nicht mehr mit?

#10 |
  0
Gast
Gast

Ist ja auch kein Wunder! In den Medien werden wir Fachkräfte (!), von der Politik gewollt, immer wieder durch den Dreck gezogen. Von wegen wir würden schlecht beraten… Und wer beurteilt das immer in so tollen Sendungen wie “Markt” und “Reporter”? Ärzte, die sich lieber auf ihr Fachgebiet spezialisieren sollten, nämlich die Diagnostik von Erkrankungen und unsere Arbeit, nämlich die wirtschaftliche Arzneimittelversorgung, uns überlassen sollten. Wir als Apotheker kritisieren ja schließlich auch nicht die Diagnostik der Ärzte in öffentlichen Medien! Und so ist es kein Wunder, dass wir von den meisten Menschen als “Schubladenzieher” wahr genommen werden. Und somit fehlt auch leider die Attraktivität unseres Berufes… Wobei das Studium auch wirklich nicht aufs wahre Berufsleben vorbereitet.
Hätte ich mal Jura studiert (das wäre für die Apotheke sicher nicht schlecht gewesen bei dem ganzen Bürokratiewahn), dann könnte man als Familie wenigstens von einem Gehalt sehr gut leben, was man als Apotheker ja wohl wahrlich nicht kann. Auch das schreckt die Abiturienten sicher ab!

#9 |
  0
Gast
Gast

zu #7: Fehlend? Überhaupt gar nicht vorhanden trifft es da wohl eher….
Ich mache die Fortbildung zum Heilpraktiker.

#8 |
  0
Gast
Gast

Hallo Gast #2,
in welche Richtung geht die Umschulung? Für Tipps immer offen.
Viel zu oft ist der Satz stimmig:
“dass angehenden Apothekenleitern Kenntnisse in Betriebswirtschaft oder Personalführung fehlen” (Zitat)

#7 |
  0
Gast
Gast

Völlig wurscht, Herr Gast, ob bei Aldi kassieren, Pommes baden, Leichen als Bestattergehilfe einsammeln oder den Straßenrand pflegen: Alles besser als in einer öffentlichen Apotheke mit einem komischen Approbierten zu arbeiten :)

#6 |
  0
Gast
Gast

Mit 70 Jahren stehe ich seit über 50 Jahren in der Apotheke (Abitur 1964 und dann zweijähriges Apothekenpraktikum vor dem Studium), allerdings just for fun, weil ich meinen Beruf sehr lieb. Aber: Bereits 1993 habe ich meine Apotheke verkauft und anschließend mein zweites Standbein als “Industrie-Apotheker” , als Sachkundige Person AMG in der Gasindustrie (Sauerstoff und Lachgas) ausgebaut – als Freiberufler. Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Da kann ich es mir dann auch noch “leisten” 30 – 40 Stunden im Monat in der Offizin zu stehen. Allerdings, bei dem herrschenden QMS-Wahnsinn, AmtsapotherInnen, die Lichtjahre entfernt von der Praxis “regieren ” und einem Apothekerberuf, der im öffentlichen Raum zum Krämer und Rabatt-König verkommt, da ist es doch nciht verwunderlich, wenn junge Apotheker einen großen Bocgen um die öffentliche Apotheke machen. Mein Rat an die Filialisten : Besser 10 “Pommesbuden” straff organisiert, als auch nur zwei Apotheken – Filialen. Da hat man mehr Gewinn, weniger Streß bei der ständigen Suche nach qualifiziertem Personal und darüber hinaus auch noch geregelte Freizeit.
Und man hat vor allem keine Kammerzugehörigkeits-Pflicht. Was, im Ernst, haben die Kammern in den letzten 50 Jahren , die ich übersehen kann eigentlich vorausschauend für den Stand geleistet? Wenn die Politik agiert wird nur hecktisch und mit aüßerst geringem Erfolg reagiert.
Ich freue mich noch auf mindestens 5 Jahre , stressfrei und eigenverantwortlich in meinem Nischendasein.
H.-U. von der Dunk, Bochum

#5 |
  0
Gast
Gast

#3 du meinst sicher Doc Morris
#2 lieber bei Aldi an der Kasse?

#4 |
  0
Gast
Gast

wenn ein Apothkeninhaber zur Abiturientin, die um ein Praktikum nachfragt, sagt:
“ich ziehe mir doch nicht die eigene Konkurrenz heran” …kein Wunder…
Er hat erst zwei Filialen!

#3 |
  0
Gast
Gast

Von PTAs spricht mal wieder niemand.
Um kein Geld dieser Erde würde ich diesen verfluchten Job wieder erlernen…..
Gott sei dank bin ich gerade mitten in der Umschulung…..

#2 |
  0
Mitarbeiter Industrie

stimmt. In den DC Jobs innerhalb des Newsletters: 2 Apotheker-jobs!

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: