Theory of Mind: Mit Identität zum Bewusstsein

9. Februar 2012
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Das Verständnis für Menschen und ihre Handlungsweisen entwickelt sich zeitgleich mit der Fähigkeit, Identitätsaussagen zu verstehen. Es ist kein getrennter Entwicklungsprozess. Dies konnten Forscher der Universität Salzburg erstmals empirisch beweisen.

Max geht zur Einkaufstasche, um seine Schokolade zu holen, und nicht zum Schrank in dem sie tatsächlich ist. Warum macht er das? Max agiert aufgrund einer falschen Annahme und glaubt, die Schokolade wäre noch in der Einkaufstasche. Seine Handlung ist also nicht so irrational wie sie auf den ersten Blick erscheint. Unterschiedliche Menschen nehmen die Umwelt auf Basis unterschiedlicher Blickwinkel und Annahmen unterschiedlich wahr. Den Umgang mit dieser Perspektivenvielfalt und die Fähigkeit einzusehen, dass Max aufgrund einer falschen Annahme agiert, müssen sich Kinder erst erwerben.

Verständnis für Andere ab 3. Lebensjahr

Die Gabe Gefühle, Bedürfnisse, Ideen, Erwartungen oder Meinungen anderer Menschen zu vermuten, also eine Annahme über deren Bewusstseinsvorgänge zu treffen, bezeichnen Psychologen und Kognitionswissenschaftler als Theory of Mind (ToM). Sie ist erst dann entwickelt, wenn eine Person in der Lage ist, die Meinung Anderer von der eigenen zu unterscheiden. Kinder lernen zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Erst dann können sie auf den Wissensstand Anderer Rücksicht nehmen und verstehen, warum eine Person, sich so verhält, wie sie sich verhält, also die Schokolade nicht dort sucht, wo sie tatsächlich ist. Kognitionswissenschaftler der Universität Salzburg konnten erstmals empirisch beweisen, dass sich dieses Verständnis zeitgleich mit der Fähigkeit entwickelt Identitätsaussagen zu verstehen. Es ist keinesfalls ein getrennter Entwicklungsprozess. „Diese Gleichzeitigkeit kann dadurch erklärt werden, dass beide Aufgaben ein Verständnis der Existenz unterschiedlicher Perspektiven voraussetzt“, erklärt Josef Perner, Psychologe und Studienleiter. „Der Befund spricht gegen die weit verbreitete Annahme, dass die „Theory of Mind“ eine spezifische Wissensdomäne ist, die sich unabhängig vom Verständnis in anderen Domänen entwickelt.“

Lernen zu hinterfragen und Irrtümer realisieren

In zwei verschiedenen Studien mit insgesamt 119 Kindern widmete sich Perner und sein Team der Frage, ob das Verständnis für falsche Annahmen mit der Fähigkeit korreliert, auf Grund von Informationen Identitäten zuordnen zu können. In der ersten Arbeit wurden 41 Kinder gebeten für verschiedene Boxen den richtigen Schlüssel zu finden. Sie wussten nicht, dass ein Schlüssel als Generalschlüssel zwei Boxen sperrt. Die Hälfte der Testpersonen hatte ein Durchschnittsalter von 3,5 bzw. 4,7 Jahren. Alle wurden zudem einem Kontrolltest unterzogen. Die Ergebnisse: Es bestand ein signifikanter Unterschied zwischen dem Erkennen der Doppelfunktion (Schlüssel sperrt die gelbe wie auch die grüne Box) und der Identitätszuordnung. Mit zunehmendem Alter ging eine eindeutige Verbesserung der Identitätszuordnung einher, nicht jedoch mit dem Verständnis für die Doppelfunktion. Der Kontrolltest zeigte, dass in jeder Altersgruppe die Anzahl jener Kinder, welche falsche Annahmen verstehen und Identitäten zuordnen konnten, gleich groß war und sich konsequenterweise mit zunehmendem Alter erhöhte. Dreijährige, die zwar wenig Probleme hatten, zu verstehen, dass ein Schlüssel zwei Funktionen haben kann, hatten ernsthafte Schwierigkeiten in der Identifikation: Sie realisierten nicht, dass der Schlüssel, welcher Box A sperrt, der gleiche ist, der Box B sperrt. Die Fähigkeit diesen Zusammenhang zu erkennen, entwickelt sich mit dem Verständnis für Irrtümer.

Das Verhalten anderer Menschen erklären

In einer zweiten Arbeit testeten die Wissenschaftler die Persistenz ihrer Aussagen, wandten aber ein anderes Studiendesign an: 78 Kinder im Alter zwischen 2 und 5 Jahren hatten aus verschiedenen Kurzgeschichten eine relevante Information herauszufiltern (Eine Tasche gehört Herrn Müller. Herr Müller ist der Feuerwehrmann), diese einer bestimmten Person zuzuordnen (Die Tasche gehört also dem Feuerwehrmann), und diese aus zwei Figuren zu identifizieren (Der Feuerwehrmann, also Herr Müller, ist der linke von beiden) hatten. Die Ergebnisse zeigten eine gute Erinnerungsleistung der Kinder (96 % richtig) und eine hohe Attributionsfähigkeit (88 %). Tatsächlich gaben dieses Mal 86 % der Kinder eine korrekte Antwort während es bei der ersten Studie nur 50 % waren. Dieser Unterschied war beträchtlich größer bei den jüngeren Kindern. Der Unterschied zwischen Kontrollbedingung und Identitätsbedingung verminderte sich signifikant mit zunehmendem Alter. Die Fähigkeit der Kinder, falsche Annahmen zu verstehen und Identitäten zuordnen zu können, war etwas niedriger (37 %) als in der ersten Arbeit, wahrscheinlich deswegen, weil Kinder, die Identitäten noch nicht verstehen, erfolgreich geraten hatten, während in der zweiten Arbeit eine falsche Theorie systematisch zur falschen Antwort führte. Um eine genauere Aussage über individuelle Unterschiede treffen zu können, wurde die Anzahl der richtigen Antworten auf die Identitätsfragen (0, 1, 2) mit der Anzahl richtiger Vorhersagen und richtiger Erklärungen in Verbindung gebracht.

Die Ergebnisse zeigen zusätzlich zur Studie 1, dass die Verbindung zwischen falscher Annahme und dem Verständnis für Identitäten auch dann hoch bleibt, wenn man das Alter und die Ausdrucksfähigkeit einbezieht. Die Fähigkeit, vernünftige Vorhersagen über das Verhalten einer Person aufgrund falscher Annahmen treffen zu können, entwickelt sich nicht isoliert, sondern hängt von einer breiteren Fähigkeit Perspektive zu verstehen ab. Diese Beziehung kann allerdings nicht auf einen Zusammenhang mit allgemeiner Sprachkompetenz oder exekutiven Fähigkeiten, wie beispielsweise eine Selbstkontrolle, reduziert werden.

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