Schwerhörigkeit: Alter kostet Aufmerksamkeit

3. Februar 2015
Teilen

Ältere Menschen klagen oft über Hörschwierigkeiten, besonders wenn mehrere Personen durcheinander sprechen. Der Grund hierfür ist nicht nur im Ohr selbst, sondern ebenso in veränderten Aufmerksamkeitsprozessen im Gehirn älterer Menschen zu finden.

Die winzigen Ströme, die dabei im Gehirn fließen, sind mit Hilfe des Elektroenzephalogramms in Form von Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche messbar. Besonders die regelmäßigen Alpha-Wellen mit einer Frequenz von circa zehn Schwingungen pro Sekunde prägen das so gemessene Signal. Bei Höraufgaben zeigt die Stärke dieser Alpha-Wellen die Höranstrengung der Zuhörer an.

Alpha-Wellen: kleinere Amplitude im Alter

Diese Tatsache haben sich die Wissenschaftler der Forschungsgruppe „Auditive Kognition“ am Leipziger Max-Planck-Institut unter Leitung von Jonas Obleser zunutze gemacht und die Alpha-Wellen 20 bis 30 Jahre und 60 bis70 Jahre alter Studienteilnehmer während einer Höraufgabe aufgezeichnet. Dabei zeigte sich zunächst, dass der Ausschlag der Alpha-Wellen älterer Teilnehmer während der Höraufgabe schneller abnahm als bei jüngeren. „Das könnte bedeuten, dass die die älteren Teilnehmer nicht mehr so lange aufmerksam bleiben“, erklärt Malte Wöstmann, der die Studie leitete.

Störgeräusch simuliert Alltagssitation

Die Teilnehmer sollten gesprochene Zahlen hören und per Knopfdruck angeben, ob die zweite Zahl größer oder kleiner war als die erste. Die Forscher überlagerten die gesprochenen Zahlen außerdem mit einem Störgeräusch. Mit diesem Störgeräusch simulierten die Forscher eine Hörsituation wie sie uns im Alltag ständig begegnet. Um zu vermeiden, dass die Ergebnisse aufgrund unterschiedlicher individueller Hörleistungen des Ohrs selbst verfälscht würden, testeten die Wissenschaftler vor der Aufgabe die Hörfähigkeit aller Probanden und passten das Sprachmaterial entsprechend an die Bedürfnisse jedes Einzelnen an. So wurde die Aufgabe für jüngere und ältere Teilnehmer gleich schwer.

Ältere profitieren von höherer akustischer Qualität

Während die Teilnehmer die Zahlenaufgabe lösten, manipulierten die Forscher die akustische Qualität, indem sie bestimmte Frequenzen aus dem Sprachsignal löschten. „Die Stimmen klingen dann wie künstlich generierte Computersprache“, sagt Wöstmann. Zum anderen variierten sie gezielt die Vorhersehbarkeit der Lösung: Wird eine sehr kleine Zahl am Anfang genannt, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass die zweite Zahl eine größere ist. Mit besserer Vorhersagbarkeit wurden ältere und jüngere Teilnehmer schneller beim Lösen der Aufgabe. Anders war es jedoch bei der veränderten akustischen Qualität: Hier profitierten paradoxerweise die Älteren stärker von höherer Qualität und lösten die Aufgaben schneller.

Die hohe Bedeutung der akustischen Qualität für ältere Teilnehmer spiegelte sich auch in den Alpha-Wellen wider: Mit besserer Sprachqualität wurde der Ausschlag der Alpha-Wellen in der Gruppe der Älteren signifikant kleiner als bei den Jüngeren. Offenbar verschiebt sich die Aufmerksamkeit im Alter auf akustische Aspekte des Sprachsignals.

Modulation der Alpha-Wellen beeinflusst Sprachverstehen

Darauf deuten auch die Ergebnisse einer Befragung der Teilnehmer hin. Sie sollten darin ihre Schwierigkeiten einschätzen, einer Person zuzuhören, wenn andere Personen im Hintergrund laut sprechen. Demnach fiel es einem Teilnehmer umso leichter, trotz Hintergrundlärm zuzuhören, je stärker sie ihre Alpha-Wellen im Experiment an veränderte Akustik und Vorhersagbarkeit anpassten. „Die Modulation der Alpha-Wellen beeinflusst damit das Verstehen von Sprache in alltäglichen Hörsituationen“, sagt Wöstmann.

Diese Forschungsergebnisse eröffnen neue Fragestellungen und Entwicklungsmöglichkeiten. „Ich denke hier zum Beispiel an die Möglichkeit, Hörgeräte irgendwann einmal individuell und dynamisch an die Hirnaktivität des Zuhörers anzupassen, um so das Sprachverstehen in anspruchsvollen Situationen zu verbessern“, erklärt Malte Wöstmann die Perspektive für weitere wissenschaftliche Studien, die die Forscher bereits planen.

Originalpublikation:

Neural alpha dynamics in younger and older listeners reflect acoustic challenges and predictive benefits
Malte Wöstmann et al.; The Journal of Neuroscience, doi: 10.1523/JNEUROSCI.3250-14.2015; 2015

25 Wertungen (4.92 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

9 Kommentare:

Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann
Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann

Hörgeräteversorgung ist vor allem ein Geschäft. Wer sagt denn, daß jeder Mensch von Natur aus 100% Hörvermögen hat? Es gibt Leute, die hören mehr, andere etwas weniger, andere Frequenzen besser/schlechter… Die Messungen sind da nur scheinobjektiv.
Leute, die mit diesen komischen, kleinen Dingern im Ohr “besser” hören, brauchen eigentlich kein Hörgerät, weil der Hörverlust noch relativ gering ist. Da die Geräte nur teuer und kein echter Fortschritt sind, werden sie normalerweise nach einiger Zeit in einer Schublade abgelegt.
Wenn jemand wirklich Hörverlust hat, braucht er eine richtige Maschine, und die hat nur hinter dem Ohr Platz. Letzte Schritt wäre halt das Implantant, mit allen Konsequenzen und Kosten von ca. 40.000.-

#9 |
  0
Ärztin

Mein Mann ist seit dem 4ten Lebensjahr schwerhörig, jetzt über 60 ist es zunehmend schwierig, die Hörgeräte sind alles andere als praktisch und von HiFi-Qualität kann man nur träumen. Es wird alles mögliche angestellt, um die Hörgeräte klein zu machen, dabei ist es nur von Vorteil, wenn jeder gleich sieht, daß das Gegenüber ein Problem hat. Im Allgemeinen sind die Hörgeräte so konstruiert, daß die Mikrofone hinten sind und mit einem komplizierten Rechenprozess wird so umgerechnet, als ob der Schall von vorne kommt, nur damit die Geräte kleiner sind.Diesen Platz sollte man doch besser für eine Verbesserung des Klangs verwenden, damit der Hörgeräteträger wenigstens noch eine Ahnung von natürlichen Klängen bekommt….

#8 |
  0
Johann Walter
Johann Walter

Die Kommentare unterstreichen auch meine Erfahrungen mit Hörgeräten. Es gibt Tage, an denen höre ich auch ohne Hörgerät gut. Hörgeräte verstärken Geräusche, verbessern aber kaum die Sprachverständlichkeit. Nachrichtensprecher/-innen sind auch ohne Hörgerät verständlich. Den Unterarm an den Kopf gelegt, verbessert das Hören stärker als ein Hörgerät. Ich kenne kein Medizinprodukt, bei dem Werbung und Wirklichkeit so auseinanderklaffen wie bei Hörgeräten. Da muss sich noch viel tun, damit sich die Geräte adaptiv auf die Umgebungssituation einstellen und die Sprachverständlichkeit fördern.

#7 |
  0

Sehr interessante Ergebnisse, allerdings werden bis zur praktischen Anwendung sicher noch einige Jahre ins Land gehen.

#6 |
  0
Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann
Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann

@ Herr Huberts:

Sehr erstaunlich. Könnten Sie bißchen genauer was zur Technik Ihrer Entspannungsübung sagen? Das wäre nett.

#5 |
  0
Jörg Fricke
Jörg Fricke

Zum letzten Satz des Artikels: Ja, weil Hören (und Sehen) immer aus zwei gegenläufigen Prozessen besteht (bottom-up = Steuerung der Erwartung durch das Wahrgenommene, top-down = Beeinflussung der Wahrnehmung durch das Erwartete). Ich bezweifle allerdings, dass die nur in Alphawellen enthaltene Information spezifisch genug ist.
Eine Alternative ist die bewusste Steuerung des Hörgeräts durch den Hörenden. In dieser Hinsicht war die alte “Ohrtrompete” modernen Hörgeräten überlegen: Der Hörende konnte sie entsprechend seiner Aufmerksamkeit ausrichten. Solange die Gehirn/Hörgeräte-Schnittstelle noch nicht ausgereift ist, sollten Hörgeräte ein Bedienteil haben, mit dem (unauffällig, mit einer Hand) Lautstärke und Richtwirkung gesteuert werden können.

#4 |
  0
Pharmareferent

Ich bin 72 und höre “leider” immer besser. Ein befreundeter Arzt erklärte mir das so: wer regelmässig meditiert ist entspannter. Dessen Minimusklen im Ohr sind auch relaxter und deshalb hört er im Alter besser.
MfG
Arup

#3 |
  0
Weitere medizinische Berufe

Sie haben völlig Recht, Herr Dr. Kinkel, die Lautstärke zu verstärken ist genauso unsinnig, wie einen Schwerhörigen anzuschreien. Er versteht besser, wenn man mäßig laut, aber klar artikuliert spricht und nicht noch den Kopf abwendet oder die Hand vor das Gesicht hält.

#2 |
  0
Dr. med. Burkard Kinkel
Dr. med. Burkard Kinkel

das wäre schön, wenn das mit einem Hörgerät zu beheben ist. Bisher wird eigentlich nur die Lautstärke verstärkt, die bei alten Patienten nachgelassen hat, aber dadurch ist das Sprachverständnis keineswegs verbessert.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: