Virotherapie: Thrill and destroy

10. Februar 2012
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Erste Studien haben gezeigt, dass Viren Krebszellen zerstören können. Allerdings lässt die Wirksamkeit der Therapie zu wünschen übrig. Forscher wollen onkolytische Viren entwickeln, die die Fähigkeit besitzen, zusätzlich Immunzellen gegen den Krebs zu mobilisieren.

Viren sind der Auslöser vieler mehr oder minder gefährlicher Krankheiten. Sie infizieren Körperzellen, vermehren sich darin und töten diese effizient ab. Immer mehr Forscher versuchen deswegen, die zerstörerischen Fähigkeiten der Viren auszunutzen, um gezielt Tumoren zu bekämpfen. Mit gentechnischen Methoden haben sie verschiedene Viren so abgewandelt, dass diese gesundes Gewebe verschonen und nur noch Krebszellen angreifen. Erste Studien an Patienten erbrachten den Nachweis, dass die Virotherapie prinzipiell funktioniert, aber ihre Wirksamkeit noch nicht ausreicht, um Tumoren vollständig zu vernichten.

Ein Forscherteam um Privatdozent Dirk Nettelbeck vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und der Universitäts-Hautklinik in Heidelberg will nun untersuchen, wie die Effizienz der Viren durch eine zusätzliche Aktivierung des Immunsystems verstärkt werden kann. In den vergangenen Jahren haben Wissenschaftler bereits gezeigt, dass das Immunsystem prinzipiell in der Lage ist, Krebszellen zu zerstören. Jedoch dringen gegen den Krebs gerichtete Immunzellen oft gar nicht erst in den Tumor hinein und können so ihre therapeutische Wirkung nicht entfalten. An dieser Stelle könnte die neue Strategie des Heidelberger Teams greifen: “Wir wollen mit Hilfe der Viren die Immunzellen in den Tumor locken, damit sie dort aktiv werden“, erklärt Nettelbeck, der Leiter der Helmholtz-Hochschul-Nachwuchsgruppe Onkolytische Adenoviren am DKFZ und an der Universitäts-Hautklinik in Heidelberg ist.

Viren vermehren sich nur in Melanomzellen

Er hat sich zum Ziel gesetzt, das maligne Melanom – auch als Schwarzer Hautkrebs bekannt – mit Adenoviren zu bekämpfen. Diese Virusart zeichnet sich dadurch aus, dass sie menschliche Zellen zwar gut infizieren, aber keine hochgefährlichen Erkrankungen hervorrufen. “Die Erkältungsviren sind außerdem sehr gut erforscht und lassen sich deshalb leicht manipulieren”, sagt Nettelbeck. Ihm und seinen Mitarbeiter war es so möglich, ein maßgeschneidertes Adenovirus zu schaffen, das in der Lage ist, ausschließlich Melanomzellen zu vernichten. “Wir haben zwei Genschalter in das Erbgut des Virus eingebaut”, berichtet Nettelbeck. “Ein Schalter sorgt dafür, dass sich die Viren nur in Pigmentzellen und sonst in keinen anderen Körperzellen vermehren.” Der andere Schalter, so der Wissenschaftler, unterdrücke die Replikation in den gesunden Pigmentzellen, so dass sich die Viren nur in den entarteten Melanomzellen vervielfältigen könnten.

Im Labor überprüfte Nettelbecks Team die Wirksamkeit der so modifizierten Adenoviren. Dafür schufen sie eine Art künstliche Haut, die sich aus mehreren Schichten gesunder Hautzellen zusammensetzt. In diese verpflanzten die Forscher einzelne Melanomzellen, die daraufhin zu Tumornestern heranwuchsen. Als Nettelbeck und sein Mitarbeiter das künstliche Gewebe mit dem neu entwickelten Adenovirus infizierten, konnten sie beobachten, wie sich der Virus nur in den Krebszellen ausbreitete und diese anschließend durch seine Aktivität zerstörte.

Bindegewebszellen verhindern Ausbreitung der Viren

Auch wenn dieses Modell der Situation im Patienten recht nahe kommt, geht Nettelbeck nicht davon aus, dass die bereits vorgenommenen Modifikationen ausreichen, um den Virus an Melanompatienten wirklich erfolgreich testen zu können. “Im Patienten besteht der Haupttumor aus sehr vielen Tumornestern, die durch normale Bindegewebszellen voneinander getrennt sind” sagt Nettelbeck. In diesen Zellen kann sich unser Virus nicht vermehren und die Infektion breitet sich an dieser Stellen nicht mehr weiter aus.” Außerdem sei es unwahrscheinlich, dass der Virus überhaupt alle eventuell bereits vorhandenen Metastasen erreichen würde.

Damit die Adenoviren ihr zerstörerisches Werk vervollständigen können, möchte das Team um Nettelbeck eine weitere Veränderung im Virus vornehmen. Sie soll bewirken, dass vom Virus befallene Melanomzellen einen Signalstoff produzieren, der Immunzellen anlocken kann. Ihr Hauptaugenmerk legen Nettelbeck und seine Mitarbeiter dabei auf die so genannten Dendritischen Zellen, die eine zentrale Rolle bei der körpereigenen Abwehr spielen. Sie besitzen die Fähigkeit, Bestandteile der Krebszellen aufzunehmen und auf ihrer Oberfläche anderen Immunzellen zur Schau zu stellen. Den passenden Lockstoff für die Dendritischen Zellen haben die Forscher bereits identifiziert. Als nächstes will Nettelbecks Team nun dessen Bauanleitung in das Virus schleusen. Erst dann ist es möglich, im Modellsystem zu überprüfen, ob die neue Modifikation die Effizienz des Virus wirklich erhöht.

Aktivierung der Immunantwort ermöglicht Bekämpfung von Metastasen

Noch befinden sich die von Nettelbeck entwickelten Adenoviren im experimentellen Stadium. Bis sie bei Melanompatienten zum Einsatz kommen können, wird es nach Ansicht des Heidelberger Forschers noch mindestens fünf Jahre dauern. Andere Experten halten Nettelbecks Strategie für sinnvoll: “Wenn man das Adenovirus so weiterentwickelt, dass es zusätzlich eine antitumorale Immunantwort induziert, hat man eine reelle Chance, eine systemische Erkrankung wie das metastasierende Melanom wirkungsvoll zu bekämpfen”, sagt Privatdozent Oliver Ebert, der Leiter einer Arbeitsgruppe an der Technischen Universität München ist und die Einsatzmöglichkeiten von Vesikulären Stomatitis-Viren bei Lebertumoren erforscht.

Auch Privatdozent Per Holm, Leiter der Arbeitsgruppe Onkolytische Adenoviren an der Technischen Universität München, verbindet große Hoffnungen mit der Virotherapie: “Im Vergleich zu Chemotherapie oder Bestrahlung hat die Behandlung mit Adenoviren nur sehr wenige Nebenwirkungen, die Patienten zeigen fast immer nur schwache Erkältungssymptome.” Zudem, findet Holm, seien bei Krebszellen keine Resistenzen gegen Viren bekannt. Das mache ihren Einsatz vor allem dann interessant, wenn andere Therapieansätze aufgrund Resistenzbildung an Wirkung verlören.

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1 Kommentar:

angelika dettmer
angelika dettmer

es ist toll was schon auf den weg gebracht wird,aber möglicherweise gibt es auch noch andere ansatzpunkte
Mykotherapie?

#1 |
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