Zytokinadsorber: Endlich Ruhe vor dem Sturm?

5. März 2015
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Der Zytokinadsorber CytoSorb ist für Krankheiten zugelassen, die mit einem erhöhten Zytokinspiegel korrelieren, wie Pankreatitis oder Influenza. Studien zeigen, dass das Verfahren auch die Sepsistherapie revolutionieren könnte. Was ist dran am „Hype“?

Seit nunmehr vier Jahren ist der Zytokinadsorber CytoSorb in der Europäischen Union zur Behandlung von Erkrankungen zugelassen, die mit einem erhöhten Zytokinspiegel (Zytokinsturm) einhergehen. Dabei handelt es sich in erster Linie um die Sepsis, allerdings wird der wundersame Zylinder auch in der unterstützenden Therapie von Verbrennungen, Traumata, Leberversagen, Pankreatitis, Influenza und ARDS sowie bei operativen Prozeduren klinisch erprobt.

CytoSorb: revolutionär oder rudimentär?

Laut Angaben des Herstellers konnte das Gerät seine Verträglichkeit schon bei über 4.000 Menschen unter Beweis stellen, darunter knapp 300 Patienten mit septischem Schock inklusive einer lebensbedrohlichen Beeinträchtigung der Lungenfunktion (ARDS/ALI). In Deutschland hat CytoSorb bereits zahlreiche Befürworter gefunden und wird landesweit in rund 50 Kliniken regelmäßig eingesetzt. Prof. Karl Träger vom Universitätsklinikum Ulm ist überzeugt: „Mithilfe des Geräts können wir die außer Kontrolle geratene immunologische Abwehr wieder an die Zügel nehmen.“

Im vergangenen Dezember nahm Geschäftsführer Dr. Phillip Chan stellvertretend für den Hersteller CytoSorbents Corporation den vom britischen Konsulat in New York und der britischen Wirtschaftsförderung UK Trade & Investment gestifteten GREAT Tech Award entgegen. Mit dem Preis würdigt die britische Regierung die innovative Technologie von CytoSorb bei der Entfernung von Zytokinen aus dem Blut einerseits sowie das revolutionäre Potenzial für zukünftige Anwendungen andererseits.

Sepsis: Der heimliche Totengräber

In Deutschland entspricht die Sepsis mit über 150.000 Erkrankungen pro Jahr der Summe an Neuerkrankungen von Lungenkrebs und Darmkrebs. In Anbetracht der unverändert hohen Letalität von rund 30 % handelt es sich bei der Sepsis und ihren Folgen, allen voran der schweren Sepsis und dem septischen Schock, außerdem um die dritthäufigste Todesursache in deutschen Krankenhäusern. Auf nicht-kardiologischen Intensivstationen stellen septische Geschehen sogar die häufigste Todesursache dar. Aufgrund ihrer Pathophysiologie steht die generalisierte Entzündungsreaktion (SIRS) jedoch häufig im Schatten des auslösenden Ereignisses.

Ursache sind in den meisten Fällen Infektionen der unteren Atemwege, des Urogenitaltrakts oder des Abdomens. Nach dem Kontakt mit den gestreuten, pathogenen Partikeln schütten immunkompetente Zellen die primären Inflammationsmediatoren TNF-α und IL-1 aus. Auf bisher nicht vollständig geklärte Weise führen diese Zündfunken zu einem Flächenbrand, der von zahlreichen sekundären Mediatoren befeuert wird und zur multiplen Organdysfunktion führen kann. „Das große Problem ist, dass wir der körpereigenen, überschießenden Entzündungsreaktion bisher wenig entgegensetzen können“, beklagt Prof. Träger.

Zylindrisch, praktisch, gut?

Statt den mikrobiellen Fremdling oder etwaige Organdysfunktionen zu bekämpfen, besteht die besondere Funktion von CytoSorb darin, der Hyperinflammation den zytokinen Brandbeschleuniger vorzuenthalten. Das Produkt lässt sich mit herkömmlichen Dialysegeräten und Blutpumpen verwenden, sodass das Blut ohne technischen Mehraufwand durch die Filterpatrone und zurück in den Körper geleitet werden kann. Angesichts einer Flussrate von 200-400 ml/min lässt sich das gesamte Blutvolumen innerhalb von sechs Stunden ungefähr zwanzigmal durch den Zylinder pumpen.

Das Herz des extrakorporalen Adsorbers bilden polymere Kügelchen, die untereinander ein poröses Geflecht bilden. Das Design des Adsorber-Materials ist so konzipiert, dass vorrangig Zytokine mit einem Molekulargewicht von 10-50 kDa abgefangen werden, wie es die meisten relevanten Zytokine, darunter IL-1, IL-6, IL-8, IL-10 und TNF-α, aufweisen. In experimentellen Tests ließen sich bis zu 100 % der Zytokine des angepeilten Spektrums aus künstlich mit Zytokinen angereichertem Blut entfernen.

Viel Lärm um nichts?

Während der Großteil der verheißungsvollen Versprechungen des Herstellers bisher auf Fallstudien und Tierversuchen beruhte, ergattert CytoSorb zunehmend größere Rollen in prospektiven RCT-Studien. Das deutschsprachige Europa zeigt sich dabei besonders experimentierfreudig – mehr als 40 Projekte beschäftigen sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit der Wirksamkeit der blutreinigenden Säule bei diversen Indikationen. Beispielsweise untersuchen Forscher der Universität Leipzig den Einsatz von CytoSorb bei ARDS/ALI-Patienten mit Sepsis, Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf konzentrieren sich dagegen auf den therapierefraktären septischen Schock.

Die einzige bisher abgeschlossene RCT-Studie zum Thema stammt ebenfalls aus Deutschland. In der von CytoSorbents selbst finanzierten European Sepsis Trial (EST) wurde die supportive Anwendung im Vergleich zur etablierten Therapie bei 43 Patienten mit septischem Schock und ARDS untersucht. Im Mittel führte die täglich sechsstündige Anwendung von CytoSorb zu einer signifikanten Reduktion der Zytokine um 30-50 % im Vergleich zur Standardtherapie. Während sich bei Patienten mit besonders hohen Zytokinspiegeln eine deutlich frühere Entwöhnung vom Respirator und geringere Sterblichkeit verzeichnen ließ, zeigten sich bei der Gegenüberstellung der gesamten Kohorten keine signifikanten Unterschiede bezüglich dieser Endpunkte.

Zum Glück in die Zukunft

In seinem Geburtsland konnte CytoSorb bisher nur wenig Fuß fassen. Erst kürzlich erteilte die FDA die Zulassung für eine randomisierte, kontrollierte Pilotstudie zur Behandlung der Rhabdomyolyse, die von der US Air Force getragen wird. Derweil ist CytoSorb hierzulande weiter auf dem Vormarsch und wird in einer weiteren multizentrischen, auf der EST aufbauenden RCT-Studie untersucht, die den Filter und seine Auswirkungen über längere Zeiträume beobachtet. Unter der Schirmherrschaft des Zentrums für klinische Studien in Jena (ZKS Jena) wurde vergangenes Jahr ein internationales Register angelegt, um sämtliche Daten und Ergebnisse zu CytoSorb zentral zu bündeln und somit den Nutzen und die Sicherheit zu optimieren.

Auf der Firmen-Website gewährt CytoSorbents neben den Zukunftsaussichten – Anwendung in der offenen Herzchirurgie und der Immunotherapie bei Krebserkrankungen – auch einen Ausblick auf das geschätzte monetäre Potenzial von 10-15 Milliarden US-Dollar auf dem amerikanischen und europäischen Markt. Dr. Chan legt den Fokus hingegen auf den Zweck der eifrigen Forschungsbemühungen: „Die Daten der kommenden Monate und Jahre werden Ärzten helfen, ihre Patienten optimal mit CytoSorb zu behandeln.“ Angesichts der bis dato spärlichen Evidenz werden diese kommenden Monate und Jahre zeigen, ob CytoSorb die intensivmedizinische Behandlung tatsächlich zu revolutionieren vermag.

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2 Kommentare:

Gast
Gast

Da bin ich ja mal gespannt. In jedem Filtrat findet man Mengen von Zytokinen, die aber ebenso schnell wider nachgebildet werden. Das wissen wir seit vielen Jahren.
Viel Lärm um nichts sagte Sakespeare ;-)

#2 |
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Klingt doch interessant: wenn dadurch die Mortalitätsrate der dritthäufigsten Todesursache deutlich gesenkt werden könnte…

#1 |
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