Demenz: DC-Stimulation triggert Gehirnleistung

28. Januar 2015
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Behandlungen mit Gleichstrom (DC) verbessern bei Patienten mit leichten kognitiven Einschränkungen des alternden Gehirns die Fähigkeit der Wortfindung. Die wiederholte Stimulation könnte die Demenzentwicklung aufschieben und Lernen sowie Gedächtnisbildung beeinflussen.

Weltweit wird die Bevölkerung durchschnittlich älter. Parallel steigt mit der höheren Lebenserwartung das Risiko, an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz zu erkranken. Übergangsstadien zwischen normalem Altern und Demenz, sogenannte leichte kognitive Einschränkungen sind daher zu einem wichtigen Forschungsfeld geworden. Bisher zeigen medikamentöse Behandlungsformen bei beginnenden Leistungsminderungen des Gehirns kaum eine Wirkung. Dennoch bietet der lange Entstehungszeitraum von Demenz oder einer Alzheimererkrankung die Chance, frühzeitig therapeutisch einzugreifen.

Gleichstromstimulation bringt Wortfindung voran

Leichte elektrische Ströme, auf der Schädeldecke angewandt, aktivieren die darunter liegenden Hirnregionen. Nachgewiesen ist: Bei gesunden Menschen verbessert eine solche Hirnstimulation sowohl die Motorik als auch kognitive Funktionen, beispielsweise das Lernen. Auch altersbedingte Defizite lassen sich auf diese Weise beeinflussen.

Forscher um Prof. Dr. Agnes Flöel von der Klinik für Neurologie der Charité konnten nun zeigen, dass eine Gleichstromstimulation die Fähigkeit zur Wortfindung bei Patienten mit leichten kognitiven Einschränkungen voranbringt. Gleichzeitig normalisieren sich entscheidende Verbindungen zwischen aufgabenrelevanten Hirnarealen. Die Funktionen nähern sich wieder dem Zustand des gesunden alternden Gehirns.

Verzögerung von Demenzerkrankungen?

Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass eine wiederholte Stimulation des Gehirns das Voranschreiten dementieller Erkrankungen verzögern könnte: „Gesunde und bereits erkrankte Menschen reagieren gleichermaßen auf die Gleichstrombehandlung. Das deutet auf ein großes Potential hin, auch bei Patienten mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen Lernen und Gedächtnisbildung zu verbessern“, betont Flöel.

Möglicherweise lässt sich die Leistung des Gehirns durch wiederholte Anwendung und in Kombination mit kognitivem Training dauerhaft wieder steigern. Genau dies prüfen die Forscher in aktuell laufenden Studien. Ziel ist es, eine langfristige Verbesserung in alltagsrelevanten Funktionen, wie beispielsweise der Orientierung in einer neuen Stadt, zu erreichen. Künftig sollen zudem heimbasierte Trainings- und Stimulationsverfahren zur Anwendung kommen.

Originalpublikation:

Transcranial direct current stimulation in mild cognitive impairment: Behavioral effects and neural mechanisms
Agnes Flöel et al.; Alzheimer’s & Dementia, doi: 10.1016/j.jalz.2014.07.159; 2014

24 Wertungen (4.29 ø)

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5 Kommentare:

Gast
Gast

Prof. Dr. Roland Glaser, herzlichen Dank, ich hatte schon sowas befürchtet,
weil ich viel über Tiefschall- und Infraschall-Effekt auf die EEG-Veränderungen des Menschen gelesen habe.
Im übrigen, ist die Vorstellung von intellektueller Leistung durch Physik etwas naiv.
Da passt Sauerstoffmangel und Stoffwechselstörung wie Hyponatriämie schon eher.

#5 |
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Gast
Gast

A

#4 |
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Noch ein Nachtrag: heute informierte mich ein amerikanischer Kollege von der neuen Metaanalyse:
Horvath J. C., Forte J. D., and Carter, O.:Evidence that transcranial direct current stimulation (tDCS) generates little-to-no reliable neurophysiologic effect beyond MEP amplitude modulation in healthy human subjects: A systematic review. Neuropsychologia 2015; 66: 213-236
Die Schlussfolgerung: “Our systematic review does not support the idea that tDCS has a reliable neurophysiological effect beyond MEP amplitudemodulation”

#3 |
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DocCheck News Redaktion
DocCheck News Redaktion

Sehr geehrter Herr Glaser,

der Titel der Originalpublikation ist mit einem Link zum Abstract der Studie hinterlegt. Diese finden Sie im Journal “Alzheimer’s & Dementia”:

http://www.alzheimersanddementia.com/article/S1552-5260%2814%2902824-6/abstract

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#2 |
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Leider ist keine Zeitschrift angegeben, so dass ich den Original-Artikel nicht lesen kann. Die Auswertung von nahezu 200 Publikationen zur tDCS ergeben jedoch für mich als Biophysiker das Bild einer Art Elektro-Homöopathie. Alle bisherigen Berechnungen und Messungen zeigen, dass der applizierte Strom wegen des großen elektrischen Widerstandes der Schädeldecke größtenteils über die Kopfhaut, ferner über die Cerebrospinalflüssigkeit kurzgeschlossen wird. Im Gegensatz zur Magnetstimulation (TMS) werden bei tDCS im Oberflächenbereich des Gehirns Feldstärken erreicht, die völlig irrelevant sind, da sie weit unter den dort ohnehin existierenden liegen. Es sind inzwischen auch Metaanalysen erschienen, welche die klinischen Befunde als zweifelhaft erscheinen lassen. Immerhin gibt es kaum eine Krankheit (Demenz, Schizophrenie, Depression, Migräne, Dysphagie, Neurosen…), die man nicht glaubt damit therapierten zu können, oder eine Befindlichkeit, die man behauptet damit zu optimieren (Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Lernoptimierung, Stimulierung sportlicher Leistungen…). Die Firma US-Start-up entwickelt bereits ein per Smartphon steuerbares Headset, das die Lebensleistung durch tDCS erhöhen soll.

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