Studienverkürzung: Wir haben doch keine Zeit!

15. Februar 2012
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Das findet jedenfalls die Europäische Kommission. Nach einem Vorschlag aus Brüssel soll das Medizinstudium europaweit nur noch mindestens fünf anstatt wie bisher sechs Jahre betragen. Die Summe der Unterrichtsstunden soll dabei aber nicht verringert werden. Ist das realistisch?

Die „Richtlinie 2005/36/EG über die Anerkennung von Berufsqualifikationen des Europäischen Parlamentes“ regelt die Ausgestaltung des Medizinstudiums in den europäischen Mitgliedsländern. Bisher hieß es dort, dass die ärztliche Grundausbildung mindestens sechs Jahre oder 5.500 Stunden theoretischen und praktischen Unterricht umfassen müsse. Das soll sich jetzt ändern, wie DocCheck bereits berichtete.

Bald 90 anstatt 72 Semesterwochenstunden?

Die ärztliche Grundausbildung muss zukünftig nur noch fünf Jahre, aber trotzdem 5.500 Stunden Unterricht umfassen. So hätten es jedenfalls gerne die Abgeordneten in Brüssel. Würden einige Länder ihr Medizinstudium dementsprechend verkürzen, müssten auch die anderen aus Konkurrenzgründen nachziehen. Bei einem bereits jetzt schon ausgelasteten Stundenplan mit einer Vielzahl von zusätzlichen Praktika und Famulaturen in den Semesterferien, soll also das gleiche Pensum in noch kürzerer Zeit bearbeitet werden. Wenn dabei das Praktische Jahr in seiner derzeitigen Form erhalten bleibt, müssten die 5.500 Stunden auf acht statt den bisher zehn Semester aufgeteilt werden. Daraus resultiert eine Erhöhung von 72 auf 90 Semesterwochenstunden, die auf die Qualität der praktischen Fähigkeiten und Kenntnisse schlagen würde, rechnet der Medizinische Fakultätentag (MFT) vor.

Zeitliche Verschärfung führt zu sozialer Selektion.

Auf Seiten der Studierenden trifft der Vorschlag auf Unverständnis. „Mein Studium ist jetzt schon total überfrachtet. Die Chance meine Doktorarbeit dabei zu machen, hätte ich dann nicht mehr“, sagt Hanna Schröder, PJ-Studentin in Aachen. Eine Verdichtung des Curriculums auf fünf Jahre lässt sich schwer vorstellen. Zum einen würde das schon jetzt sehr anspruchsvolle Studium insbesondere für lernschwächere, ältere und ausländische Studierende erschwert und so zu einer höheren Abbrecherquote führen. Zum anderen fragen sich die Universitäten wie sie die zusätzlichen Lehrangebote bei bereits jetzt ausgeschöpften Personalressourcen gewährleisten sollen. Darüber hinaus würde durch die Verschärfung der zeitlichen Ansprüche des Studiums ein Nebenverdienst zur Studienfinanzierung erschwert und damit die soziale Selektion gefördert, stellt der MFT fest.

Das Studium sollte eher länger werden.

Nicht ohne Grund laufen Vertreter der Ärzteschaft, Medizinischen Fakultäten und Studierendenschaft in Deutschland und Österreich Sturm gegen den Vorstoß. Die Idee einfach ein komplettes Jahr einzusparen ohne beim Inhalt zu kürzen, erscheint bei näherer Betrachtung unlogisch. Durch wissenschaftlichen Fortschritt und steigenden Anspruch an die Mediziner von Morgen, liegt eher eine Verlängerung des Studiums nahe. Auch Aspekte wie Medizinökonomie und Managementprozesse, die im Alltag immer mehr an Bedeutung gewinnen, haben bisher noch überhaupt keinen Stellenwert in der Ausbildung. In Zeiten in denen sich viele medizinische Ausbildungsberufe akademisieren, erscheinen Rückschritte im Medizinstudium schizophren, finden nicht nur Vertreter der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK).

Einfach PJ weglassen?

Auch eine Abgliederung des Praktischen Jahres auf einen Zeitraum nach dem Studium, wie es etwa im angelsächsischen Raum üblich ist, wäre keine gute Idee. Gerade der Status als Studierender bietet einen optimalen Rahmen für das Erlernen von praktischen Fähigkeit und Vertiefen von Wissen in einem geschützten Umfeld ohne Leistungs- und Kostendruck. Einschnitte würden zwangsläufig zu einer verminderten Ausbildungsqualität und einer damit verbunden Gefährdung der Patientensicherheit führen, die wiederum erhöhte Kosten für das Gesundheitssystem nach sich zögen.

Und warum das Ganze?

Das erklärte Ziel des Vorschlags der Europäischen Kommission ist eine verbesserte Mobilität der Medizinstudierenden innerhalb Europas. Im Sinne einer schrittweisen „Bachelorisierung“ sollen die Studiengänge synchronisiert und angeglichen werden um einen reibungslosen Wechsel zwischen den Universitäten zu ermöglichen. Deswegen soll darüber hinaus auch in der Richtlinie das ECTS-Punktesystem integriert werden um die Anrechenbarkeit der Leistungen zwischen den Nationen zu erleichtern. Grundsätzlich eine gut Idee, aber ob das so der richtige Weg ist?

Ja, ist das der richtige Weg? Was meint Ihr? Die Diskussion in den Kommentaren ist eröffnet!

32 Wertungen (4.81 ø)
Allgemein

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8 Kommentare:

Studentin der Humanmedizin

Ich glaube nicht, dass man den Medizinstudiengang mit anderen Studiengängen vergleichen kann… Wozu auch? Die Europa-Politiker haben in vielen Bereichen ein nahezu krankhaftes Bedüfnis alles zu vereinheitlichen, das wäre echt ein schönes Thema für Verhaltensforscher…
Das Studium auszumisten, besser organisieren – ja!!! Aber nicht um die Zeit, die uns zur Verfügung steht, zu reduzieren, sondern um Freiräume zu schaffen, um während des Studiums auch eigenen wissenschaftlichen Interessen nachgehen zu können… Die Zeit des Studiums ist die einzige, in der wir diese Möglichkeit haben (haben sollten), in verschiedensten Bereichen Erfahrung zu sammeln, später, im Arztberuf, werden wir sie nie wieder haben! Anstatt dessen… Ich könnte eine lange Liste überflüssiger, zeitraubender, sinnloser, unerträglich verschulter Veranstaltungen an meiner Uni zusammenstellen. Ich glaube, jeder von uns könnte das, weil die Scheine, die wir sammeln müssen, einheitlich sind…
Wie dem auch sei – der Vorschlag, das Medizinstudium auf 5 Jahre zu reduzieren, ist nicht nur realitätsfern, es ist schädlich! Uns wird es nicht mehr treffen, aber wir sollten uns trotzdem wehren, für die, die nach uns studieren werden!

#8 |
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Tobias Kuhnert
Tobias Kuhnert

Zum Beitrag von Alexandra, dem ich großteils zustimmen muss, möchte ich doch zu bedenken gebn, dass wir immerhin uns für ein Studium entschieden haben. Also auch etwas über den Tellerrand hinaus etwas lernen möchten. Wenn man jetzt z.b. Die Ch kürzt, weil es ja nicht wirklich wichtig ist die Grundlagen zu verstehen. Oder man streicht einige nicht soo wichtige Teile der Physik… Wie will man dan später nich Forschung betreiben können? Sollen die die Forschen Wollen noch die Naturwisenschaften studieren? Wenn man im Studium kein weiteres Wissen, als das was wirklich klinisch relevant ist, dann kommen wir zu dem Punkt wo der Patient recht hat, der zu einem sagt ” Ach sie lernen Arzt.”
Ist natürlich geschmackssache, wenn der Physiotherapeut dann mehr Phy, die MTA im Labor mehr Ch und so weiter… Wir brauchen auch als Ärzte naturwissenschaftliche Grundlagen.
Also sollten wir das Studium weder kürzen ( bei gleichem Stoffumfang) noch durch weitere auch sinnarme Praktika (ich denke da an Sozialmedizin…) künstlich in die Länge ziehen.

#7 |
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Studentin der Humanmedizin

Naja, Alfons, dabei ergeben sich zwei Probleme mindestens….zum einen, wenn du wirklich so eine volle Woche hast, hast du wie gesagt kaum die Möglichkeit, einen Job anzunehmen. Die Semesterferien sind meistens auch voll mit Praktika und Famulaturen. Woher soll dann das Geld kommen, um einen “Ungehorsam” zu finanzieren? Das ist für viele Studenten dann schonmal ausgeschlossen. Des Weiteren: Wen würde es denn jucken, wenn einige Studenten dann Semester dranhängen? Es funktioniert doch auch im Bachelor/Mastersystem jetzt schon ganz oft nicht, es in Regelstudienzeit zu schaffen. Daran will auch niemand etwas ändern. Man fügt einfach genau diesen Stress in ein noch halbwegs funktionierenden Studiengang ein, damit man wenigstens einheitliche Probleme hat.
Ich persönlich bin der Meinung, wenn man über socleh Sachen entscheidet, MUSS man eine gewisse Kompetenz dafür besitzen, was bedeutet, dass man zum Beispiel selbst Mediin studiert hat. Wenn dies nicht zutrifft, ist es sehr leicht, anderen etwas aufzubürgen, was jetzt schon absehbar kaum schaffbar ist. Ich habe wirklich überhauptr kein Verstöndnis dafür, dass man denen, die wirklich noch ihre Zeit für den Beruf des Arztes opfern wollen, noch mehr Steine in den Weg legt.
Mal davon abgesehen, welche Qualitätseinbußen man dann zu befürchten hätte…

#6 |
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Thomas Widmann
Thomas Widmann

Kann Alexandra Gerhard nur zustimmen. Das Medizinstudium ließe sich ohen Probleme auf 5 Jahre reduzieren, wenn man viele sinnlose Vorlesungen aus der Vorklinik (und teilweise auch Zwischenklinik) streichen würde.

#5 |
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Fabian Eckstein
Fabian Eckstein

Was mir nicht ganz klar wird und worüber ich mich jedesmal ärger, wenn ich davon auch nur höre, sind Vergleiche mit dem Studium im angelsächsischen Sprachraum.
Dort gibt es ein grundlegend anderes Schul- und Studiensystem; in den USA z.B. dauert die Med-School zwar nur 4 Jahre, allerdings geht man davor noch 4 Jahre aufs Colleg und muss hier Chemie, Physik, Bio und Biochemie bis zum Erbrechen lernen. Macht summa summarum 8 Jahre Medizinstudium, statt unserer 6. Das ist bei heutigem Wissensstand wohl eher sinnvoll, als 5 Jahre.

#4 |
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Studentin der Humanmedizin

Danke Peter für diese journalistischen Lichtblicke in den DocCheckNews ;-)

#3 |
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Student der Humanmedizin

Ich halte das für tatsächlich einfachen blödsinn, ich kann es mir auch absolut gar nicht vorstellen, wie auch gerade in der Vorklinik noch MEHR gemacht werden soll!
Neben überladenen Stundenplan und immer höher gesteckten Erwartungen der Profs – gerade Nebenfächer machen sich da ja immer sehr beliebt! – würde eine höher gelegte Messlatte durch noch mehr Lernstoff mich definitiv zu einem Abbruch verleiten. Ich würde saqen das eine grundlegende Reform des gesamten Studiengangs, erneute Revision der Lern- und Lehrmaterials und dann eine klassische Runderneuerung des Studiengangs vielleicht angebracht wäre, aber wie Fr. Gerhard schon erwähnte, im Moment stagniert das ganze ja auf einem einfachen System: Einfach mehr draufpacken, irgendwie geht das schon. Und das ist einfach gesagt einfach nur peinlich für alle.

#2 |
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Altenpfleger

Hat das ein EU-Kommissar schon selbst getestet? Oder auf welcher Kompetenzebene basieren diese “Empfehlungen”?

#1 |
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