Des Arztes neue Wege: Tausche Klinik gegen Bildschirm

21. Januar 2015
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Medi-Aussteiger, die Zweite: Prof. Joachim E. Fischer erzählt DocCheck im Interview, wie er der Klinik den Rücken kehrte, über den Geruch und Geschmack von Harvard, die Gründung seines Start-ups, den inneren Kompass und Sechser im Lotto.

Nachdem wir im ersten Teil unserer Serie zu Medi-Aussteigern mit Andreas Wulf von medico international sprachen, erzählt uns nun Professor Joachim E. Fischer über seinen Ausstieg aus der klinischen Medizin. Fischer studierte Medizin an den Universitäten Freiburg und Heidelberg und ist nach langer klinischer Laufbahn seit 2006 Leiter des Mannheim Institute of Public Health. Daneben berät er sein eigens gegründetes Start-up HealthVision, das im betrieblichen Gesundeitsmanagement tätig ist.

Der Bereich des Gesundheitsmanagements scheint, nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, für „Aussteiger-Ärzte“ besonders interessant zu sein. So fand das sogenannte Rambøll-Gutachten zum „Ausstieg aus der kurativ-ärztlichen Berufstätigkeit in Deutschland“ heraus, dass mit 20 % der Großteil der „Aussteiger-Ärzte“ im Gesundheitsmanagement landet, gefolgt von den Bereichen Arbeitsmedizin, gutachterliche Tätigkeit und Forschung. Prof. Fischer betont im Vorfeld des Gesprächs allerdings, dass er niemanden davon abhalten wolle, klinisch tätig zu sein. Er selbst habe sich früher nie vorstellen können, Wissenschaft zu machen, sein Lebenslauf sei an vielen Stellen vielmehr, durch das Zutun anderer, durch Zufälle und Glück beeinflusst worden.

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Professor Joachim E. Fischer

DocCheck: Sie waren Kinderarzt. Wann haben Sie das letzte Mal einen Patienten gesehen?
Prof. Joachim E. Fischer:
Am 31. Mai 2001.

DocCheck: Am 31. Mai, das wissen Sie noch ganz genau?
Prof. Fischer: Zum ersten Juni vor vierzehn Jahren wechselte ich auf eine reine Forschungsstelle und meine klinische Tätigkeit als pädiatrischer Intensivmediziner erlosch.

DocCheck: Vermissen Sie in Ihrer täglichen Arbeit den Patientenkontakt?
Prof. Fischer: Das werde ich oft gefragt. Meine Frau fand die Fallgeschichten aus der Intensivstation spannender als das Entwickeln von Präventionskonzepten. Woran ich heute arbeite, sind im weitesten Sinne Sozialarchitekturen. Was kann ein Unternehmen dazu beitragen, dass Mitarbeiter gesund bleiben? Das ist genauso komplex und herausfordernd, wie bei Intensivpatienten eine interdisziplinäre Behandlung zu koordinieren. Heute behandle ich nicht mehr einzelne Patienten, sondern versuche, für viele Menschen etwas zu erreichen.

DocCheck: Wenn Sie auf Ihr Studium zurückblicken: Haben Sie schon früh über andere Wege nachgedacht? Was hat Sie begleitet?
Prof. Fischer: Von Anfang an hat mich die Frage beschäftigt, wie Psyche und Körper zusammenhängen. Und, wie man komplexe Zusammenhänge Menschen einfach und doch richtig erklären kann. Neben dem Studium fotografierte ich und schrieb Reiseberichte. Im PJ in Neuseeland kam vor über 30 Jahren beides zusammen: Das letzte Studienjahr und ein Auftrag, einen Reiseführer zu schreiben.

DocCheck: Haben Sie manchmal daran gezweifelt, dass das Studium das Richtige ist?
Prof. Fischer: Das oszillierte durchaus. In der Ärzteschwemme Anfang der 1980er Jahre verdiente ich tatsächlich rascher mein Brot mit Fotografie und Schreiben. Der Schlüssel für die Begeisterung für den Arztberuf war die Wertschätzung und Einbindung als anzulernender, zukünftiger Assistenzarzt im PJ in Neuseeland. Das konsequente problemorientierte Bedside-Teaching in praktischen Fähigkeiten kannte ich so aus Deutschland nicht.

DocCheck: Und damals fiel Ihr Entschluss, Kinderarzt zu werden?
Prof. Fischer: Er reifte. Die Kinderärzte auf der Intensivstation in Christchurch in Neuseeland beeindruckten mich sehr. Aber dass ich tatsächlich Neonatologe wurde, verdanke ich einer Kette von Zufällen und nicht dem Schreiben vieler Bewerbungen. An kritischen Punkten meines Berufswegs war jeweils gerade eine Stelle frei, auf die ich zu passen schien. Was ich mich im Rückblick oft frage ist, wie es kam, dass diese Stelle und ich zusammenfanden. Wenn ich die Zufälle mit Wahrscheinlichkeitstheorie betrachte, dann ist der Lebensweg unwahrscheinlicher als sechs Richtige im Lotto. Vielleicht hat es etwas mit der inneren Offenheit zu tun, sich auf Neues einzulassen und dem eigenen Kompass treu zu bleiben. Karrieren zu planen, halte ich für schwierig.

DocCheck: Heute arbeiten Sie als Professor für Public Health und beraten ein von Ihnen gegründetes Unternehmen. Das ist keine Kinderintensivmedizin. Wann war Ihr heutiger beruflicher Weg für Sie absehbar?
Prof. Fischer: So vor etwa 15 Jahren. Vier Jahre zuvor verlangte der neu gewählte Chef des Universitäts-Kinderspitals Zürich vom mir, mich zeitnah zu habilitieren oder ich würde die Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz verlieren. Das traf mich zu einem Zeitpunkt, an dem ich eigentlich entschieden hatte, keine Forscherkarriere zu machen, sondern Kliniker zu bleiben. So bewarb ich mich mit knapp 40 also an der Harvard School of Public Health auf eine Ausbildung in Forschungsmethodologie. Das Studium in Harvard infizierte mich mit dem Nachdenken über Prävention und Gesundheit. Dazu kam eine Chance, am Institut für Verhaltenswissenschaft der ETH Zürich eine Arbeitsgruppe aufzubauen, zur Frage, wieso psychisch belastende Arbeitsbedingungen einen biologisch rascher altern lassen. Dort schloss sich der Kreis zu meinem Interesse an Psychosomatik aus dem Studium. Gleichzeitig wurde 2001 eine Teilzeitposition für einen Forschungsmethodologen an der Abteilung Wachstum und Entwicklung der Kinderklinik frei. So gab ich die klinische Arbeit auf.

DocCheck: Das war dann ja eine ziemliche Kehrtwende. Wie wurde denn die Idee geboren, gerade nach Harvard zu gehen?
Prof. Fischer: Das ist einer der vielen glücklichen Umstände in meinem Leben. Kurz nach der Ansage des neuen Klinikchefs fuhr ich mit Freunden in die Toscana. Einer der Mitreisenden kam gerade aus Harvard zurück und erzählte begeistert von dem Programm. Also flog ich im Herbst 1996 über Boston und schaute mir das genauer an. Ich ging die Longwood Avenue herunter, schaute mir an, wo das New England Journal wohnt, wie es dort riecht, wie es schmeckt und ob ich mich wohl fühle.

DocCheck: Es klingt eigentlich so, als wären Sie in Zürich mit Ihrer Arbeit sehr zufrieden gewesen. War die Gründung von HealthVision 2005 dann wieder ein Zufall?
Prof. Fischer: Vielleicht kein Zufall, sondern eine logische Konsequenz. Die ETH gründet jedes Jahr 15 bis 20 Spin-Off-Unternehmen. Wir hatten am Institut eine ganzheitliche Gesundheitsuntersuchung mit ausführlichem persönlichen Bericht für alle Teilnehmer entwickelt. Die ETH unterstützte uns in der Gründung eines Unternehmens mit Teilzeit-Büro-Miete und Infrastruktur-Miete. Da mit der Pensionierung des Institutsleiters auch das Institut aufgelöst werden würde, war das ein mögliches Standbein für mich.

DocCheck: Würden Sie die Motivation und Idee hinter Ihrem Start-up einmal umreißen?
Prof. Fischer: Anfangs war es die Idee des Manager-Checks für alle. Wir wollten, dass jeder Mitarbeiter seine individuelle Gesundheitsgeschichte geschrieben bekommt. Wir fertigen heute einen 20- bis 28-seitigen Befundbericht, der verständlich erklärt, was zum Beispiel LDL ist und was der angegebene LDL-Wert für den Mitarbeiter persönlich bedeutet. Den Unternehmen liefern wir Auswertungen über ihre Abteilungen, die auch die psychischen Belange mit einschließen. Denn nur was man misst, kann man auch managen.

DocCheck: Ihr Vorteil gegenüber anderen Unternehmen im betrieblichen Gesundheitsmanagement war also die Individualisierung und Allgemeinverständlichkeit?
Prof. Fischer: Richtig, ursprünglich war das so. Inzwischen entwickeln wir aber Messinstrumente für die Gesundheit der Mitarbeiter und beraten Unternehmen strategisch. HealthVision ist zu einer Art Transferinstitution geworden, die die Lücke zwischen der Wissenschaft und der Praxis in beide Richtungen zu schließen versucht.

DocCheck: Und da kommt der Kliniker in Ihnen durch?
Prof. Fischer: Ja, da werde ich wieder zum Arzt. Ich suche den therapeutischen Effekt.

DocCheck: Sie selbst arbeiten heute sehr interdisziplinär. Kann man den Wert von Interdisziplinarität durch eine gute Lehre vermitteln?
Prof. Fischer:  Zumindest in der Frage, wie wir mehr Gesundheit in der Bevölkerung erreichen, kommen wir gar nicht anders voran, als Soziologen, Stadtplaner, Mediziner, Psychologen, Verhaltenswissenschaftler und Ökonomen zusammenzubringen. Alle sprechen ihre eigene Sprache. Damit das Zusammenbringen gelingt, muss man zwei Bereitschaften mitbringen. Die erste Bereitschaft ist, andere Sichtweisen zu achten und Menschen zu mögen, die zweite ist eine notorische Neugier: Könnte sich jenseits meines Wissens- und Fachhorizonts die Lösung für das Problem verstecken? Man kann solches Denken beispielsweise dadurch fördern, die Fächer in der Medizin nicht mehr unabhängig voneinander zu lehren, sondern in themenbezogenen Modulen zu integrieren, so wie wir es hier in Mannheim versuchen. Ich glaube, das kann dem Medizinstudium sehr gut tun.

DocCheck: Herzlichen Dank für das Interview.

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