23andMe: Spuckverbot gelockert

10. Februar 2015
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Mit günstigen Gentests für alle machte 23andMe Schlagzeilen, bis die FDA einen Riegel vorschob. Die Einschränkungen werden jetzt teilweise wieder aufgehoben – weil der Sequenzierer wissenschaftliche Erfolge nachweisen kann.

Gene, aber günstig: Für nur 99 US-Dollar konnten User bei 23andMe zahlreiche Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNPs) mit medizinisch-pharmazeutischer Relevanz in ihrem Erbgut untersuchen lassen. Ende 2013 musste die Gentest-Firma ihren Betrieb teilweise einstellen. FDA-Angaben zufolge fehlten Zulassungen für gesundheitsbezogene Selbsttests. Es gebe keine Sicherheit, dass korrekte Ergebnisse geliefert würden, hieß es weiter. Daraufhin wurden nur noch Verwandtschaftsverhältnisse ermittelt und Rohdaten weitergegeben, ohne jegliche Interpretation. Kunden werteten ihre Daten trotzdem aus, etwa über die Plattform openSNP. Mitte 2014 startete 23andMe einen neuen Anlauf bei der FDA, um das Bloom-Syndrom künftig zu diagnostizieren. Anne Wojcicki, CEO des Konzerns, sprach von „weiteren Kooperationen mit Wissenschaftlern, Hochschulen und NGOs“, um genetischen Daten ihre Geheimnisse zu entlocken.

Beeindruckende Bilanz

Dazu ein paar Highlights aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen: Haben Patienten nur eine intakte Kopie von NPC1L1, verringert sich ihr Risiko, an Herzinfarkten zu versterben, um 50 Prozent. Das Gen erwies sich gleichzeitig als Target von Ezetimib, einem Inhibitor der Cholesterolabsorption. Entsprechende Mutationen traten nur bei 82 von 113.000 Personen auf. In gesundheitlichem Kontext ist auch das FTO-Gen interessant. Probanden mit zwei funktionsfähigen Kopien griffen häufiger zu kalorienreichen Nahrungsmitteln als Personen, die keine oder eine intakte Version dieses Abschnitts hatten. Studienautor Madhav Thambisetty hält Zusammenhänge mit der Gehirnaktivität für denkbar, etwa über die Impulskontrolle und die Wahl von Lebensmitteln. Neben genetischen Prädispositionen spielen bei Adipositas Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle, auch bei Veröffentlichungen zu Asthma beziehungsweise Heuschnupfen. Mit genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) gelang es Forschern, elf Varianten im Erbgut zu entlarven, die mit beiden Krankheitsbildern assoziiert sind. Als Basis dienten rund 15.000 Datensätze von 23andMe-Kunden. Unter ihnen litten 6.685 Menschen an beiden Krankheiten. Prädiktive Faktoren helfen Ärzten, frühzeitig bei Risikopatienten zu intervenieren. Weitere Studien beleuchten Zusammenhänge zwischen Ethnien, Abstammungen und dem Erbgut bei US-Bürgern.

Spritze vom Staat

Von diesen Resultaten beeindruckt, öffneten auch die National Institutes of Health (NIH) ihre Brieftasche. Eine Kehrtwende: Nach früheren Sanktionen durch die FDA gehen staatliche Institutionen plötzlich auf Kuschelkurs. Um genetische Ursachen von Krankheiten zu erforschen, erhält 23andMe genau 1,4 Millionen US-Dollar als Unterstützung. Mit dem Budget sollen Umfrage-Tools beziehungsweise Gen-Datenbanken ausgebaut werden. Alles seriös und gut? Offensichtlich ja, und viele Kunden des Konzerns gaben an, genetische Resultate anonymisiert der Forschung bereitzustellen. Sie fühlen sich getäuscht.

Kritische Kooperationen

Zum Hintergrund: Dass sich mit 99 US-Dollar pro Sequenzierung kein großer Reibach machen lässt, erstaunt niemanden. Noch dazu gibt 23andMe molekularbiologische Leistungen außer Haus. Im Januar äußerte sich Wojcicki, wohin die Reise ihrer Strategie zufolge gehen wird. Sie wolle künftig mit „neuen Partnern zusammenarbeiten“, um Prävention, Diagnostik und Therapie zu optimieren. Ihre Andeutungen haben sich jetzt bewahrheitet. 23andMe wird künftig mit Pfizer kooperieren. Der Pharmakonzern erhält Zugriff auf Sequenzen aller Kunden, die eingewilligt haben, Forschungsprojekte zu unterstützen. Thematisch geht es um eine neue Studie zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn. Kein Einzelfall: Reset Therapeutics hat ebenfalls Interesse bekundet. Der Konzern arbeitet an Möglichkeiten, zirkadiane Rhythmen pharmakologisch zu beeinflussen. Und Genentech, ein Tochterunternehmen von Roche, will die Daten von Parkinson-Patienten auswerten. Insider sprechen von einem Kooperationsvertrag über 60 Millionen US-Dollar. Betroffene äußern in Foren Kritik an der monetären Ausrichtung von 23andMe. Sie hätten nur zugestimmt, Sequenzdaten an Hochschulen, außeruniversitäre Einrichtungen beziehungsweise NGOs weiterzugeben und fühlen sich in gewisser Weise verraten. Hinter dem Community-Gedanken, wie er etwa von „Quantified Self“-Anhängern gelebt wird, steht immer, der Allgemeinheit kostenfrei Informationen zur Verfügung zu stellen. Von veritablen Datenbörsen war nie die Rede. Usern bleibt nur, dem Konzern 23andMe zu vertrauen – oder ihre Einwilligungen zurückzuziehen. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Von neuen Arzneistoffen profitieren früher oder später auch Patienten. Ihre Sequenzdaten sind ein wertvoller Beitrag, gerade bei seltenen Erkrankungen.

46 Wertungen (4.2 ø)

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7 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Ich bin grundsätzlich neugierig über JEDEN diagnostischen Fortschritt.
Insbesondere, wenn er bezahlbar wird und damit auch dem Patient nützen kann.
Nichts anderes ist Naturwissenschaft. Der Mensch ist kein Auto, dessen Konstruktion bekannt ist.
Es wird doch immer “individualisierte” Medizin verlangt!

mfG

#7 |
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@ Heilpraktikerin Ursula Tüffel:
Bitte um mehr von diesen exzellenten wissenschftlichen Erkenntnissen!

#6 |
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Naturwissenschaftler

Schön, Frau Tüffel, dass Sie den Nocebo-Effekt ansprechen (“denn Angst macht krank.”)
Irritierend nur, dass Sie ihn gleich selbst anwenden (“Pharmaindustrie …verdient am Test und dann an den Krankheiten, die sie herbeirief”).
Schade, dass Sie Ihre Kenntnisse zu Genetik und Molekularbiologie entweder vergessen oder aus zweifelhaften Quellen bezogen haben (vergl. auch #4).
Gefährlich, wenn Sie dies beides in Ihrer Arbeit als Heilpraktikerin so an Ihre Kunden weitergeben (“Die Pharmaindustrie, “Schulmedizin” etc. macht krank, ebenso wie böse Umweltfaktoern sie sich in die Gene einbrennen, ganz zu schweigen von “Gen-“Tomaten,” etc. pp). Aber da achten Sie sicher drauf….
Stimme Ihrer Forderung nach Aufklärung vor jedem Test sehr gerne zu.

#5 |
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Gast
Gast

Gegen Gene gibt es irrationale Bedenken, wie gegen Strahlung, den Klimawandel und zunehmend auch Krankheitskeime,
allerdings werden damit merkwürdigerweise (fast) immer Ärzte gemeint.
Keine Bedenken gibt es dagegen gegen Tötungen aller Art.

#4 |
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Gast
Gast

@#1 Gene passen sich nicht an, die DNA Sequenz bleibt immer gleich (abgesehen von Retroviren, Mutationen usw ;-). Somit sind die SNP Bestimmungen keine Momentaufnahme.

Gene können inaktiviert werden (Methylierung -> Epigenetik) und dadurch eine “Anpassung” ermöglichen. Hierbei wird aber das Gen als solches in seiner Sequenz nicht verändert.

Den weiteren Aussagen stimme ich aber gerne zu.

#3 |
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Dipl. Ing. Frank Kirchner
Dipl. Ing. Frank Kirchner

Egal was andere sagen. Ich verdanke diesem Test vermutlich viele Jahre meines Lebens. Ich wusste vorher gar nicht was ein Alpha-1-Antithrypsinmangel ist. Ich habe es. Sogar eine schlimme Form. Aber unglaublicherweise durch 23andme sehr frühzeitig entdeckt. Jetzt kann ich handeln und uralt werden (meine Gene sagen übrigens auch aus dass ich über 100 werden kann…

#2 |
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Matthias Zepper
Matthias Zepper

Bitte verwechseln sie nicht Sequenzierung und Genotypisierung! Auch die NGS-Technologien machen rasante Fortschritte und das 1000$ Genom ist quasi erreicht, aber 23andme bietet bislang ausschließlich Genotypisierungen an. (https://customercare.23andme.com/hc/en-us/articles/202904600-What-is-the-difference-between-genotyping-and-sequencing)

Bezüglich der Anonymisierbarkeit von genomischen Daten sei auf einen interessanten Artikel in einer kürzlich veröffentlichte Sonderausgabe von Science verwiesen: http://www.sciencemag.org/content/347/6221/501.summary

#1 |
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