Kardiales Risiko: Späte Reue bringt nichts

16. Februar 2012
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Wer seine Herzrisikofaktoren kappt, wähnt sich oft auf der sicheren Seite. Doch die Sicherheit ist gerade für Menschen mittleren Alters trügerisch: Laut US-Autoren ist das Fünf- oder Zehnjahresrisiko möglicherweise gering, nicht aber das Lebenszeitrisiko.

Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress, Rauchen und mehr – in der Prävention von Herzkreislauferkrankungen zählt jeder Risikofaktor, der eliminiert werden kann. Solange noch keine körperlichen Veränderungen und Schäden feststellbar sind, ist noch nichts passiert – Umdenken und Verhaltensänderungen hin zu einem gesunden Lebensstil sind die beste Garantie für ein langes Leben.

Dies sei falsch – so die Meinung von Kardiologen um Jarret Barry des University of Texas Southwestern Medical Center. Denn der gegenwärtige Ansatz in der Herzprävention ist, nur die kurzzeitigen Herzrisiken zu ermitteln. Nur wenige Studien, z.B. eine Untersuchung aus dem Jahr 2006 mit Teilnehmern der Framingham-Studie beleuchten das Langzeitrisiko genauer. Frühe Lebensentscheidungen könnten große Auswirkungen auf das restliche Leben haben und das verhält sich mit dem Herz nicht anders. Risikofaktoren der jungen und mittleren Lebensjahre wirken sich auf die gesamte Lebenszeit aus, ergab eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studienanalyse der Wissenschaftler.

Jeder Risikofaktor zählt

Der Analyse des Lebenszeitherzrisikos zugrunde liegen die Daten von 18 Kohortenstudien, die im Cardiovascular Lifetime Risk Poolung Project gesammelt wurden. Die Daten sind Teil einer 50 Jahre andauernden Untersuchung. Erfasst wurden Risikofaktoren wie Blutdruck, Cholesterinwerte, Diabetes und Rauchen von über 250.000 Menschen, Männer und Frauen im Alter von 45, 55, 65 und 75 Jahren. sowie der kardiovaskuläre Krankheitsstatus. Für jede Alterskategorie wurde das Risiko kardiovaskulärerer Ereignisse ermittelt.

Ein optimales Risikoprofil war definiert als Cholesterinwert ˂180 mg/dl, Blutdruck ˂120/80 mmHg, Nichtraucherstatus und kein Diabetes. Bei diesem optimalen Risikoprofil im Alter von 55 Jahren ist das Lebenszeitrisiko (bis zum Alter von 80 Jahren) an einer kardiovaskulären Erkrankung zu sterben mit 4,7 Prozent für Männer und 6,4 Prozent für Frauen gering. Mit zwei oder mehr Risikofaktoren steigt das Todesrisiko aufgrund von Gefäßkrankheiten auf 29,6 Prozent bei Männern und 20,5 Prozent bei Frauen. Eine koronare Herzkrankheiten oder einen nicht tödlichen Herzinfarkt erleiden 3,6 Prozent der Männer und weniger als ein Prozent der Frauen, sofern sie keine Risikofaktoren aufweisen. Bei jenen mit zwei oder mehr Risikofaktoren sind dies 37,5 Prozent der Männer und 18,3 Prozent der Frauen.

Wer hat keinen Risikofaktor?

Noch drastischer ist der Vergleich der Risken 45-Jähriger. Ein Mann dieses Alters ohne Risikofaktoren trägt nur ein Risiko von 1,4 Prozent, bis zum Alter von 80 Jahren an einer kardiovaskulären Erkrankung zu sterben. Bei zwei oder mehr Risikofaktoren erhöht sich das Risiko auf 50 Prozent. Bei Frauen beträgt der Unterschied 4,1 versus 31 Prozent.

Berücksichtigt man wie in den meisten Studien nur die Fünf- oder Zehnjahresrisiken, ist das Risiko 50-Jähriger mit Risikofaktoren eher gering, bemängeln die Studienautoren. Auch nur ein geringgradiger Anstieg von Risikofaktoren wie leicht erhöhte Cholesterinwerte oder Blutdruckwerte lässt das Risiko signifikant ansteigen. Die meisten Studienteilnehmer wiesen mindestens einen Risikofaktor auf.

Hinsichtlich der Prävention kardiovaskulärer Ereignisse verdeutlichen die Ergebnisse, dass nur das Meiden von Risikofaktoren im jungen und mittleren Lebensalter Herzkreislauferkrankungen markant senken könnte. Erst später in mittlerem Alter entdeckt und behandelt lassen sich Risiken nur noch reduzieren und Krankheiten verzögern.

116 Wertungen (4.11 ø)
Kardiologie, Medizin

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15 Kommentare:

Hat denn keiner das Risikofaktorenkonzept verstanden? Durch bestimmte Umstände ist ein gegebenes Risiko multipli-kativ erhöht. Deswegen die Bezeichnung Faktor. Keiner kann dagegen schlüssig behaupten, dass eine Verkleinerung die-ses Faktors das bisherige Risiko in der Zukunft verrin-gert. Idealgewichtige werden älter als Übergewichtige. Ab-nehmen ist aber gefährlich. Der Risikofaktor “Übergewicht in der Vergangenheit” wird durch Abnehmen nicht verändert. Über die fernere Lebenserwartung kann man sich in der letz-ten Spalte der Sterbetafel informieren. Die Mortalität findet sich in der dritten Spalte.

#15 |
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Homocystein:
Risikofaktor? Meistens ja.
Senkung möglich? Ja.
Hierdurch Verbesserung der Prognose? Hat leider bisher keiner nachgewiesen. Daher wird eine Therpie sowohl von der deutschen (DGK) als auch von der europäischen Kardiologiegesellschaft (ESC) nicht regelhaft empfohlen.
Was den monetären Aspekt angeht, so kostet ein Nikotinverzicht nichts und die Gabe von ASS so gut wie nichts.

Zum Artikel:
Schön das hier nochmal mit Zahlen belegt wurde, was man nun eigentlich schon lange weiß. Je länger cardiovaskuläre Risiken bestehen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit an einer Gefäßerkrankung zu erkranken. Es fällt mir jedoch schwer herauszulesen, dass ein Minimieren von Risikofaktoren keinen positiven Effekt bringt – und wenn dadurch das Risiko nur in dem Bereich gehalten wird, zu dem Zeitpunkt als das Leben umgestellt wurde.

#14 |
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Ich finde den Artikel sehr interessant im Hinblick auf das kardio-vaskuläre Risiko.Es ist bekaqnnt daß das Risiko eines Blasenkarzinom,s im Alter bei Menschen die in ihrer Jugend intensiv geraucht baben erhöht ist.

#13 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

Es liegt mit fern Sie zu kritisieren, dennoch tue ich es !!!
immer wieder humorvoll die beiträge zu lesen.
danke an alle rezensenten !!!!!!

#12 |
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Die Statistiken der Framingham Studie sind eindeutig und immer gut für den moralischen Zeigefinger. Was hat das mit der Alltagsrealität eines jungen Menschen zu tun zumal der in der normalen Sprechstunde nicht auftaucht? Soll man einem 30jährigen empfehlen wie Oma und Tanten sich den Blutdruck zu messen? Der zeitgeistig etwas sprapazierte Lifestyle ist wichtiger. Es ist nicht der Rotwein sondern dass Franzosen sich mehr Zeit zum Essen nehmen und auch bereit sind hierfür mehr Geld auszugeben und auch mal ein kleineres Auto zu fahren. Es ist auch nicht die Omega 3 Säure im Fisch der Lappen sondern weniger Stress, geregelte Tagesabläufe und Statusgläubigkeit. Passend hierzu eine jüngere kardiologische Studie, dass Herzinfarkte ohne Vorgeschichte heftiger verlaufen. In der Gefäßchirurgie ist der Benefit durch eine Kollateralisierung tägliche Erfahrung. Also Sekundärprophylaxe macht Sinn!

#11 |
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Ärztin

@Nr. 7: So ein wenig freudlos hören sich ihre Empfehlungen bereits vor Beginn der Fastenzeit schon an, wobei die “Kappung der Wurzel allen Übels” unter Vorbenennung der Missetaten, die Mütter (!) ihren Kindern antun doch ein klein wenig tendenziös klingt. Es stellt sich außerdem die Frage, inwieweit sie vom Durchschnitt der Ernährungsgewohnheiten von Kindern überhaupt Bescheid wissen, wobei Sie als Zahnarzt sicherlich von der Spitze des Eisbergs mehr betroffen sind als von der Basis.
Für uns Ärzte springen auch schlechte Ernährungsgewohnheiten, verbunden mit mangelnder Zahnhygiene ins Auge, insbesondere in sozial benachteiligten Familien. Insofern ist die Klasse meiner beiden 9-jährigen Kinder sicher herausgehoben. Bodenständiger Mittagstisch findet dort statt, gesunde Ernährung ist zwar ein Thema, Kuchen an Geburtstagen aber natürlich auch, und die Vesper im Hort ist auch oft ein Gemisch aus Obst und Kuchen. Übergewichtig ist in dieser Klasse nur ein Kind, 2 haben Zahnfüllungen (was in meiner Generation in dieser Altersgruppe Standard war!), die Mutter eines dieser beiden Kinder arbeitet übrigens im Bio-Laden. Butter meiden die meisten Kinder wie der Teufel das Weihwasser (wobei mein Sohn mit 130cm und 22kg durchaus das eine oder andere Gramm Fett vertragen würde) und erst gestern fiel mir auf, dass nachmittags den Rest der spendierten Schokolade und der (natürlich selbst gemachten) Erdbeermilch Mama vernascht hat, weil die 3 Kinder nach einem Riegel und einem Glas von selbst genug hatten (zuviel Brot und Müsli morgens? Zuviele Nudeln mittags?). Und trotzdem werden später mal einige dann erwachsene Kinder dieser Klasse trotz fehlender Risikofaktoren wie Übergewicht, mangelnde Bewegung und Rauchen kardiovaskuläre Erreignisse erleiden. Nach Ihrer Theorie, weil sie seit Generationen von qualmenden, saufenden und sich dopenden Mütter mit Fleisch, Brot, Kuchen und Sahne vergiftet werden.
Ein logischer schneller Schluß: Kann ja nicht so schlimm sein, sonst wäre die Lebenserwartung meiner Kinder nicht höher als die meinige (Jahrgang 62)

#10 |
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angela ingwersen
angela ingwersen

@5: bitte nennen Sie die Bezeichnung dieser Testmöglichkeit!
Vielen Dank!

#9 |
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Prof. Dr. med. Klaus Held
Prof. Dr. med. Klaus Held

Guter Bericht über einen innovativen Ansatz der Autoren.
Schade angesichts der demograf.Entwicklung, dass nicht über die höheren Altersgruppen(> 55 Jahre)berichtet wurde. “Lohnt” sich da noch Prävention?

#8 |
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Die Wurzeln des Übels liegen noch tiefer als im jungen und mittleren Lebensalter. Sie gehen erstens bis in die Gene zurück, wo bereits seit Generationen Präferenzen für bestimmte Risoikofaktoern wie Alkohol und Nikotin angelegt wurden. Zweitens wird der Embryo im Uterus von rauchenden, trinkenden und Medikamenten einnehmenden Müttern programmiert. Um schließlich drittens im Säuglingsaltzer durch sich von mit Kuchen und Sahne, Fleisch und Brot vergiftenden Müttern auf diese Risikofaktoren kondiitioniert zu werden. Damit haben unsere Kinder kaum eine realistische Chance diesen Risikofaktoren für HKH zu entkommen. Ein “Erbübel” seit (krankem) Menschengedenken. Nur wer die Wurzeln dieses Übels kappt, kann erleben wie sich das Risiko dieser “Volkskrankheit” nachhaltig senken lässt.

In jedem Alter.

Kratofiel
Matthias-Georg
Dr med dent Zahnarzt/
Ernährungsmediziner
Hattingen
02324-52600

#7 |
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@5: Können Sie mir eine private Nachricht darüber zukommen lassen?

#6 |
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Dipl.Kfm. Kurt Maier
Dipl.Kfm. Kurt Maier

Homocystein wird schon getestet (zumindest bei mir) und die Vit. B Therapie kostet wirklich nicht zu viel verglichen mit einer VCD Therapie. Ebenfalls fast unbekann ist der Zusammenhang zwischen einer chronischen Parodontitis und cardiovaskulären Erkrankungen. Bis vor kurzem musste man sich hier auf die Zahnärzte verlassen. Doch auch dort wird Parodontitis kaum diagnostiziert. Die Zahlen der Deutschen Mundgesundheitsstudie DMS IV mit mehr als 45% Betroffenen in erwachsenen Bevölkerung sprechen für sich. In eigener Sache: Ein neuerdings verfügbarer non invasiver Test (Mundspülung) kann überall schnell durchgeführt werden und gibt jedem Arzt Auskunft über den lokalen Entzündungsstatus im Mund.

#5 |
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Homocystein?
¿http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/bjs.1800820604/abstract¿
Es ist längs bekannt, aber kaum ein ¿Allgemeinmediziner¿ erwägt es oder führt einen Test durch. (Die Tests sind erschwinglich!):
Die Therapie liegt im CENT-Bereich!
Und wir wären EINEN CardioVascululären Faktor los!

#4 |
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Liebe Kollegin Wegener,
ich finde den Artikel, auch wenn er wie Sie sagen keine neue Botschaft liefert, trotzdem interessant. Schade ihn einfach so “abzubügeln” und Glückwunsch, dass Sie so auf dem Laufenden sind. Es liegt mit fern Sie zu kritisieren, aber ich generell bieten die Artikel einen guten Überblick und ich schätze die Arbeit dieser immerhin kostenfreien Platform und ich versuche immer eher die Arbeit eines Menschen zu würdigen!

#3 |
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Darum ist der Check-up ab 35 Jahre sinnvoll, allerdings würde ich mir wünschen, daß das gesamte Fettstoffwechsel-Profil dazugehört, da auch erhöhte Triglyzeride ein Zusatzrisiko in sich bergen. Und Gewicht und Aktivitäten gehören auch in eine solche Risikoprofilerstellung. Aber bei diesen “Studien” werden ja nur die Rosinen herausgepickt, die Industrie verdient ja nur am “bösen” Cholesterin ….. Und daß es nach dem 50. Lebensjahr auch schon ein paar Verschleißerscheinungen im Körper gibt, ist ja nun wirklich nichts Neues. Aber die Reparaturfähigkeit unseres Körpers ist oft noch in hohem Alter enorm, so daß es niemals “zu spät” ist. Wo liegt also die “Große Neue Botschaft” in diesem Artikel???

#2 |
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Drs. Jürgen Theyssen
Drs. Jürgen Theyssen

und der homocysteinwert????????
um den kümmert sich wohl kaum jemand,möglicherweise deshalb,weil seine Senkung nur ein paar Pfennige kostet

#1 |
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