STD: Weg mit den alten Gummis

27. Januar 2015
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Mach's mit: Verhüterli sind heute nötiger denn je, haben sich aber seit Jahrzehnten kaum verändert. Jetzt versuchen mehrere Labors, innovative Materialien einzusetzen. Ihre Maxime: Viel Spaß bei hoher Sicherheit. Das leisten chemische Varianten immer noch nicht.

Spaß mit Reue: Sexuell übertragbare Erkrankungen (Sexually Transmitted Diseases, STD) sind auf dem Vormarsch. Professor Dr. Norbert H. Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft und Sprecher des Kompetenznetzes HIV/AIDS, spricht bei Syphilis und Gonorrhoe von einem 600-prozentigen Anstieg im letzten Jahrzehnt. Auch bei HIV steigt die Zahl an Neuinfektionen. Zumindest beim vaginalen Verkehr schützen Kondome, falls sie überhaupt zum Einsatz kommen. Jeder vierte Mann und jede zehnte Frau mit mehreren Sexualpartnern verzichtet darauf. Während Innovationen die Medizin verändert haben, sind Gummis seit Jahrzehnten mehr oder minder gleich geblieben.

Gelder von Gates

Grund genug für die Bill & Melinda Gates Foundation, neue Anreize zu schaffen. Experten haben elf Ideen eines Wettbewerbs mit je 100.000 US-Dollar prämiert. „Der größte Nachteil ist, dass es keinen Anreiz gibt, Kondome zu verwenden“, schreibt die Stiftung. Aus männlicher Sicht werde der Spaß verringert. Ein Produkt ohne diesen Nachteil, das vielleicht sogar zu mehr Genuss führt, gleicht der Quadratur des Kreises. Hersteller ließen sich vom Wettbewerb locken. So verspricht Origami Healthcare „radical new condoms“ für Männer. Der Konzern wirbt mit ziehharmonikaartig aufgerollten Präservativen. Im Inneren sind sie mit Gleitmittel beschichtet, um die Vagina zu imitieren. Origami wagt sich auch an Gummis für Frauen. Hier erlebten andere Hersteller Jahre zuvor herbe Enttäuschungen. Das neue Produkt wurde anatomischen Besonderheiten stärker nachempfunden. Ein geschlechtsneutrales Analkondom soll folgen. Australische Forscher an der University of Wollongong gingen mit anderen Plänen in den Wettbewerb. Sie setzen auf Hydrogele als neue Werkstoffe zur Verhütung. Ein gutes Beispiel: Entsprechende Materialien haben sich als feuchte Wundauflagen seit Jahren bewährt. Jetzt hofft der Projektleiter Dr. Robert Gorkin auf ein völlig neues Erlebnis – Hydrogele fühlen sich wie menschliches Gewebe an. Weitere Ideen kommen aus Manchester. An der dortigen Uni setzen Wissenschaftler ganz auf Graphit. Das Material hat nicht nur elektrisch, sondern auch mechanisch hervorragende Eigenschaften. In Schichten aus wenigen Atomlagen ist es transparent und fest zugleich. Verglichen mit Latex hofft das Team auf dünnere Verhüterli bei besserer Reißfestigkeit.

Nur keine Gewalt

Innovative Gummis haben aber auch Grenzen – sie versagen bei Anwendungsfehlern genauso kläglich wie ihre klassischen Vorläufer. Aus der National Survey of Sexual Health and Behavior geht beispielsweise hervor, dass jeder zehnte Nutzer Packungen mit scharfen oder spitzen Gegenständen öffnet. Und in drei von zehn Fällen wird das gute Stück Latex falsch angelegt. Hier will Kimbranox aus Südafrika Abhilfe schaffen. Zukunftsvision des forschenden Herstellers ist ein sogenanntes Rapidom. Mit einer Handbewegung soll sich die Packung öffnen und das Gummi anlegen lassen, ohne das Liebesspiel groß zu unterbrechen. Klassische Fehler wie zu wenig Platz für Sperma in der Spitze gehören vielleicht schon bald der Vergangenheit an. Typisch männliche Probleme werden bleiben: Das vermeintlich starke Geschlecht kauft oft zu große Gummis. Grund genug für Forscher vom Kinsey Institute for Research in Sex, Gender, and Reproduction, Bloomington, charmantere Größenangaben zu fordern. „Small“ für kleine Verhüterli geht – anders als bei der Mode – eben gar nicht. Ihr Vorschlag: “L” für die kleinste Machart.

Viel Chemie, wenig Erfolg

Ganz klar, der Markt ist bei klassischen Gummis in Aufruhr. “Chemische Kondome” bleiben nach wie vor problematisch. Das Ziel vieler Hersteller bleibt, Vaginalgele für Frauen zu entwickeln, deren Partner keine Gummis verwenden. Im Labor funktionieren entsprechende Ansätze eigentlich ganz gut. Zahlreiche Wirkstoffe, allen voran Tenofovir, und mehrere galenische Zubereitungen erwiesen sich als geeignet. Sobald Gele in klinischen Studien landeten, senkten sie das Infektionsrisiko aber kaum. In der VOICE-Studie (Vaginal and Oral Interventions to Control the Epidemic) lag es schlicht und ergreifend an der niedrigen Adhärenz vieler Teilnehmerinnen. Nachträgliche Analysen der Datensätze zeigten, dass sich Infektionen mit Herpes-simplex-Viren vom Typ 2 deutlich verringerten. Um Misserfolge bei HIV zu erklären, kommen biologische Faktoren noch hinzu, wie Jan Münch aus Ulm jetzt herausfand. Zusammen mit Kollegen wiederholte er Laborversuche mit Vaginalgelen. Anders als seine Vorgänger verwendete er nicht nur virushaltige Suspensionen, sondern Samenflüssigkeit. In diesem Zusammenhang kommt Amyloid-Fibrillen eine zentrale Bedeutung zu. Diese kleinen Gebilde begünstigen HIV-Infektionen durch Sperma. Gleichzeitig verringern sie die Wirksamkeit antiretroviraler Substanzen drastisch. Jetzt bleiben Forschern auf der Suche nach chemischen Kondomen zwei Strategien. Sie suchen – nicht weiter überraschend – nach geeigneten Molekülen, um Viren abzutöten. Auch könnte es sich lohnen, Pharmaka zu finden, um Fibrillen chemisch abzubauen. So oder so bleiben Gele eine Notlösung für Frauen ohne die Möglichkeit, bei sich oder beim Partner Kondome zu verwenden.

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