Tumorkachexie: Hamster im rechten Oberbauch

28. Februar 2013
Teilen

Mehr als die Hälfte aller Krebspatienten leiden unter einer bisher nicht therapierbaren Kachexie. Dass an dem massiven Verlust von Körperfett und Muskelmasse auch die Leber beteiligt sein könnte, war bisher unbekannt und könnte Ausgangspunkt neuer Therapieansätze sein.

“Bei den meisten Krebspatienten ist die Kalorienzufuhr eingeschränkt”, erklärt Prof. Dr. Stephan Herzig, Leiter der Abteilung “Molekulare Stoffwechselkontrolle” am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Dass Tumorpatienten weniger Kalorien als nötig aufnehmen, kann verschiedene Gründe haben: Laut Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft leiden 40% der Krebspatienten unter einer Anorexie, 46% unter Geschmacksveränderungen, 60% unter Völlegefühl, 40–60% unter vorzeitigem Sättigungsgefühl, 41% unter Mundtrockenheit, 39% unter Übelkeit und 27% unter Erbrechen.

Doch die reduzierte Nahrungsaufnahme scheint offenbar nicht der einzige Grund zu sein, warum bis zu 70% aller Tumorpatienten unter einer Auszehrung oder auch Kachexie leiden. Denn selbst wenn man die Kalorienzufuhr dieser Patienten etwa durch künstliche Ernährung stabil hält, ist das Fortschreiten der Kachexie nicht aufhaltbar. “Offenbar gibt es einen Mechanismus im Körper, der unabhängig von der Nahrungsaufnahme zu einem Verlust von Körperfett und Muskelmasse führt”, vermutet Prof. Herzig.

Extreme körperliche Auszehrung

Das klinische Hauptsymptom der Kachexie ist der Verlust von wenigstens 5% des nicht ödematösen Körpergewichts. Hinzu kommen Kraftverlust, Erschöpfung, Appetitlosigkeit und Abnahme der Muskelmasse. Besonders häufig und auch besonders stark betroffen sind Patienten mit Krebserkrankungen des Verdauungstrakts, der Lunge und der Bauchspeicheldrüse. Hier kann es zu einem Verlust von bis zu 80 Prozent des Körperfetts und der Skelettmuskelmasse kommen. Der Schwund der Muskulatur macht die Kranken schwach und immobil und verschlechtert das Ansprechen auf die Therapie. Geschätzte 20 bis 30 Prozent der Krebstodesfälle gelten als direkte Folge der Kachexie, häufige Todesursache ist ein Versagen der Atemmuskulatur.

Erst die Mischung machts

“Früher glaubten die Ärzte, dass der Krebs den Stoffwechsel so programmiert, dass alle Energie in das Tumorwachstum fließt”, zitiert das Deutsche Krebsforschungszentrum seinen Mitarbeiter Prof. Dr. Stephan Herzig auf seiner Webseite. Heute sähen Wissenschaftler in der Kachexie eine Reaktion des Körpers auf verschiedene schädliche Stimuli, die direkt vom wachsenden Tumor ausgingen. “Unter Verdacht stehen beispielsweise Entzündungsmediatoren wie Cytokine“, so Herzig. “Da aber das alleinige Blocken dieser Entzündungsmediatoren nicht ausreicht, um die Kachexie zu stoppen, gehen wir davon aus”, so Herzig weiter, “dass eine Kombination aus möglicherweise Entzündungsmediatoren und/oder hormonähnlichen Substanzen im Zusammenspiel zwischen Tumor und Körper dafür sorgen, dass es in den Endorganen zu diesem extremen Energieverlust kommt.”

Auch die Frage, ob hinter allen Kachexiefällen, wie sie bei Patienten mit verschiedenen Tumorarten oder aber auch bei HIV-Patienten auftreten, immer derselbe Mechanismus steht, ist nach wie vor nicht geklärt.

Die Leber mischt mit

Da Kachexie-Patienten oft auch unter einer entzündlichen Fettleber leiden, nahm das Forscherteam um Stephan Herzig dieses Organ – zunächst im Mausmodell – auf der Suche nach den Ursachen für die extreme körperliche Auszehrung genauer unter die Lupe. In krebskranken Mäusen fanden die Wissenschaftler einen extrem niedrigen Blutfettspiegel. Dieser resultierte daraus, dass die Leber der kranken Tiere nur noch sehr wenig VLDL (very low density lipoprotein) ausschüttete. VLDL ist ein Lipoprotein, also eine Fett-Eiweißverbindung, welches Fette im Blut transportiert. Das gelöste Fett im Blut stellt eine der wichtigsten Energiequellen des Körpers dar, die den krebskranken Mäusen offenbar abhanden gekommen war. Stattdessen hatten die Tiere Fett in der Leber eingelagert, das ihrem Körper jedoch als Energiequelle nicht zur Verfügung stand. Darüber hinaus sind in der Leber krebskranker Mäuse die Gene für alle wichtigen Schritte der Fettsynthese blockiert.

Zentraler Genschalter in der Leber

Herzig sieht darin einen deutlichen Hinweis, dass ein zentraler Genschalter in der Leber die Kachexie zumindest teilweise antreibt. Sein Forscherteam suchte daher bei krebskranken und gesunden Mäusen gezielt nach Unterschieden bei den Schalterproteinen (Transkriptionsfaktoren), die die Genaktivität und damit auch den Energiestoffwechsel der Leber steuern. Tatsächlich entdeckte Herzigs Team deutliche Differenzen beim bisher wenig erforschten Genschalter TSC22D4, der in der Leber krebskranker Mäuse in größerer Menge vorkommt als bei gesunden Artgenossen. Die Wissenschaftler um Prof. Herzig wiesen nach, wie wichtig die Rolle von TSC22D4 bei der Entstehung einer Kachexie ist: Die Forscher legten den Schalter spezifisch in der Leber der Tiere still. Daraufhin bildete das Organ wieder ausreichend VLDL, so dass der Blutfettspiegel der kranken Tiere anstieg. Außerdem wurden die an der Fettsynthese beteiligten Gene wieder angekurbelt.

“Bislang lag das Hauptaugenmerk bei Ursachensuche für Kachexie auf dem Muskel– und Fettgewebe, da diese beiden Körperteile am meisten von der Auszehrung betroffen sind”, so Herzig. “Unsere Ergebnisse belegen zum ersten Mal, dass der dramatische Verlust an Körpermasse zentral von der Leber reguliert sein könnte. Inzwischen wissen wir außerdem, dass TSC22D4 in Leberzellen des Menschen genau die gleiche Wirkung hat.”

Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass sich der Genschalter über bestimmte Stoffwechselprodukte steuern lässt und so die fatale Auszehrung möglicherweise gebremst werden könnte. Dieser Ansatz ist allerdings experimentell noch nicht belegt, das wollen die Wissenschaftler vom DKFZ im nächsten Schritt untersuchen. Stephan Herzig resümiert: “Wenn wir verstehen, wie ein Faktor wie TSC22D4 reguliert wird, ergeben sich daraus eventuell Angriffspunkte für eine wirkungsvolle Kachexietherapie.”

128 Wertungen (4.59 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

7 Kommentare:

Am Anfang war das wort, dann die Tuberkeln mit der SCHWINDSUCHT im Gepäck und jetzt dürfen wir hier erfahren, daß diverse Viren zu recht verdächtigt werden, an der Enstehung von Krebs beteiligt zu sein. Hoffen wir, daß das zur Entwicklung einer Vaccine führt( DER TRAUM DER KREBSIMPFUNG) , somit dann natürlich auch keine Kachexie.

#7 |
  0

Dieses Buch gibt wichtige Aufschlüße.

#6 |
  0
Weitere medizinische Berufe

Dieses Buch zeigt neue Wege auf:
“Krebszellen lieben Zucker – Patienten brauchen Fett ”

Ketogene Ernährung für Krebspatienten
hochinteressant und offenbar noch nicht so bekannt.

#5 |
  0
dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

das Problem ist die nicht ausreichende mehr Produktion von ATP in den Mitochondrien . Bei zunehmendenn Ausfall der Mitochondrien schaltet der KÖrper notgedrungen auf die “steinzeitliche ” Energiegewinnung von ATP über Milchsäurevergärung um .Da nutzt dann auch keine ” Astronautenkost ” . [Kommentar von der Redaktion gekürzt]

#4 |
  0
Tierärztin

Damit das alles, oben beschriebene, in die Norm zurückkehrt, ist unbedingt notwendig Arbeit von Immunsystem sichern, sprich- korrigieren. Es gibt Produktreihe, die es preiswert und sicher ermöglicht.

#3 |
  0
Dr. med Horst Pöhlmann
Dr. med Horst Pöhlmann

Nun hat man also wenigstens angefangen herauszufinden, was Dr. Gold schon vor Jahrzehnten sagte. Der Tumor spaltet Glucose in Milchsaeure und diese wird in der Leber wieder in Glucose aufgebaut. Dies erfordert viel Energie und fuehrt zur Kachexie. Man kann diesen Mechanismus mit Hydrazinsulphat (einem MAO Inhibitor) blockieren. In Russland wurden dazu umfangreiche Studien gemacht mit sehr guten Ergebnissen. MAO Inhibitors werden durch Opiate unwirksam. Deshalb hat man in den USA eine Studie gemacht in der alle Probanden Opiate bekamen und hat damit die Unwirksamkeit beweisen wollen. Man hat sogar eine Warnung versandt: Ein Patient sei an der Einnahme von Hydrazinsulphat gestorben. Dabei war nicht einmal bekannt, ob der Patient das Praeparat ueberhaupt genommen hatte. Dass die ganze Cholesteringeschichte ein Schwindel ist, weiss doch nun schon bald jeder richtige Arzt. Die Statine aendern nichts an der Haeufigkeit von Herzerkrankungen, dafuer erzeugen sie Leberkrebs. Und wer am Krebs verstorben ist, bekommt keinen Herzinfarkt. Also vermindern Statine die Zahl der Herztoten.

#2 |
  0
Ärztin

Ein wegweisender Artikel für die Erforschung des Energiestoffwechsels. Am Beispiel der Tumorkachexie wird bewiesen, dass der katabole wie auch der anabole Stoffwechsel einer genetischen Kontrolle unterliegen und eventuell auch wie diese Prozesse gesteuert werden.
Selbstverständlich gibt es immer auch einen Umkehrschluss. Wenn der Körper, genetisch vorgegebenen Signalen folgend, die Speicher nicht mehr auffüllen kann und nur noch Energie aus den Reserven Muskulatur und Fettgewebe entnimmt so ist auch eine ebenfalls genetisch kontrollierte Stoffwechsellage, die den Körper veranlasst Speicher zu füllen obwohl die Energiebedarf des Körpers noch nicht gedeckt ist denkbar.
Als Marker der entsprechenden Stoffwechselsituation dürften die Lipoproteine funktionieren, die unterschiedlichen Verhältnisse der Lipoproteinmuster Hinweis auf verschiedene Krankheitskomplexe wie kardiovasculäre Erkrankungen mit hohen LDL und VLDL-Spiegeln versus Tumorerkrankungen und entzündliche Erkrankungen mit niedrigen LDL und VLDL-Spiegeln, dafür aber höheren HDL-Spiegen sein.
Vor diesem Hintergrund darf man sich auch ernsthaft fragen welchen Sinn die Manipulation der Leberfunktion mit Statinen macht und ob man da nicht doch den Teufel mit dem Beelzebub versucht auszutreiben.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: