OTCs: Schluss mit Pille-Palle

23. Januar 2015
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Vor etwa elf Jahren entschieden Gesundheitspolitiker, OTCs von der Erstattungspflicht auszuschließen. Mittlerweile zeigt sich immer deutlicher, dass diese Strategie ihre Schwächen hat – nicht nur aus ökonomischen Gründen. Es geht auch um die Arzneimitteltherapiesicherheit.

In den letzten Wochen wurden Apotheker Zeugen eines OTC-Switchs der besonderen Art: Nach Freigabe durch die EU-Kommission entlässt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) nicht nur Ulipristal-, sondern auch Levonorgestrel-haltige Notfallkontrazeptiva aus der Verschreibungspflicht. Gegner und Befürworter diskutierten das Thema mit viel Emotion. Kein Einzelfall: Immer häufiger wandern Präparate ohne Kassenrezept über den HV-Tisch, etwa manche Triptane oder Protonenpumpenhemmer. Damit will der Gesetzgeber primär Kosten im Gesundheitssystem senken. Ein paar Zahlen: Laut IMS Health gingen im Jahr 2013 rund 109 Millionen Packungen diverser OTC-Analgetika über Deutschlands HV-Tische. Das Volumen beläuft sich auf 548 Millionen Euro, gemessen am Apothekenverkaufspreis – von weiteren nicht rezeptpflichtigen Medikamenten ganz zu schweigen.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Ärzte dürfen entsprechende OTCs gemäß Paragraph 31 des V. Sozialgesetzbuchs nicht mehr zu Lasten gesetzlicher Krankenversicherungen aufschreiben – und zwar seit ziemlich genau elf Jahren. Von dieser Regel gibt es zwei Ausnahmen: Die Verordnung ist nach wie vor zulässig, falls Arzneimittel bei schwerwiegenden Erkrankungen als Therapiestandard gelten. Eine Aufstellung veröffentlicht der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) als Anlage I zum Abschnitt F der Arzneimittel-Richtlinie. Darüber hinaus sind Verordnungen für Kinder bis zum vollendeten 12. Lebensjahr möglich, heißt es in Paragraph 34 SGB V. Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr mit Entwicklungsstörungen bekommen ebenfalls OTCs zu Lasten ihrer Kasse. Dieser Passus stößt Heilberuflern sauer auf – sie sprechen von einer Stigmatisierung Betroffener. Auch gehen Kosten für dringend benötigte Präparate schnell ins Geld. Bestes Beispiel sind jugendliche Patienten mit Neurodermitis. Studien zufolge stabilisiert eine regelmäßige Basispflege ihre Hautbarriere. Bei konsequenter Anwendung lassen sich Schübe verhindern oder zumindest hinauszögern. In einigen Fällen gelang es sogar, den Ausbruch der Krankheit zu vermeiden. Finanziell schwache Eltern können sich entsprechende Präparate oft nicht leisten; sie brechen die Behandlung ihrer Kinder ab. Kleine Patienten entwickeln stärkere Symptome und erhalten vom Arzt schließlich rezeptpflichtige Pharmaka. Um diese Problematik zu umgehen, lassen Dermatologen Kortikoide in Rezepturen einarbeiten, teils in geringer Menge, nur um die Erstattungsfähigkeit zu gewährleisten.

OTCs als Kassenleistung

Grund genug für den Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH), Regierungsvertreter in die Pflicht zu nehmen. In einem bereits Mitte 2014 veröffentlichten Grundsatzpapier fordert der Verband, OTCs für Jugendliche bis 18 Jahren sowie für älteren Patienten mit Polymedikation wieder zu erstatten. Dies könnte auch über spezielle Tarife gesetzlicher Krankenversicherungen geschehen. Ähnliche Argumente kommen von Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Bündnis 90 / Die Grünen). Beim „OTC-Gipfel“ Ende 2014 erneuerte sie ihre Forderung hinsichtlich einer Kostenübernahme durch GKVen. Gerade multimorbide Senioren mit hohem Medikationsbedarf seien oft wirtschaftlich überfordert, so Steffens. Es geht aber nicht nur um finanzielle Aspekte, sondern um mögliche Risiken für Patienten.

Gefährlich und frei verkäuflich

Bestes Beispiel ist Paracetamol. Dumpingpreise und Supersparangebote im Handverkauf suggerieren manchem Kunden, das Pharmakon sei harmlos. Hier geht es nicht nur um Leberversagen. Bei höheren Dosen halten Forscher kardiovaskuläre Risiken für möglich. Doch was tun? Wissenschaftlich betrachtet verringern kleinere Gebinde Vergiftungen um bis zu 43 Prozent. Grund genug für das Bundesgesundheitsministerium, Packungsgrößen für OTCs auf zehn Gramm zu beschränken. Professor Dr. Kay Brune von der Uni Erlangen-Nürnberg sammelte weitere Argumente, um Paracetamol der Verschreibungspflicht zu unterstellen. Dazu einige Veröffentlichungen: Nahmen Frauen das Pharmakon während ihrer Schwangerschaft ein, kam es beim Nachwuchs häufiger zu Verhaltensauffälligkeiten. Als Basis zogen Wissenschaftler Daten von 64.322 dänischen Müttern und ihren Kindern heran. Jede zweite Studienteilnehmerin gab an, Paracetamol verwendet zu haben. Kinder hatten daraufhin ein um 37 Prozent höheres Risiko, am Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) zu erkranken. Ähnliche Fakten lieferte eine norwegische Studie mit 48.631 Kindern. Alle erwähnten Untersuchungen sind nicht frei von Kritik. Dass kausale Zusammenhänge zwischen ADHS und dem Analgetikum bestehen, beweisen sie nicht. Vorsicht macht trotzdem Sinn. Damit Ärzte und Apotheker verlässliche Informationen über die Gesamtmedikation bekommen, wäre es auch wünschenswert, OTCs über die elektronische Gesundheitskarte zu erfassen. Warten wir es ab.

42 Wertungen (4.4 ø)

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4 Kommentare:

Entschudigung für diese Wortwahl, aber in dem Absatz über PCM hab ich nur “bullshit” verstanden. Und selbst wenn ich mal aus Versehen zu viel davon genommen habe, ich hab das Antidot Nr.1 zu Hause: Natriumthiosulfat-Pentahydrat (als reine Rezeptursubstanz)

#4 |
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Bernd Jas
Bernd Jas

@Dr. Marcel Gehlhaus,

Sie haben da völlig Recht, das Spiel mit den Statistiken birgt immer einen Anschein von umfassender Weisheit. Wenn ich Paracetamol in nicht erahnenswerter Weise überdosiere, können mir meine darauf folgenden, möglichen kardiovaskulären Risiken wurscht sein.
Wer sich des Öfteren mit den Schriften des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (http://www.euleev.de) beschäftigt, stößt neben den wissenschaftlich fundierten Beiträgen, auch auf Aussagen über pseudowissenschaftliche Studien. Z.B. Japanische Studie über Prostatacarzinome in Korrelation mit dem Wetter und Klima. Herr Pollmer vergleicht so etwas dann in ironischer Weise mit der rückläufigen Geburtenrate in Deutschland in Korrelation mit der hiesig sinkenden Zahl an Klapperstörchen.

@ Frau Wahl,

haben Sie mal versucht zwanzig Packungen Paracetamol online zu bestellen?
Ich denke Sie werden da auf wenig Gegenwehr geschweige denn auf Verweigerung stoßen.

#3 |
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Apothekerin

So lange die Patienten durch Besuch verschiedener Apotheken ihre von mir verweigerten 3 x 20 Paracetamol ungehindert einkaufen können, ist das doch alles eine Farce! Die Patientensicherheit ist durch diese Vorschriften der limitierten Abgabe
nicht zu garantieren! Und viele sind leider beratungsresistent, egal ob bei Großpackungen Nasenspray, Loperamid, Triptanen etc. etc. Die Grundidee mag ja gut gemeint sein, dass man wegen einer Befindlichkeitsstörung nicht gleich zum Arzt muss und dort Kosten verursacht. Aber gut gemeint ist wie so oft im Leben nicht gut gemacht!

#2 |
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Dr. Marcel Gehlhaus
Dr. Marcel Gehlhaus

Bis zum Paracetamol-Beispiel sachlich und korrekt geschrieben. Was danach kommt ist Propaganda. Herr Blume ist der einzige Experte, der so über Paracetamol denkt.

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