Typ-2-Diabetes: Therapie in den Wechseljahren

27. Januar 2015
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Angesichts steigender Patientenzahlen entwickeln Pharmaunternehmen immer neue Wirkstoffe. Ihre Medikamente haben einen zentralen Schwachpunkt: Sie behandeln nur die Symptome, nicht aber die Ursache. Aktuelle Entwicklungen leiten einen Paradigmenwechsel ein.

Eine Volkskrankheit greift um sich: In den Vereinigten Staaten leiden schätzungsweise 28 Millionen Menschen an Typ 2-Diabetes – Tendenz steigend. Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) erwarten, dass im Laufe ihres Lebens 40 Millionen aller bereits geborenen US-Amerikaner am Stoffwechselleiden erkranken. Deutschland hat ähnliche Probleme: Zwischen 1998 und 2012 erhöhte sich die Zahl an Diabetespatienten auf über sechs Millionen. Weitere 270.000 Neuerkrankungen kommen Jahr für Jahr hinzu. Dank moderner Behandlungskonzepte treten Folgeerkrankungen wie diabetische Retinopathien, Nephropathien und das diabetische Fußsyndrom zwar seltener auf. Schattenseiten lassen sich trotzdem nicht vermeiden.

Zu Tode gespritzt

Dazu ein paar Details: Patienten mit Typ 2-Diabetes benötigen aufgrund ihrer Insulinresistenz mehr oder minder große Mengen des Peptidhormons. Craig J. Currie, Cardiff, hält schwerwiegende Folgen dieser Therapie für möglich. Auf Basis von 13 Millionen Datensätzen identifizierte er 6.484 Patienten mit Typ 2-Diabetes. Bei ihnen stellte Currie Insulin, Morbidität und Mortalität in Relation. Nahm die Insulindosis um eine internationale Einheit pro Kilogramm Körpergewicht zu, ging auch die Sterblichkeit um 54 Prozent nach oben. Bei Krebserkrankungen waren es plus 35 Prozent, und bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen plus 37 Prozent. Currie kann die Kausalität nicht klar belegen, argumentiert jedoch mit bekannten Effekten insulinähnlicher Wachstumsfaktoren. Ein auswegloses Dilemma?

Das Übel an der Wurzel packen

Nicht unbedingt – Victor Shengkan Jins Arbeiten könnten bei Typ 2-Diabetes zu einem Paradigmenwechsel führen. Laut Jin bewirken große Fettmengen in metabolisch sensitiven Organen wie Leberzellen oder Muskelgewebe langfristig eine Insulinresistenz. Um gegen Lipide vorzugehen, erzeugte der Forscher einen „Kurzschluss“ in der Atmungskette. Ohne externe Störung bauen Mitochondrien einen Protonengradienten auf, um Adenosintriphosphat (ATP) herzustellen. Chemische Entkoppler wie Dinitrophenol nehmen Protonen auf einer Seite auf und geben sie auf der anderen Seite wieder ab – der Gradient verringert sich. Dinitrophenol ist aufgrund seiner Toxizität nur leider ungeeignet. Genau hier kam Jins pharmakologische Expertise zum Tragen. Er screente alte, von der US Food and Drug Association (FDA) zugelassene Wirkstoffe. Niclosamid, ein Präparat gegen diverse Bandwürmer, erwies sich als Treffer. Höhere nanomolare Konzentrationen führten bei Mäusen zum Abbau des Fetts in Leberzellen sowie im Muskelgewebe. Ihre Insulinresistenz verschwand. Kurz darauf normalisierte sich auch der Blutzuckerspiegel. Mit einer baldigen Anwendung rechnet der Forscher jedoch nicht.

Einfach dreifach

Es gibt aber noch weitere Strategien. Jetzt haben Wissenschaftler versucht, den Effekt bariatrischer OPs molekular nachzuempfinden. Erwünschte Folgen lassen sich nicht nur auf die Ernährungsumstellung oder die schlechtere Resorption zurückführen. Vielmehr werden drei Hormone verstärkt synthetisiert. Das Glukagon-ähnliche Peptid-1 (GLP-1) gilt unter anderem als molekularer Appetitzügler. Glucagon wiederum kurbelt die Freisetzung von Glukose an. Und das glukoseabhängige insulinotrope Peptid (GIP) hemmt die Magenmotorik. GIP führt auch zur Insulinfreisetzung. Jetzt haben Matthias Tschöp, München, und Richard DiMarchi, Indianapolis, einen Wirkstoff vorgestellt, der alle drei Effekte kombiniert. Das Molekül wirkt als Tri-Agonist an entsprechenden Rezeptoren. Im Tierversuch verringerten sich Appetit, Blutzuckerspiegel, Cholesterinwerte und Körperfett-Anteile. Mäuse verloren etwa 30 Prozent ihres Körpergewichts, und die Insulinsensitivität verbesserte sich. Dass Menschen vom neuen Molekül profitieren, ist zumindest theoretisch denkbar.

Besser vorbeugen

Bis entsprechende Therapien in der Praxis ankommen, werden Jahre vergehen. Grund genug, präventive Ansätze zu forcieren. Das beginnt schon bei der Ernährung. Andreas Pfeiffer, Nuthetal, hat Leberzellen in vitro mit den sekundären pflanzlichen Inhaltsstoffen Luteolin beziehungsweise Apigenin versetzt. Und siehe da – die Bildung von Glukose und von Fetten verringerte sich. Beide Moleküle aktivieren den Transkriptionsfaktor FOXO1, bekannt als intrazellulärer Vermittler im Insulin-Signalweg. Flavonreiche Nahrungsmittel könnten folglich unseren Stoffwechsel verbessern. Bleibt noch mehr körperliche Betätigung. Ältere Studien zeigen, dass Lebensstilinterventionen Diabetesrisiken langfristig minimieren. Um HbA1c-Werte nachhaltig zu senken, profitieren Patienten von Bewegung plus Umstellung ihrer Ernährung. Staatliche Abgaben auf Softdrinks oder fetthaltige Lebensmittel, wie von den Vereinten Nationen bereits Ende 2011 gefordert, gelten hier zu Lande als politisch nicht umsetzbar.

92 Wertungen (4.63 ø)

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13 Kommentare:

Arzt
Arzt

Ansprechpartner für “Verbote” (nicht für neue Steuern!) kann also nur die Nahrungsindustrie sein, z.B. “gehärtete Fette” (Transfette),
das wurde z.B. in Dänemark gemacht,
und oh Wunder,
Diabetes und cardiovasculäre Erkrankungen sind tatsächlich weniger geworden.
Das fängt schon beim Capuccino an und geht bei den vielen vielen fetten Süßigkeiten weiter. Lesen Sie einfach aufmerksam die aufgedruckten Inhaltsstoffe.
Aber neue Steuern sind natürlich für den Staatsmoloch interessanter.
Von jedem verdienten Euro hat er schon mehr als 50 Cent verschlungen.

mfG

#13 |
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Arzt
Arzt

“Zu Tode gespritzt” ist es wirklich soooooo schwer noch zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden zu können?

#12 |
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Arzt
Arzt

Was soll den schon wieder der Oberquatsch mit neuen Steuern!!!
Na klar will das die Politik, insbesondere alle “Grünen”,
selbst die AfD ist “ein bischen” grün, hat aber mehr Interesse an den Bürgern als alle “Etablierten” zusammen. Den Grünen ist sowieso der Mensch an sich ein Dorn im Auge.
Trinkwasser besteuern, Strom besteuern und jede andere Energieform einschließlich Heizung im Winter, jetzt auch das Essen,
angedacht ist übrigens auch schon die Atmung, wegen dem pösen CO2.
Es wird sowieso gerne Geld mit Luft verdient.

Schande über solche Vorschläge
Herr Michael van den Heuvel,
das wird auch Sie selbst treffen!

#11 |
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Bernd Hoppe
Bernd Hoppe

…gelten hier zu Lande als politisch nicht umsetzbar.
=>
wie wäre es mit einer wissenschaftlich orientierten, antikonfessionellen Gesundheitpartei !!

#10 |
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Diabetes-Beraterin

“Typ II Diabetes ist 100% durch Lebensführung behandelbar.”

Mit dieser Aussage “dürfen” sich jetzt alle Menschen mit Typ 2 Diabetes schuldig fühlen.

Ob und wie sich ein Typ 2 Diabetes entwickelt hängt von vielen Faktoren ab, die Lebensführung ist ein Baustein davon.

Ich erlebe oft genug Menschen, die mit der Optimierung ihrer Lebensführung an Grenzen gestoßen sind und ohne pharmazeutische Unterstützung nicht auskommen, um ihre Stoffwechsellage ins Gleichgewicht zu bringen.

#9 |
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Gast
Gast

Liebe @Helga Seemann,
1) man wird nicht schlanker durch “mehr essen” sondern nur durch “weniger essen”
2) “wenn Ärzte..” ja wenn, woher wissen Sie überhaupt “ob Ärzte..”

… insbesondere wenn man das inzwischen in jeder Frauenillustrierten lesen kann, Sie wissen es ja auch. “Automatisch” geht da leider gar nichts!

und die Entscheidung ob trifft immer der Diabetiker selbst, bei dem inzwischen die Notwendigkeit zur Behandlung der krankhaft gestörten Blutzuckerregulation eingetreten ist.

#8 |
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Helga Seemann
Helga Seemann

Für mich ist dieser Artikel erschreckend. Typ II Diabetes ist 100% durch Lebensführung behandelbar. Wenn Ärzte gleich Medikamente anbieten, dann werden sie entweder nicht genug bezahlt für intensive Beratung oder lernen in der Ausbildung nichts anderes oder sind der Pharmaindustrie auf dem Leim gegangen.
Übrigens, wer genügend Gemüse ißt, der hat automatisch genügend Kohlehydrate verzehrt, dazu ab und an ein Stück Fleisch… . Aber die Sucht nach Süßem hat uns voll im Griff…

#7 |
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Arzt
Arzt

@Anja Raab, Sie haben recht, beides geht nicht!
Ohne KH geht nur mit Tier :-)
also besser mit “Tier”.

Wer das mit dem “richtig essen” ernst nimmt und nicht nur darüber quasselt,
also auch selbst kocht!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
der weis, dass ganz ohne KH praktisch unmöglich ist,
wenn man diesen Anteil, gemessen als Kalorienanteil, also großzügig
unter 50% drücken kann, ist da schon eine gewisse Anstrengung nötig,
aber es lohnt sich, auch subjektiv, man fühlt sich schneller satt.

#6 |
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Heilpraktikerin

Verzicht auf KH und tier. EW? Was bleibt da noch übrig??

#5 |
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Sabine Schaar-Sökefeld
Sabine Schaar-Sökefeld

Bei dem Titel war ich ganz gespannt auf die “neuen alten Weisheiten” .. doch schon erschreckend, dass diese selbsterschaffene “Erkrankung” immer wieder neuen Chemie-Wahnsinn auf den Plan ruft, von dem dann viele große profitieren, nur leider der betroffene Patient nicht … Eigenverantwortung, Achtsamkeit und selbständiges Denken könnten zu einem langfristigen Erfolg führen – so wie “…ältere Studien zeigen…” – und nicht das Problem, das sauer verursacht ist auch sauer lösen zu wollen(- wollen die es denn überhaupt?) … eine basenüberschüssige Ernährung mit einem Verzicht auf Getreideprodukte und tierische Eiweiße sowie Industriezucker .. und zudem dann eine Sinnfindung in der täglichen Lebensgestaltung .. die den “Hunger” stillt – kann die Selbstregulation in Gang setzen … ist vielleicht nicht ganz so bequem aber lohnens-wert.

#4 |
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Christina Holtwick
Christina Holtwick

Ein Typ 2-Diabetes ist Folge einer jahrelangen Kohlenhydratmast. Was wir da nicht brauchen, sind weitere Medikamente, die die Symptome unterdrücken und den Patienten suggerieren, dass sie ihren Lebensstil weiterleben können. Der Mensch ist keine Maschine, sondern ein hochkompliziertes Regelwerk, dass ohne den menschlichen Eingriff gut funktioniert. Fängt man einmal an zu regulieren, zu unterdrücken, zu hemmen etc. dann setzt man eine Kaskade von Folgemaßnahmen in Gang.
Christina Holtwick
Heilpraktikerin

#3 |
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Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

Es ist für mich immer wieder unverständlich, wie einseitig die Autoren doch immer wieder auf eine noch bessres Medikament, eine, wie in diesem Fall, neue Sichtweise hingewiesen wird, doch gleichzeitig Erkenntnisse alternativer Strategien einfach nicht erwähnen, möglicherweise noch nicht einmal zur Kenntnis nehmen. Doch sehr stark der Pharmaindustrie verpflichtet?

Konkret: gerade bei Typ 2-Diabetes kann mit einer Kohlenhydrat-reduzierten Diät unglaublich viel erreicht werden. Dr. Nicolai Worm ist da einer der Vorreiter ( z. Bsp. sein Buch “Menschenstopfleber” ), der auf molekularer Ebene genau erläutert, was passiert, wenn ( zuviel ) Kohlenhydrate verzehrt werden, und wie man dem Problem beikommt.
Sein Handicap: sein nicht patentierbares Wissen bringt nicht genug Geld in die Kasse, daß sich eine Evidenz-erzeugende Studie finanzieren liesse. Also bleiben wir auf Indizien angewiesen.
Der Vorteil: das, was z. Bsp. Dr. Worm propagiert, kann jeder ohne Rezept an sich selbst ausprobieren, und so zieht auch dieses Wissen hoffentlich seine Kreise

#2 |
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Heilpraktiker

“Ältere Studien zeigen, dass Lebensstilinterventionen Diabetesrisiken langfristig minimieren.” Deutlicher ausgedrückt: Zivilisationskrankheiten, wie Diabetes, Übergewicht oder Adipositas, koronare Herzerkrankungen, sind Lebensstilkrankheiten.

#1 |
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