Opioide: Schmerzgedächtnis ausradiert

24. Februar 2012
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Eine aktuelle Studie zeigt, dass mit einer kurzzeitigen hochdosierten Opioidgabe das Löschen des Schmerzgedächtnisses möglich ist. Ist das die Zukunft für Patienten mit chronischen Schmerzen? Klinische Studien werden es zeigen.

Verschiedene Menschen empfinden Schmerzen unterschiedlich. Die Geburtsschmerzen sind beispielsweise für manche Frauen gut zu ertragen, für andere ohne Schmerzmittel nicht auszuhalten. Doch egal wie die Frau die Schmerzen empfindet, sie sind relativ schnell vorbei und bald vergessen. Ganz anders ist die Situation bei Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden.

Das Schmerzgedächtnis – ein Fehler im System?

Akute Schmerzen erfüllen eine sinnvolle und mitunter lebenserhaltende Funktion: Sie dienen als Warnsignal und weisen den Körper auf Schädigungen oder Verletzungen von außen oder im Inneren hin. Auf den chronischen Schmerz trifft das nicht zu. Werden Schmerzrezeptoren, so genannte Nozizeptoren, durch ein akutes Schmerzgeschehen ständig gereizt, erfolgt eine stetige Signalübertragung an die Neuronen des peripheren Nervensystems. Über längere Zeit führt das ständige Feuern der Neuronen zu zellulären Veränderungen an den Synapsen. Über die so genannte synaptische Potenzierung bildet sich eine „Gedächtnisspur“, die sich als Schmerzgedächtnis im Rückenmark ausbildet. Die Schmerzempfindung kann als chronischer Schmerz selbst dann bestehen bleiben, wenn der Auslöser der akuten Schmerzreaktion nicht mehr vorhanden ist. Man spricht ebenfalls von chronischem Schmerz, wenn die individuelle Schmerzempfindung von der objektiv zu erwartenden Schmerzstärke deutlich nach oben abweicht.

Per Definition dauern chronische Schmerzen mindestens sechs Monate an und beeinträchtigen den Patienten physisch, psychisch-kognitiv und sozial. Die Prävalenz chronischer Schmerzen ist schwer exakt zu ermitteln. Je nach Untersuchung und Definition beträgt sie in Deutschland zwischen sechs und 17%.

Schmerzgedächtnis ade – im Tierversuch ist es möglich

Schmerzforschern der Medizinischen Universität Wien und der Universitätsmedizin Mannheim ist es nun im Tierversuch an Ratten gelungen, das Schmerzgedächtnis dauerhaft zu löschen. Sie erreichten dies mit einer hoch dosierten Gabe von Opioiden (Remifentanil, 450µg/kg/Std.). Remifentanil ist ein potentes Opioid mit schnellem Wirkeintritt und kurzer Wirkdauer. Es besitzt schmerzlindernde und sedierende Eigenschaften und wird daher im Rahmen chirurgischer Eingriffe und in der Intensivpflege angewandt. Bislang war nicht bekannt, dass mit Opioiden auch die Ursache von Schmerzen behoben werden kann. Bei Versuchstieren wurden in tiefer Narkose Schmerzfasern kontrolliert erregt und die Gedächtnisbildung im Rückenmark aufgezeichnet. Eine hoch dosierte Kurzzeittherapie mit Remifentanil verursachte Veränderungen an den Synapsen, die die zelluläre Gedächtnisspur im Rückenmark löschen konnte. Studien mit chronischen Schmerzpatienten sind an der Medizinischen Universität Wien bereits in Planung. Sollte sich das Potential dieser Methode auch dort bestätigen, könnte das einen Paradigmenwechsel in der Schmerztherapie bedeuten: es wäre möglich, Schmerzen nicht mehr nur symptomatisch zu behandeln, sondern die Ursache dauerhaft zu beseitigen.

In den Experimenten der Studie wurden schmerzempfindliche C-fasern kurzfristig mit elektrischen Reizen oder Capsaicin maximal erregt. Auf diese Weise wurde ein Schmerzgedächtnis erzeugt. Es bewirkte eine synaptische Plastizität, doch ob das auf diese Weise erzeugte Schmerzgedächtnis mit der Situation in Patienten mit chronischen, teilweise seit Monaten oder Jahre andauernden Schmerzen vergleichbar ist, ist unklar. Dr. Justus Benrath von der Universitätsmedizin Mannheim und Mitautor der Studie erklärt aber: „Schmerzgedächtnis ist gleich Schmerzgedächtnis, egal auf welche Weise es entsteht.“ Daher hofft er, dass sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen.

Auch wenn die Methode beim Menschen erfolgreich das Schmerzgedächtnis löschen kann, bleibt abzuwarten, ob es unerwünschte Wirkungen der Behandlung gibt. Selbst wenn bei einer nur kurzfristigen Gabe die Möglichkeit einer Abhängigkeit – wie bei Opioiden immer gegeben – gering ist, muss erst noch sichergestellt werden, dass die Behandlung tatsächlich zum dauerhaften Erfolg führt.

Chronische Schmerzen sind schwer zu behandeln

Bisher ist die Therapie chronischer Schmerzen noch immer sehr schwierig. Bei 13 bis 51% der Betroffenen ist die Schmerzbehandlung unzureichend, obwohl verschiedene Wege der Therapie genutzt werden: Konservative Methoden wie Physiotherapie, Psychotherapie oder verschiedene Methoden der alternativen Medizin sind wichtige Standbeine der Therapie. Hinzu kommt in der Regel die Behandlung mit Arzneimitteln (Paracetamol, Antiphlogistika, Codein, Morphin usw.). Bringen diese Methoden nicht den erwünschten Effekt oder verhindern Nebenwirkungen der Medikamente eine effektive Behandlung, können Neurostimulation oder intrathekale Arzneimittelinfusionen sinnvoll sein. Als letzte Option existiert die Operation, bei der versucht wird, mittels einer Nevenblockade die Weiterleitung der Schmerzsignale an das Gehirn zu verhindern. Sie ist jedoch nur sinnvoll, wenn die Schmerzursache operativ behebbar, also eine Folge von „handfesten“ organischen Veränderungen ist.

Das Schmerzgedächtnis zu löschen gestaltet sich noch schwieriger. Je nach Schmerzart und –ursprung kommen neben den oben genannten Methoden psychologische Behandlungsformen wie Stress- und Schmerzbewältigungstraining oder Hypnotherapie in Frage. Beim so genannten „Relearning“ versucht man, das Schmerzgedächtnis durch positive neue Erfahrungen zu überschreiben. Dazu muss sich der Patient unter Schmerzmitteltherapie in die eigentlich schmerzhaften Situationen begeben. Durch die Schmerzfreiheit in der bisher schmerzhaften Bewegung, wird der Patient sozusagen überrascht. Kann die positive Erfahrung oft genug wiederholt werden, ist die Basis für eine Auslöschung des Schmerzgedächtnisses gelegt.

Vorbeugen ist besser als Heilen

Fachleute sind sich heute einig, dass viele chronische Schmerzerkrankungen vermieden werden könnten, wenn akute Schmerzen möglichst rasch und effektiv behandelt werden. Wurde früher davon ausgegangen, dass ein wenig Schmerz nicht schaden könne, sieht man die Lage heute anders: um die Entstehung eines Schmerzgedächtnisses und eine Chronifizierung zu vermeiden, erfolgt nun von Beginn an eine tiefgreifende und umfassende Schmerzanamnese und eine individuelle Optimierung der Behandlung. Denn je länger Schmerzen bestehen, desto schwieriger und langwieriger ist der Weg bis zur Schmerzfreiheit. In manchen Fällen ist gar nur eine Schmerzreduktion möglich. Die alte Volksweisheit „Vorbeugen ist besser als Heilen“ gilt demnach besonders bei der Schmerzbehandlung.

183 Wertungen (4.15 ø)
Medizin

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11 Kommentare:

Rettungssanitäter

Sehr geehrte Damen und Herren,
wenn ich solche “Auswüchse ” wie den von Herrn Dr. med. Rüdiger Spiecker lese kommt mir das kalt grauen und ich verstehe immer besser den sehr oft verbreiteten Verdruß den Patienten gegen die Ärzteschaft ganz allgemein hegen. Ich bin seid 1996 selbst Schmerz-Patient und wurde , wie ja Herr Dr. Spieker bedauert , Berentet weil an einer täglichen ,regelmäßigen Arbeit einfach nicht mehr zu denken ist. Herr Dr. ist wahrscheinlich der Meinung das wir ( Schmerzpatienten ) uns das wohl ausgesucht haben weil wir keine Lust haben zu arbeiten . Und es ja so Interessant ist eine kleine auf Dauer auch noch gekürzte Rente zu erhalten.
Das durch Opioide das Schmerzgedächtnis sich löschen läßt glaube ich nicht , denn wir haben es versucht -Absetzen Von Morphin und kleiner Gabe von anderen Schmerzmitteln – Wir mussten recht schnell aufgeben und vollkommen neu einstellen-Vielleicht ja als Vorbeugung um kein Schmerzgedächtnis aufkommen zu lassen .Aber eine Löschung wird nicht funktionieren.Ich habe es probiert.

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Dr. med. Edith Schneider
Dr. med. Edith Schneider
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Liebe aktive und passive Mitleser !

Ich freue mich über die nun geklärte inderdisziplinäre
Kompetenz von Frau Kollegin Dr.rer.nat. und Diplombiologin
Hutterer.

Wenn dann noch die radiologische Diagnostik hinzukommt
und private soziale Aktivitäten vetrneige ich mich
voller Hochachtung vor einer derartigen ärztlichen
Kollegin !

Mit freundlichen Grüssen

27.02.2012

#9 |
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Sonja Reitz
Sonja Reitz

Finde keinen Bezug zwischen einer 3- stündigen intraoperativen Schmerzreizung einer Maus mit mind. über 6 Monate bestehenden chronischen Schmerzerkrankung eines Homo sapiens. Die Simplifizierungen und reisserische Anrpreisung als “Löschung” eines neurobiooogisch und psychologisch deutlich komplexeren “Schmerzgedächtnisse” ist m.M. nach unverantwortliche Irreführung. Wie wäre es, wenn Sie vielleicht einmal die bahnbrechenden Erfolge der sympathikolytisch wirkenden Narbenentstörung mit Lokalanaesthetika oder der EMDR Traumatherapie bei der Behandlung von chronischem Schmerz und Schmerzgedächtnis aufgreifen würden?- Da zeigen Empirie und auch neurobiologische Messungen einen deutlichen Effekt auch auf das Schmerzgedächtnis, da haben schon einige Patientn ihre jahrzehnte bestehde Opiatmedikation, die leider keineswegs das Schmerzgedächtnis löschte, endlich aufgeben können !

#8 |
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wenn es denn funktionierte, wäre es ein weiteres kolumbusei.
ich hätte das gern probiert – nach einem schweren HWS-schleudertrauma. die schmerzen waren unerträglich + auch kaum zu lindern. selbst nach >10 jahren bin ich immer noch nicht völlig beschwerdefrei. jb

#7 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Sehr geehrte Frau Hutterer,
mein grosser Bekanntenkreis kennt meinen Kampf gegen den
in Deutschland eingerissenen Brauch den Doktortitel ohne
Fakultätsangabe zu führen.-
Bitte fassen Sie meine Meinung ganz wertneutral auf.-
Ich bin mit einer hochqualifizierten Wissenschaftlerin befreundet, deren ärztliches Wissen und Erfahrung als Dr.rer nat.dem durchschnittler ärztlicher Kollegen haushoch überlegen ist-.
Mit freundlichem Gruss

#6 |
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Walter Ludes
Walter Ludes

Echt radikal ist MBSR(Mindfulness Based Stress Reduction)!!
Kabat-Zinn et.al.”The Clinical Use of MBSR for the Self-
Regulationof Cronic Pain (The Journal of Behavioural Medicine,
8, 1985, S.163-190)
“Nur” durch meditative Bewußtseinsübung(“Achtsamkeitsmeditation”, Zen, usw.) kann man den Pfad der
gewohnheitsmäßigen Empfindungen verlassen…
Ich (65) bin auf diesem Weg…
Weitere Literatur: Mathieu Ricard usw.

#5 |
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Ich beobachte einige Freunde mit gravierenden chronischen Schmerzen die mit Opioiden behandelt worden sind.Bei keinem der Patienten war eine Auslöschung des Schmezgedächtnises zu beobachten.

#4 |
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Dr med Andreas Ernst
Dr med Andreas Ernst

Liest man sich die zugrunde liegende Arbeit in Science durch, so fällt auf, daß hier die Dämpfung der Langzeitpotenzierung von Schmerzsignalen im Rückenmark nach 3 Stunden (!) durch Gabe von Remifentanil im Tierexperiment gezeigt wird.Ein Prozess, der mit dem, was uns klinisch unter chronischem Schmerz begegnet, wohl wenig zu tun hat.

Die klinische Erfahrung nach Narkosen mit Remifentanil zeigt einen deutlich erhöhten postoperativen Analgetikaverbrauch gegenüber Narkosen mit Sufentanil.
Die Hyperalgesie-induzierende Wirkung von Remifentanil ist in Arbeiten der Univ. Erlangen eindeutig nachgewiesen und publiziert worden.

Die Gleichsetzung des menschlichen ZNS mit einer löschbaren Festplatte läßt uns doch sehr in die fast 500 Jahre alten mechanistischen cartesianischen Auffassungen zurückfallen, die nur allzu bequeme Denkmodelle bedienen.

#3 |
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Dr. med. Rüdiger Spiecker
Dr. med. Rüdiger Spiecker

Das Proplem chronischer Schmerzsyndrome sollte m. E. noch differenzierter betrachtet werden.
Die größte Chance, liegt unbestritten in der initialen und suffizienten Therapie wesentlicher Akutschmerzsymptomatik,insbesonere unter Vermeidung iatrogener Fixierung.

U.a.sollten hierbei aber auch soziokulturelle Aspekte des Schmerzerlebens auf mehreren Ebenen Berücksichtigung finden. Hierzu gehört auch die Vemeidung von nachteiligem sekundärem Krankheitsgewinn durch fehlgeleitete Alimentation bis hin zur unkritischen Therapie. Als Beispiel bietet sich hier die Fibromyalgie.

So ergibt sich gesellschaftlich momentan vielfach eine Tendenz zur “Belohnung” von Krankheit. Hierbei könnten sowohl sozioökonomische Faktoren wie auch merkantile Interessen diverser Lobbies eine Rolle Spielen.

Letztlich wird doch Krankheit derzeit im System am besten belohnt, sei es per DRG, durch ärztiche Vergütungssysteme, Krankengeld, ggf. mit Berentung oder auch mit persönlicher Zuwendung auf zwischenmenschlicher Ebene,so auch in der Arzt-Patient-Beziehung.

‘Vorbeugen statt Heilen’ ist wichtig, braucht aber einen breiteren, nicht nur rein medizinisch -pathophysiologischen bzw. pharmakologischen Ansatz.

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Das tut weh!

Leider bedient der Artikel in seiner simplifizierenden Art (“Schmerzgedächtnis löschen”) den – verständlichen – Wunsch vieler Schmerzpatienten (und Ärzte) nach schnellen einfachen Lösungen. Aufgrund der komplexen Ursachen von chronischen Schmerzen wird jedoch absehbar die Therapie dieser Schmerzen mit der Gabe von Medikamenten allein – so wie im Artikel suggeriert – nicht funktionieren.

Im Gegenteil. Unter Schmerztherapeuten wird angesichts ernüchternder Erfolge derzeit die Therapie chronischer nicht(!)-tumorbedingter Schnerzen mit Opioiden zunehmend (wieder) kritischer diskutiert. Ergänzend sei angemerkt, dass gerade Remifentanil als besonders hochpotentes Opiod auch mit dem – noch wenig verstandenen – Phänomen der Opiod-induzierten Hyper(!)algesie (also der Schmerzverstärkung durch Opioide) in Zusammenhang gebracht wird.

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