Die krieg ich, die mach ich.

Fachverlage: Widerstand gegen Armani-Preise

28. Februar 2012

Es ist ein exklusiver Zirkel und er bestimmt die Preise für bedrucktes Papier und dessen elektronisches Abbild. Muss die Forschungsförderung neben der Arbeit im Labor auch die hohen Gewinne der Verlage bezahlen?

„Nichts publizieren, nichts begutachten, nicht redigieren.“ Mehr als 5.000 Wissenschaftler (Stand 10. Februar) haben sich per Online-Unterschrift zu einem Boykott des Elsevier-Verlags verpflichtet, darunter auch etliche aus Deutschland. Die Wut über die Kosten der Wissensvermittlung per Fachzeitschriften-Abonnement ist auf der Website „thecostofknowledge.com“, zu Deutsch: „Der Preis für das Wissen“ nachzulesen. Die Aktion hat der renommierte Mathematiker Timothy Gowers aus dem englischen Cambridge gestartet.

Preisanpassung um das Sechsfache

Bereits im Sommer letzten Jahres hatte ein Artikel in der Tageszeitung „Guardian“ für einiges Aufsehen gesorgt. Die deutsche Zeitung „der Freitag“ hat ihn übersetzt und abgedruckt. Ist eine Gewinnspanne von 36 Prozent des Umsatzes unmoralisch? Schaut man sich im Bereich der Medizin und Naturwissenschaften um, fallen einem tatsächlich ausserordentlich hohe Preissteigerungen ins Auge: 2010 kostete ein Jahresabo der Zeitschrift „JAMA“ noch 900 Euro, 2011 waren es rund 5.300 Euro. 2010 drohte die University of California mit einer Abo-Kündigung, nachdem die „Nature Publishing Group“ den Preis für die Onlinelizenz um rund 400 Prozent erhöhen wollte. Auch bei anderen renommierten Medizinzeitschriften liegen die Preissteigerungen innerhalb der letzten zwei Jahre im zwei- bis dreistelligen Bereich.

Teuer und gebündelt

Mehr als 100 Millionen Euro gaben deutsche Universitäten im Jahr 2009 für gedruckte und digitale Fachmagazine aus. Und dennoch: auch mit mäßigen Budgeterhöhungen können die Bibliotheken nicht mit den Forderungen der Fachverlage mithalten. Denn wer etwa die Biochimica et Biophysica Acta im Regal stehen haben möchte, muss pro Jahr 20.000 Euro ausgeben. Von den zehn teuersten Zeitschriften der Bibliothek des Karlsruher Instituts für Technologie stammen acht aus dem ursprünglich niederländischen Verlagshaus.

Springer, Wiley und Elsevier – In ihren Zeitschriften finden sich 42 Prozent aller Fachartikel. Durch Zukäufe ist ihr Einfluss in den letzten Jahren immer weiter gewachsen. „Cell“ und „Lancet“ gehören beispielsweise schon seit längerem zu Elsevier, dem Hauptangriffsziel der Gowers‘schen Initiative. Diese Stellung nutzt der Verlag, um etwa bestimmte renommierte und viel gefragte Zeitschriften gebündelt mit anderen „Stiefkindern“ anzubieten, allzu oft gegen den Wunsch des Abonnenten.

Kostenlos: Zeitschriftenbeiträge, Begutachtung, Redaktion

„Markenbildung“ und „Entwicklung einer digitalen Infrastruktur“ lauten die Argumente für die Preissteigerungen. Schließlich, so schreibt Elseviers Mathematik-Verantwortlicher, David Clark, koste es auch einiges, etwa Forschern aus unterentwickelten Ländern die Publikationen unentgeltlich zugänglich zu machen. Er sieht den Protest als „Unterminierung des Peer-Review-System“, das Fachverlage mühevoll entwickelt hätten. Eine Analyse der Deutschen Bank hegt jedoch Zweifel am großen Entwicklungsaufwand: „Wäre dieser Prozess wirklich so komplex, kostspielig…, wären keine Gewinnspannen von 40 Prozent möglich“. Denn nur allzu oft spart sich der Herausgeber der Zeitschrift viel an Personalkosten: Ehrenamtliche Begutachtung und Redaktion der Artikel ist die Regel, ein Autorenhonorar wie bei Publikumszeitschriften kennt die Wissenschaft nicht.

Goldene und grüne Wege zur freien Verfügbarkeit

„Open Access“ heißt das Zauberwort, das auch weniger begüterten Bibliotheken und Privatnutzern den Zugang zum Wissen ermöglichen soll. „PLoS“ (Public Library of Science) ist einer der Vorreiter für dieses Modell, das die Kosten für die Verarbeitung und Veröffentlichung auf die Autoren – oder auch auf spezielle Publikationsfonds der Institution – umlegt. Der erfolgreichste Ableger, PLoS ONE, ist inzwischen knapp fünf Jahre alt und hat die Zahl seiner Beiträge seitdem jedes Jahr fast verdoppelt. 2011 erschienen in dieser Peer-Review-Zeitschrift mehr als 12.000 Artikel mit mehr als 30.000 Autoren. Damit ist die Zeitschrift die größte Fachzeitschrift der Welt. Die Kosten für die Publikation und Verbreitung eines Artikels liegen dort bei rund 1.000 Euro. Inzwischen schreibt PLoS ONE schwarze Zahlen.

Neben diesem „goldenen“ Weg des Open Access bietet der „grüne Weg“ für die Wissenschaftler die Möglichkeit, ihre Werke in den Repositorien der Universitäten abzulegen. Für „Google Scholar“ ist es kein Problem, diese Arbeiten aufzuspüren und damit das Dokument auf die Festplatte des Lesers zu transportieren. Eine Lizenzierung bereits veröffentlichter Forschungsberichte lehnen die meisten großen Verlage aber immer noch ab. Oft vergehen mehrere Jahre, bis Kollegen auf diese Informationsquelle zugreifen können. Auf den Servern der Verlage kostet dagegen der einzelne Artikel zum Download rund 30 Euro, nicht selten auch noch Jahre nach dem Erscheinen.

Wahlkampfspenden gegen Open Access

Mittlerweile bieten auch Springer, Wiley und Elsevier inzwischen eigene „Open Access“-Zeitschriften an. Der Kampf um das klassische Abonnement hat sich inzwischen auch auf die politische Bühne verlagert. In USA verpflichtet das NIH (National Institute of Health) seit 2008 seine Wissenschaftler, ihre Forschung ohne Beschränkungen öffentlich zugänglich zu machen. Zwei Kongress-Abgeordnete haben am 16. Dezember 2011 einen Entwurf für eine Gesetzesänderung eingebracht, den „Research Works Act“. Er soll diese Praxis unterbinden. Die Urheber, Darrell Issa von den Republikanern und die demokratische Abgeordnete Carolyn Maloney bekamen von Elsevier dafür massive Wahlkampfhilfe von mehreren tausend Dollar. Auch in der Schweiz und in Schweden gehen die großen Verlage zum Teil auf dem Klageweg massiv gegen Bibliotheken vor, die wichtige Publikationen kostenlos oder gegen eine geringe Unkostenpauschale verfügbar machen wollen.

In der Berliner Erklärung aus dem Jahr 2003 fordern inzwischen fast 400 internationale Forschungsorganisationen den freien Zugang zu Wissen und Information und zu seiner Weiterverbreitung. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft möchte von den Empfängern ihrer Forschungsmittel den freien Zugang zu den Ergebnissen. Damit aber bringt sie genau diese Partner in eine Zwickmühle. Denn immer noch werden bei Habilitationen, Berufungen oder Budgetanträgen viele Publikationen in hochrangigen Fachzeitschriften gefördert. Science, Nature oder das New England Journal sind jedoch klassische Abonnementmedien. Und so überrascht es auch nicht, dass auch Bibliothekare einerseits versuchen, teure Zeitschriften aus der Abonnementliste loszuwerden, andererseits von den Fakultäten immer wieder danach gefragt werden.

Der Wissenschaftsblogger Martin Ballaschk erzählt in „Scilogs“: „Diese Umstände haben auch zur Folge, dass an weniger gut betuchten Universitäten die Mitarbeiter theoretisch noch nicht einmal ihre eigenen Publikationen einsehen können. An der Uni Potsdam hatten wir nur Zugang zu einer Handvoll Zeitschriften und wir mussten immer unsere Bekannten an MPIs und in der Industrie nach PDFs von Artikeln fragen.“ Der Steuerzahler finanziert letztendlich neue Erkenntnisse der Forschung doppelt: Mit seinem Geld bezahlen Forschungseinrichtungen Wissenschaftler, Geräte und Chemikalien, aber auch ein zweites Mal die Information über die Ergebnisse dieser Anstrengungen.

125 Wertungen (4.75 ø)
Medizin

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11 Kommentare:

Dr Joachim Gartzke
Dr Joachim Gartzke

Wer als Wissenschaftler i. R. noch wissenschaftlich publizieren will, ist ganz schön angesch… .Er kommt an zu lesende Publikationen kaum noch ran.

Prof. Dr. med. Christoph Schmitz
Prof. Dr. med. Christoph Schmitz

Solange bei Berufungsverfahren und der Begutachtung von Drittmittelanträgen die “Impact Factors” der Publikationen einer Wissenschaftlerin / eines Wissenschaftlers zusammengezählt und als Kriterium herangezogen werden, wird sich am gegenwärtigen System nichts ändern. Das wissen sowohl die Universitäten wie auch die Verlage. “Cell”, “Lancet” usw. sind ja primär wegen ihrer hohen “Impact Factors” so interessant für die Verlage. Und die “Impact Factors” errechnen sich aus der Häufigkeit der Zitierungen der in diesen Fachjournalen veröffentlichten Artikel durch andere WissenschaftlerInnen. Ein Boykott der Begutachtung wird nichts bringen – ein Boykott der Zitierung, und damit ein Absinken der “Impact Factors”, würde die Verlage evtl. zum Umdenken bringen. Das ist aber reine Theorie – dazu wird es nie kommen.

Dr. med. Dipl.-Phys. Andreas-Roman Metza
Dr. med. Dipl.-Phys. Andreas-Roman Metza

Wer zwingt uns Wissenschaftler und Mediziner eigentlich, unsere Erkenntnisse bei privatwirtschaftlich organisierten Verlagen zu publizieren ? Das wissenschaftliche Renomee eines Verlages basiert im wesentlichen nicht auf dessen Personal-, Management- und Service-Pool, sondern vielmehr auf den innovativen Produkten der Autoren, die von diesen Verlagen Verlagsgewinn-bringend vermarktet werden. Um es auf den Punkt zu bringen, gründen wir doch einen nach dem Open-Source-Prinzip agierenden Verlag, und reduzieren wir damit die Wertschöpfungskette ausschließlich auf die genuinen Produzenten der innovativen intellektuellen Wertprodukte, d.h. diejenigen, denen der Erfolg für ihre harte Arbeit wirklich zusteht.

Werner Burk
Werner Burk

Die Zeitschriftenverlage, als selbsternannte Hüter des Wissens, können nicht genug bekommen. Wie kann es sein, dass aus Steuermitteln bezahlte Artikel mit ¿ 30,– berechnet werden. Das ist Gier in Reinkultur!

Open Source und NIH machen es vor, wie es besser geht.

Auch ich muss in unserer Bibliothek etliche Zeitschriften für 2013 abbestellen. Ein trauriges Kapitel.

Dr. Carsten Kettner
Dr. Carsten Kettner

Es ist ein interessantes Argument aus der community gegen OA: Der niedrige Impactfaktor der zumeist jungen Zeitschriften. Alle schimpfen über den IF, den meisten sind die Schwächen des IF bekannt und trotzdem nimmt auch die community den IF als Massstab für Qualität.
Aber hier beisst sich auch die Katze in den Schwanz: Die IF von OA-Journalen kann nicht steigen, wenn so wenige Autoren in OA-Journalen publizieren – und wenn diese wenigen Artikel zuwenig zitiert werden.
Wenn IF, dann braucht dieser in den OA-Journalen massive Unterstützung aus der community – und es gibt hervorragende OA-Journals, für deren Qualität enormer Aufwand getrieben wird.

Die Open Access Initiative sowie der Boykott von Elsevier und anderer gieriger Verlage sind vorbehaltlos zu begrüßen und zu unterstützen. Ein Großteil der Forschung ist mit Hilfe öffentlicher Gelder (mit) finanziert – das sind UNSERE Steuergelder. Die Verlage haben absolut kein Recht, die von der Öffentlichkeit finanzierte Forschung zu Ihrer skrupellosen Profitmaximierung zu mißbrauchen und die Öffentlichkeit vom Zugang der von Ihnen mitbezahlten Daten auf diese Weise auszuschließen. Das ist reine Gier, wie bei der Finanzbranche……..

Dr.med Stephan Heinke
Dr.med Stephan Heinke

Habe 1998 meine Dissertation online publiziert ( an der Humboldt-Uni), damals noch brandneu. Und immer noch 12 Leser / Monat ( habe nach zig Jahren gerade mal drauf geschaut ). 2003 dann erstmals mit BiomedCentral, auch gerade neu , und siehe da: von Jahr zu Jahr steigt der Impact, die Arbeit wird sehr häufig zitiert. Den Review-Prozess haben wir bezahlt ( 5-600 USD), Top-Reviewer ( sehr kritisch) ,für 1% vom Etat.
Fazit: Dumm, wer nicht ausschliesslich open acc. publiziert. Besonders für junge Wissenschaftler. Nebenbei ein gutes Werk für die Kollegen in den Schwellenländern.

Dr. Beatrix Naton
Dr. Beatrix Naton

Den “Open Access” lassen sich die Verlage gut bezahlen. 1000 Euro pro Artikel ohne Druckkosten, bei minimaler Redaktion und Gratisgutachtern bei PLoS und BMC. Auch das geht vom Forschungsetat ab, es ist also für große Institutionen ein ziemlicher Kostenfaktor. Bei Nature Communications kostet eine Publikation übrigens noch mehr, 3.570 Euro, pro Artikel. Wenn ich beispielsweise als NIH-Wissenschaftlerin einen Artikel bei PNAS veröffentlichen will, muss das NIH zusätzlich zu der Abogebühr noch ca. 1000 $ zahlen, damit der Artikel sofort online ist. Ein klarer Fall von Doppelvergütung!

Prof. Dr. Dr. Wolfgang Kläui
Prof. Dr. Dr. Wolfgang Kläui

Warum weigern wir uns als Wissenschaftler nicht einfach, Gutachten für Elsevier zu schreiben? Das ist ein erster Schritt, bei dem jeder mitmachen kann.
Ich weigere mich seit Jahren in Elsevier-Zeitschriften zu publizieren. Bitten um ein Gutachten beantworte ich wie folgt:
Prof. Dr. …..
Editor -in-Chief
Journal ….

Re. Manuscript # ………

Dear Dr. ……..:

Thank you very much for considering me as a referee for the above mentioned manuscript. I am afraid I have to inform you that, at this time, I am not in a position to referee manuscripts submitted to any Journal owned or published by the Elsevier publishing group.
¿.
Elsevier denies, at fair and acceptable conditions, online access to its journals. I consider this as a serious obstruction of free scientific exchange on behalf of Elsevier that must not be supported by any scientist. Indeed, I feel that the restricted access to Elsevier publications resulting from its prices policy cannot be in the best interest of its authors and referees, nor of the scientific community at large¿..
¿¿
I am sorry that I cannot conform to your request at this time. I am looking forward that Elsevier removes the obstacles that hinder me to provide service as a referee for its journals.

Sincerely Yours,

Die “Open Access”-Initiativer, um allen wissenschaftlich interessierten Personen möglichst preisgünstigen Zugang zu wissenschaftlichen Forschungsergebnissen zu ermöglichen, ist unbedingt zu begrüßen und sollte nachdrücklich unterstützt werden. Es ist kein überzeugender Grund erkennbar, warum der Zugang zu publizierten wissenschaftlichen Ergebnissen so teuer sein muss, wie es heute in so vielen Fällen der Fall ist.

Die dafür aufgewendeten Mittel könnten in der Tat besser in der Forschung eingesetzt werden. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten sollte ein preisgünstiger Zugang zu den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung für alle und ihre globale Verbreitung möglich sein.

Wenn sich die Mehrheit der Forscher einig wird, könnte man auch ein Gutachtersystem aufbauen, das die Qualität der Forschung wie bisher im Großen und Ganzen sicher stellt.

Dr. Gerhard Puetz
Dr. Gerhard Puetz

Die letzte Urheberrechtsnovelle war eine einzige Katastrophe für die Wissenschaft. Das Verlagssystem weiss, dass es dem Tode geweiht ist und bereichert sich in seinen letzten Zuckungen noch einmal kräftig am Geld der Steuerzahler, gefördert durch politische Entscheidungen ohne Weitblick. Noch hält uns der Fluch der Impactpunkte davon ab, ausschliesslich open access zu publizieren. Aber dies ist nur noch eine Frage der Zeit.
Der Weg des NIH ist der einzig richtige, ich Frage mich wann die DFG endlich nachzieht.

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