Aut idem: Nichts gehört, nichts gesehen

16. Januar 2015
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Nach langem Tauziehen galt die Substitutionsausschlussliste quasi über Nacht. Apotheker warfen Politikern vor, ihre Sinne gegenüber der Realität zu verschließen. Der unparteiische Vorsitzende des G-BA war darüber mehr als verwundert. Der Knackpunkt liegt jedoch an anderer Stelle.

Am 9. Dezember 2014 erschienen im Bundesanzeiger lang erwartete Änderungen zur Arzneimittel-Richtlinie. Sie trat am nächsten Tag in Kraft. Dahinter stecken Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses vom 18. September, besser bekannt als „Substitutionsausschlussliste“. Betroffen sind Betaacetyldigoxin (Tabletten), Ciclosporin (Lösung zum Einnehmen und Weichkapseln), Digoxin (Tabletten), Digitoxin (Tabletten), Levothyroxin-Natrium (Tabletten), Levothyroxin-Natrium plus Kaliumiodid (fixe Kombination), Phenytoin (Tabletten) sowie Tacrolimus (Hartkapseln).

Tipps aus Berlin

Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände warnte vor Rezepten mit einem dieser Wirkstoffe ohne weitere Angaben. Hier handele es sich um „unklare Verordnungen“, und der Patient müsse Rücksprache mit seiner Praxis halten. Damit nicht genug: Verordnet ein Arzt Präparate korrekt über den Herstellernamen plus Wirkstoff oder über den Handelsnamen, haben Apotheker keine Option mehr, pharmazeutische Bedenken gemäß Paragraph 17 Absatz 5 Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) geltend zu machen. Übergangsfristen sah die Bundesregierung nicht vor, und so wurden alle Regelungen umgehend gültig. In vielen Fällen hinkte auch die Apothekensoftware hinterher. Das DeutscheApothekenPortal (DAP) hat deshalb eine PZN-Liste veröffentlicht.

„Kritik nicht nachvollziehbar“

Jetzt äußerte sich Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des G-BA, zu den Vorwürfen: „Die Kritik der Apothekerschaft ist für mich nicht nachvollziehbar, geht an den Tatsachen vorbei und verunsichert ohne Not Patientinnen und Patienten.“ Besagte Substitutionsausschlussliste sei „keine überraschend verabschiedete Neuregelung, die für niemanden im Vorfeld zu erahnen war“. Für Apotheker sei zu erkennen gewesen, dass eine solche Zusammenstellung erfolgen werde. Über die Beschlussfassung hätten Fachmedien berichtet, und Apotheker seien im Vorfeld über Stellungnahmeverfahren und mündliche Anhörungen beteiligt gewesen. Hecken weiter: „Mit Blick auf den Verfahrensverlauf und diese überaus ansehnlichen Zeitspannen ist der Ruf nach einer Vorbereitungszeit für die Umsetzung kaum nachvollziehbar. Dies gilt umso mehr, als dass die Apotheker vor der gesetzlichen Beauftragung des G-BA eine nicht unerhebliche Zeit – wenn auch erfolglos – selbst mit der Erstellung einer Substitutionsausschlussliste betraut waren.“

Wenig Mitsprache

Mit seiner Kritik schießt Hecken weit am Ziel vorbei. Vom Deutschen Apothekerverband (DAV) kam ursprünglich eine Zusammenstellung mit Arzneistoffen. Als Verhandlungspartner blockierte der GKV-Spitzenverband jeglichen Konsens – und machte aus seiner Einstellung, das Procedere lieber an den G-BA zu übertragen, keinen Hehl. Apotheker sind momentan nur berechtigt, in diesem Gremium Stellungnahmen abzugeben. Seit Jahren diskutieren sie kontrovers, ob eine G-BA-Mitgliedschaft Sinn machen würde.

16 Wertungen (4.31 ø)

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5 Kommentare:

Pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA)

Der Herr Hecken (Rechtsanwalt) hat schon früher als Gesundheitsminister des Saarlands für Investoren von Celesio gearbeitet und DocMorris geholfen… aber damit auch gegen das ApoG verstoßen.

War klar, dass er sich jetzt gegen die Apotheker ausspricht… ohne ordentliches Fachwissen, als Marionette der Lobbyisten und – garantiert nicht (!) – unparteiisch.

#5 |
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Apotheker

Apotheker sollen doch Arzneimittel-Fachleute sein. Und jeder der einige Stunden in der Apotheke verbracht hat weiss, dass Ärzte es zwar gut meinen aber nicht immer besser wissen. Und in vielen Fällen auch nicht die Ärzte die Rezepte ausfüllen sondern deren Angestellte, nicht immer mit der nötigen sorgfalt.

Die Apotheker hatten Entbürokratisierung – sprich Ausschluss von den Rabattverträgen – im Sinn. Um den Patient unkompliziert mit dem Richtigen Arzneimittel zu beliefern. Diagnose – Fachgebiet des Arztes. Arzneimittel – Fachgebiet des Apothekers.

Das Ergebnis – Entmündigung der Apotheker und mehr Bürokratie – ist sicher nicht im Sinne des Patienten, der Ärzte oder der Apotheker. Höchstens im Sinne der Krankenkassen, weil mehr zu retaxieren.

Überraschend finde ich nur, dass der GBA offensichtlich keine Ahnung von der Praxis hat. Die Regelung an sich war nicht überraschend. Die schlechte Umsetzung aber durchaus. Dass das wiederum Herrn Hecken überrascht zeigt nur dass er keine Ahnung hat. Leider.

#4 |
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Gast
Gast

Verwundert und Kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen

#3 |
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Hier war wieder mal Ärger mit Patienten vorprogrammiert. Wenn ein Patient sonst immer einen Rabattartikel statt des aufgeschriebenen Präparates bekommen hat und damit super zurecht kommt und nun exakt die aufgeschriebene Firma bekommt,… Herr Hecken möge sich bitte hinter die Kasse stellen und dem Kunden die Sachlage verständlich machen.

#2 |
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saarland grüßt!
saarland grüßt!

der alte “hecken”-schütze! wahrscheinlich hat er früher als kind einmal keinen traubenzucker in der apotheke erhalten… dieses kindheitstrauma hat ihn dann wohl zum apothekenhasser werden lassen.

#1 |
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