rHealth-Diagnostik: Bluttest per Bluetooth

28. Januar 2015
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Klein, günstig, schnell und zuverlässig – eine neue Generation mobiler, handlicher Geräte macht sich auf, das klassische Diagnostik-Labor zu ersetzen. Doch was können die als Tricorder gepriesenen Geräte wirklich, und wann werden sie einsatzbereit sein?

Mit einem Tropfen Blut ein komplettes Blutbild erstellen? Dank Mikrofluidik und Nanotechnologie ist dies bereits heute technisch möglich, doch noch immer führt im Alltag von Praxis und Klinik kein Weg an der von vielen Patienten gefürchteten Blutentnahme mittels Venenpunktion vorbei. Die Proben müssen in ein Labor gebracht werden, die Untersuchungen erfordern schweres Gerät und teures Fachpersonal, und die Ergebnisse erreichen den Niedergelassenen erst Tage später. Doch ein neues Gerät soll nun die Welt der Diagnostik revolutionieren.

rHEALTH: Die eierlegende Wollmilchsau der Telemedizin?

Das Herz des „reusable Handheld Electrolyte And Lab Technology for Humans“ (rHEALTH) ist ein mikrofluidischer Chip, über den die Probe verdünnt, gemischt und durch das Gerät gepumpt wird. Die Ausstattung des Geräts mit nicht-invasiven Fluoreszenz-optischen Methoden wird durch Multiplexing mittels Nanostrips ergänzt. Diese Nanostrips funktionieren ähnlich wie normale Urin-Teststeifen, sind jedoch auf Mikrometer-Größe geschrumpft. Das Gerät kann zurzeit zuverlässig Zellzählungen durchführen. Außerdem ist es in der Lage, HIV festzustellen, den Vitamin-D-Gehalt im Blut zu bestimmen sowie diverse Proteinmarker wie TNFα und IFNγ zu detektieren. Durch einen zusätzlich anschließbaren Patch kann rHEALTH Vitalparameter wie Herzfrequenz und Körpertemperatur ermitteln. „Die rHEALTH Technologie ist hochsensitiv und quantitativ“, betont Dr. Eugene Chan, der als Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des DNA Medicine Institute (DMI) für Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von rHEALTH verantwortlich ist.

Das Gerät besitzt die handlichen Maße 20 cm x 10 cm x 1,5 cm und kommt mit einem einzigen Tropfen Blut (oder einer anderen Körperflüssigkeit) aus. Es wird von den DMI-Forschern in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Raumfahrtagentur NASA entwickelt und soll daher auch in der Schwerelosigkeit voll einsatzfähig sein – ein wichtiger Schritt zur medizinischen Versorgung von Astronauten in der bemannten Raumfahrt. Doch auch auf der Erde soll rHEALTH zum Einsatz kommen.

Klare Vorteile, aber noch keine Zulassung

Ein portables Diagnostik-Gerät, mit dem der Patient bereits zu Hause wichtige Parameter selbst bestimmt, könnte unnötige Konsultationen verhindern und den Arzt entlasten. Außerdem ermöglicht ein solches Gerät eine deutlich engmaschigere Überwachung als dies bisher möglich ist. Insbesondere bei chronischen und degenerativen Krankheiten könnte dies ein entscheidender Vorteil sein. Auch Ersthelfer, Sanitäter und Notfallmediziner würden von solch einem schnellen und handlichen Gerät profitieren. Durch die Miniaturisierung sinken zudem die Diagnostik-Kosten.

Ein weiterer Vorteil: rHEALTH kann die Patienten-Compliance verbessern. Für die geringe Menge an benötigtem Blut reicht ein Lanzetten-Stich aus, was besonders für Kinder und Personen mit schwer zugänglichen Venen oder Personen, die häufig untersucht werden müssen, beispielsweise onkologische Patienten, eine deutliche Erleichterung darstellt. Allerdings muss rHEALTH noch beweisen, dass es mit der Sensitivität und Spezifität herkömmlicher Analysemethoden mithalten kann. Entsprechende Studien ist der Hersteller DMI bisher schuldig geblieben.

Um den Markt der Telemedizin zu erobern, plant DMI drei Geräte-Varianten: rHEALTH One für die Forschung, rHEALTH X für Ärzte und rHEALTH X1 für Kunden. Während rHEALTH X und X1 vor dem Verkauf eine Zulassung durch die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) erhalten müssen, muss rHEALTH One nur durch ein Institutional Review Board – das amerikanische Pendant zur deutschen Ethikkommission – genehmigt werden, und steht somit bereits Forschungsinstitutionen zur Verfügung. „DMI kann Geräte innerhalb weniger Wochen an interessierte Forscher ausliefern“, verspricht Dr. Chan. Die Erfahrungen der Forscher will Chans Team nutzen, um das Gerät weiter zu verbessern. Bis rHEALTH bei Ärzten und Patienten ankommt, könnten dagegen noch Jahre vergehen. „Die nächsten Herausforderungen“, stellt Dr. Chan fest, „sind das Erweitern um zusätzliche Tests, die Vergrößerung des Produktionsmaßstabs und der aufwändige Prozess der Kommerzialisierung.“

Ausgezeichnete Idee

Im November gewann das DMI-Team mit seinem rHEALTH-Konzept die Nokia Sensing XChallenge 2014 und konnte 525.000 US-Dollar mit nach Hause nehmen. Und der nächste Preis ist auch schon anvisiert: Als eines von zehn Teams nimmt DMI am Qualcomm Tricorder XPrize teil, der mit zehn Millionen US-Dollar dotiert ist. Um den Preis zu gewinnen, muss rHEALTH mindestens 16 Entitäten erfolgreich diagnostizieren können, darunter Anämie, Vorhofflimmern, chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Diabetes mellitus, Hepatitis A, Leukozytose, Pneumonie, Otitis media, Schlafapnoe, Schlaganfall, Tuberkulose und einen Harnwegsinfekt. Außerdem muss das Gerät zuverlässig die Vitalparameter Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz und Körpertemperatur bestimmen. In Zusammenarbeit mit der University of California in San Diego (UCSD) werden 500 Freiwillige die Tricorder XPrize Geräte im Sommer 2015 evaluieren. Die FDA begleitet den Prozess und berät die teilnehmenden Teams bei allen zulassungsrelevanten Fragen.

Die Konkurrenz schläft nicht

DMI ist nicht das einzige Unternehmen, das sich ein Stück vom Telemedizin-Kuchen abschneiden will. Scanadu, ein 2011 in Kalifornien gegründetes Unternehmen, nimmt ebenfalls am Tricorder XPrize teil und bietet zwei Produkte: Scanadu Scout zur Messung von Vitalparametern und Scanaflo zur Urin-Untersuchung. Wann die beiden Geräte regulär im Handel erhältlich sein werden, ist aber noch unklar. Ein anderes Konzept verfolgt dagegen Theranos. Das kalifornische Unternehmen bietet seine Dienste bereits seit 2013 an: Patienten mit einer ärztlichen Anweisung können sich in Filialen der Pharmazie-Einzelhandelskette Walgreens eine geringe Menge Blut, Urin oder andere Körperflüssigkeiten entnehmen lassen. Die Probe wird zeitnah an ein Theranos-Labor geschickt und dort mittels patentierter Miniaturisierungs- und Automatisierungs-Techniken untersucht.

Der Gewinner des Tricorder XPrize wird im Januar 2016 verkündet. Auf den Einsatz von Geräten wie rHEALTH im Klinik- und Praxisalltag werden wir zwar vermutlich noch deutlich länger warten müssen, aber dass die Zukunft den handlichen Allroundern gehört, scheint unbestritten.

70 Wertungen (4.51 ø)

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4 Kommentare:

Patient
Patient

Mein Hausarzt macht auch nichts anders als Laborwerte abzutesten. Palpation scheint überflüssig zu sein. Das war bei den Ärzten älterer Generation anders. Ich fände es toll, wenn Ärzte endlich mal wieder Heilkunst betreiben würden. Das können Maschinen nicht.

#4 |
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Heilpraktiker

das “herumspielen mit Blut” ist doch für abertausende von Diabetikern schon heute selbstverständlich.
Eine blitzschnelles sauberes Blutbild ist auf jeden Fall ein Riesenfortschritt, klingt aber wirklich wie Sience Fiction. Doch was klang nicht alles vor einigen Jahren noch wie Sience Fiction und ist doch heute Alltag.
Ich denke in 10 bis 15 Jahren werden die jungen Kollegen über die aufwendigen Bluttest mit Ampullen voller Blut nur noch nachsichtig lächeln.

#3 |
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wellengang
wellengang

Der Traum aus der Science-fiction-Serie Enterprise wird wahr, Commander Pille mit seinem kleinen aufklappbaren Gerät, welches er nur schnell mal eben an den Hals des Patienten halten musste um eine Diagnose als Sprachausgabe zu erhalten und dann eine sofortige erfolgreiche Therapie einleiten konnte. Großartig, ich suche mir schon mal einen neuen Job….vielleicht in der Reparatur- und Reklamationsabteilung von Dr. Chan. Vorbei die Zeit der aufwendigen und teuren Laboranalyse, vorbei auch die Zeit dieses schönen Berufs der MTLA – obwohl, diese Zeit ist ja schon lange vorbei und schlecht bezahlt war dieser Job schon immer, wie viele der typischen Frauenberufe.

#2 |
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Arzt
Arzt

Wenn Patienten nun selbst anfangen mit Blut herumzuspielen, wird das sicher das Robert Koch Institut sehr erfreuen.

#1 |
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