Pflicht und Wahl im PJ: Scheuklappenpolitik?

29. Februar 2012
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Laut Informationen der bvmd planen zur Zeit die Landesgesundheitsminiserien im Rahmen der Änderung der Approbationsordnung die Einführung eines verpflichtenden Allgemeinmedizintertials in dessen Konsequenz das Wahltertial gestrichen werden könnte.

Wie bereits berichtet, ist aktuell die Novellierung der Approbationsordnung in vollem Gange. Der neue Entwurf, welcher eine Splittung des Hammerexamens in einen theoretischen Teil vor dem PJ und einen praktischen Teil nach dem PJ und die Eröffnung der bundesweiten Lehrkrankenhäuser für alle Medizinstudierenden vorsieht, wurde bereits am 20.12.2011 dem Bundestag vorgelegt. Jetzt muss der Entwurf noch, um in Kraft treten zu können, im Bundesrat durch die Regierungen der Bundesländer abgestimmt werden. Dort entwickelt sich jetzt aber Erstaunliches.

Bundesländer wollen das Allgemeinmedizintertial

Vertreter der bvmd (Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.) erfuhren von verschiedenen Landesärztekammern, dass in Reaktion auf den Landärztemangel ein Änderungsentwurf eingebracht werden solle, der die Ersetzung des Wahltertials durch ein weiteres Pflichttertial in der Allgemeinmedizin oder eine Teilung des PJs in vier Quartale bestehend aus drei Pflichtquartalen (Chirurgie, Innere Medizin, Allgemeinmedizin) und einem Wahlquartal, jeweils zu drei Monaten, vorsehe.

Studierende melden Protest

Bvmd und Medizinstudierendenvertretungen von Marburger- und Hartmannbund lehnen diese Bestrebungen vehement ab. Sie bezweifeln eine Stärkung der Allgemeinmedizin durch die Methode eines verpflichtenden Tertials und merken den ebenfalls in anderen Fachdisziplinen vorherrschenden eklatanten Nachwuchsmangel an. Darüberhinaus stellen sie die Verhältnismäßigkeit eines solch massiven Eingriffes in die Studienfreiheit in Frage und bemerken, dass vielmehr eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Ausbildungsstruktur eine Attraktivitätssteigerung des Faches für junge Ärzte zur Folge hätte.

Fachgesellschaften fühlen sich hintergangen

Wie zu erwarten, meldeten sich auch sofort fast sämtliche Fachgesellschaften zu Wort. Die Interessenvertretungen u.a. der Internisten, Chirurgen, Neurologen, Anästhesisten und Pathologen stellten in Pressemitteilungen ihre Position dar. Eine „Scheuklappenpolitik“, die sich auf nur ein Fach fokussiere und dadurch die Chance der Nachwuchsrekrutierung der kleinen, aber ebenso wichtigen Fächer, durch das Wahltertial im PJ verhindere, wird angeprangert. „Ein solcher Eingriff in die Approbationsordnung wird neue Dysbalancen schaffen, die die Politik heute kaum noch überblickt“, so Prof. Manfred Dietel und Prof. Werner Schlake, Fachvertreter der Deutschen Gesellschaft für Pathologie.

Probleme bei der Umsetzung sind zu erwarten

Auch rein logistisch scheint der Vorstoß einiger Pragmatik zu entbehren. Die Vorstellung, dass nur noch PJler auf den chirurgischen und internistischen Stationen der Uniklinka anzutreffen wären und eine Vielzahl von Plätzen in den allgemeinärztlichen Praxen organisiert werden müssten, klingt utopisch. So haben die PJler, die ihr Wahltertial bei einem niedergelassenen Allgemeinmediziner machen wollen, oftmals bereits heute Schwierigkeiten einen Platz zu bekommen. Viele niedergelassen Kollegen entscheiden sich ganz aktiv gegen die Aufnahme von PJ-Studierenden, weil die Ausbildung mit zeitlichen und finanziellen Einschränkungen einherginge. Wahrscheinlich würden viele diesen Mehraufwand nur in Kombination mit einer finanziellen Entschädigung eingehen, was die Ausbildung nicht nur ihrer Vielfältigkeit berauben, sondern auch teurer machen würde.

Wirksamkeit des Signals wird angezweifelt

Eines der Hauptargumente ist aber ganz einfach, dass eine verpflichtende Maßnahme in den seltensten Fällen zu einer Lenkung in die gewünschte Richtung führt. Das wurde in den Gremien der medizinischen Ausbildung und Fachgesellschaften bereits mehrfach in den letzten Jahren diskutiert. Auch Modelle, wie etwa in Mittelamerika, wo alle fertigen Medizinstudierenden nach ihrer Ausbildung zunächst einige Jahre Dienst in der Provinz ableisten müssen, führt langfristig nicht zu einer zufriedenstellenden Stärkung der Versorgung. Studierende scheinen hierbei die völlig falsche Zielgruppe für eine Einwirkung zu sein. Vielmehr müssen Anreize in Ausbildungsstruktur, wissenschaftlichem Anspruch, Arbeitsbedingungen und finanziellen Aspekten für Jungmediziner geschaffen werden, die bereits in ihrer Weiterbildung sind.

Es ist Zeit sich zu beschweren

Die Politik hat das aber nicht erkannt und steuert laut Studierenden und Fachgesellschaften in irrationalen Gewässern, die das Problem nicht lösen und unter Umständen sogar verschärfen könnten. Deshalb hat die bvmd eine Internetseite eingerichtet, auf der Studierende ihren Protest an die zuständigen Bundes- und Landesgesundheitsämter richten können.

Wenn Ihr die Wahl hättet: Pflicht- oder Wahltertial? Oder sogar Quartale? Diskutiert in den Kommentaren!

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