Hautkranke: Jeder Dritte mit psychischem Leiden

19. Dezember 2014
Teilen

Nesselsucht als Folge unterdrückter Wut, Neurodermitis durch zu viel Stress – eine Vielzahl von Hauterkrankungen hat seelische Ursachen. So auch das Fazit aktueller Daten, die bei jedem dritten Hautkranken psychische Probleme belegen.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Hauterkrankungen immer mehr zugenommen. Neurodermitis oder Schuppenflechte etwa sind zu Volkskrankheiten geworden. Meistens sind die Hautleiden genetisch veranlagt. Doch darüber, ob und wann sie ausbrechen, entscheiden viele Faktoren mit – vor allem auch die psychische Verfassung.

Dies belegt eine neue europäische Studie, in der Wissenschaftler in dreizehn Staaten insgesamt rund 3.600 Menschen mit Hautkrankheiten befragt und untersucht haben. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass 29 Prozent der Hautkranken gleichzeitig auch an einer psychischen Erkrankung litten. Zum Vergleich: In der Kontrollgruppe, die aus 1.400 Menschen ohne Hautkrankheiten bestand, lag dieser Anteil bei nur 16 Prozent. Die Forscher stellten außerdem fest, dass der Anteil von Menschen mit Depressionen unter den Hautkranken mehr als doppelt so hoch war, und Angsterkrankungen oder Suizidgedanken anderthalbmal so häufig vorkamen wie in der Kontrollgruppe.

„In solch großem Umfang wurde der Zusammenhang von Haut- und psychischen Krankheiten bisher nicht nachgewiesen“, sagt Professor Dr. med. Uwe Gieler, der als kommissarischer Leiter der Universitäts-Hautklinik in Gießen maßgeblich an der Studie beteiligt war und sich nun Fortschritte bei der Behandlung Hautkranker verspricht. „Wenn eine Hauterkrankung auf psychische Probleme zurückgeht, ist die Behandlung nur adäquat, wenn die psychischen Probleme erkannt und mitbehandelt werden“, betont Gieler. Vor allem bei allergischen Hauterkrankungen gebe es zunehmend Hinweise auf seelische Ursachen. „Neurodermitis kann sich durch belastenden Stress verschlimmern, unterdrückte Wut in Nesselsucht äußern“, erläutert der DGPM-Experte. Ursache sind höchstwahrscheinlich Neuropeptide. Diese könnten durch die Nervenbahnen bis zu den Organen gelangen und dort Entzündungen verstärken.

 Überdruckventil der Seele

„Gerade die Haut reagiert häufig als Überdruckventil der Seele“, sagt Gieler. In der deutschen „Leitlinie Allergieprävention“, an der Gieler als Experte der DGPM mitarbeitete, findet sich seit diesem Jahr erstmals der Bezug zu psychischen Leiden: Schwerwiegende Lebensereignisse, wie die Trennung der Eltern oder der Tod eines Elternteils, in der Schwangerschaft oder in der frühen Kindheit, erhöhen das Risiko für spätere allergische Erkrankungen der Kinder.

Originalpublikation:

The psychological burden of skin diseases: a cross-sectional multicenter study among dermatological out-patients in 13 European countries
Uwe Gieler et al.; Journal of Investigative Dermatology, doi: 10.1038/jid.2014.530; 2014

35 Wertungen (4.54 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

13 Kommentare:

Igorle
Igorle

Das geht jetzt inzwischen n bissl am eigentlichen Thema des Artikels oben vorbei, aber eine “hochwertige Seife” ist für mich, nicht im rein chemischen Sinne einer “Seife” sonderen im allgemeienen Sprachgebrauch “Seife” z.B. eine fachmännisch ordentlich hergestellte, leicht überfettete und evtl. mit, je nach Gebrauchs- und Anwendungswunsch, zusätzlichen Inhaltsstoffen (z.B. äth. Öle, andere Pflanzneextrakte, Putzkörpern) versetzte Seife.
Wer schon mal bei einem kleinen, handwerklichen Seifenhersteller unterschiedliche Seifen probiert hat weiss was ich meine. Diese Seiefen unterscheiden sich sehr von den in großen Mengen industriell hergestellten Schaumkörpern wie “Palmolive”, “CD” oder ähnliches. Und haben demgemäß auch andere Preise als die Billigware die zu “Waschfrauenhänden” führt.
Da sind im Endeffekt auch dei SYNthetischen DETergenzien auch nicht besser.
Nur besser zu vermarkten.

#13 |
  0

Frau Barke und Herr Berwanger haben es auf den Punkt gebracht. Wenn wir die gut bekannte Sachlage, dass psychische Probleme in Zusammenhang mit Hauterkrankungen zusammen hängen, dann klären Zusammenhangsmaße lediglich, wie hoch der Zusammenhang ist, nicht aber, warum es so ist. Solches Denken fehlt offenbar tiefenpsychologisch denkenden Kollegen.
Wie lautet der Kausalnexus (Ursache-Wirkungs-Zusammenhang)? Was sind fördernde und was hindernde Bedingungen für das Zustandekommen des Kausalnexus? Und was sind Hintergrundbedingungen?
Es wird Zeit, das Forschungen, die sich selbst bestätigen wollen, sich endlich mal weiter entwickeln und ein bisschen Methodik hinzulernen!

#12 |
  0
Gast
Gast

#10 bitte keine Legenden, das mit dem pH ist nun wirklich kein Geheimnis. Können Sie überhaupt “hochwertige Seife” chemisch definieren?
Laugen wie klassische Seifen haben auch eine Eiweiß-lösende Wirkung, das sind die bekannten “Waschfrauenhände”. Für Reinigungs- und anschließende Desinfektionsmaßnahmen ein Vorteil. Nur für die Haut zu aggressiv.
Hautreinigung und Hautpflege sind daher zwei verschieden Maßnahmen.
Zudem gibt es nicht nur Hauterkrankungen, die die Angelegenheit komplizieren, sondern auch sehr unterschiedliche gesunde Hauttypen, vom Seborrhoiker zum Sebostatiker.

mfG

#11 |
  0
Gast
Gast

@#9 Genau das ist noch immer nicht schlüssig bewiesen worden, ob der sog. “Säureschutzmantel” überhaupt existiert. Der leicht saure pH-Wert der Hautoberfläche ist nach der Reinigung nicht vorhanden, er entsteht erst Stunden später, nachdem Bakterien die auf der Hautoberfläche leben ihre Aktivität wieder aufgenommen haben. Syndets sind erheblich günstiger in der Herstellung als die vorgenannten “hochwertigen Seifen”, werden dazu noch teurer verkauft unter angeblich hautmedizinisch-gesundheitsfördernden Aspekten… Kritisch bleiben.

#10 |
  0
Arzt
Arzt

“Syndets” wurden zum Hautschutz entwickelt, um den schützenden Säuremantel nicht zu zerstören, was alkalische Seifen nun mal machen auch wenn sie gerade deshalb auch eine gute Reinigungskraft besitzen.
Häufiges Waschen mit “normaler” Seife ist also hautschädigend.

#9 |
  0
Heilpraktikerin

@#2 Dr. Barke: sehr gut, ein somatopsychischer, statt psychosomatischer Ansatz!

Besonders deutlich wird dies bei kleinen Kindern mit Neurodermitis. Sie haben diese Krankheit nicht, weil sie “schwierige” Kinder wären, sondern der ständige Juckreiz und Schmerz führt zu als schwierig empfundenen Verhaltensweisen, wie Schreien, Quengeln oder auch Schlafstörungen. (Ob daraus evtl. sogar Entwicklungsstörungen resultieren, könnte ebenfalls diskutiert werden.)
Für mich ist das kein Wunder, dass die Nerven blank liegen, wenns derartig juckt, dass man gar nicht mehr weiß, wo man sich lassen soll! Schon mal selbst erlebt?

Immer wieder außer Acht gelassen, wird der erst seit wenigen Jahrzehnten statt findende Einsatz von Syndets (und erheblich kürzere Reinigungsintervalle). Dies betrifft auch unsere Berufsstände.
Fragen wir doch auch mal Hebammen, ob sie diese täglichen Schaumberge für Babys gut heißen.
Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen mit der Rückkehr zur echten hochwertigen Seife gemacht.

Ach, und übrigens schickt ein verantwortungsbewusster HP Psy, neue Klienten zwecks Abklärung/Ausschluss somatischer Ursachen als erstes zum Arzt!

Simone Pfaue
Heilpraktikerin für Psychotherapie

#8 |
  0
Gast
Gast

@Dr. med. Inge Eisenmann-Stock:
“Keine Krankheit ohne seelische Ursache.”
wo lernt man denn so einen Quatsch?

#7 |
  0
Gast
Gast

Letzlich ist dem Patienten doch egal, ob die Seele leidet, weil die Haut krank ist oder umgekehrt. Ihm ist wichtig, ob und wie ihm geholfen wird. Der Betroffene will im Grunde einfach nur seine Krankheit wieder loswerden, je einfacher und unkomplizierter desto besser. Der Kortison-Weg ist eine solche schnelle Hilfe, aber zur Dauertherapie nicht geeignet. Es ist die Aufgabe des Behandlers, dem Patienten das klar zu machen und nachhaltige Behandlungswege aufzuzeigen (Ordnungstherapie, Ernährung, Entgiftung und und und), vor allem aber, dass der Patient selbst eine Mitverantwortung trägt. Dadurch wird er aus seiner Opferrolle heraus geholt und erhält die Möglichkeit, seinen Körper selbst wieder in den Griff zu bekommen.

#6 |
  0

Ich möchte mich der Ansicht der Kollegin Barke vollständig anschliessen.
Viele haben immer noch (warum eigentlich?) Schwierigkeiten mit den Begriffen ›Korrelation‹ und ›Kausalität‹!!!
Klar, es macht mehr her, über psychologische Ursachen zu spekulieren als sich der EBM (evidenz-basierten Medizin) zu bedienen.
Liebe Kollegen, mal ein wenig über Wissenschaftstheorie nachlesen! (Die Tage zwischen den Jahren bieten sich doch förmlich an.)
Frohe Festtage & happy reading!

#5 |
  0
Dr. med. Susanne Bihlmaier
Dr. med. Susanne Bihlmaier

“Es ist zum aus der Haut fahren”- oder: Psycho-Neuro-Immunologie.
Was Henne und was Ei ist, ist für die Betroffenen müßig zu diskuttieren, wichtiger für die Erkrankten ist (und sollte auch für uns Therapeuten sein), einen weiteren Ansatzpunkt für die Therapie zu haben. Ganzheitlich, nicht nur “Schmieren & Salben und Cortison allenthalben”, sondern auch Psyche und selbstverständlich auch Immunsystem + Ernährung mit einzubeziehen.

#4 |
  0
Nadine Brück
Nadine Brück

Professioneller wäre die Vorgehensweise zu testen warum die gesunde Schutzfunktion der Haut nicht mehr funktioniert!
Sind die Zellen ausreichend genährt um sich gegen Umwelteinflüsse zu schützen? Kann die Haut und die Organe den Körper ausreichend entgiften?
Jede Krankheit auf die Psyche zu schieben, ist leider zu leicht.

#3 |
  0
Dr. Antonia Barke
Dr. Antonia Barke

In dem Artikel klingt es, als seien die Hauterkrankungen die FOLGE und die seelischen Probleme die URSACHE. Das kann mit korrelativen Untersuchungen nicht nachgewiesen werden und ein solcher Schluss ist unzulässig und irreführend. Im Titel der Origionalarbeit wird im übrigen auch die umgekehrte kausale Richtung angesprochen: Psychischen Symptome entwickeln sich aufgrund der Belastungen der Hauterkrankung. Ein wissenschaftlicher Informationsdienst sollte genauer recherchieren, bzw. sorgfältiger formulieren. Wo ist die wissenschaftliche Evidenz dafür, dass unterdrückte Wut sich in Nesselsucht ausdrückt? Das ist doch Küchenpsychologie.

#2 |
  0
Dr. med. Inge Eisenmann-Stock
Dr. med. Inge Eisenmann-Stock

interessant, das kenn ich aus der Praxis –
Wann wird man das Zusammenspiel des Ganzen beachten???
Da werden sich schnell wieder Skeptiker melden, denn da ist ja noch weniger drin als in den angezweifelten Kügelchen.
Keine Krankheit ohne seelische Ursache.
Sicher findet man in der Molekularbiologie noch kleinere Teile, die irgendwas in einer Zelle auslösen können. Klein-Klein statt im Überblick.
Warum wird aber der eine krank, der andere nicht – bei gleichen (chemischen) Ausgangsbelastungen.
Aber das ganze mal mit der Haut – dem Organ das den Mensch von der Umwelt, dem Aussen trennt – anzufangen ist ein guter Schritt.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: