Weihnachtstage: Oh du tödliche?

22. Dezember 2014
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Weihnachten ist das Fest der Liebe, der Geschenke und der Kalorien. Aber auch Herzinfarkte, Vergiftungen, Unfälle und besonders Suizide häufen sich in der weihnachtlichen Zeit, so die verbreitete Meinung. Was aber sagt die evidenzbasierte Datenlage zu diesen Klischees?

„Weihnachtsbäume können eine nicht unerhebliche Quelle für Schimmelpilze darstellen, deren Sporen bei Allergikern Reizungen in den Augen, der Nase und der Kehle, Kopfschmerzen sowie eine chronisch verstopfte Nase hervorrufen können“, heißt es beim Bundesverband der Pneumologen. Nach einer Studie von Johnston et al. treten in der Weihnachtszeit erheblich mehr COPD-Exazerbationen als in der gesamten Winterzeit auf. In den Weihnachtsferien kam es bei den 114 untersuchten Probanden zu 6,7 Exazerbationen pro Woche, im Rest des Winters nur zu 4,3. Als Ursache machen die Wissenschaftler sozioökonomische und logistische Gründe verantwortlich. Der Faktor vorweihnachtlicher Stress spielt vermutlich ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass die medizinische Versorgung in den Festtagen eingeschränkt ist. Andere Autoren vermuten, dass vermehrte Familienbesuche und engere soziale Kontakte zu mehr Atemwegsinfektionen und Pneumonien führen.

Christbaum als Pollenschleuder

Harze, Zedernpollen, Schimmelsporen im Christbaum können allergische Reaktionen bis hin zu Asthmaanfällen oder Exazerbationen auslösen. Etherische Öle und Terpene sind normalerweise hilfreich bei Atemwegserkrankungen. Allergiker können darauf jedoch empfindlich reagieren. In den ersten drei Tagen gibt ein Weihnachtsbaum 800 Sporen pro Kubikmeter Luft ab, so eine Studie von Kurlandsky. Hat er sich erst mal an die heimische Umgebung gewöhnt, legt er richtig los: 5.000 Sporen pro Kubikmeter am Tag 14, wenn der Baum abgeschmückt wurde. 15 Prozent der Bevölkerung reagieren allergisch auf Schimmelsporen, besonders Asthmatiker sind betroffen.

Jingle Bells bessert Lungenfunktion

Das Singen von (Weihnachts)Liedern kann für COPD-Patienten hilfreich sein. Eine Studie des Sidney De Haan Research Centre for Arts and Health in Folkestone, Großbritannien untersuchte an 97 COPD-Patienten die Auswirkung von Gesangsstunden auf den Krankheitsverlauf. Die Ergebnisse der Lungenfunktionstests als auch die Ergebnisse der Befragung hinsichtlich der gesundheitlichen Lebensqualität haben sich während der zehn Monate des Singprojekts deutlich verbessert. 22,7 % der Teilnehmer zeigten eine Veränderung ihres FEV1% von mehr als 120ml. Die Forcierte Vitalkapazität (FVC) erhöhte sich in der Studie von Clift et al. über den Verlauf der Untersuchung von 2.430 ml auf 2.540ml. FVC% steigerte sich innerhalb von zehn Monaten signifikant von 81,7 % auf 85,4 %.

Heilige Nacht als kardiale Nacht?

Eine Untersuchung der DAK über einen Zeitraum von vier Jahren ergab, dass Weihnachten im wahrsten Sinne des Wortes ans Herz gehen kann. An Weihnachtstagen verbringen 40 Patienten wegen eines Herzinfarktes in der Klinik, üblicherweise sind es 30 Einweisungen. Besonders Männer waren in der Studie betroffen. Ken Eagle aus Texas vermutet, dass Katecholamine die Übeltäter sein könnten. Sein Target ist SULT1A, eine Sulfotransferase, die Katecholamine abbaut. Durch exzessives Essen während der Feiertage, massivem Alkoholkonsum und Stress wird SULT1A inhibiert und die Katecholaminspiegel steigen.

MITRA gibt Entwarnung

Zu einem völlig anderen Ergebnis hingegen kommt die Arbeitsgruppe um Jochen Senges vom Institut für Herzinfarktforschung Ludwigshafen an der Universität Heidelberg. Seine Analyse basiert auf dem MITRA-Plus-Register, dem größten europäischen Herzinfarktregister. Setzt man die Infarkthäufigkeit mit 100 % an, beträgt sie an den Tagen vom 20. bis 22. Dezember unterdurchschnittliche 99 % und sinkt ab dem 23. Dezember um weitere zehn Prozent. Die Arbeitsgruppe analysierte Daten von rund 36.400 Herzinfarktpatienten in einigen Hundert Kliniken. Entgegen den Erwartungen liegt die tägliche Infarktquote schon in den Vorweihnachtstagen nicht über dem über das Jahr berechneten Mittelwert. Dies mache Weihnachten „zu einer sehr interessanten Ausnahme von der Regel“, so die Autoren.

Suizid unterm Tannenbaum?

„Die Suizidrate ist in der Weihnachtszeit am höchsten“, dieser Mythos ist schon oft postuliert worden. Die Notärztin Gillian Beauchamp von der University of Cincinnati wollte es genau wissen und analysierte das Datenmaterial des National Poison Database System. Zwischen dem 1. Januar 2006 und dem 31. Dezember 2010 begingen 1,06 Millionen Menschen in den USA Suizid mit Gift. An Ostern, am Mutter- und Vatertag und am Memorial Day gab es weder mehr noch weniger Giftsuizide als an gewöhnlichen Tagen. An Weihnachten ereigneten sich hingegen weniger Suizide und Suizidversuche. Auch an Thanksgiving und am US-Nationalfeiertag am 4. Juli blieb das Gift häufiger im Schrank. Vermutlich ist die Suizidrate geringer, weil viele die Festtage im Kreis ihrer Familie verbringen.

In Deutschland ist die Situation vergleichbar. Laut Statistischem Bundesamt werden ausgerechnet im Dezember wesentlich weniger Selbstmorde begangen, als in anderen Monaten. Im Jahr 2013 begingen im Dezember 720 Menschen Suizid. Im April waren es 969 und im August 843. Auch in den Jahren davor wurden im Dezember die wenigsten Suizide begangen. Es findet sich eine „Evidenz für eine saisonale Asymmetrie“.

Vladeta Ajdacic-Gross von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich hat festgestellt, dass mit Beginn der Adventszeit bis zum Jahresende die Zahl der Suizide in der Schweiz kontinuierlich zurückgeht. Die Suizidrate ging im Dezember um 12 Prozent zurück, an einigen Tagen sogar um 30 Prozent. Die Schweiz hat mit 17,5 Selbsttötungen auf 100.000 Einwohner übrigens die höchste Rate in Westeuropa.

Süße Weihnacht

Sara López Rojo untersuchte in ihrer Studie „Weihnachten für unsere Diabetespatienten – ein zusätzliches kardiales Risiko“ die metabolischen Veränderungen in der Weihnachtszeit. Der Blutzucker stieg von 137,56 ± 40,64mg/dl vor auf 148,78 ± 43,08mg/dl nach Weihnachten. Der systolische Druck war nach Weihnachten höher, das Gewicht und der Bauchumfang auch.

Eine Studie von Yanovski et al. zeigt hingegen, dass wir zwischen Neujahr und Weihnachten und nicht zwischen Weihnachten und Neujahr zunehmen. Die Gewichtszunahme zwischen Weihnachten und Neujahr beträgt nur 370 Gramm. Die Feiertage sind also in vielen Punkten an Morbus Crystmas unschuldig.

138 Wertungen (4.36 ø)
Allgemeinmedizin, Medizin

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22 Kommentare:

Gast
Gast

Ein (kleiner) Meteorit könnte auch den Weihnachtsbaum treffen, der da steht, wo sonst Mutters Fernsehsessel steht,
also statt die Mutter.
Dann wäre er lebensrettend.
Zugegeben ein seltener Einzelfall, aber die Milliarden, denen er die Stimmung verbessert, zählen eher noch mehr.

#22 |
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Dr. Eberhard Stamm
Dr. Eberhard Stamm

Allergiker sollten berücksichtigen, daß mit Weihnachtsbäumen nicht nur Schimmel und Zecken, sondern auch vielfältige Unkrautvertilgungs- und Schädlingsbekämpfungsmittel in die Wohnung geholt werden können, die dann dort als Staub oder Dampf freiwerden.

#21 |
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Gast
Gast

Das mit den Weihnachtsliedern für die Lungenfunktion ist doch ein ganz hervorragender Tip, Danke!

#20 |
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Gast
Gast

Die Zahl der Giftselbstmorde in den USA erscheint deutlich zu hoch. 100000 wären schon viel.

#19 |
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Gast
Gast

@Manfred Kloep Schreibfehler, Sie meinten sicherlich :
“ERNIEDRIGTES Konfliktpotential (Familien usw,) “

#18 |
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Manfred Kloep
Manfred Kloep

Hallo , lasst uns einfach auf einen gemeinsamen Nenner einigen: durch erhöhtes Konfliktpotential (Familien usw,) ist dies Phänomen eher zu erklären, als durch übermäßigen Essen, Schimmelpize an Weihnachtsbäumen, usw.
Frohe und konfliktfreie Feiertage !!

#17 |
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Gast
Gast

Hier scheint es ja eine Häufung von “Weihnachtskritikern” zu geben.
Jedes Jahr der gleiche Quatsch, diese Menschen halten sich immer für besonders “modern” und fortschrittlich.
Das sind die Fakten bei uns:
“Laut Statistischem Bundesamt werden ausgerechnet im Dezember WESENTLICH weniger Selbstmorde begangen, als in anderen Monaten.”

Und tatsächlich, wer noch original-Kerzen verwendet, kann die Feuergefahr erhöhen, wie bei den Silvesterknallern.
Wie sensationell.

#16 |
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Monika Schillinger
Monika Schillinger

Schon mal daran gedacht, wie es wirkt, eine Mail zu erhalten mit dem Titel “Weihnachtsfest – oh Du tödliche” – Auch so was kann eine Herzattacke auslösen

#15 |
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Nichtmedizinische Berufe

Schimmelpilze in Weiohnachtsbäumen KÖNNEN vorkommen- aber auch Zecken könenn durch Tannenbäume in die Wohnung geschleppt werden- schon mal daran gedacht? http://www.zeckenbiss-borreliose.com

#14 |
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@9 Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Depressive in der Weihnachtszeit einen verstärkten Drang zum Selbstmord haben, diesem aber – glücklicherweise – nicht immer nachgeben können. Für das Umfeld muss das bedeuten, Depressive in dieser Zeit besonders eng zu betreuen, obwohl die reinen Zahlen fälschlich vortäuschen, dass keine besonderen Problem in dieser Zeit bestehen.

#13 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Ist halt etwas Reklame für eine amerikanische Autorin.
Siehe #6

#12 |
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Michael Riediger
Michael Riediger

Zum Thema “journalistische Qualität”: Die “Notärztin” Gillian Beauchamp von der University of Cincinnati sollte korrekt als Notfallmedizinerin bezeichnet werden, da es in den USA eine dementsprechende Fachrichtung mit mehrjähriger Ausbildung gibt, die der deutschen Schmalspurfortbildung zum Notarzt deutlich überlegen ist. Und da es dort auch (außer in Ausnahmefällen) keine präklisch tätigen Notfallmediziner wie unsere Notärzte gibt, macht es für mich Sinn, die Begriffe “Notarzt” und “Notfallmediziner” nicht synonym zu verwenden.

#11 |
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Gast
Gast

Interessant wäre, wie die Daten vor Weihnachten aussehen. Inklussive der Anzahl der Verkehrsunfälle, Straftaten u.s.w. M.e. ist die Vorweihnachtszeit noch gefährlicher, als Weihnachten selbst.

#10 |
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Udo Jürgens †, Joe Cocker † – traurige Koinzidenz mit dem Erscheinen diese Artikels.

#9 |
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Gast
Gast

@#7 Aber genau darum geht es doch. Weil es heißt AN Weihnachten würde die Suizidrate im Vergleich höher sein. Es geht ja eben nicht um die Tage oder Wochen nach Weihnachten. Und da ist ja nun auch egal was der Grund für den fehlenden Anstieg ist, Fakt ist, dass die Rate an den Feiertagen nicht steigt.

#8 |
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Die Statistik ist einfach zu undifferenziert grob. Natürlich begehen Depressive vermehrt zu Weihnachten Selbstmord. Dies wird aber vorübergehend kompensiert durch die Zahl der Depressiven, die “normalerweise” an Weihnachten Selbstmord begehen würden, aber durch die Anwesenheit der Familie daran gehindert werden. Diese begehen dann einfach Tage oder Wochen nach Weihnachten Selbstmord.

#7 |
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Gast
Gast

USA ist nicht Deutschland, gerade um Weihnachten!
Das erklärt im wesentlichen die Unterschied zugunsten von Deutschland.

#6 |
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Florian Braitinger
Florian Braitinger

Sehr schöner Artikel

#5 |
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Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

Interessant wäre eher die Frage, wieviele Suizid v e r s u c h e an Weihnachten stattfinden
und ein Vergleich mit den Daten von Silvester/Neujahr.

#4 |
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@Dominik Hauser:

Stimmt! Da ja nur die durch “Gift” begangenen Suizide gezählt wurden, müsste die Suizidrate in den US ab 2006 lpötzlich um etwa den Faktor 10 bis 30 angestiegen sein. Die jährliche Zahl der Suizide in den US liegt je nach Erhebung zwischen 30.000 und 40.000.

Zitat: “Zwischen dem 1. Januar 2006 und dem 31. Dezember 2010 begingen 1,06 Millionen Menschen in den USA Suizid mit Gift.”
Hier wurde entweder eine inkorrekte Zahl ermittelt oder falsch zitiert.

http://www.who.int/mental_health/media/unitstates.pdf
http://www.cdc.gov/nchs/fastats/suicide.htm

#3 |
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Dr. Dominik Hauser
Dr. Dominik Hauser

“Zwischen dem 1. Januar 2006 und dem 31. Dezember 2010 begingen 1,06 Millionen Menschen in den USA Suizid mit Gift.”
Die Zahl ist unplausibel hoch im Vergleich mit den Zahlen die von Deutschland zitiert werden.

#2 |
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Dr. Dominik Hauser
Dr. Dominik Hauser

jrdjr

#1 |
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