Studium: Individualisierte Medizin in den Kinderschuhen

17. Dezember 2014
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Die Wissenschaftsakademie Leopoldina stellte am 4.12. ihre Stellungnahme zur individualisierten Medizin vor. Darin spricht sie sich auch für mehr Bioinformatik im Medizinstudium aus. Doch wo soll diese Forderung im stark ausgefüllten Studium Platz finden? Wir waren vor Ort.

Berlin. Die Leopoldina lädt zum parlamentarischen Frühstück, um ihre Stellungnahme zum Thema individualiserte Medizin zu präsentieren. Gemeinsam mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech erarbeitete eine 23-köpfige Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Friedrich, Vizepräsident der Leopoldina, Prof. Kroemer, Präsident des Medizinischen Fakultätentages und dem Züricher Pathologen Prof. Heitz das gut 100-seitige Papier.

Unter individualisierter Medizin verstehen die Autoren „gezielte Prävention, systematische Diagnostik und maßgeschneiderte, auf die Bedürfnisse einzelner Patienten oder Patientengruppen ausgerichtete Therapieverfahren“. Ziel von individualisierter Medizin ist es, unerwünschte Nebenwirkungen zu reduzieren und die Kosteneffektivität im Gesundheitswesen zu steigern. Technische Basis für individualisierte Medizin sind vor allem bioanalytische Hochdurchsatzverfahren, die eine immer schnellere Erfassung des gesamten Genoms, Epigenoms und Transkriptoms.

Es gibt viel zu tun

Um die Individualisierung der  Medizin voranzutreiben, identifiziert die Arbeitsgruppe folgende Forderungen:

  1. Forschung und Entwicklung in allen Fachbereichen, so auch Jura, Ethik und Ökonomie, zur individualisierten Medizin stärken
  2. Standardisierung und Harmonisierung der erhobenen Daten
  3. An individualisierte Medizin angepasste klinische Studien
  4. Ausbau der Infrastruktur von Kliniken
  5. Regelungen zum Schutz der Persönlichkeit
  6. Verbesserte Rahmenbedingungen für die Entwicklung von individualisierten Therapieansätzen
  7. Angepasste Aus-, Fort- und Weiterbildung u. a. für Ärzte
  8. Sensibilisierung der Entscheidungsträger

Besonders spannend für Studierende ist natürlich die Anpassung der Aus- und Weiterbildung: Hier führt das Papier neue Lehrkonzepte an, die Grundlagenwissen in der Molekularbiologie und Bioinformatik vermitteln. Leider bleiben sowohl die Stellungnahme selbst als auch die Sprecher der Arbeitsgruppe bei der Vorstellung vage, wie nun genau diese Lehrkonzepte aussehen sollen. Zunächst muss eine Abklärung der notwendigen Kompetenzen stattfinden. Diese Kompetenzen sollen sich dann in einer Novelle der Approbationsordnung finden, in der die individualisierte Medizin bisher formal nicht berücksichtigt ist. Hierbei ist Deutschland kein Einzelfall: In keinem europäischen Land gibt es eine explizite Einbettung von Individualisierter Medizin in das Curriculum des Medizinstudiums.

Fakt ist, dass durch das immer schnellere Entschlüsseln von ganzen Genomen riesige Datenmengen anfallen. Den Umgang hiermit müssen auch Mediziner intensiver erlernen als bisher. Die konkrete Programmierung wird aber auch weiterhin technisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen vorbehalten bleiben. Aber auch diesen Studierenden wird künftig Zusatzwissen abverlangt – allerdings im medizinischen Bereich. So soll die Teamarbeit zwischen Technikern, Statistikern und Ärzten in Zukunft noch besser zum Wohle der Patienten gelingen.

Status quo

Aktuell findet die Ausbildung der Medizinstudierenden in individualisierter Medizin tatsächlich nur am Rande statt: In Biochemie, Labormedizin und Mikrobiologie lernt man sicherlich Grundlagen der Molekularbiologie kennen. Der 1. Querschnittsbereich vermittelt wiederum basale Kompetenzen zur Bioinformatik. Zwar werden statistische Grundtechniken vermittelt, der Umgang mit großen Datenmengen gehört bisher aber nicht zum Curriculum. Aus Sicht der Leopoldina soll sich das nun ändern.

Noch mehr Zeit in der Uni?

Doch wo sollen die Stunden für ein weiteres Fach oder einen weiteren Querschnittsbereich herkommen? Einig sind sich glücklicherweise sowohl die Bundesvertretung der Medizinstudierenden e.V. als auch die Sprecher der Arbeitsgruppe, dass es keine Erhöhung der Präsenszeit im Studium geben darf: „Hier bedarf es einer Verschiebung von Stunden aus bestehenden Fächern. Eine Erhöhung der präsenzpflichtigen Veranstaltungen ist sicher nicht praktikabel“, so Prof. Heyo Kroemer bei der Vorstellung der Stellungnahme.

Eine Möglichkeit, in Zukunft die individualisierte Medizin ins Studium zu etablieren, könnte der nationale kompetenzbasierte Lernzielkatalog der Medizin (NKLM) sein: So könnten in der Rolle des Arztes als Medizinischer Experte aber auch als Kommunikator und Gesundheitsberater Lernziele formuliert werden, die eine Anwendung von individualisierter Medizin befördern.

Aktionsplan des BMBF

Neben der Leopoldina hat sich vor allem das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unter der Leitung von Ministerin Wanka mit individualisierter Medizin beschäftigt. Sie legte im Februar dieses Jahres einen Aktionsplan vor. Dieser macht allerdings keine Äußerungen zu Änderungen im Studium, sondern hat vor allem die Forschungsförderung im Blick.

14 Wertungen (3.5 ø)

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8 Kommentare:

Arzt
Arzt

@Ralf Seidenschwang, noch einmal,
das ist Stoff für ein Wochenende, maximal! Was will Du denn mit einem neuen Studiengang?

#8 |
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Arzt
Arzt

@Ralf Seidenschwang, vergessen Sie nicht die Politik!
Die machen ja schon Theater wegen einem Trisomie-Test bei einer Schwangeren.

#7 |
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Arzt
Arzt

Man sieht, Wünsche an “die Mediziner” sind unendlich,
optimal wäre, wenn der Dr. selbst auch noch das Geld dafür spendieren würde,
denn es reicht ja noch nicht einmal für eine Antibiogram im der Arztpraxis.
Das kann sich also nur eine teure Intensivstation leisten.

Am Studium in der Uni liegt es jedenfalls nicht!
Und wenn man “individualisierte” Medizin lernen soll, steht ganz sicher die “Statistik” NICHT an erster Stelle, sondern im Gegenteil die Kausalität der Krankheitsentstehung.
Wir leben geradezu in einer Zeit der Statistik-Oergien von Laien, die sich, warum auch immer, unbedingt mit Medizin beschäftigen müssen.
Vielleicht sollte man sich sogar deshalb damit beschäftigen, um die vielen vielen Fehler der “statistischen” medizinischen Aussagen kritisch zu erkennen.
Nach wie vor darf die “naturwissenschaftliche Basis” des Medizinstudiums nicht verloren gehen, konkret das Physikum.

#6 |
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Student der Humanmedizin

Der Kernaspekt ist sicherlich hier zu finden:
“Den Umgang hiermit müssen auch Mediziner intensiver erlernen als bisher.”

Welchen PRAKTISCHEN Umgang mit solchen Biodaten gibt es dann bisher überhaupt? Wohl eher wenige bis keine.

Sowohl in der Notfallmedizin, als auch in der gesamten ambulanten Versorgung dürfte damit vorerst nicht zu rechnen sein. Ganz abgesehen von den Kosten, ist es auch ein organisatorisch-praktisches Problem.
Für die Testung aller CYPs, die Untersuchung verschiedener kritischer Gene usw. müsste eine direkte Anbindung an entsprechende Labore erfolgen und deren Antwort wäre ohnehin mit einer deutlichen Verzögerung verbunden.

In den hochspezialisierten Fachrichtungen (v.a. Onkologie, Hämatologie, Transplantationsmedizin u.a.) ist es bereits heute ohnehin der normale Werdegang, dass auch genetische und andere Parameter in die Therapieüberlegungen einbezogen werden, gerade weil bei immungeschwächten Patienten die Folgen von unerwünschten Wirkungen schwerer wiegen als bei Immungesunden.

Personalisierte Medizin auf Basis von Genomdaten, HLA-Strukturierung, Epigenetik usw. ist in unseren derzeiten Strukturen wohl kaum möglich.

Im Gegenteil: der Forderungskatalog ZEIGT ja gerade, dass überhaupt erstmal die Forschung vorangetrieben werden muss.
Wozu also Forderungen an klinisch tätige Mediziner stellen, obwohl es noch gar nichts für sie zu machen gibt, weil nicht viel da ist, mit dem in der Routinearbeit überhaupt umgegangen werden kann?

Die Forschung vorantreiben ist sinnvoll, jedoch bereits Forderungen an Studenten zu stellen sich auf etwas vorzubereiten, was in vielleicht 20 Jahren aktuell werden könnte, erscheint übertrieben.

#5 |
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Gast
Gast

Schlagwörter, Schlagwörter, Schlagwörter!
z.B.”Bioinformatik” ist Labor, sonst nichts, das gabs immer schon!

#4 |
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Gast
Gast

#3Gast, das gibt es nur als Igel-Leistung

#3 |
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Gast
Gast

Also bisher hatte ich noch kein Antibiogramm bekommen.

#2 |
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Gast
Gast

Das hört sich mehr an wie ein Parteiprogramm,
dann sammelt mal hübsch Wähler und Sympathisanten :-)
Ärztliche Therapie ist IMMER individuelle Therapie.
Der Mensch ist kein Auto.
Nur Politiker und Ökonomen verstehen das nicht.

#1 |
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