TEDx: Medizin im Fluxkompensator

5. März 2012
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Prävention, neue Therapieformen und ökonomische Aspekte: wichtige Herausforderungen, die Ärzte in der Zukunft auf sich zukommen sehen. Jetzt werden Kollegen im Rahmen des Zukunftsforums „TEDxMaastricht“ die weitere Entwicklung mitgestalten.

Zeitreise in das Jahr 2025: Jenseits engstirniger Gesetzgebungsverfahren offenbaren sich neue Perspektiven. Als Ideenschmiede gilt hier die „TEDxMaastricht“ – mit neuen Trends rund um Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Kunst. DocCheck hatte seine Mitglieder augerufen, seine individuelle Perspektive für die Medizin der nächsten Jahrzehnte kurz darzustellen. Dieser Aufforderung sind zahlreiche Leser nachgekommen. An Ideen mangelte es nicht, Kollegen brennen derzeit etliche Themen unter den Nägeln.

Paradigmenwechsel gefordert

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Pharmakotherapie vor allem methodisch weiterentwickelt – durch evidenzbasierte Herangehensweisen und multizentrische, randomisierte, doppelblinde, kontrollierte Studien. „Dennoch ist das Prinzip dieser Studien, dass sie den Menschen als „Black Box“ betrachten und versuchen, möglichst viele gleiche „Black Boxes“ zu rekrutieren, um die Wirkung einer bestimmten Maßnahme zu überprüfen“, gibt ein Kinder- und Jugendmediziner zu bedenken. Je nach genetischer und damit enzymatischer Ausstattung kommt es zu individuell verschiedenen Reaktionen auf ein und dieselbe Therapie. Dazu ein Arzt aus London: „Wie beim Kauf von Kleidung haben wir zurzeit ein „one size fits all“, müssen uns aber weg von einer Garderobe „von der Stange“, hin zu maßgeschneiderten Lösungen bewegen.“

Momentan laufen etliche Studien ohne Kenntnis der metabolischen Polymorphismen, langfristig bietet sich die Chance auf individualiserte Therapien, wobei noch viel Forschungsaufwand in Metabolomik, Proteomik und Genomik zu stecken ist. Durch Genchips können beispielsweise Labors – momentan nur in ausgewählten Fällen – bestimmen, wie wahrscheinlich der Erfolg ist und ob schwerwiegende Nebenwirkungen zu befürchten sind. Wie das Beispiel zeigt, müssen sich Wissenschaft und Praxis stärker interdisziplinär ausrichten, die historisch gewachsenen Grenzen mancher Disziplinen bilden Realitäten der modernen Medizin einfach nicht mehr ab.

Nutzen optimieren, Sparpotenzial ausschöpfen

Maßgeschneiderte Behandlungsmethoden führen zwangsläufig auch zu Innovationen im Arzneimittelsektor. „Ich stelle mir vor, dass die Pharmazie nicht wie bisher Medikamenteneinzel- oder Kombiwirkstoffe in Tablettenform zur Therapie einzelner Krankheiten oder Symptome produziert und vertreibt, sondern über spezielle Verfahren, in denen zum Beispiel immunologische, enzymatische, genetische Verfahren und Techniken der Nanophysik zur Anwendung kommen“, ist sich ein Allgemeinmediziner aus Niedersachsen sicher. Er sieht individuelle, aber trotzdem leitliniengerechte Wirkstoffkombinationen kommen, besser steuerbar und auch ökonomisch sinnvoller. Momentan käme es vor allem bei Klinikeinweisungen „viel zu häufig zum plötzlichen Absetzen aller bisher verordneten Medikationen, für die der behandelnde Arzt da draußen so viel Zeit und medizinische Überlegung investiert hat.“ Und zwar mit fatalen Folgen – möglicherweise für den Patienten, aber sicher für die Volkswirtschaft, Stichwort Arzneimittelmüll.

Vorbeugen: besser als Bohren

Dennoch lohnt der Blick auf eine alte Weisheit: Bereits vor Jahrtausenden wurden in China Ärzte dafür bezahlt, die Gesundheit zu erhalten. Auch in unserem System muss Prävention einen höheren Stellenwert bekommen, als Teil medizinischer Leistungen, inklusive Honorar. Jenseits der bekannten Einflussfaktoren wie Ernährung oder Bewegung führt der Weg wie so oft in Richtung Erbgut. Ein Doktorand aus Mecklenburg-Vorpommern beschreibt die Chancen: „Nur langsam, mit Hilfe der Epidemiologie, werden viele Risikofaktoren gefunden, die mit verschiedenen Phänotypen und mit der Schwere einer Erkrankung assoziiert sind.“

Hinter dem Präventionsgedanken steckt aber noch weitaus mehr: In den letzten Jahren wurden Erreger zum immer größer werdenden Problem. SARS (Pandemie 2002/2003), Influenza-A-Viren H1N1 (Pandemie 2009/2010), enterohämorrhagische Escherichia coli-Bakterien (Epidemie 2011) oder Methicillin-resistente Staphylococcus aureus-Stämme zeigen die Brisanz. Auch breiten sich Vektoren wie Anopheles-Mücken oder asiatische Tigermücken durch den Klimawandel immer weiter aus. Damit werden Infektionen mit Plasmodium malariae, Plasmodium falciparum oder mit West-Nil-Viren in unseren Breitengraden zum Problem. Neben der generellen Bedeutung von Hygienemaßnahmen – in Kliniken, aber auch in Betrieben – wird es zunehmend wichtiger, Maßnahmen zu ergreifen, noch bevor Millionen an Menschen erkranken. „Die Zukunft der Gesundheit muss sich daher auf folgende zwei Dinge fokussieren: Risikofaktoren zu identifizieren und das Verständnis zu schaffen, entsprechend den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum eigenen Wohl zu leben“, schrieb ein Kollege. Allerdings stellt sich die Frage, wie entsprechende Leistungen finanziert werden.

Versorgung 2025

Nach wie vor suchen Regierungen in zahlrechen Ländern nach Patentrezepten, um möglichst viele – idealerweise alle – Patienten zu versorgen, ohne an der ökonomischen Seite zu scheitern. Beispielsweise hatte Barack Obama während seiner ersten Amtszeit als US-Präsident vor allem das innenpolitische Ziel, eine bezahlbare Krankenversicherung zu schaffen. Andere Länder wie Deutschland sind aus Patientensicht gut aufgestellt, kämpfen hingegen mit explodierenden Kosten und stellen sich immer häufiger die Frage, ob sie Leistungen künftig rationieren beziehungsweise rationalisieren müssen.

Andererseits monieren Standesvertreter seit Jahren Engpässe in ländlichen Regionen. Nur ein Teil der Wahrheit: „Selbst in Berlin gibt es Bezirke mit unzureichender Versorgung von Ärzten bestimmter Spezialisierungen“, sagt ein Kollege aus Greifswald. „Dass ganz aktuell die Approbationsordnung dahingehend verändert werden soll, dass die Politik ein Pflicht-Tertial Allgemeinmedizin während des praktischen Jahres einführt, unterstreicht die brenzlige Situation, ist aber meiner Meinung nach ein Schritt in die falsche Richtung, da in vielen Fakultäten die entsprechenden Lehrkapazitäten schlicht nicht zur Verfügung stehen.“ Möglicherweise helfen virtuelle Sprechstunden weiter – nicht immer muss ein Patient unbedingt physisch anwesend sein, offen bleiben aber Honorierung und Datensicherheit.

Viele Ideen – eine Plattform: Am 2. April öffnet die TEDxMaastricht ihre Pforten. Fragen rund um Versorgung, Ökonomie und Technik stellen sich Kollegen weltweit – gerade hier erhoffen sich Teilnehmer des Zukunftsforums neue Impulse. Gemeinsam statt gegeneinander können Ärzte, Apotheker, Pflegekräfte, Patienten, Hochschulen, Parteien und diverse Interessensvertretungen die nächsten Jahrzehnte gestalten.

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