ADHS: Therapie treppauf, treppab

19. Dezember 2014
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Ruhelos im Treppenhaus: Trotz steigender Zahl an ADHS-Diagnosen verschreiben Ärzte Pharmaka weitaus zurückhaltender. Die Verordnungszahlen schwanken von Region zu Region. Erhalten Kinder Methylphenidat beziehungsweise Atomoxetin mit Augenmaß, sinkt die Gefahr schwerwiegender Folgeerkrankungen.

Das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) gilt als häufigste psychiatrische Erkrankung im Kindesalter. Ein umstrittenes Thema: Beispielsweise hatten mehr als die Hälfte aller Autoren des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-V) Interessenskonflikte durch Tätigkeiten in der pharmazeutischen Industrie. ADHS galt auch lange Zeit als Modediagnose. Grund genug, die Entwicklung kritisch zu verfolgen und regelmäßig Statistiken auszuwerten.

Mehr Diagnosen, weniger Verordnungen

Aktuelle Zahlen kommen jetzt vom Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI). Versorgungsforscher haben Abrechnungsdaten von 2008 bis 2011 untersucht. Ihre Zielgruppe waren Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 14 Jahren. Sie fahndeten nach dem ICD-10-Code F90 „Hyperkinetische Störungen“ – nachgewiesen in mindestens zwei Quartalen. Hinzu kamen Verordnungen von Methylphenidat beziehungsweise Atomoxetin. Im Untersuchungszeitraum erhöhte sich die ADHS-Prävalenz von 3,7 auf 4,4 Prozent. Jungen sind mehr als drei Mal so häufig betroffen wie Mädchen. Zur regionalen Verteilung: In Hamburg, Bremen und Hessen diagnostizieren Ärzte seltener ADHS, während es höhere Prävalenzen in südöstlichen Bundesländern sowie in Rheinland-Pfalz gab. Diagnosehäufigkeiten in den Städten waren geringer als in weniger dicht besiedelten Kreisen. Liegt es an der Facharztdichte oder fallen hyperaktive Kinder jenseits der Ballungszentren stärker auf?

Diese Frage bleibt unbeantwortet. Als weitere Größe kommt der Sozialstatus mit hinzu. ADHS tritt laut Mitautorin Dr. Mandy Schulz in benachteiligten Familien doppelt so häufig auf wie in Familien mit hohem Sozialstatus. Hinsichtlich der Verordnungen lagen Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Bayern an der Spitze. Eher selten griffen Ärzte im Nordosten sowie in Bremen und Hessen zum Rezeptblock. In den neuen Bundesländern kamen tendenziell weniger Pharmaka zum Einsatz als in den alten Bundesländern. Dass Ärzte seit 2010 seltener Methylphenidat abgeben, könnte mit geänderten Arzneimittelrichtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zusammenhängen, vermuten die Autoren.

Riskante Pillen

Kleine Patienten profitieren von dieser Entwicklung – die Langzeitfolgen sind nicht ohne. Zuletzt berichtete Elizabeth Harstad, Boston, von möglichen Gefahren. Ihrer Untersuchung zufolge haben ADHS-Patienten im Vergleich zu gesunden Menschen ein dreifach höheres Risiko für Nikotinsucht, ein doppelt so hohes Risiko für Alkoholsucht und ebenfalls ein doppelt so hohes Risiko für Kokainmissbrauch. Ebenso beobachtete die Forscherin einen erhöhten Internet-, Videospiele- und Fernsehkonsum. „Regelmäßige Untersuchungen beim Kinder- und Jugendarzt und eine bei Bedarf sorgfältig eingestellte medikamentöse Behandlung gehören zu wichtigen Beiträgen, um der Entwicklung von Sucht vorzubeugen“, sagt Dr. Klaus Skrodzki vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Viele ADHS-Kinder leiden zudem unter einem geringen Selbstwertgefühl und unter Depressionen und/oder Angsterkrankungen. Eltern sollten deshalb mit dem Kinder- und Jugendarzt besprechen, ob eine zusätzliche Verhaltenstherapie sinnvoll ist.“ Diese Strategie könne Heranwachsenden helfen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen und ihre Suchtgefährdung zu verringern.

Das geht aufs Herz

Mit Suchterkrankungen ist es nicht getan. Søren Dalsgaard von der Aarhus Universität wertete Daten eines dänischen Personenregisters mit 714.258 Kindern aus. Ärzte diagnostizierten bei 8.300 kleinen Patienten ADHS nach dem fünften Lebensjahr. In der gesamten Kohorte erlitten 5.734 kleine Patienten kardiovaskuläre Ereignisse. Davon nahmen 111 Medikamente gegen ADHS ein. Wie Dalsgaard schreibt, kam es unter der Pharmakotherapie selten, aber statistisch signifikant häufiger, zu zerebrovaskulären beziehungsweise kardiovaskulären Erkrankungen oder zu Arrhythmien. Vorerkrankungen oder sonstige Arzneistoffe hatten Wissenschaftler ausgeschlossen.

Ein schlechter Start

Apropos Einflussfaktoren: Pharmaka spielen bei ADHS noch eine ganz andere Rolle. Droht eine Frühgeburt, verabreichen Ärzte häufig Glukokortikoide. Alina Rodriguez, London, fand Hinweise, dass Kinder durch pränatale Steroidgaben häufiger an ADHS erkranken. Aus Daten der Northern Finland Birth Cohort (NFBC) ermittelte sie ein achtfach höheres Risiko im Vergleich zu Kindern ohne Steroidexposition – jedoch nur bei Achtjährigen. Im Teenager-Alter waren entsprechende Unterschiede nicht mehr signifikant. Trotzdem warnt Rodriguez, Tierexperimente hätten gezeigt, dass das heranwachsende Gehirn besonders empfindlich auf Glukokortikoide reagiere. Mittlerweile fanden US-amerikanische Neurologen Anomalien innerhalb kindlicher Gehirnstrukturen als Folge der Medikation. Forscher müssen noch einige Hausaufgaben erledigen, raten Ärzten aber dennoch zur Vorsicht. Die Hintergründe von ADHS haben sie bis heute nur ansatzweise verstanden.

20 Wertungen (4.25 ø)

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14 Kommentare:

Gast
Gast

zu#13 Ein “Patient” ist nicht unbedingt ein objektiver Therapieempfehler, auch der Raucher schwört auf seine Zigarette.
Was irritiert, ist die offenbar ständig steigende Diagnose einer Erkrankung, die es früher nicht gab.
Hier stehen ja schon genügend Nebenwirkungen:
http://flexikon.doccheck.com/de/Methylphenidat
Was mich darüber hinaus etwas nachdenklich macht,
ist der cerebrale Wirkmechanismus, der in der Pathologie der degenerativer cerebraler Erkrankungen im Alter ein große Rolle spielt;
also die mögliche negative Langzeitwirkung!

mfG

#14 |
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Als ADHS-Patient kann ich bestätigen, dass eine Therapie mit den nötigen Medikamenten so früh wie möglich begonnen werden MUSS…bei mir wurde das verpasst und das hat psychatrische Folgen: Minderwertigkeitskomplexe, bipolare Störung, hoher Videospielkonsum, Fressattacken…allerdings halte ich Abstand von Nicotin und illegalen Drogen; Alkohol gibts in Maßen (als Schüler hab ich in Massen gesoffen) und Schlafmittel (Antihistaminika) nur bei Bedarf.
Einen Vorteil hat ADHS vor allem im Straßenverkehr: Dadurch, dass man jeden optischen und akustischen Reiz ungefiltert wahrnimmt, kann man schneller und besser darauf reagieren. ;)
Zusätzlich meinte mein letzter Psychiater, dass mein Bruder und auch meine Eltern mit hoher Wahrscheinlichkein an ADHS leiden…also die Genetik nicht vergessen!
@Gast #12: Das klingt ja schon fast so, als ob Sie die Koedukation von Jungen und Mädchen wieder abschaffen wollen. Um ehrlich zu sein, ich bin dafür, dass Jungen und Mädchen wieder getrennt unterrichtet werden, aber nicht an getrennten Schulen, sondern nur in getrennten Klassen…man kann sich dann in den Pausen treffen!

#13 |
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Gast
Gast

Auch Kinder, die länger gestillt werden und später in den Kindergarten kommen,
entwickeln weniger ADHS. Bei den häufiger betroffenen Jungen soll wieder die zu “weibliche” Erziehung in der ganzen langen Schulkarriere eine Rolle spielen.

#12 |
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Jörg Dreher
Jörg Dreher

Lieber Gast,

Psychologen stellen auch psychiatrische Diagnosen, nur auf dieser Grundlage dürfen sie behandeln. Medikamente verschreibt der Arzt, Psychologe und Arzt sollten sich in dieser Kombinationsbehandlung absprechen und eng zusammen arbeiten, was leider nicht immer der Fall ist.

http://www.bbpp.de/ADHS/ADHS-Joerg-Dreher-2.pdf

Mit freundlichen Grüßen Jörg Dreher

#11 |
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Gast
Gast

@Jörg Dreher darf denn ein Psychologe psychiatrische Erkrankungen behandeln und verschreibungspflichtige Medikamente geben?
Erstaunlich dass ein Psychologe nicht psychologisch argumentieren kann.
“Ökoeltern”, wenn eine solche Typisierung überhaupt zulässig ist, sind eher die zu passiven “Erzieher”, die davon ausgehen, dass ein Kind “automatisch” das richtige macht.

#10 |
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Jörg Dreher
Jörg Dreher

Wer ADHS-Kinder mit mittlerem bis schweren Beeinträchtigungen nicht mit Medikamenten behandelt, riskiert das zu der ADHS noch weitere psychische Erkrankungen dazu kommt. ADHS “streut” wie Krebs, später haben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dann 4 oder mehr pschiatrische Diagnosen in meiner Praxis. Kommen früh mit Medikamenten behandelte junge Erwachsene sind die Probleme weniger ausgeprägt. Gerade die “Öko-Eltern” mit kritischem Denken über Medikamente müssen ihre Kinder dann in die Psychiatrie bringen. Nachdem Suizidversuch sagen die Eltern dann, “O.K. dann geben wir jetzt (nach 10 vertanen Jahren) doch Ritalin” . Riskant ist Medikamente nicht zu geben. Das meinte übrigens auch der zitierte Kinderarzt Skrodzki, den ich von Vorträgen kenne. Ritalin rettet insofern ganze Lebensläufe. Der Journalist dieses Artikel hat die Sache noch nicht ganz verstanden, wie soviele Medienberichte wird Verwirrung gestiftet. DP Jörg Dreher , Praxis mit Schwerpunkt ADHS im Erwachsenenalter, Koblenz

#9 |
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Arzt
Arzt

Richtig #7 und #1.
Man kann ja auch die Theorie vertreten, dass die Krankheit bei der Mutter, bzw. “erwachsenen Umgebung” liegt, der die Aktivität des Kindes zu viel wird.
Es ist ja das Geheimnis des Lebens, nicht nur des “menschlichen”, dass hier eine autonome Energiequelle existiert, die einfach “Aktion” bzw. “Bewegung” auslöst, auch Lebensenergie genannt. Hierin unterscheiden sich Menschen ebenso wie in allen anderen angeborenen “Talenten”. Nun besteht kein Zweifel, dass unsere “erwachsene Gesellschaft” immer bewegungsärmer wird (“Zivilisationskrankheit”), andererseits die (zeitliche) Bedeutung der Kindererziehung reduziert wird, wertfrei als allgemeiner Gesellschaftstrend. Die Tendenz ist deutlich, alles was von einer gewissen gesellschaftlichen “Norm” abweicht, zur Krankheit zu erklären und nach dem Arzt zu rufen.
Man könnte also diese hyperaktiven Kinder auch als besonders gesund und die “erwachsene Gesellschaft” als krank bezeichnen.
Die Wahrheit liegt wie meist, wohl irgendwo in der Mitte.
Der Arzt, für den ein hohes Maß an “Lebensenergie” immer positiv betrachtet wird, wirft jedenfalls immer auch einen Blick auf die Mutter, die sich beklagt.

#8 |
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Gast
Gast

Ich gehöre auch zu der kritisierten Minderheit der Skeptiker der ADHS-Diagnose überhaupt und stimme deshalb #1 zu mit der erstaunlichen Beobachtung, dass keiner auf diese Frage eingeht. Wenn man nämlich weis, was die Ursache ist, sollte man als seriöser Arzt diese bekämpfen und nicht nur die Symptome.

#7 |
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Gast
Gast

Kann man Menschen eigentlich noch mit Worten beruhigen?
Schlimmer ist doch,
dass es Mode geworden ist, Menschen mit Worten Angst einzu jagen,
wie mit der idiotischen Angst vor Atomstrahlen, oder der angeblichen Klimakatastrophe oder neuerdings vor Bakterien etc.
Dagegen helfen keine Pillen.

#6 |
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Gast
Gast

Bei der “richtigen Diagnose” fängt das Problem ja schon an.
Ein älterer Psychiater sagte uns Medizinstudenten:
Je mehr Erfahrung man bekommt, desto größer wird der Bereich, den man normal nennen muss.

#5 |
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Psychiatriepfleger
Psychiatriepfleger

Kann mir jemanden erklären, was der Zusammenhang zwischen dem Titel “riskante Pllen und dem darunter liegenden Abschnitt ist? So wie ich Dr. Skrodzki interpretiere, hilft das Medikament, in Begleitung einer Therapie, sehr gut z.b. gegen eine langjährige Suchterkrankung. Die Gefahr einer Langzeitfolge besteht vor allem bei einem nicht behandelten ADHS.
Mich persönlich fasziniert immer wieder, welchen irrsinnigen Aufwand für ein Medikament betrieben wird, dass kaum 2% der Bevölkerung braucht. Wie wäre es mal bei den süchtigmachenden Beruhigungs- und Schlafmedikamenten etwas Kritik einzubringen? Ich schätze den Anteil auf weit über 10%. Diese Nebenwirkungen sind einiges verheerender!

#4 |
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Apotheker

Hoffentlich werden nach richtiger Diagnose (keine Verwchselung anakastische
Handlungen,Gedanken mit ADHS) moderne Pyschotherapien angewandt,anstatt
die Patienten mit nicht helfenden alte Verfahren zuverweilen.

#3 |
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Gast
Gast

gute Frage,
dann könnte man eher über eine kausale Therapie nachdenken.
Dass Ärzte mit mehr Medikamenten zurückhaltend sind, finde ich eher gut.

#2 |
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Arzt
Arzt

Interessant wäre die Frage, WARUM steigt die Zahl der ADHS-Diagnosen?

Jugendliche Drogenkonsumenten haben jedenfalls nicht abgenommen, sondern eindeutig zugenommen.

#1 |
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