Medizin 2015: Alte Knüller, neue Knaller

29. Dezember 2014
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2014 – ein Jahr ohne Atempause: Ärzte befassten sich mit tödlichen Krankheiten, teuren Medikamenten und neuen Reformpaketen. Endlich kommt die eGK, wenn auch ohne Zusatznutzen. Und Gesundheitsminister Gröhe macht der Selbstverwaltung Beine.

Gute Vorsätze zum Jahreswechsel sollten vor allem forschende Arzneimittelhersteller fassen. Einmal mehr mussten Ärzte erkennen, dass seltene Krankheiten nicht im Fokus von Firmen stehen. Das hat sich bei Ebola jetzt bitter gerächt – die Krankheit ist außer Kontrolle geraten.

Ärzte mit Grenzen

Zum Hintergrund: Anfangs von der Weltöffentlichkeit kaum beachtet, erkrankten im Februar 2014 einzelne Patienten am Ebolafieber. Das Virus breitete sich rasch nach Sierra Leone, Liberia und Anfang August nach Nigeria aus. Ende August traten im Senegal erste Fälle auf, und Ende Oktober folgte Mali. Auch in Europa beziehungsweise Nordamerika mussten Ärzte einzelne Patienten behandeln. Kollegen bleibt nur, Betroffenen ausreichend Flüssigkeit zu verabreichen sowie den Elektrolythaushalt zu stabilisieren.

Obwohl das Ebolavirus bereits 1976 entdeckt und im letzten Jahrzehnt molekularbiologisch untersucht worden ist, gibt es bis heute keine kommerziell erhältlichen Impfstoffe oder Pharmaka. Jetzt arbeiten Firmen mit Hochdruck an Vakzinen. Schimpansen-Adenoviren scheinen sich als Vehikel für gentechnisch hergestellte Ebola-Proteine zu eignen. Erste Studien lieferten vielversprechende Resultate. Damit nicht genug: Antikörperpräparate wie ZMapp™ zeigten in tierexperimentellen Arbeiten ebenfalls den gewünschten Effekt, lassen sich aber nicht in größerer Menge herstellen. Die ernüchternde WHO-Bilanz aller Anstrengungen: knapp 17.000 Infizierte und knapp 6.000 Todesopfer bis Anfang Dezember.

Frei von der Leber

Bei lukrativeren Krankheiten gibt es durchaus Erfolge zu vermelden, Stichwort chronische Hepatitis C. Ärzte entschieden sich bislang für pegyliertes Interferon α und Ribavirin, hatten aber nicht immer Erfolg. Anfang 2014 wurde Sofosbuvir (Sovaldi®) zugelassen. Der Polymeraseinhibitor führt je nach Genotyp bei bis zu 90 Prozent aller Patienten zur Heilung, ohne dass nenneswerte Nebenwirkungen auftreten. Die Kehrseite der Medaille: Für eine 24-wöchige Therapie zahlen Krankenkassen derzeit rund 120.000 Euro. Grund genug für Oppositionsvertreter, Nachbesserungen beim Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) zu fordern. Eine Idee wäre, Erstattungspreise rückwirkend anzuwenden – und nicht erst ab dem 13. Monat des Inverkehrbringens. Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), kritisiert auch Preisverhandlungen zwischen dem GKV-Spitzenverband und pharmazeutischen Herstellern. Bei einer Veranstaltung sagte er, man könne genauso gut Lose in eine Trommel werfen und die Höhe des Preisabschlags per Lotterie ermitteln. Im Zuge des Verfahrens würden Produkte ohne Zusatznutzen genauso behandelt wie Pharmaka mit beträchtlichem Zusatznutzen – hier fehle jegliche Systematik.

Wirklich gut gestärkt?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sieht für Nachjustierungen beim AMNOG momentan keine Notwenigkeit. Er befasste sich lieber mit dem neuen GKV-Versorgungsstärkungsgesetz. Bereits sein Referentenentwurf stößt auf Kritik: Standesvertreter monieren vor allem den Zwangsaufkauf von Arztsitzen in überversorgten Gebieten. Dass sich Krankenhäuser stärker für ambulante Patienten öffnen, ist ihnen ebenfalls ein Dorn im Auge. Sie sehen ihr Ziel, jungen Ärzten ein attraktives Arbeitsumfeld aufzubauen, gefährdet. Zumindest eine Hürde auf dem Weg zur Selbständigkeit könnte fallen: Dem Arbeitspapier zufolge sind Wirtschaftlichkeitsprüfungen für Arznei- und Hilfsmittel bald obsolet.

Der nächste Punkt: Patienten sollen künftig leichter Zweitmeinungen einholen. Ärzte begrüßen dies und kritisieren im gleichen Atemzug, entsprechende Gutachten dürften nicht zum Korrektiv für finanzielle Fehlanreize werden. Auch das geplante Entlassmanagement ist nicht ohne Kontroverse. Apotheker hatten einheitliche Entlassrezepte gefordert, um die Versorgung bis zum nächsten Werktag sicherzustellen. Kassenärzte präferieren jedoch ausreichende Übergangsmedikationen durch Kliniken. Hermann Gröhe wiederum hätte gern Servicestellen bei den kassenärztlichen Vereinigungen. Deren Aufgabe soll sein, Facharzttermine für Patienten zu koordinieren. Dies sein „geradezu widersprüchlich (…) mit Blick auf die vorgesehenen Aufkaufsregelungen“, schreibt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Läuft alles nach Plan, gilt das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz ab Mitte 2015.

Endlich digital

Weitaus früher haben sich Ärzte mit der elektronische Gesundheitskarte (eGK) zu befassen. Ab 1. Januar 2015 gilt das umstrittene Stück Plastik als alleiniger Berechtigungsnachweis für Patienten – Vorgängermodelle verschwinden in der Versenkung. Kollegen sind verpflichtet, bei Personen ohne eGK alle Leistungen privat abzurechnen. Ein teures Spielzeug: Regierungsangaben zufolge summieren sich alle bisherigen Kosten auf rund eine Milliarde Euro. Weitere 200 Millionen folgen bis Ende 2015. Ab wann Tools wie die elektronische Patientenakte (ePA), der Notfalldatensatz sowie das elektronische Rezept zur Verfügung stehen, bleibt fraglich. Hermann Gröhe platzte schließlich der Kragen. Von der Selbstverwaltung enttäuscht, kündigte er ein eHealth-Gesetz an. Im politischen Berlin rechnen Beobachter ab Januar mit ersten Entwürfen.

61 Wertungen (4.1 ø)

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10 Kommentare:

Arzt
Arzt

Was vordergründig gegen Ärzte geht, zielt letztlich gegen Patienten.
Wir sind auf dem Weg in eine sozialistische Staatsmedizin. Das ist immer mit Qualitätsverlust verbunden

#10 |
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Gast
Gast

Patienten und Ärzte werden nicht gefragt,
bzw. was Ärzte sagen, interessiert keinen!
http://tinyurl.com/p54ogry

#9 |
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Wenn es jetzt unbedingt so sein muss, dass alles auf der eGK gespeichert wird, dann sollten alle, RESTLOS ALLE Versicherten jederzeit einen UNZENSIERTEN Einblick in ihre Daten (elektronische Patientenakte, Arztbriefe usw.) haben können…sonst wäre das meiner Meinung nach eine Schweinerei, wenn alle diese Daten auf der Karte gespeichert werden!

#8 |
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Gast
Gast

zu#6 Ich denke mal ganz unverbindlich, wenn schon ihr handy abgehört wird, ……
nur wird sich keiner getrauen das für Geld im Internet anzubieten, wie die Krankenakte von Michael Schumacher.
Deshalb ist in USA ja auch üblich, dass Spitzenpolitiker selbst gleich ihren Krankheitsbefund der Öffentlichkeit mitteilen.
Vielleicht müssen wir ja nicht unbedingt jeden Fortschritt mitmachen.
Eine zentrale Speicherung, wie bei uns geplant, scheint mir skandalös.

#7 |
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Gast
Gast

Das ist überhaupt kein Problem. Es wird ganz sicher keine Patientendatenaffäre geben. Jedenfalls nicht, bis jemand Muttis eGK knackt.

#6 |
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Gast
Gast

Die zentrale Speicherung aller Krankheitsdaten ist ein ALPTRAUM!!!
Kein Land der Welt mach so einen Blödsinn.

#5 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Der Nachweis der Tauglichkeit nach ISO/IEC 15408 zur Datensicherheit und zum Datenschutz bei der Übertragung gegenüber dem BSI als Bundesoberbehörde wurde von der gematik bis heute nicht erbracht!!!

#4 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Verehrter Herr van den Heuvel,

auch ich darf fragen: was veranlasst Sie denn, die elektronische Versicherungskarte herbeizusehnen????
Folgendes können sie sogar in WIKIPEDIA nachlesen:

“Darüber hinaus muss die Gesundheitskarte geeignet sein, folgende freiwillige Anwendungen zu unterstützen, insbesondere das Erheben, Verarbeiten und Nutzen von

1.) medizinischen Daten, soweit sie für die Notfallversorgung erforderlich sind (Notfallversorgungsdaten),
2.) den elektronischen Arztbrief,
3.) Daten zur Prüfung der Arzneimitteltherapiesicherheit (persönliche Arzneimittelrisiken und -unverträglichkeiten),
4.) die elektronische Patientenakte,
5.) weitere von Versicherten selbst oder für sie zur Verfügung gestellte Daten (Patientenfach), sowie
6.) Daten über in Anspruch genommene Leistungen und deren vorläufige Kosten für die Versicherten.”

NSA für Kranke?

#3 |
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Dr. med. Herbert Schultz-Gora
Dr. med. Herbert Schultz-Gora

Dazu zum Beispiel mal Folgendes:

Zitat Anfang

Kassenärzte in und um Köln
c/o Kölner Ärzte e.V.
Haselnussweg 22 * 50767 Köln * http://www.koelner-aerzte.de * Fax 0221 9171827
An den Vorstands-Vorsitzenden der
Kassenärztlichen Bundesvereinigung
Dr. med. Andreas Gassen
Herbert-Lewin-Platz 2, 10623 Berlin
10592 Berlin
 „Ab 1.Januar 2015 gilt nur noch die eGK (elektronische Gesundheitskarte)“ (KVNO aktuell 8/2014)
 Ablehnung der zentralen Gesundheitsdatensammlung!
 Keine zusätzlichen Privatrechnungen an Kassenpatienten mit der alten Versichertenkarte!
 Offener Brief
Sehr geehrter Herr Kollege Gassen!
Aus obiger Veröffentlichung der KV ist zu erfahren, dass die alte Versichertenkarte (VK) ohne Lichtbild ab dem 1.1.2015 auch dann nicht mehr gültig sei, wenn eine längere Gültigkeit auf der Karte dokumentiert ist.
Die KV schlägt vor, bei den Versicherten, die ab 1.1. 2015 keine elektronische Gesundheitskarte vorlegen und diese auch nicht innerhalb von 10 Tagen nachreichen, eine Privatvergütung zu verlangen (außer bei „sonstigen Kostenträgern“). Die KV schlägt dies vor, obwohl eine „Privatliquidation bei notwendigen Kassenbehandlungen“ in anderen Fällen zum Verlust der Kassenzulassung führen kann.
Dieses mit Zustimmung der KBV festgelegte Vorgehen bei Vorlage der alten Versichertenkarte lehnen die Unterzeichner ab.
Die neue eGK ist die technische Voraussetzung für die geplante bundesweite, zentrale, vorsorgliche Gesundheitsdatenerfassung. Diese Datensammlung lehnen die Unterzeichner ab! Sie ist unsicher, für die Patientenbehandlung unnötig und sie ist teuer! Bis Ende 2014 hat die eGK bereits über 1 Milliarde Euro verschlungen (Spiegel online 18.6.2014). Viele Arztpraxen sind dagegen unterfinanziert und auf dem Land sterben die Hausärzte aus. Wir ermahnen die sog. „Partner im Gesundheitswesen“, die von ihnen propagierten und im Gesetz festgelegten „WANZ“-Kriterien selbst einzuhalten (wirtschaftlich, angemessen, notwendig, zweckmäßig).
Die Krankenversicherungen, die IT-Branche, andere Wirtschaftszweige und nicht zuletzt der Staat haben ein starkes Interesse an der weltweit einmaligen Gesundheitsdatenkonzentration.
Wir hingegen fordern den Schutz der vertraulichen Patentendaten und der ärztlichen Schweigepflicht. Wir fordern die KBV auf, sich nicht gegen die Interessen der Patienten und der ärztlichen Kollegen zu stellen und sich nicht vor den Karren der Krankenkassen spannen zu lassen! Die eGK ist von mehreren Ärztetagen abgelehnt
worden. Uns Ärzte jetzt über eine zusätzliche Privatliquidation zu ködern, um sie auf diesem Wege zur Durchsetzung der eGK zu bringen, halten wir für unanständig.
Alternativen zu dieser bundesweiten Datenerfassung sind bereits entwickelt: So könnte der Patient seine persönlichen Gesundheitsdaten z.B. auf einem persönlichen USB-Stick selbst verwahren.
Wir kündigen an, dass wir unseren Kassenpatienten, die teils seit Jahrzehnten in die gesetzliche Krankenversicherung einzahlen, nicht Privatliquidationen als Zwangsmittel abverlangen werden. Im Gegenteil werden wir bei den Krankenkassen einen „Ersatzkrankenschein“ beantragen, so dass sich diese nicht auf Kosten der Patienten aus ihrer Versorgungspflicht stehlen können!
Wir fordern Sie auf, sich zusammen mit den Ärzten und den Patienten gegen die vorsorgliche, zentrale, Gesundheitsdatenerfassung einzusetzen.
Mit freundlichen Grüßen
Datum, Unterschrift Stempel
Fax an Kölner Ärzte e.V. 0221 9171827
Die Kölner Ärzte e.V. schicken eine Kopie an: Bundesärztekammer, Landesverband der Praxisnetze Nordrhein, Bürgerinitiative Gesundheit e.V., Aktion „Stoppt die e-Card“, Kölner Stadtanzeiger, Ärztezeitung

Zitat Ende

Ich finde das sehr des Bedenkens wert…

Dr. med. Herbert Schultz-Gora

#2 |
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Gast
Gast

Die e-GK ENDLICH DA???
Diese bislang umstrittene Neuerung als alleiniges Nachweismittel steht diametral zu versicherungsrechtlichen Grundsätzen.
Beitrag folgt Leistung!
Nun ist die Mitgliedschaft in der GKV keine freiwillige.
Also erfolgt der Einzug zwangsweise, also Beiträge gezahlt werden.
Insofern muss Leistung folgen.
Keine Art irgendeiner Karte kann als allein gültiges Instrument dieses Rechtsprinzip durchbrechen.
Der Ausruf Ihrerseits”endlich” und beinahe das Lob an die autokratische Vorgehensweise des Minister Gröhe läßt eine unangenehmes Geschmäckle aufkommen.
Dr.med.M.v.G.

#1 |
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