Tschernobyl: Hohe Überlebensraten

25. April 2013
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Zum 27. Jahrestag des Atomunfalls von Tschernobyl legen Mediziner nun eine neue Langzeitstudie vor. Ihr zufolge haben fast alle Kinder und Jugendlichen, die nach dem Unfall an Schilddrüsenkrebs erkrankt sind, bis heute überlebt.

Am 26. April 1986 kam es im Atomkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine zu einer Explosion, in deren Folge große Mengen radioaktive Stoffe in die Umwelt entwichen. In den Jahren danach wurde bei Kindern und Jugendlichen in der Ukraine, in Weißrussland und im Westen von Russland vermehrt Schilddrüsenkrebs festgestellt.

Bei den meisten Betroffenen entwickelte sich eine Tumorform, die bei Kindern scheinbar aggressiver verläuft als bei Erwachsenen. Trotzdem schlug die Therapie bei fast allen Patienten gut an. Zu diesem Schluss kommt eine Langzeitstudie, deren Ergebnisse in der neuen Ausgabe des Fachblatts “Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism” veröffentlicht sind.

229 Kinder und Jugendliche mit Schilddrüsenkrebs wurden in der Studie von 1992 bis 2012 beobachtet. Ihre Tumoren waren zuerst in Weißrussland operativ entfernt worden, danach erhielten die Patienten in Deutschland eine Radioiod-Therapie. Alle Studienteilnehmer galten als Hochrisiko-Patienten, weil sie im Zuge des Tschernobyl-Unfalls sehr hohe Strahlendosen abbekommen hatten.

Therapien mit guten Ergebnissen

Ergebnis der Studie: Trotz des hohen Risikos bildeten sich bei 64 Prozent der Studienteilnehmer die Tumoren komplett zurück. Bei weiteren 30 Prozent führte die Radioiod-Therapie zu einer fast kompletten Rückbildung: Die Tumorerkrankung kann in dieser Gruppe durch die ohnehin erforderliche Nachbehandlung mit Schilddrüsenhormonen bis heute erfolgreich in Schach gehalten werden. Ein Patient starb an einer Nebenwirkung der Krebstherapie, einer Lungenfibrose. Rückfälle traten nur bei zwei Patienten auf.

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13jähriger Junge mit einem Schilddrüsenkarzinom, das Metastasen in der Lunge gebildet hat. Das Bild links zeigt die Situation vor der Therapie. Nach vier Radioiod-Behandlungen waren die Metastasen verschwunden (rechts). © Universitätsklinikum Würzburg

“Viele der Patienten, die am Anfang ihrer Krankheit keine optimale Behandlung bekamen, haben sich trotzdem auch von weit fortgeschrittenen Tumoren erholt”, sagt Professor Christoph Reiners, Nuklearmediziner und Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Würzburg. Weit fortgeschritten heißt: Bei 97 Prozent dieser Patienten hatte der Krebs schon die Lymphknoten befallen, bei fast der Hälfte waren Metastasen in der Lunge.

Zur Lage in Fukushima

Alles in allem seien die Ergebnisse ermutigend für andere Strahlenopfer, so Reiners. Der Würzburger Nuklearmediziner denkt dabei besonders an die Menschen, die vom Reaktorunglück 2011 in Fukushima (Japan) betroffen sind. Er rechnet nicht damit, dass es in Japan ähnlich viele Krebsfälle geben wird wie damals in der Sowjetunion: “Die schnelle Evakuierung und andere Gegenmaßnahmen, wie die Kontrolle der Lebensmittel, dürften das Risiko für Kinder und Jugendliche rund um Fukushima stark verringert haben.”

Eine Lehre aus Tschernobyl: Besonders Kinder und Jugendliche müssen nach Strahlenunfällen sorgfältig auf Schilddrüsenkrebs hin beobachtet werden. “Denn die Heilungschancen sind besser, wenn die Krankheit möglichst früh erkannt wird”, so Reiners. Entsprechende Screening-Programme seien in der Region von Fukushima bereits angelaufen.

Originalpublikation:

Twenty-Five Years after Chernobyl: Outcome of Radiodine Treatment in Children and Adolescents with Very-High-Risk Radiation-Induced Differentiated Thyroid Carcinoma

Christoph Reiners et al.; Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, doi: 10.1210/jc.2013-1059; 2013

28 Wertungen (4.75 ø)

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3 Kommentare:

Dr. med. Ernst Reimer
Dr. med. Ernst Reimer

Die therapeutischen Bemühungen der behandelnden Ärzte mit einer Erfolgsquote von über 90% ist zu würdigen. Das Schilddrüsen-Ca. ist jedoch nur ein kleiner Mosaikstein im Horror-Puzzle der Tschernobyl-Katastrophe. Vergessen wir nicht die dramatisch hohe Zahl der weiteren Opfer, die die nächsten Generationen noch zu betrauern haben werden.
Zur Literatur empfohlen:
http://www.ippnw.de/startseite/artikel/91b0c77740/nicht-krebserkrankungen-und-genetisc.html

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Dr. med. Herbert Schultz-Gora
Dr. med. Herbert Schultz-Gora

Es zeigt sich wieder einmal, daß ein lebendiger Organismus nicht mit einer Maschine verwechselt werden darf.
Letztere hat keine Fähigkeit zu autoreparativen und adaptativen Prozessen, ersterer sehr wohl.
Hier spielt ja jetzt die gezielte Radiojodtherapie eine wichtige Rolle. Aber auch diese würde ohne die Fähigkeit es Organismus, “falsches”, “schädliches” oder “überflüssiges” Gewebe zu beseitigen, nicht funktionieren.
Es ist aber grundsätzlich auch sehr erstaunlich, daß Menschen trotz hoher Strahlendosis überleben können… selbst wenn viele andere erkranken und vorzeitig sterben.
Hier wäre ein Feld für SALUTOGENESE-Forschung: Was ermöglicht das Überleben hoher Strahlendosen… in Analogie zu Antonovsky´s Salutogenese-Konzept, das fragte, was es Menschen ermöglicht, z. B. mit schwersten traumatischen Erlebnissen fertig zu werden denen sie im Rahmen des “Holocaust” ausgesetzt waren.

#2 |
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Heilpraktikerin

Sehr erfreuliches Ergebnis für die Betroffenen und hoffnungsvoll sicher auch für alle anderen an Schilddrüsenkrebs Erkrankten. Es stellt sich mir dabei die Frage, ob es sich bei dieser durch den Reaktorunfall hervorgerufene Krebsform vielleicht um eine Form handelt, die besonders gut behandelbar ist oder ob die Ergebnisse generell auf die Krankheit Schilddrüsenkrebs übertragbar sind. Auch sollte nicht schlussgefolgert werden, dass Kernkraftwerksunfälle ja gar nicht so gefahrbringend seien wie vielfach behauptet.

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