Quantified Self: Santa Cloud is coming

22. Dezember 2014
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Weihnachtszeit – Elektronikzeit: So manches smarte Geschenk bietet mehr als reine Unterhaltung: Quantified-Self-Technologien kombinieren Hardware, Software und soziale Netzwerke zum Wohle der Gesundheit. Auch Krankenkassen wollen ein großes Stück vom digitalen Kuchen.

Innovationen unter dem Christbaum: Bei Deutschlands Konsumenten steht digitale Technik hoch im Kurs, berichtet der Branchenverband Bitkom. Jeder vierte Teilnehmer einer repräsentativen Befragung gab an, ein Smartphone oder einen Tablet-Computer zu verschenken beziehungsweise rund um die Festtage zu erwerben. Neu auf der Wunschliste sind Fitnesstracker – etwa 16 Prozent gaben an, sich selbst oder andere mit diesem Tool zu beglücken. Der Markt an Apps und an elektronischer Peripherie wächst Tag für Tag.

Allrounder im Minicomputer

Egal, ob Schrittzahlen, Puls, Herzfrequenz oder Kalorienzahlen: Quantified-Self-Technologien, also elektronische Kleingeräte und Apps, sind groß im Kommen. Sie kommen nicht nur aus bekannten Entwicklungsabteilungen wie die Apple Watch. Für LUMOback, einem Hightech-Gürtel zur Verbesserung der Haltung, griffen User selbst in die Tasche. Mehr als 200.000 US-Dollar kamen über Crowdfunding-Kampagnen zusammen. Innovativ geht es weiter: Das Marktforschungsunternehmen Gartner erwartet für simple Fitnessarmbänder Umsatzeinbrüche, während „smarte“ Kleidung rasant an Bedeutung gewinnen wird. Textilien sind mit Sensoren ausgestattet, um Vitaldaten regelmäßig an Smartphones oder Tablet-Computer zu übertragen. Apps werten die Datenflut aus und interpretieren sie laiengerecht. So leisten „smarte“ Sportstrümpfe auch einen Beitrag, um den Laufstil zu analysieren und zu verbessern. Damit nicht genug: Vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) kommt eine intelligente Tasse inklusive Tremoranalyse bei Parkinson. Google wiederum stellt sich eine Kontaktlinse vor, die kontinuierlich den Glukosespiegel misst und an ein Smartphone überträgt.

Dank „Glow“ in freudiger Erwartung

Ganz klar, Quantified-Self-Technologien haben kaum Grenzen. Bestes Beispiel ist Mike Huang. Lange Zeit hat seine Partnerin versucht, schwanger zu werden – irgendwann hat es doch noch geklappt. Für den Amerikaner mit chinesischen Wurzeln wurde schnell klar, dass sich hier ein gewaltiger Markt verbirgt. In-vitro-Fertilisationen (IVF) sind teuer und in manchen Fällen einfach unnötig. Grund genug für Huang, das Start-up „Glow“ zu gründen. Seine selbst entwickelte App erfasst bei Frauen zahlreiche Parameter vom Körpergewicht über die sportliche Aktivität bis zur Periode und zur Körpertemperatur. Auf Basis eines anonymisierten Datenpools lassen sich fruchtbare Tage ermitteln – oder ein Hinweis zum erforderlichen Arztbesuch folgt. Seine App sieht Mike Huang auch als Möglichkeit, im Gesundheitssystem Kosten zu sparen.

Kleine Helfer, große Herausforderungen

Hinter Quantified-Self-Technologien wie „Glow“ steckt ein zentrales Prinzip: Programmierer versuchen, große Datenmengen („Big Data“) rasch zu interpretieren und zu speichern. Um einen tatsächlichen Mehrwert zu generieren, müssen Bits und Bytes aus verschiedenen Quellen sinnvoll verknüpft werden. Gewisse Standards, Stichwort Interoperabilität, sind noch Zukunftsmusik. Auch an der Sicherheit arbeiten Entwickler. Ein Paradigmenwechsel: Heute lassen sich große Datenmengen anonymisiert in Clouds speichern, um das System selbst zu verbessern. Trotzdem gibt es bei Hardware und Software noch viel zu tun. So wurden zwischen August 2013 und Juli 2014 Android-Smartphones von knapp 600.000 Usern weltweit gehackt. Diese Zahlen hat Interpol zusammen mit dem Kaspersky Lab veröffentlicht. Häufig handelt es sich um sogenannte Bank-Trojaner. Dritte können theoretisch alle Daten einsehen – auch zur Gesundheit.

Begehrlichkeiten geweckt

Nicht nur Hacker haben Interesse. Krankenkassen würden allzu gerne an der schönen neuen Datenwelt partizipieren – ganz legal, versteht sich. Der Kölner Versicherungskonzern Generali hat ein umstrittenes Programm zur Gesundheitsförderung aufgelegt. Entscheiden sich Kunden für Lebens- oder Krankenversicherungen nach dem neuen Konzept, ist Generali auf Schritt und Tritt dabei. Über eine App werden Nahrungsmittel erfasst, Schritte gezählt oder sportliche Aktivitäten festgehalten. Weitere Parameter wie Vorsorgeuntersuchungen kommen mit hinzu. Wer gesund lebt, profitiert von kleinen Geschenken – momentan sind Gutscheine für Fitnessstudios oder für Reisen im Gespräch. Daraus könnte sich im nächsten Schritt ein risikoadjustiertes Prämienmodell entwickeln. In Südafrika arbeitet der Versicherer Discovery bereits seit 1992 mit ähnlichen Maximen. Hierzulande sei die Teilnahme freiwillig, betont Generali. Verbraucherschützer sehen die Gefahr, dass Versicherte ohne Tools zur Messung ihrer Körperparameter bald deutlich schlechtere Tarife bekommen. Bonusprogramme sind grundsätzlich nichts Neues – nur greift kein Konstrukt derart tief in Lebenswelten von Patienten ein. Mit dem Vergütungsmodell bewegt sich unsere Gesellschaft einen gewaltigen Schritt weg vom Prinzip der Solidargemeinschaft.

17 Wertungen (4.71 ø)

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4 Kommentare:

Gast
Gast

21,5% ist für einen Mann schon leicht an der Grenze.
Deshalb bin ich trotzdem ein prinzipieller Gegner einer elektronischen Versicherungskarte in der medizinische Daten gespeichert sind, auf die nicht nur der Arzt Zugriff hat.
Ich hoffe, dass wir zum Dank für die Politiker dann mal die Diagnosen unserer politische Führer im Internet erfahren.

#4 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Dr. med. Christian Nunhofer,
das mit dem sozial früh ableben ist eine sehr bösartige Legende.
Gesundes Leben ist nicht teuer sondern Krankheit.
Wir haben auch eine medizinische (weltweite) Altersdiskriminierung, in dem Sinne, dass für die gleiche gut definierbare Krankheit (z.B.Infarkt) im Alter wesentlich weniger Geld ausgegeben wird. Alte Menschen sind in der Regel eine Selektion, die ihr Leben lang in die Solidarkasse eingezahlt haben.
Natürlich muss der “Schadensfreiheitsrabatt” eine vernünftige Grenze einhalten, dabei hat man ja mit der ebenfalls ges. vorgeschriebenen KFZ-Versicherung keine wirklichen Probleme.
Raucher und Übergewichtige belasten selbstverständlich die Krankenkasse. Die Raucher tun mir nur insofern (finanziell) leid, weil der Staat hier mit der Tabaksteuer heftig zulangt, dieses Geld aber nicht in die Krankenversicherung leitet.
Das mit Lebensdauer und Rente sollte damit bitte nicht vermischt werden, da das ohne individuelle Arbeitsleistung nie angemessen beantwortet werden darf.
Ich hoffe es erhebt niemand Anspruch auf eine selbstverdiente Altersrücklage eines Anderen.

#3 |
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@Herrn Pawloswky: Auch wenn Sie es nicht glauben wollen: Zumindest Raucher und Übergewichtige entlasten die Sozialsysteme durch ihr “sozialverträgliches Frühableben” erheblich. Wenn Sie genaue Zahlen haben wollen: die finden Sie im Anhang von “Paul U. Unschuld: Ware Gesundheit” (Becksche Reihe). Zu den Trinkern weiß ich allerdings keine Zahlen. (Selber bin ich übrigens fast militanter Nichtraucher, und meinen Körperfettanteil messe ich einmal pro Woche bariatisch: der liegt bei 21,5% und damit gut im grünen Bereich.)
Geht’s noch naiver, als wie Sie freiwillig für “Big Brother” zu appelieren? Die elektronische Versichertenkarte finden Sie wahrscheinlich auch toll, oder? Vor einem Jahr habe ich meine Kassenzulassung zurückgegeben, weil ich nicht bereit bin, diesen Frevel an der Intimsphäre es Patienten, diesen amtlich aufoktroyierten Bruch der Schweigepflicht mitzutragen. Aber schon damals haben etliche Kollegen gemeint: “Was regst du dich denn auf? Heutzutage verrät eh jeder alles über sich auf Facebook.”
Mit unverständlichem Kopfschütteln

Christian Nunhofer, Neurologe und Psychiater

#2 |
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Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

“Mit dem Vergütungsmodell bewegt sich unsere Gesellschaft einen gewaltigen Schritt weg vom Prinzip der Solidargemeinschaft.”

Jaja, und wieweit bewegen sich die Übergewichtigen von der Solidargemeinschaft weg?
Und die Trinker?
Und die Raucher?

Warum soll das, was in der Kfz-Versiucherung funktioniert, nicht auch in der Gesundheit funktionieren?
Wir brauchen mehr Eigenverantwortung des Einzelnen

#1 |
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