Triclosan: Die schmutzige Seite der Seife

7. Januar 2015
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Wegen seiner antibakteriellen Wirkung ist Triclosan vielen Waschlotionen und Reinigungsmitteln zugesetzt. Neue Studien weisen darauf hin, dass der Stoff auch Leberkrebs begünstigen könnte. Vor allem Krankenhauspersonal ist gefährdet.

Triclosan ist längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Seit mehreren Jahren sorgt der synthetische, antimikrobielle Stoff regelmäßig für Schlagzeilen. 1972 kam Triclosan als Zusatz von desinfizierenden Handwaschlotionen für Krankenhauspersonal auf den Markt, seit 1998 häufen sich die Hinweise auf seine schädliche Wirkung. Dennoch hat der Stoff in den letzten zwanzig Jahren vermehrt Einzug in zahlreiche Gegenstände des täglichen Gebrauchs gehalten. Triclosan kommt in Kosmetika, Zahnpasta, Haushaltsreinigern, Waschmitteln, Sportkleidung und Küchengerätschaften vor.

Dabei gibt es bereits zahlreiche Hinweise, dass Triclosan sowohl für die menschliche Gesundheit als auch für die Umwelt äußerst bedenklich sein könnte: In Gesichtsreinigern soll Triclosan dafür sorgen, dass sich das potentiell pathogene Bakterium Staphylococcus aureus vermehrt in der menschlichen Nase ansiedeln kann. Bei chirurgischen Eingriffen oder geschwächtem Immunsystem kann das die Infektionsrate erhöhen. In Laborversuchen regte Triclosan das Wachstum von Brustkrebszellen an. Tierversuche zeigten außerdem, dass Triclosan die Funktion von Muskeln und das Hormonsystem beeinträchtigen kann. Der synthetische Stoff konnte im Blut, Urin und in der Muttermilch zahlreicher Probanden nachgewiesen werden.

Größere Leber, teilungsfreudigere Zellen

Eine aktuelle Studie mit Versuchen an Mäusen lieferte Hinweise, dass Triclosan bei langfristigem Kontakt die Leber schädigen und möglicherweise auch die Entstehung von Leberkrebs begünstigen könnte. Um zu prüfen, wie sich Triclosan auf die Leber auswirkt, fütterten die Forscher junge Mäuse acht Monate lang mit Triclosan-haltigem Futter, Kontrolltiere erhielten das gleiche Futter ohne Triclosan. Anschließend untersuchten die Wissenschaftler die Leber der Tiere. Das Ergebnis: Die Leber der Mäuse, die mit Triclosan gefüttert wurden, war ungewöhnlich groß. Im Zellinneren waren außerdem Gene aktiv, die die Leberzellen zur Teilung anregen. Dieser Vorgang könne in einer Leberfibrose resultieren, schreiben die Forscher. Die Leberfibrose kann ihrerseits das Risiko von Leberkrebs erhöhen. Denn wenn im Zuge einer Leberfibrose das Gewebe der Leber zunehmend in Kollagen umgewandelt wird, beeinträchtige das die Leber-Funktion, schreiben die Forscher. Um ihre Vermutung zu prüfen, verabreichten sie sowohl den Triclosan-Mäusen als auch den Kontrolltieren ein krebserregendes Medikament. Bei den Triclosan-Tieren wuchsen mehr und größere Tumoren als bei den Kontrolltieren.

Ergebnisse nicht einfach übertragbar

Auf den Menschen übertragen entspräche die Triclosan-Dosis aus diesem Experiment 0,05 mg pro kg Körpergewicht. Das entspricht etwa einem Gramm Zahnpasta, die 0,3 Prozent Triclosan enthalte. „Davon verschwindet aber ein Großteil nach kurzer Zeit im Abfluss“, schreiben die Forscher. Die Ergebnisse der Tierexperimente ließen sich daher nicht 1:1 auf den Menschen übertragen. „Da Triclosan jedoch nahezu allgegenwärtig ist, ist eine Schädigung der Leber auch beim Menschen nicht auszuschließen.“ Langfristig angelegte Studien sollen hier mehr Klarheit bringen, fordern die Wissenschaftler.

Längst in der Nahrungskette

Im Abwasser kann Triclosan zu Methyl-Triclosan abgebaut werden, welches eine wesentlich längere Halbwertszeit in der Umwelt aufweist. Methyl-Triclosan besitzt zudem ein sehr hohes Anreicherungspotenzial in Lebewesen über die Nahrungskette, heißt es auf der Webseite des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). In den USA belegt Triclosan den siebten Platz auf der Liste der Stoffe, die am häufigsten in Amerikas Flüssen nachgewiesen werden. Auch in den Körperflüssigkeiten von Wildtieren kommt Triclosan nachweislich vor. Bei einem jährlichen, weltweiten Produktionsvolumen von rund 1.500 Tonnen wundert das kaum.

Triclosan dringt bis zum Fötus vor

Die gute Nachricht: Triclosan reichert sich offenbar nicht im Körper an. „Ist der Körper dem Stoff nicht mehr ausgesetzt, wird Triclosan ziemlich schnell ausgeschwemmt. Da der Stoff aber quasi universell vorkommt, ist auch die Exposition allgegenwärtig“, erklärt Dr. Rolf Halden von der Arizona State University. Unter seiner Leitung hatte ein Team aus Wissenschaftlern die Triclosan-Belastung schwangerer Frauen und ihrer Föten untersucht. „Wir haben Triclosan im Urin aller Schwangeren, die an unserer Untersuchung teilgenommen haben, nachweisen können. Auch etwa die Hälfte aller Nabelschnurblutproben war positiv. Das bedeutet, dass Triclosan höchstwahrscheinlich auch in den Fötus gelangt”, so der beteiligte Wissenschaftler Dr. Benny Pycke.

Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger besonders gefährdet

Gerade Krankenhauspersonal, das sich regelmäßig die Hände mit antibakteriellen Waschlotionen reinige, häufe besonders viel Triclosan im Körper an. Das zeigte eine Studie an Mitarbeitern zweier Krankenhäuser, die zum Händewaschen entweder ein Reinigungsmittel mit einem Triclosan-Anteil von 0,3 Prozent oder lediglich Wasser und Seife benutzen. Die Mitarbeiter, die regelmäßig die Triclosan-haltige Waschlotion benutzten, hatten signifikant mehr Triclosan im Urin als die Seifen-Gruppe.

Immerhin: In Lebensmitteln und in Materialien, die direkt mit Nahrung in Berührung kommen, darf Triclosan europaweit seit 2010 nicht mehr eingesetzt werden. Im Jahr 2012 räumte ein deutsch-slowakisches Forscherteam dem Stoff Platz sechs der problematischsten Stoffe in Europa ein. Das BfR warnt seit mehreren Jahren, den Stoff bei Waschmitteln und Textilien einzusetzen und bei der US-amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde FDA wird das Nutzen-Risiko-Verhältnis des Stoffes gegenwärtig erneut überprüft. Ob das zu strengeren Richtlinien führen wird, bleibt abzuwarten.

159 Wertungen (4.7 ø)
Forschung, Medizin

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15 Kommentare:

Arzt
Arzt

pardon “aerogen” war gemeint, durch die Luft.

#15 |
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Arzt
Arzt

#13 schlechter Ratgeber, Taschentuch ist natürlich besser, wenn schnell genug zur Hand, hoffentlich ein sauberes.
Hygienisch ist aerobe Übertragung immer als höheres Risiko einzustufen, als Kontaktübertragung. Einfache Regel.

#14 |
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Gast
Gast

#10 http://www.navigator-medizin.de/eltern_kind/die-wichtigsten-fragen-und-antworten/vorsorge-im-alltag/infektionsschutz/1472-soll-man-beim-husten-die-hand-vor-den-mund-halten.html Beim Husten mit der Hand vor dem Mund verteilt man den Sprühnebel statt gezielt in eine Richtung rund um sich herum, ich denke beim Husten in die Ellenbeuge wird man den selben Effekt haben.

#13 |
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Gast
Gast

statt Pfleger kann man auch Diener sagen.

#12 |
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Gast
Gast

nein, besser in die Ellenbeuge! Der heftige Luftstoß muss abgebremst werden, er reicht sonst 8 Meter weit.

#11 |
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Gast
Gast

#8: In die Ellenbeuge ist auch ungünstig. Genau wie beim Niesen einfach Richtung Boden, da haben die Erreger schnell verloren.

#10 |
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Dirk Blanke
Dirk Blanke

Sehr geehrte Frau Schmitzer,

Pfleger ist nun wirklich keine Berufsbezeichnung. Es gibt Krankenpfleger, Altenpfleger, Tierpfleger, Wildpfleger, … oder diese Form
https://de.wikipedia.org/wiki/Pfleger_%28Mittelalter%29
Ob wohl es bei vielen der genannten Berufen bestimmt Schnittmengen gibt, freut sich jeder über eine richtige Bezeichnung seines Abschlusses, denn Sie schreiben ja auch nicht Onkel Doktor.

#9 |
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Gast
Gast

@Alexander Schütz ach so, Sie meinen sicher bei Husten bitte die Hand vor den Mund,
da wird Ihnen sicher jeder zustimmen, heute empfiehlt man sogar, bitte nicht die Hand, sondern die Ellenbeuge. Manche wollen sich sogar schon von dem Handschlag verabschieden, finde ich schon übertrieben.
@Elke Droefke, Flächendesinfektion und menschliche Haut (oder Wunden) ist wirklich ein großer Unterschied.
Der Beitrag warnt völlig zu recht vor der nachgewiesenen Resorption des Giftstoffes in den Körper, da ist das alte H2O2 (2%) wesentlich besser.

#8 |
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Sonstige

Hallo,

danke für die zusammengetragenen Infos.
Derzeit ist mir nur die Studie zu Triclosan – Antibiotika – MRSA, die Leitlinie zur Flächendesinfektion in Praxen und die noch nicht zu Ende geführte Studie zu Nahtmaterial mit Triclosan bekannt (ist in den Einschlägigen Veröffentlichungsmedien nachzulesen).

D.

#7 |
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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

@ #5 danke für lieb gemeinte Ratschläge, aber ich habe nicht von täglicher Desinfektion ohne Grund und Verstand gesprochen, sondern für Einsatz gemäß Verwendungszweck, auch im Alltag gibt es Infektionskrankheiten, welche leicht übertragen werden können (mit einfachen Worten wenn jemand in der Nähe an einer ansteckenden Krankheit leidet oder Verdacht besteht) und da gegen Ausbreitung nichts zu unternehmen ist einfach fahrlässig und unverantwortlich !

#6 |
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Gast
Gast

@Alexander Schütz #1 will sagen,
bitte Alltag von Infektionserkrankung UNTERSCHEIDEN!
Es gibt keine keimfreie Umgebung und “normale Keimbesiedlung” ist als ein nützliches Gleichgewicht zu betrachten, dass durch Desinfektionsmittel nur gestört wird,
ohne dass man auch nur annähernd dadurch Keimfreiheit erreichen könnte. Ist für Laien offenbar schwer verständlich.

merke:
Waschen und Putzen ja im Alltag, auch ausreichend Lüften,
aber bitte nicht Desinfizieren.

zu@Dr. Jana Präßler, es gibt sicher verträglichere oberflächtliche Desinfektionsmittel für den Mensch,
insbesondere solche, die nicht resorbiert werden.

mfG

#5 |
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Dr. Jana Präßler
Dr. Jana Präßler

Triclosan ist zugelassen für die externe Behandlung der atopischen Dermatitis auch bei Babies und Kleinkindern zur Reduktion der bakteriellen Besiedelung, die eine nachweislich auslösende/unterhaltende Wirkung bei den Neurodermitisschüben hat.
Die oben benannten unerwünschten Wirkungen von Triclosan wären dann insbesondere relevant im akuten Entzündungsstadium mit deutlich beeinträchtigter Barrierefunktion also erhöhter Durchlässigkeit der Haut.
Also bitte Achtung an die Pharmazeuten, die die NRF überarbeiten.

#4 |
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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

Ist wahrscheinlich wie DDD und Co. nicht mehr Zeitkonform, da gibt es viele zuverlässige Alternativen.

Was Desinfektionsmittel im Haushalt betrifft: finde ich in bestimmten Fällen sehr sinnvoll (Mehrpersonenhaushalte- Gemeinschaften und Infektionskrankheiten – sehr leichte Übertragungswege inklusive Rhinoviren gerne auch als Schmierinfektionen).

#3 |
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Gast
Gast

Der US-Konzern Johnson&Johnson (Tochter Ethicon – Nahtmaterial) verkauft seit Jahren VICRYL-PLUS mit Triclosan – und niemand von der Ärzteschaft regt sich auf, da kann man mal drüber nachdenken – vor allem die Anwender.

#2 |
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Arzt
Arzt

Desinfektionsmittel haben im Privatleben wirklich nichts verloren!

#1 |
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