Labormediziner: Die Hüter der Werte

7. März 2012
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Der Beruf des Labormediziners bringt eine große Verantwortung mit sich - wer Werte analysiert und deutet, muss es mit Umsicht und Expertenwissen tun. Die Werte richtig zu deuten ist nicht immer leicht, wie unsere Autorin zu berichten weiß.

Wer wissen möchte, wie lang eine Wegstrecke ist oder wie viel Wasser in ein Gefäß passt, der misst nach und weiß sofort Bescheid. So einfach ist das zum Beispiel bei Blutwerten leider nicht. Bei den meisten Laborwerten, beispielsweise bei Leukozyten, dem Cholesterin oder auch dem Thyroxin, sind die Laborwerte auf den ersten Blick nicht so aussagekräftig wie angenommen. Sie hängen von zahlreichen Einflussgrößen, Störfaktoren und der gewählten Messmethode ab.

Die Feinheiten der Labormedizin

Dass es einen Unterschied macht, ob eine schwangere Frau oder ein alter Mann untersucht werden, liegt auf der Hand. Auch, dass mit den Proben sorgsam umgegangen werden muss, ist nachzuvollziehen. Wird zum Beispiel ein Röhrchen Blut beim Transport zu sehr geschüttelt, können dabei die Erythrozyten zerstört werden und das Blutbild wird verfälscht. Diese ungewollte Hämolyse stellt daher ein sehr großes Problem der Labormedizin dar.

Kompliziert wird die Sache beim Vergleich verschiedener Tests und dies ist darüber hinaus noch besonders verwirrend, da zu allem Überfluss oft noch unterschiedliche Maßeinheiten verwendet werden. So ist zum Beispiel die offizielle Einheit für Cholesterinwerte mmol/l, sehr weit verbreitet ist aber auch die Angabe in mg/dl. Insofern ist es wichtig, die Interpretation von Laborwerten Fachleuten zu überlassen und nicht gleich den Patienten bei einem vermeintlich zu hohen oder zu niedrigen Wert als krank zu betiteln.

Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik

Labormedizin hat auch viel mit Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik zu tun. Im Idealfall hätte eine Analysemethode eine Spezifität und eine Sensitivität von jeweils 100 Prozent. An einem Beispiel verdeutlicht bedeutet dies, dass alle Patienten, die in Intervall A liegen, gesund sind und alle Patienten, die sich in Intervall B befinden, krank sind. Doch die Patienten sind für solche genauen Messungen viel zu unterschiedlich und die Referenzintervalle variieren je nach Hersteller der Messmethode.

Sicher lässt sich meist nur sagen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung mit zunehmendem Abstand von den „normalen“ Grenzwerten wächst. Werte außerhalb eines Normbereiches lassen jedoch keine eindeutigen Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand zu. Da aber etwa zwei Drittel aller Diagnosen durch die Labormedizin gestellt oder zumindest untermauert werden, ist es wichtig, aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen. Dies fängt mit einer standardisierten Situation bei der Entnahme von Körperflüssigkeiten und Gewebe an und hört bei der Wahl der Messmethode auf. Oft ist es auch nötig, die Untersuchungen zu wiederholen, etwa, weil beispielsweise ein nicht erkannter Infekt das Resultat verfälscht haben könnte. Ein weiteres Beispiel wäre, wenn sich bei der erstmaligen Messung des Blutzuckers im nüchternen Zustand ein Wert von 126 mg/dl ergibt, so ist erhöhte Achtsamkeit geboten und muss zu einem anderen Zeitpunkt unter Standardbedingungen wiederholt werden. Liegt aber bei der ersten Messung schon ein Blutzuckerwert von 200 mg/dl vor, so spricht das in jeder Situation für Diabetes mellitus.

Nicht nur die Laborwerte betrachten

Oftmals reicht es aber nicht, nur den reinen Laborwert zu betrachten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Untersuchung des Fettstoffwechsels. Liegt der Gesamtcholesterin unter 200 mg/dl, so gilt das als optimal. Wichtiger als dieser Wert ist das Verhältnis seiner beiden Bestandteile LDL und HDL. Das LDL ist weniger erwünscht, da es das Cholesterin von der Leber in die Peripherie transportiert. Das HDL ist der Gegenspieler des LDL und transportiert das Cholesterin von der Peripherie zur Leber zurück. Patienten mit Risikofaktoren, etwa hinsichtlich Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes, sollten möglichst eine geringe LDL-Konzentration von unter 100 mg/dl haben. Wer kerngesund ist, dem schadet auch eine LDL-Konzentration von 150 oder 160 mg/dl LDL-Cholesterin im Blut nicht. Der LDL-Wert kann durch Sport und gesunde Ernährung beeinflusst werden, der HDL-Wert dagegen kann nicht beeinflusst werden. Dieser liegt in der Regel um 50 mg/dl. Es gibt aber auch wiederum Patienten, die einen HDL-Wert von 80 oder 90 mg/dl haben.

Die Bestimmung der Cholesterinkonzentration im Blut unterliegt, wie viele andere Laborparameter, einer ständigen Beobachtung durch die Bundesärztekammer. Dafür werden Ringversuche durchgeführt. Die verschiedenen Labore erhalten bei diesen Versuchen Proben zur Analyse und die Streuung der Messwerte wird dokumentiert. Durch die Ergebnisse der Ringversuche ändern sich auch die Normalwerte von zum Beispiel Cholesterin oder auch Thyroxin und veränderte pathologische Werte werden bestimmt. Aufgrund dessen sollte man als Famulant und Arzt immer regelmäßig über diese Werte informiert sein.

Es ist empfehlenswert, den Patienten individuell zu betrachten, seine Vorerkrankungen genau unter die Lupe zu nehmen und dessen aktuellen Zustand zu erfassen. Eine schwangere Frau hat andere Werte als ein Mann, ebenso wie eine kerngesunde Frau und ein Mann mit Diabetes mellitus. Nicht immer bedeuten zu hohe oder zu niedrige Werte, dass der Patient krank ist. Und im umgekehrten Fall bedeutet das Fehlen eines signifikanten Ausschlags auch nicht, dass mit dem Patienten alles in Ordnung ist. Die Messung muss nochmals wiederholt werden. Die Labormedizin ist daher sehr vielseitig und ein Gebiet, auf dem grundsätzlich gewissenhaft gearbeitet werden muss.

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