ABDA/KBV-Modell: Die Ärzte gehen von Bord

9. März 2012
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Es hätte so gut laufen können, das neue Modell zur Arzneimittelversorgung: getragen von allen Gesundheitsberufen, zum Wohl der Patienten. Kurz vor Testbeginn sprangen jetzt die Ärzte Westfalen-Lippes ab. Mediziner und Apotheker arbeiten parallel an eigenen Konzepten – wie gehabt im Alleingang.

Bei jeder Arzneimitteltherapie gibt es einen ganz entscheidenden Störfaktor: den Patienten. Bekommt er zu viel verordnet, interagieren vielleicht manche Wirkstoffe. Fraglich bleibt auch, ob er seine Medikamente überhaupt schluckt, inklusive richtiger Dosierung und passendem Zeitpunkt.

Von untreuen Patienten

Untersuchungen zu diesem Thema liefern wenig ermutigende Daten: Je mehr Pillen und Tropfen Ärzte verschreiben und je länger die Behandlung dauert, desto mehr sinkt auch die Therapietreue. Nehmen zu Beginn einer jeden Behandlung noch etwa 70 Prozent ihre Medikamente korrekt ein, sinkt der Wert bei chronisch Kranken auf rund 50 Prozent oder weniger. Besonders kritisch: Schicken Erkrankte ihre Arzneien eigenmächtig in die Wüste, schnellen Morbidität und Mortalität drastisch in die Höhe. Wie Professor Dr. Irene Krämer, Direktorin der Apotheke der Universitätsmedizin Mainz, berichtet, verdreifacht Non-Compliance beispielsweise nach einer Nierentransplantation das Risiko möglicher Abstoßungsreaktionen. Auch die Krankheit selbst hat ihren Einfluss: Sollten sich Patienten subjektiv gesund fühlen, etwa bei Hypertonien oder psychiatrischen Leiden, führen Apotheker sogar jeden zweiten Therapieversager auf Fehler beim Einnehmen zurück. Das bleibt nicht ohne Folgen: Laut ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände summieren sich Schäden durch überflüssige Änderungen der Therapie und Krankenhauseinweisungen auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr. Weitere Einbußen entstehen durch die Polypharmazie.

Viel hilft viel?

Wie das Deutsche Arzneiprüfungsinstitut (DAPI) berichtet, erhalten etwa ein Viertel aller gesetzlich Versicherten fünf Arzneistoffe oder mehr in Dauertherapie, ergänzt durch OTCs sowie Nahrungsergänzungsmittel. Mit der Zahl an Arzneistoffen steigt naturgemäß auch die Gefahr von Interaktionen, speziell, wenn niemand mehr den Überblick hat: Zwei von drei multimorbiden Patienten holen laut DAPI ihre Rezepte von mindestens zwei verschiedenen Fachärzten ab. Die Folgen: ABDA-Chef Heinz-Günter Wolf schätzt, dass etwa fünf Prozent aller Krankenhausaufnahmen auf unerwünschte Effekte zurückzuführen sind, bei geriatrischen Patienten sogar bis zu 30 Prozent. Um Abhilfe zu schaffen, müssen Apotheker und Ärzte stärker kooperieren, wie ein Modellprojekt in Krefeld gezeigt hat. An der Machbarkeitsstudie „Häusliches Medikationsmanagement bei multimorbiden Menschen mit insulinpflichtigem Diabetes mellitus“ nahmen 47 Patienten, sieben Ärzten und eine Apotheke teil. Zusammen analysierten sie arzneimittelbezogene Probleme und fanden vor allem pragmatische Lösungen. In der Folge traten gefährliche Unterzuckerungen weitaus seltener auf – ein Musterbeispiel, das sich auch bundesweit umsetzen ließe.

Gemeinsam statt gegeneinander

Hier kommt das ABDA/KBV-Modell gerade recht: Unter dem Dach eines Medikationsmanagements mit kontinuierlicher Betreuung der Patienten verbergen sich zwei tragende Säulen. Anstelle von Arzneimitteln würden Ärzte künftig nur noch Wirkstoffe verordnen. Das beinhaltet Dosierung sowie Therapiedauer und Darreichungsform. Mit diesen Informationen könnten Apotheker passende Präparate auswählen, vor allem jedoch stärker pharmazeutisch aktiv werden. Patienten wiederum bekämen einen detaillierten Therapieplan, wichtig in Sachen Compliance. Das Konstrukt wäre auch bei Rabattverträgen hilfreich: In der Praxis führen Substitutionen bei Medikamenten mit geringer therapeutischer Breite aufgrund unterschiedlicher Bioverfügbarkeit schnell zu unerwünschten Ereignissen – besser vorher eingreifen als nachher den Schaden reparieren. Neben der Wirkstoffverordnung plädieren ABDA und KBV für bundesweit einheitliche Medikationskataloge. Diese listen alle relevanten Wirkstoffe unter Kriterien der Wirtschaftlichkeit und Evidenz, inklusive Reservemittel: ein umfangreiches Paket, um die Compliance zu erhöhen sowie arzneimittelbedingte Risiken zu minimieren. Ganz klar, auch die Kostendämpfung spielt eine Rolle: Beide Partner sehen nach der stufenweisen Einführung des ABDA/KBV-Modells Einsparpotenziale von rund 2,1 Milliarden Euro bis 2014. Doch momentan wollen nicht alle mitspielen.

Ärzte scheren aus

Obwohl 22 EU-Staaten die Wirkstoffverordnung eingeführt haben, größtenteils auf freiwilliger Basis, scheint das in Deutschland nicht zu funktionieren. Schnell wurde das böse Wort „Positivlisten“ geäußert, also verpflichtende Aufstellungen von Pharmaka, Therapiefreiheit ade. Dem widersprachen Vertreter der KVB ganz entschieden – vielmehr sei der Medikationskatalog eine Empfehlung auf Basis von Leitlinien. Nichtsdestotrotz hagelte es weitere Vorwürfe: Standespolitiker monierten den „Kompetenzverlust für Verordner“, witterten „Apothekenförderprogramme“ (Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands) und sahen sich selbst die „Therapiehoheit am Counter der Apotheke abgeben“ (Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg). Durch den Rücktritt von KBV-Vize Dr. Carl-Heinz Müller verlor die Ärzteschaft zu allem Unglück auch noch einen glühenden Verfechter der Wirkstoffverordnung.

Testregion händeringend gesucht

Davon ließen sich die Väter des ABDA/KBV-Modells nicht beeindrucken, schließlich hatte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz eine klare Marschrichtung vorgegeben: Modellvorhaben starten, aber nur in einem Kammerbezirk, und nach drei Jahren evaluieren. Westfalen-Lippe war begeistert, Mitte Februar lehnte die Vertreterversammlung der regionalen KV aber dankend ab. Kritisiert wurden einerseits Vorschläge zur Honorierung, Ärzte und Apotheker hätten sich einen Obolus teilen müssen. Andererseits bewertete man das Arzneimittelmanagement als ureigenstes Metier der Mediziner. Für die Sache ist das ziemlich bitter, hätte gerade besagter Kammerbezirk mit ländlichen und urbanen Strukturen interessante Versorgungsdaten geliefert. Bald darauf kamen ähnliche Töne von der KV Schleswig-Holstein, bleiben Sachsen und Thüringen als interessierte Bundesländer – noch, wohlgemerkt.

Weiter auf Alleingang

In der Zwischenzeit denken Ärzte aus Westfalen-Lippe laut über eigene Konzepte zum Arzneimittelmanagement nach. Im Gespräch ist, dass eine pharmazeutische Beratung bereits in der Praxis stattfinden könnte und vor Ausstellung eines Rezepts Rabattverträge ebenfalls zu prüfen sind. Kein Einzelfall: Im Rahmen verschiedener Beratungskonzepte haben auch die Techniker Krankenkasse oder die KKH Allianz Angebote entwickelt, bei denen Ärzteteams Medikationschecks durchführen. Apotheker suchen sich ebenfalls eigene Wege: Bereits 2007 hat beispielsweise die AOK Rheinland/Hamburg mit dem Apothekerverband Nordrhein und dem Hamburger Apothekerverein Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen. Jetzt entschieden Vorstände, das Erfolgsmodell fortzuführen – 2200 Apotheken sind momentan mit dabei und erhalten pro Jahr und Patient 1.200 Euro. Dafür begleiten sie die Arzneimitteltherapie chronisch Kranker und lösen pharmazeutische Probleme als Folge von Rabattverträgen. Die Testphase zum ABDA/KBV-Modell wird hingegen frühestens Ende 2012 beginnen, sollte alles gut laufen.

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Pharmazie

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7 Kommentare:

Apotheker

Innerhalb von nur 2 Generationen hat sich die Lebenserwartung in Deutschland um über 20 Jahre erhöht. Dies ist ein Traum der Menschheit, der wahr wurde. Interessant ist dabei entgegen vieler Stammtischparolen, dass sich die durchschnittliche Krankheitszeit mit Pflegebedürftigkeit im Alter kaum verändert hat. Das heißt, dass uns im Durchschnitt über 20 Jahre Leben bei guter Gesundheit geschenkt wurden.
Es gibt Schätzungen, dass diese hohe Lebenserwartung nur durch den effektiveren Einsatz der bereits vorhandenen Medikamente um weitere 5-10 Jahre steigen könnte. Dies muss unbedingt angegangen werden. Apotheker und Ärzte könnten den Hauptteil dieser Aufgabe bewältigen. Es wäre ein Skandal, der viele Leben kosten würde, wenn dies nicht gelingen würde. Krankenkassen und Politik sind hier zynischerweise ohne Umdenken kaum interessiert, da durch eine erhöhte Lebenserwartung die Gesundheitskosten allein durch die längere Lebenszeit zwangsläufig weiter steigen müssen. Viele Gesetze und Vorschriften, die von der Politik kommen (z.B. Rabattverträge) verschlechtern die Patientencompliance ganz erheblich, da Einsparungen ihr Hauptziel sind. Dies ist extrem kontraproduktiv. Zum Nulltarif werden wir ein jetzt schon mögliches längeres Leben nicht geschenkt bekommen!

#7 |
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Apotheker

Das solche Konzepte immer wieder scheitern, liegt an der Scheinheiligkeit der Apotheker. Wenn Herr Wolf fordert, dass der Arzt nur den Wirkstoff verschreibt und der Apotheker dann den Hersteller aussucht, hat er keineswegs das Wohl der Patienten im Auge, sondern nur die Einkaufs- und Lagervorteile der Apotheker. Diese Forderung der Standesvertretungen deutscher Apotheker, allen voran Herr Wolf, hat doch überhaupt zu den Rabattverträgen geführt. Was die Apotheker seit Jahrzehnten wollen, können die Krankenkassen erst recht.
Apotheker die alten chronisch multimorbiden Patienten die Generika tauschen, haben kein echtes Interesse an Compliance bei ihren Kunden. Wer diese will, hätte niemals die Rabattverträge unterschreiben dürfen.

Solche Projekte erfüllen nur eine Alibifunktion und scheitern wegen der Unglaubwürdigkeit der Apotheker, die sich mit dem alltäglich hundertausendfachen Austausch von Generika aus meiner Sicht viele Male sogar strafbar machen.

Compliance, Empowerment für alte Patienten, Pharmazeutical Care – das alles spielt sich doch nur in den Powerpoint-Präsentationen auf Kongressen und Tagungen ab – die Wirklichkeit in deutschen Apotheken sieht ganz anders aus. Ich kann die Ärzte verstehen, dass sie uns Apothekern nicht mehr vertrauen.

#6 |
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Wolf Wagner
Wolf Wagner

Zur Verbesserung der Arzneimittelversorgung brauchen wir dringend Strukturierten Prozesse in denen die Kompetenzen klar geregelt sind. Um darauf nicht ewig warten zu müssen, geht das nur per Verordnung. Das Medikationsmanagement allein in die Verantwortung der Ärzte zu geben halt ich nicht aus fachlichen Gründen, sondern rein aus Zeitmangel für utopisch. Es gibt in den Praxen dafür kein qualifiziertes Personal. Die Zeit ginge also voll vomm Zeitkontingent des Arzt-Patientgespräches ab oder Mittwoch und Freitag nachmittag wieder geöffnet. Ein Blick in die Niederlaande könnte den Weg weisen. Viel Zeit für den Patienten, kompetentes Medikationmanagement durch die Apotheker und zufriedenheit auf allen Seiten. Nur Mut brauchht man, denFunktionären ihren Einfluss wegzunehmen.

#5 |
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Apotheker

Eventuell sollten wir Apotheker auch einmal daran denken unsere “Befugnisse” auszudehnen. Z.B. Ausweitung diagnostischer Dienstleistungen – wirklich toll was man da heute alles für Werte prüfen und interpretieren kann. Blutdruckmessen und die paar anderen Blutparameter war gestern. Dringend notwendig sind dann auch Diskussion über Abgabe der Pille danach in der Apotheke oder Verabreichung von Standardimpfungen – in anderen Ländern geht das ja auch alles und wenn Krankenkassen und Ärzte bei den Pharmazeuten wildern, dann sollte man zeigen dass so etwas auch umgekehrt geht.

#4 |
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Peter Brunsmann
Peter Brunsmann

Es geht mal wieder eher um Macht und Geld, als um Wichtigeres(Wohl am ehesten bei den Funktionären der Ärzteschaft).
Dabei wäre es auch eine Chance für die niedergelassene Ärzteschaft, die froh wäre die Kreutzchen und v.A.m loszuwerden.

Schade, oder gibt es doch noch soviel von der Pharmaindustrie??

#3 |
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Selbstst. Apotheker

Bei Arzneimittelinteraktionen haben wir in der Praxis bisher wenig Vorkenntnisse bei den Ärzten vorgefunden. Das eine Semester Pharma(in diesem Begriff steckt ja bereits die Pharmazie drin)kologie reicht bei weitem nicht aus. Pharmakokinetik und Pharmakodynamik bleibe für die Medizinstudenten große Unbekannte.

#2 |
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Angestellter Apotheker

Schade, dass hier wieder Kompetenzgerangel der Sargnagel aller positiver Bemühungen ist.

#1 |
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