Adipositas-Bashing: Dickmacher im System

3. Dezember 2014
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Übergewichtige werden auch im Gesundheitssystem für ihr Gewicht stigmatisiert. Respektloser Umgang ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Vielmehr torpediert das Stigma Abnehmwünsche und adäquate Diagnostik. Deshalb braucht es Interventionen im Medizinstudium.

Die offene Diskriminierung Übergewichtiger im Internet kann geschmacklose Formen annehmen. Der Blog „Return of Kings – for masculine men“ beispielsweise forderte seine Leser auf, wahllos Übergewichtige zu fotografieren und deren Fotos zur allgemeinen Belustigung hochzuladen. Ein Twitter-Nutzer feierte die #fatshamingweek, unter deren Motto der Blog eine Woche lang Diskriminierungen verschiedenster Art zelebrierte, mit dem Tweet „If weight loss is too hard, you can always eat a bullet.“ Inspiration für diese Aktion lieferte Geoffrey Miller, Privatdozent für Evolutionsbiologie und Psychologie an der University of New Mexico. Er twitterte 2013 „Dear obese PhD applicants: if you didn’t have the willpower to stop eating carbs, you won’t have the willpower to do a dissertation #truth“.

Vor kurzem nun stellte das Statistische Bundesamt fest, dass es in Deutschland erstmals mehr Übergewichtige, also Menschen mit einem BMI von über 25, als Normalgewichtige gibt. Diese Menschen, das zeigen Studien, leiden nicht nur unter ihrem Gewicht, sondern in hohem Maße auch unter der Diskriminierung und Stigmatisierung. Ein Stigma basiert auf Devianz, der Abweichung einer gewissen gesellschaftlichen Gruppe in bestimmten Merkmalen. Bei der Adipositas sind das, laut Claudia Sikorski, die die Nachwuchsarbeitsgruppe „Stigmatisierung und internalisiertes Stigma bei Adipositas“ des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen Leipzig leitet „physische, psychische aber auch soziale Merkmale, die Übergewichtige von anderen Menschen unterscheiden.“ Ihnen werden im Rahmen der Stigmatisierung Faulheit, Unordentlichkeit, Unorganisiertheit, Undiszipliniertheit, fehlende Willensstärke und Selbstkontrolle, Maßlosigkeit aber auch verminderte Intelligenz zugeschrieben.

Interessanter- und erschreckenderweise ist das Stigma gegenüber Übergewichtigen bei medizinischem Fachpersonal, aber auch bei Medizinstudenten mit dem in der Allgemeinbevölkerung vergleichbar, wie eine Studie zeigt, die Sikorski und Kollegen an der Uniklinik Leipzig durchgeführt haben. Für Mediziner lassen sich die den Übergewichtigen zugeschriebenen Attribute dabei noch um Non-Compliance erweitern: Das „Er-will-nicht“ ersetzt beim übergewichtigen Patienten das „Er-kann-nicht“. Das erscheint in vielerlei Hinsicht problematisch, sollten doch gerade Medizinstudenten und medizinisches Fachpersonal um die Multikausalität von Übergewicht und Adipositas wissen. Die Konsequenz aus der Stigmatisierung ist neben dem Umgang mit den Patienten – adipöse Patienten bekommen den abwertenden und zynischen Humor, den Medizinstudenten sich über ihr Studium aneignen, von allen Patientengruppen am stärksten zu spüren – vielfältig. In Folge der Stigmatisierung isolieren sich Übergewichtige sozial, Selbstwertgefühl und Body Image leiden, psychische Komorbiditäten entstehen. Komorbiditäten, die wiederum an der Entstehung von Übergewicht beteiligt sein können wie beispielsweise Depressionen. Interessanterweise kommt es im Rahmen dessen auch zu einer Verschlechterung des Ess- und Bewegungsverhaltens: „Fitnessstudios“, sagt Sikorski, „sind einer der Orte, an denen gewichtsbezogene Diskriminierung besonders stark ist“

Verstärkter Teufelskreis

Später kommt es dann zu einer Internalisierung des Stigmas, im Zuge dessen der stigmatisierte Übergewichtige selbst zunehmend an die betreffenden Zuschreibungen glaubt. Mit der Folge, dass sich Resignation und Schuldgefühle einstellen. Die Stigmatisierung Übergewichtiger setzt also eine Art Teufelskreis in Gang, in dem sich Gewichtszunahme und Stigmatisierung gegenseitig verstärken. Auf ein weiteres Problem, eine Art selektive Unterversorgung Übergewichtiger, die im Rahmen der Stigmatisierung durch Ärzte entsteht, weist Sabine Fischer hin, die im Vorstand der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung (GgG) sitzt.

Sie beschreibt, dass die die Symptome Übergewichtiger oftmals primär über das Gewicht erklärt werden und ihnen eine adäquate Diagnostik verweigert werde: „Wenn ich mit Rückenschmerzen zum Arzt gehe, möchte ich wie jeder andere auch eine ordentliche Diagnostik bekommen und nicht mit einem Verweis auf mein hohes Körpergewicht abgewimmelt werden.“ Fischer ist Diplom-Pflegepädagogin und Pflegewissenschaftlerin und wie alle anderen Mitglieder der GgG selbst übergewichtig. „Wir wünschen uns Wertschätzung und einen vorurteilsfreien Umgang mit dicken Menschen“, sagt Sabine Fischer. Sie bietet Workshops zur Stigmatiserung Übergewichtiger in der Ausbildung von Kranken- und Altenpflegern an, stellt aber ernüchtert fest: „Die Nachfrage ist erschreckend gering.“

Medien in der Pflicht

Die Stigmatisierung Übergewichtiger im Gesundheitswesen hat mit einem schlechterem Zugang zu adäquater Diagnostik und der Gefahr einer weiteren Gewichtszunahme also reale und weitreichende Folgen für die Gesundheit der Betroffenen. Sie nehmen das Gesundheitssystem als eine der Hauptquellen für Gewichtsdiskriminierung war. Dass sich trotz intensiver Bemühungen kein übergewichtiger oder adipöser Medizinstudent in Leipzig bereit erklärte, mit mir zu sprechen und von seinen Erfahrungen zu erzählen, spricht dabei Bände. Das Thema scheint tabuisiert und weit davon entfernt, im Medizinstudium adäquat thematisiert und damit als Problem identifiziert zu werden. Auf Grund der negativen Konsequenzen für die Gesundheit Übergewichtiger und der offensichtlichen Tabuisierung erscheinen Interventionen zur Reduzierung stigmatisierender Einstellungen, gerade im Medizinstudium, deshalb längst überfällig zu sein.

Die wenigen bisher durchgeführten Interventionen setzten dabei vor allem auf Wissenstranfer, das Vermitteln von Fakten zur Ätiologie der Adipositas, und Empathiestärkung. Sie zeigen allerdings nur einen schwachen und kurzfristigen Rückgang der stigmatisierenden Einstellungen von Medizinstudenten. Eine Ausnahme dazu sind Experimente, die sich auf die „social consensus“-Theorie stützen. Hier konnte das Stigma nachhaltig reduziert werden, indem den teilnehmenden Medizinstudenten suggeriert wurde, der Großteil ihrer peers würde Übergewichtige nicht stigmatisieren. Deswegen schlägt Sikorski vor, die Medien in die Pflicht zu nehmen: „Wir müssen dafür sorgen, dass das gewichtsspezifische Stigma nicht mehr sozial akzeptiert ist. Solange es in den Medien noch weit verbreitetes Adipositas-bashing gibt, sind wir davon aber weit entfernt.“

Geoffrey Miller zumindest zog seinen Tweet umgehend zurück und entschuldigte sich. Dennoch wurde er von der University of New Mexico offiziell getadelt, was zur Folge hatte, dass er nicht mehr an der Auswahl von Studienbewerbern mitwirken darf und einen Plan für einen sensiblen Umgang mit Adipösen entwerfen muss.

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6 Kommentare:

Arzt
Arzt

@Monika Maiwieden an dem “willensschwach” ist schon was dran,
trotzdem haben sie recht, weniger Essen sollte nicht mehr kosten.

#6 |
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Gast
Gast

Simon Kmiecik Sie wissen vermutlich nicht, was Kalorien bedeuten?

#5 |
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Gast
Gast

Wer von “Diskriminierung spricht (Presse!) soll bitte bitte erst mal vor der eigenen Tür kehren. Ewig hört man jeder 2. Deutsche ist zu dick oder zu fett bei einem BMI von 25,4 oder so.
Ärzte muss man nicht über die Presse erziehen, denn sie wissen was der BMI bedeutet und worauf man zu achten hat. Die Klitschkos haben BMI 30.

#4 |
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Monika Maiwieden
Monika Maiwieden

Es sind auch immer wieder sehr bequeme Diagnosen …zu dick, funktional, das Alter, und auch immer wieder beliebt psychosomatisch.Eigentlich fast immer könnte die Diagnose auch …Keine Ahnung … heissen.
Bei dicken Patienten, kann man noch den Lehrmeister raushängen lassen… Friss nicht zuviel, mehr Bewegung, zack und fertig. Und wenn das ganze im Krankenhaus abgeht, wird der Dicke dann schon mal vor einer ganzen Mannschaft bloss gestellt.
Oder noch besser wie einer Freundin passiert, sie solle doch am teuer zu bezahlenden Metabolic balance Programm eines Kollegen teilnehmen.
Kasse kann man also auch noch mit Dicken machen. Wenn es dann doch nicht klappt damit, wie sollte es auch dauer, dann wir er wieder als willensschwach und nein eigentlich nicht behandelbar.

#3 |
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Simon Kmiecik
Simon Kmiecik

Solange Medizinstudenten als Erklärung für Übergewicht das Kalorienmodell der Gewichtsregulation vorgegaukelt wird und Ärzte das ihren Patienten so erzählen, tatsächlich aber völlig ahnungslos sind warum man eigentlich übergewichtig wird, wird sich daran wohl auch kaum etwas ändern.

Das Kalorienmodell der Gewichtsregulation ist eine Tautologie und macht keine Aussage über eine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Zu sagen jemand nähme zu, weil er mehr esse als er an Kalorien benötige, ist ein Zirkelschluss. Wie merkt derjenige, dass er zuviel isst? Er wird dick. Warum wird er dick? Weil er zuviel isst. Es erklärt nicht, warum Menschen seit etwa 40 Jahren die Tendenz zeigen mehr zu essen.

Den gegenwärtigen Unwissensstand anzuerkennen statt pseudowissenschaftlich physikalische Grundgesetze als Erklärungen zu verkaufen, wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Zur Lektüre empfohlen:

Sean C Lucan and James J DiNicolantonio. How calorie-focused thinking about obesity and related diseases may mislead and harm public health. An alternative. Public Health Nutrition, 24 November 2014
http://dx.doi.org/10.1017/S1368980014002559

Gary Taubes. The science of obesity: what do we really know about what makes us fat? An essay by Gary Taubes BMJ 2013; 346:f1050
http://www.bmj.com/content/346/bmj.f1050

#2 |
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Student der Zahnmedizin

Mit mir darf man gerne über Adipositas p.m. sowie studieren über 45 reden. BMI und Alter weisen Koinzidenzen auf

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