IQTiG: Transparenz-Tick plus IQWiG?

8. Dezember 2014
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Ab Anfang 2015 soll das neu gegründete IQTiG-Institut im Auftrag des G-BA Daten der Qualitätssicherung von Kliniken und Praxen aufbereiten und öffentlich machen. Kassen, Ärzte und Patientenvertreter sehen der Arbeit des IQTiG mit gemischten Gefühlen entgegen.

„Die gegenwärtige Qualitätssicherung stammt aus den 90er Jahren und ist ausschließlich diagnosen- und prozedurenorientiert.“ Zu diesem nicht ganz schmeichelhaften Ergebnis kommt die aktuelle Studie „Qualität 2030 – Die umfassende Strategie für das Gesundheitswesen“ von Matthias Schrappe, Lehrbeauftragter für Patientensicherheit und Risikomanagement an der Universität Köln.

Sektorenübergreifende Qualitätskontrolle

In der deutschen Medizin soll die Qualitätssicherung auf neue Füße gestellt werden – das war einer der Vorsätze im Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Qualitätsberichte der Krankenhäuser, aber auch Ranglisten und Suchportale von Focus oder AOK und anderer Krankenkassen sind unzureichend, um das bisherige Niveau der medizinischen Versorgung zu halten oder, wenn möglich, noch zu verbessern. Also, so beschloss es der Gemeinsame Bundesausschuss G-BA im Sommer dieses Jahres, soll ein neues Institut her, das die Aufgabe übernimmt, Daten aus der Qualitätskontrolle „sektorenübergreifend“ zu sammeln, aufzubereiten und zu veröffentlichen.

Letztendlich sollen nicht nur Versorgungsfachleute verstehen, warum eine Klinik oder eine Schwerpunktpraxis wirklich gut ist oder doch noch Hausaufgaben erledigen muss, um Fehler und Risikofaktoren abzustellen. Das IQTiG (Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen) soll im Auftrag des G-BA seine Arbeit 2015 aufnehmen und ab 2016 schließlich die Referenzstelle für Qualitätsmessung und -sicherung in Deutschland werden – angelehnt an seinen Verwandten mit dem ähnlich klingenden Namen, dem IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen). Jährliche Berichte zum Stand der Qualität gab seit 2010 das Göttinger AQUA-Institut heraus.

Warum arbeitet der G-BA nicht mit den dortigen Experten weiter zusammen? Alle vier Jahre muss dieser Auftrag europaweit ausgeschrieben werden. Eine langfristige Planung und Entwicklung neuer Qualitätsparameter scheint so nicht möglich. Also verfuhr man nach dem bewährten Verfahren wie beim IQWiG und setzte eine Stiftung als Träger ein. „Das IQWiG schaut auf das, was ins System hineinkommt,“ beschreibt der Berliner Ärztekammer-Präsident Günther Jonitz die Aufgabenteilung zwischen den beiden Institutionen, „das IQTiG wird auf das schauen, was im System beim Patienten ankommt.“

Ausschließlich Routinedaten?

Entsprechend den bisherigen Plänen für das Arbeitsprogramm des IQTiG wird zuerst der stationäre Bereich im Mittelpunkt der Qualitätsanstrengungen stehen. Später soll aber auch der ambulante Bereich dazukommen und mit dem stationären verflochten werden. Das bedeutet, dass die Experten zukünftig solche Qualitätsstandards bestimmen werden, die für beide Sektoren verbindlich sind.

Müssen sich Ärzte nun auf noch mehr Formulararbeit am Schreibtisch statt der Patientenversorgung am Behandlungstisch einstellen? Glaubt man den Experten, soll das neue Institut keine Datenkrake werden, die die Dokumentation jedes einzelnen Handgriffs einfordert. Genau wie bei den Aufträgen an das Aqua-Institut soll auch das IQTiG „sparsam“ mit den Daten umgehen und sich nach dem Willen des G-BA erst einmal mit den Abrechnungsdaten der Krankenkassen aus Routine und Verwaltung zufriedengeben. Eine „Eingrenzung der dokumentationspflichtigen Leistungen“ sei entsprechend den Aqua-Experten auch notwendig, „um valide und reproduzierbare Ergebnisse zu erhalten und das Resultat richtig einordnen zu können.“

Generell, so fordert Matthias Schrappe in seiner Studie, sollte die Qualitätsmessung in Zukunft eher weg von der Präferenz der Akutmedizin und Operationen und vielmehr hin zur Patientenversorgung für chronisch kranke, oft multimorbide ältere Patienten. Jedoch sei die Konzentration auf die Verwendung von Routinedaten gefährlich. Sie übersähe rund die Hälfte aller Komplikationen und sollten durch klinische Falldefinitionen wie in der Infektionsepidemiologie ergänzt werden.

Kein Ranking nach Qualitätsbericht

Entsprechend der Zusammensetzung der Mitwirkenden am neuen Qualitätsinstitut gehen die Wünsche, was die zukünftige Arbeit betrifft, weit auseinander. Im Stiftungsrat und im Vorstand des Instituts sitzen sich paritätisch Vertreter der Kassen sowie der Leistungserbringer als Deutsche Krankenhausgesellschaft, KBV und KZBV gegenüber. Wie auch bei Diskussionen im G-BA als Auftraggeber des IQTiG führen die unterschiedlichen Ziele und Einflussmöglichkeiten zu scharfen Kontroversen.

Vehement protestierten etwa die Zahnärzte gegen eine einseitige Nutzung Daten im Sinne der Krankenkassen: „Aus Qualitätsberichten abgeleitete Rankings für den ambulanten Bereich lehnen wir aber entschieden ab!“, baute Wolfgang Eßer von der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung schon einmal vor. Nicht ganz so viel Opposition kommt von den Ärzten. Günther Jonitz spricht sich für eine Reform der Qualitätssicherung aus: „Grundsätzlich bin ich für mehr Transparenz. Entscheidend ist aber, ob man Transparenz für die Optimierung von Einrichtung oder für die Dezimierung, sprich Schließung von Einrichtungen braucht. Davon hängen Datenqualität und Umsetzung ab.“ Zentral bleibe die Rolle des Arztes, auch wenn dieser oft vom Allein- zum Letztverantwortlichen mutiert sei. „Mit seinem eigenen ärztlichen Gewissen muss man immer im Reinen sein“, betonte Jonitz im Gespräch mit DocCheck.

QSR-Daten vor Gericht

Dass es zwischen den einzelnen Parteien noch heftige Auseinandersetzungen über die Arbeit der neuen Qualitätsinstanz geben dürfte, zeigt ein Rechtsstreit in Nordrhein-Westfalen. Dort klagen zwei Kliniken mit Unterstützung der Krankenhausgesellschaft gegen die Veröffentlichung von QSR-Daten (Qualitätssicherung aus Routinedaten) im AOK-Kliniknavigator. „Aufgrund zahlreicher Rückmeldungen aus unseren Mitgliedshäusern haben wir erhebliche Zweifel, ob die Ergebnisse der AOK aussagekräftig sind. Externe Experten haben uns diese Zweifel in zwei Gutachten aus methodisch-fachlicher und aus rechtlicher Sicht bestätigt“, erklärte Matthias Blum, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen. Dennoch setze die Krankenhausgesellschaft auf das neue IQTiG, das dann für einen Qualitätswettbewerb mit transparenten und fairen Spielregeln sorgen solle.

Ob ein Ausgleich zwischen all diesen unterschiedlichen Interessen möglich ist, hängt wohl zu einem großen Teil vom zukünftigen Leiter des Instituts ab. Intern ist der Name wohl schon bekannt, wurde jedoch noch nicht öffentlich bekannt gegeben. Inwieweit auf den Arzt in den nächsten Jahren tatsächlich Mehrbelastungen zukommen und was der Wechsel von Aqua zu IQTiG für den einzelnen Arzt bedeutet, lässt sich im Moment wohl noch nicht vorhersagen. Nach dem Willen des G-BA sollen im Lauf der Zeit auch Patientenbefragungen als weiteres Messwerkzeug für die Behandlungsqualität in der Medizin dazukommen. Weitere konkrete Maßnahmen sind jedoch bisher noch nicht bekannt.

Gut gemeint, aber ohne Wirkung

Dass gut gemeinte Maßnahmen in der Qualitätssicherung auch einmal ins Leere laufen können, zeigt eine Studie kanadischer Forscher, die das New England Journal vor eineinhalb Jahren veröffentlichte. Checklisten in der Chirurgie nach Piloten-Vorbild, wie sie von vielen Experten zuvor gefordert wurden, haben zumindest in Provinz Ontario nicht zu einem signifikanten Rückgang von Todesfällen und Komplikationen geführt.

„Ärztliche Versorgung besteht in der Anwendung wissenschaftlichen (allgemeingültigen) Wissens auf den individuellen Einzelfall des Patienten“, so Regina Klakow-Franck vor einigen Tagen auf dem Deutschen Krankenhaustag. „Gerade weil aber ärztliche Versorgung bzw. Qualität in der Medizin nicht vollständig normierbar ist, bedarf es einer kontinuierlichen Selbst- und Fremdüberprüfung der ärztlichen Entscheidungen und Handlungen“, so Klakow-Franck weiter. Wenn das IQTiG seinen hohen Ansprüchen gerecht werden will, darf es nicht zur Datensammel- und Auswertestelle mutieren, sondern muss sich intensiv um die Qualität der Qualitätssicherung in der Medizin kümmern, um sie weiter zu verbessern.

34 Wertungen (4.65 ø)

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10 Kommentare:

Gast
Gast

@Kristin Münch, können Sie uns das Geheimnis verraten wie ein zusätzliches “QM”-System den Dokumentationsaufwand reduziert?

#10 |
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Wolf-Dietrich Trenner Wolf-Dietrich Trenner
Wolf-Dietrich Trenner Wolf-Dietrich Trenner

Interessant: Patientenvertretung kommt vor, aber nur im Teaser und ganz ohne einen Inhalt. Der Artikel scheint ja direkt der Presseabteilung der Krankenhauslobby zu entspringen.

#9 |
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Zahnarzt Burkhard Wittje
Zahnarzt Burkhard Wittje

Sehr geehrte Fr Münch
Ich war in diesem Jahr selbst Patient im QM kontrollierten Bereich. Es war viel gruseliger, als ich je befürchtet habe. Es kann noch so viel geredet werden oder dem System Zukunft gegeben werden (die DDR war ja auch am Schluss noch erst auf dem Weg zum Sozialismus – doch so viel Zeit habe ich in meinem Leben nicht), Normierung = Qualitätssicherung, sonst geht das nämlich nicht, also müssen wir erst den Menschen normieren, die anderen, welche nicht ins System – also die Norm- passen, müssen den eben aus dem System eleminiert werden. Sie finden bestimmt noch viele schöne andere Worte dafür.
Entweder sind alle Menschen blöd oder spätestens in den letzten 50 Jahren hätte doch wohl schon ein menschlicher Qualitätsweg – also Verbesserungsweg – gefunden werden können. Ich unterstelle, das die lautesten Propagandisten aber was ganz anderes wollen. Siehe deutsche Gesundheitsreformen: Seit 1974 – also 40 Jahre – haben wir ca. 30 Reformen gehabt. Wenn mir jemand erklärt, dass er dreißig den Weg zur Verbesserung gesucht, aber nicht gefunden hätte, dem kann ich nur antworten, er sei zu blöd oder wahrscheinlicher, er wolle das öffentliche Ziel gar nicht erreichen. Die öffentliche Zielsetzung und das wirkliche Ziel sind verschiedene Dinge und wir alle nur so etwas wie Spielkarten.
In dem Sinne

BW

#8 |
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Gast
Gast

Dann interessiert mich schon:
welche Qualität hat @Kristin Münch

#7 |
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Physiotherapeutin

Eine Frage an die Kommentatoren: Warum so negativ??
Würden Sie sich als Patient in unserer deutschen Gesundheitsversorgung gut aufgehoben fühlen???
„das IQTiG wird auf das schauen, was im System beim Patienten ankommt.“
…das halte ich endlich mal für den richtigen Ansatz!!!
Traurigerweise wird QM immer mit “mehr Dokumentationsaufwand” gleichgesetzt, dabei kann ein gutes QM-System genau diesen reduzieren!
Zugegebenermaßen dürfte dies, mit den schlecht eingeführten nicht gelebten QM-Systemen einiger deutscher Krankenhäuser, natürlich schwierig werden!

Geben wir QM doch einfach mal ´ne Chance!
Es ist für uns vollkommen selbstverständlich, dass jede Schraube an unserem Auto 20 Qualitätssicherungskontrollen durchläuft und am Menschen ist uns das nicht wichtig genug???
Alle reden von QM, doch kaum einer weiß etwas über die Methoden, Instrumente und Möglichkeiten die es wirklich bietet! Anstatt zu diskutieren mit welchen Daten sich die Qualität der deutschen Gesundheitsversorgung sichern lässt, sollten die Akteure (damit meine ich alle medizinischen Berufsgruppen) erstmal ausgiebig und intensiv geschult werden!
Wenn wir mal ehrlich sind, geht´s doch allen “Medizinern” gleich! Ich möchte mich heute weder mit den Sorgen der Ärzteschaft rumschlagen, noch mich in der Pflege verheizen lassen oder als Therapeut um Anerkennung kämpfen müssen!
Wir sind zweifelsfrei alle unterbezahlt für das was wir täglich leisten und daran kann auch das beste Qualitätsmanagementsystem der Welt nichts ändern!
ABER EINES KÖNNEN WIR ÄNDERN! Aufhören uns als den Mittelpunkt der Welt zu betrachten und ausschließlich im Sinne des Patienten handeln! Wohlwissend, dass wir jederzeit zu selbigem erkranken könnten!!!
Bleibt zu hoffen, dass vorallem “Qualitätsfresser” wie die interdisziplinären Schnittstellen eeeeendlich mal gemanagt werden!

….in diesem Sinne…ZUKUNFT DURCH QUALITÄT!
Kristin Münch

#6 |
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Heilpraktikerin Ursula Tüffel
Heilpraktikerin Ursula Tüffel

Wieder eine riesige, kostenträchtige Behörde, die nichts bringt! Würde sie ordentlich arbeiten, wie seinerzeit das IQWIG, hagelt es Proteste, der verantwortliche und redliche Mann wird gefeuert und jetzt bewertet die Pharma (unter dem Mäntelchen IQWIG) die Qualität ihrer Medikamente selbst. Qualitätsprüfung, Nuten-/Risikoanalyse? Wer’s glaubt, glaubt auch an den Osterhasen!

Mit dem IQTiG wird’s nicht anders laufen und stracks bestimmen dann die kommerziellen Kliniken, was über sie verlauten darf und was nicht. Nutzen des IQTiG damit 0,0 Prozent oder sogar -20 %, weil sie sich dann ohne Grundlage fröhlich und ungehindert beweihräuchern können. Die Patienten nehmen noch zusätzlichen Schaden, ganz zu Schweigen von der Überlastung aller im Krankenhaus Tätigen.

Und für den Steuerzahler: “Außer Spesen nichts gewesen!”

#5 |
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Was für eine geniale Entdeckung:
„Ärztliche Versorgung besteht in der Anwendung wissenschaftlichen (allgemeingültigen) Wissens auf den individuellen Einzelfall des Patienten“

Immer mehr desselben …
Qualitätssicherung in extenso gehört zur sichersten, schnellsten und erfolgreichsten Methode, die Qualität einer soliden klinische Ausbildung radikal zu vernichten.

#4 |
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Zahnarzt Burkhard Wittje
Zahnarzt Burkhard Wittje

Was geprüft werden kann, ist doch ausschließlich Verfahrens- und Anwendungsqulität. Dies auf einer Datenbasis, welche nach Churchill nur “gut gefälscht” sein kann. Wieviel Zeit steht denn zur Verfügung auch nur den ICD 10 Code raus zu suchen? Ergo: falsche Basis, falsches Ergebnis.
Was ist mit alterfahrenen Ärzten, welche gute Qualität bringen – deshalb kommen ja viel Patienten von weit her – aber kein Verständnis für überbordende Dokumentation haben.
Ich denke auch als Beispiel an das Altenheim, welches den Dekubitus bestmöglich dokumentiert, dagegen ein Heim, welches durch persönliche Zuwendung der Mitarbeiter selbigen verhindert, dafür aber weniger Zeit zur Dokumentation hat. Also Patient tot, aber alles gut aufgeschrieben . . . .
Es gibt schon Firmen, bei denen Mitarbeiter ausschließlich Dokumentation im Sinne des QM betreiben, ohne die Patienten zu sehen. Am Patienten sind dann andere Mitarbeiter zuständig. Wer ist nun besser? Wollen wir auf diesem Niveau Qualität beurteilen? Letztlich kann doch nur der Patient leiden und das Qualitäts-SYSTEM mit vielen neuen Arbeitsplätzen gewinnen. (Vielleicht ja volkswirtschaftlich gewollt.)
Mal sehen was kommt.
BW

#3 |
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Jawoll!
Ärzte – weg vom Patienten, ran an die Schreibtische! Und da wundert sich mancher noch über überlange Wartezeiten auf Termine, OPs, wenn die Ärzteschaft zur Schreibstube verurteilt wird!

#2 |
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Gast
Gast

Eine völlig idiotische Zielsetzung.
Diese Aufgabe ist UNLÖSBAR. Kein Institut der Welt kann eine solche Qualifikation besitzen oder erwerben.
Schon die “Zertifizierung” für EIN EINZIGES KRANKENHAUS als “Darmzentrum”, wie sinnvoll das immer sein mag (marketing?) kostet über 50.000 EURO,
in Worten über fünfzigtausend! für ein einziges Krankenhaus!
Es wird hinauslaufen auf inhaltsleeren Formalismus, aber ganz sicher NICHT auf Ergebnisanalyse von ärztlicher Tätigkeit in der Praxis.
Formalismus, der als Alibi zur weiteren Verweigerung der eigentlichen Aufgabe von Krankenkassen herangezogen wird, nämlich die Finanzierung der Behandlung von Krankheit.
Entwürdigend!

#1 |
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