Der Tod. Ein ziemlich guter Freund.

14. März 2012
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Gute Palliativmedizin begleitet den Menschen und verhilft ihm zu einem friedlichen Abschied. Gian Domenico Borasio, Palliativmediziner, hat darüber ein Buch geschrieben. Ein Ratgeber für Patienten, aus dem auch Ärzte und Pflegende lernen können.

„Ich hasse den Tod“, so hat sich 2007 der renommierte Herzchirurg Bruno Reichart in einem Interview über vergebliche Bemühungen geäußert, den Patienten am Leben zu erhalten. Wenn der Patient stirbt haben die Ärzte versagt – den Tod nehmen viele Mediziner persönlich und übersehen dabei doch, dass der Exitus etwas genauso Natürliches ist wie die Geburt.

Sterben: Raus aus der Tabu-Ecke

In Deutschland leben rund 1,4 Millionen Menschen, die in den letzten fünf Jahren die Diagnose „Krebs“ bekommen haben. Für viele davon ist die Hoffnung auf Heilung unrealistisch. Gian Domenico Borasio ist ein anerkannter Experte für das Sterben. Der Palliativmediziner war lange Zeit in München tätig und hat jetzt den Lehrstuhl für Palliativmedizin in Lausanne inne. Er hat ein Buch „Über das Sterben“ geschrieben, mit dem er das Ableben aus der Tabu-Ecke holen will. Besonders dem Patienten sollen die rund 200 Seiten die Angst vor den letzten Stunden, Tagen und vielleicht auch Monaten seines Lebens nehmen. Ärzte und Pfleger spielen in dieser Zeit für ihn eine außerordentlich wichtige Rolle. Darum lohnt es sich auch für sie, sich mit seinen Hinweisen „Was wir wissen, was wir tun können und wie wir uns darauf einstellen“ zu beschäftigen.

Morphin und Eiswürfel

Nur die wenigsten Patienten bekommen den Tod, den sie sich im Voraus wünschen. Er sollte schnell und unerwartet kommen. Gerade mal jeder Dreissigste stirbt auf diese Weise. Zu allermeist sorgt ein Tumor oder – in zunehmenden Maße – eine länger andauernde Demenz für das schleichende Ende. Borasio, der die Begleitung in der letzten Lebensphase zu seinem Beruf gemacht hat, erläutert die Unterschiede zwischen Herz-Kreislauftod, Lebertod oder Gehirntod. Den Wunsch, sich nicht unter Schmerzen verabschieden zu müssen, kann die Medizin inzwischen in den meisten Fällen dagegen erfüllen. Noch immer, so berichtet der Palliativmediziner, ist die Angst vor einer Überdosierung von Schmerzmitteln wie Morphin oder anderen Opioiden bei vielen Ärzten vorhanden – unnötigerweise. Auch gegen Atemnot wirken Morphine effektiv und verhindern Panik. Damit ermöglichen sie oft ein selbstbestimmtes friedliches Dahinscheiden.

Nicht immer sinnvoll ist dagegen die Gabe von Getränken gegen das „Verdursten“ oder Sauerstoff zur Atemunterstützung. Bei eingeschränkter Nierenfunktion kann der Körper die Flüssigkeit nicht mehr ausscheiden, die Flüssigkeit lagert sich in der Lunge ab und führt zur Atemnot. Sauerstoff trocknet die Schleimhäute aus. Deswegen empfiehlt Borasio etwa Eiswürfel, um sie feucht zu halten.

Betreuung zum Taschengeld-Satz?

Zu Hause stirbt entsprechend den Statistiken nur jeder Vierte, die meisten übrigen in der Klinik oder im Pflegeheim. Wer in den eigenen vier Wänden hinübergehen möchte, sollte idealerweise auf dem Land leben, gute Kontakte zu Nachbarn und Töchter in die Welt gesetzt haben, die ihn oder sie pflegen können. Damit der Wunsch nach Vertrautem in den letzten Stunden wahr werden kann, gibt es immer mehr so genannte SAPV-Teams, Ärzte, Pfleger und Sozialdienst der spezialisierten ambulanten Palliativ-Versorgung. In diesem Netz spielt auch der Hausarzt eine ganz besondere Rolle. Borasio legt hier den Finger auch auf offene Wunden: Welcher Landarzt kann es sich leisten, bei einem Satz von 18 Euro pro Visite seinem Patienten zuzuhören und ein ruhiges längeres Gespräch ohne Terminhetze führen?

Dabei wären gerade solche Gespräche immens wichtig. Damit der Patient selbstbestimmt sterben kann, muss er seine Wünsche mitteilen. Und das kann er nur, wenn er gut darüber Bescheid weiß, was ihn erwartet. Kommunikationsprobleme mit dem Arzt, mit Angehörigen oder unter den Pflegenden sind deshalb die größten Hindernisse in der Palliativversorgung. Vorbereitung auf diese Situation hilft. Das Buch gibt Tipps zum Gespräche mit dem Arzt, aber auch zu Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung.

Palliativmedizin: Besser und länger leben

Ein großes Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema Sterbehilfe. Borasio wendet sich entschieden gegen die Regelung in Belgien und den Niederlanden, die ein Töten auf Verlangen erlaubt, befürwortet aber den Verzicht auf unnötige lebensverlängernde Massnahmen, wenn keine Hoffnung auf Heilung mehr besteht. Ein Artikel im New England Journal verglich im Jahr 2010 Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkarzinom, die bis zuletzt Chemo– oder Radiotherapie erhielten, mit solchen, denen eine palliativmedizinische Betreuung zuteil wurde. Fast drei Monate länger lebten die Menschen unter der Obhut von Palliativmedizinern, zusätzlich zu einer besseren Lebensqualität und weniger depressiven Phasen.

Mitleid? – Für wen?

Die Erfahrungen mit den Patienten in den letzten Tagen und Monaten haben sich in den „Münchner Leitlinie zu Entscheidungen am Lebensende“ niedergeschlagen, ein Dokument, an dem der Autor entscheidend mitgewirkt hat. Dass das Dabeisein beim Sterben nicht nur ein Gewinn für den Sterbenden, sondern auch für den Arzt ist, beschreibt Borasio am Schluss des Buches. Er berichtet von der einmaligen Chance für den Begleiter, von seinem Gegenüber im Bett für das eigene Leben zu lernen. Denn der weiß oft viel besser etwa um den Wert der Zeit und um das, was ein Leben ausmacht. Vielleicht sollten wir uns das Mitleid mit ihm sparen. Könnte es nicht sein, dass wir Hilfe für unser Weiterleben nötiger haben als er?

207 Wertungen (4.54 ø)
Medizin

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19 Kommentare:

Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Am schlimmsten sind, neben guten Beiträgen, die Theologen,
die ihren Doktortitel gern wie die Juristen ohne Fakultät
führen um mit Ärzten verwechselt zu werden.-
Alle Seelenfragen werden heute von Psychologen, Juristen und
Theologen zerredet. Ärzte insbesondere Psychiater sind
missliebig geworden und politisch unerwünscht.
Man gebe den Ärzten noch mehr Zettel zum verpflichtenden
ausfüllen. Dann werden zur Arbeitserleichterung immer mehr
nichtärztliche Hilfskräfte erforderlich.-

#19 |
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Ein Mediziner sieht im Tod seinen Feind und in einem sterbenden Patienten sein eigenes Versagen. Ein Arzt dagegen begleitet seinen Patienten, bis eine menschenwürdige und möglichst schmerzfreie Übergabe an den Tod erreicht ist.

#18 |
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Petra Martin
Petra Martin

In der heutigen Ausbildung zur Altenpflegerin oder GKP wird das Thema Palliativversorgung ausgiebig erörtert – das ist gut und richtig so. Ich wünsche mir nur, dass es endlich auch unter den Medizinern einen höheren Stellenwert bekommt. Es ist eben nicht das “Versagen” des Arztes, keine persönliche Kränkung sondern der ganz normale Verlauf eines menschlichen Lebens…

#17 |
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Sabine Lackner
Sabine Lackner

toller Beitrag! Palliative Versorgung sollte viel mehr in den Vordergrund gestellt werden. Wäre auch wichtig für den ambulanten Bereich um die pflegenden Angehörigen zu unterstützen und ihnen die letzte Zeit mit dem Sterbenden zu erleichtern und zu verstehen. Veile sind sehr ängstlich und haben Angst vor Überdosierungen,Verhungern und Verdursten des Sterbenden.

#16 |
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Es ist auch Zeit, dass wir in Deutschland über Sterbehi
lfe und Unterstützung der schwerkranken bei ihrem letzten Weg nachdenken unter Berücksichtigung der juristischen Möglichkeiten.Dieses wird bereits in Holland , Belgien und der Schweiz praktiziert. Das ist ein humaner Schritt, den wir unbedingt auch bei uns gehen sollten. Wenn die ärztliche Kunst nicht weiterkommt, dann bleibt uns nichts Anderes übrig.

#15 |
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Jost Wendt
Jost Wendt

Danke Herr Dr. Lederer! Es wurde mal wieder Zeit.
Wenn wir jetzt noch den bewußten und offenen Suizid aus der Schmuddelecke holen, dann haben wir als Gesellschaft und als Individuen viel hinzugelernt.

#14 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Daumen hoch für diesen Beitrag! In meiner Arbeit auf Station der Strahlenklinik erlebe ich leider zu oft den schlechten Umgang mit sterbenden Menschen. Trotz der Tatsache das Patienten sich offensichtlich bereits in der Sterbephase befinden, werden noch i.v. Antibiosen angehängt oder parenterale Ernährung auf vollem Level infundiert! Den Stationsärzten frisch von der Uni kann man leider keinen Vorwurf machen, sie wissen es einfach nicht besser. Doch leider sind sie sehr beratungsresistent – wer glaubt schon einem Krankenpfleger??

#13 |
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Medizinische Kosmetikerin Dominique Märki Märki
Medizinische Kosmetikerin Dominique Märki Märki

Das ist ein sehr guter Artikel über das Sterben der Krebskranken. Ich denke, dass eine persönliche Palliativbetreung unerlässlich ist. Im Mai 2011 haben meine 3 Geschwister und ich , unsere 72jährige Mutter während 6 Wochen Endstadium Lungenkrebs, begleitet. Davon 4 Wochen im Spital, Radiotherapie, 2 Wochen bei meiner Schwester zuhause. Sie starb in Anwesenheit von uns 4 und der Seop, der onkologischen Spitex. Der Hausarzt hat in unseren Augen völlig versagt. Er hat die Situation zuwenig ernst genommen und hat ihr erst 5 Std. vor ihrem Ableben eine Morphiumspritze gegeben. Die Erste und die Letzte. Trotzdem war das Sterben unsere Mutter ein sehr intimer, eindrücklicher Moment gewesen, den wir alle immer in unserem Herzen tragen werden. Das Vertrauen und ihre Hingabe, welche Sie uns in diesem Augenblick zuteil werden liess, hat uns Geschwister noch enger zusammen geschweisst. Well done, Mum!

#12 |
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Dr. Florian Zwickler
Dr. Florian Zwickler

Ein bißchen mißverständlich erscheint die Aussage, daß die Lungenkrebs-Patienten unter einer palliativmed.Behandlung 3 Monate länger lebten als unter Chemo- und Radiotherapie. Im NEJM- Artikel erhielten beide Gruppen die Standardtherapie (incl. Radio/Chemotherapie), ein Teil der Pat. noch die Palliativmedizin “on top”. Dennoch ein beeindruckendes Ergebnis!

#11 |
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“Fast drei Monate länger lebten die Menschen unter der Obhut von Palliativmedizinern, zusätzlich zu einer besseren Lebensqualität und weniger depressiven Phasen. ”

Das scheint mir die wichtigste Erkenntnis aus der PRAXIS der “Sterbehilfe” zu sein, weil in “höheren Kreisen” immer gern über Lebensverkürzung diskutiert wird.

Problematische Situationen bereits im Vorfeld (Pflegebedürftigkeit) gibt es darüber hinaus in Hülle und Fülle. Kein leichtes Thema.

mfG

#10 |
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Danke für den Artikel, Herr Lederer!
Ein Thema, das so in unserer Gesellschaft so an den Rand gedrückt wird, und das doch für uns alle so wichtig ist. Ihre Aufbereitung ohne Sentimentalität oder Ironie tut sehr gut.

#9 |
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Weitere medizinische Berufe

Ich bin in der Krisenintervention und der Ausbildung von Bestattern tätig, betreue aber auch Medizinstudenten. Wenn man selbst viel mit Tod und Sterben zu tun hat, konstruiert man sich automatisch ein eigens Bild, eine eigene Vorstellung davon. Ich finde den Blick auf die Wahrnehmung anderer Menschen, vor allem beim ersten Kontakt mit der Thematik, immer sehr faszinierend und bin der Ansicht, dass der Mensch nirgendwo so viel Demut lernen kann, wie in jenen Augenblicken. Ich stimme Herrn Tremblau zu, dass gerade Gryphius in Gedichten wie “Menschliches Elende” dies perfekt in Worte gefasst hat.

#8 |
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Dr.med Gerhard Schöner
Dr.med Gerhard Schöner

Es gibt viele Bücher zu diesem Thema, doch den Autor dieses Buches zeichnet große Sachkenntnis und ein riesiger Erfahrungsschatz aus.

#7 |
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Doktor Georg Dorn
Doktor Georg Dorn

Tief beeindruckend,gibt zu einem großen Teil eigene Gedanken wieder.

#6 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Allerlei zum Thema Tod lässt sich auch aus der Barockliteratur lernen.
Nach dem dreissigjährigen Krieg war die Verarbeitung des
Todes noch besonders aktuell.
Andreas Gryphius, Angelus Silesius muss man wieder Lesen lernen.
Grimmelshausen muste viel Böses verarbeiten.
Aus einer anderen uns näheren Zeit ragt GOYA hervor.
etc.etc.

#5 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Volle Zustimmung für Herrn Kollegen Rehm !

PEREAT MUNDUS, FIAT JUSTITIA !

Frei übersetzt: Mag die Welt untergehen, Recht bleibt Recht!

#4 |
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Arzt

Wie können wir den Juristen hier die postmortale Besserwisserei abtrotzen?
Die ärztliche Sekundenentscheidung wird in jahrelangen juristischen Schattengefechten ad absurdum geführt.
Medizinische Sachverständige sind dabei den Juristen oft genug hilfreich, indem sie leitliniengerecht Spezialwissen über menschliche Not und Bedürfnisse stellen.
Der Allgemeinarzt wird nicht vom Juristen sondern durch das Gutachten des Gebietsspezialisten in die Beweislastumklehr und damit in die Verurteilung gezwungen.
Das entmenschlicht derzeit unsere ärztliche Basisversorgung.

#3 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Angelus Silesius,Gryphius aber auch Goya sollten wir wieder
lesen lernen.
Ich habe noch bei einem grossen Rotarier (Muthmann in Frei-
burg i.B.) Bibliotherapie gelernt.-
Die grossen Kriege haben oft zur Rückbesinnung geführt.
Menschen, die viel mitgemacht haben sind oft besonders mild,
weise und gütig.-Burghardt Breitner, der Innsbbrucker Chirurg, einer der Engelvon Sibierien aus dem ersten Weltkrieg war eine Lichtgestalt. Er sagte mir: De guten Arzt erkennt man erst bei der Begleitung Sterbender.-
Oder lest Krieg und Frieden von Tolstoi.Welche Fülle
von heute wieder aktuellen Gedanken !
Herzlich Ihr eht

#2 |
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Vera Koop
Vera Koop

Pflichtlektüre

#1 |
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