Antibiotika: Skandale auf Rezept

25. November 2014
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Anlässlich des europäischen Antibiotikatags kamen viele Wortmeldungen zusammen: Während die Arzneimittelhersteller Deutschland als innovativen Standort loben, packen die gesetzlichen Krankenkassen die Keule aus. Sie kritisieren die allzu freizügige Antibiotika-Abgabe.

Warnende Worte zum europäischen Antibiotikatag: Ärzte, Apotheker und Behördenvertreter wiesen auf Gefahren durch multiresistente Erreger hin. Firmen haben darauf nur eine Antwort: neue Antibiotika. Wie der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) berichtet, seien allein in diesem Jahr vier neue Antibiotika auf den Markt gelangt: zwei gegen Methicillin-resistente Staphylococcus aureus-Keime (MRSA) und zwei gegen multiresistente Tuberkulose. Drei weitere Präparate befänden sich im Zulassungsverfahren, 15 weitere sowie vier antibakterielle Antikörperpräparate in der Phase III. Mit neuen Wirkstoffen allein ist es nicht getan. Immer wieder erkennen Heilberufler, wie wenig sie tatsächlich über bakterielle Resistenzen wissen.

Willkommen in der Familie

Dass es Sinn macht, nach einer MRSA-Besiedlung nicht nur Patienten, sondern auch Familienangehörige zu behandeln, ist schon länger bekannt. Trotz dieser Strategie blieben Erfolge in vielen Fällen aus. Jetzt hat Stephanie Fritz, St. Louis, einen möglichen Grund entdeckt. In ihrer Studie nahm sie 50 Dreijährige auf. Alle kleinen Probanden hatten sich mit MRSA infiziert oder hatten eine Infektion bereits überstanden. Fritz fand bei 42 Prozent der Kinder an mindestens einer Körperstelle Staphylococcus aureus. Bakterielle Kontaminationen traten auch an Bettbezügen (18 Prozent), TV-Fernbedienungen (16 Prozent) und Handtüchern (15 Prozent) auf. Sieben Prozent der Katzen und zwölf Prozent der Hunde im jeweiligen Haushalt waren ebenfalls kolonisiert. Die Forscher kritisieren, bislang fehlten klaren Empfehlungen, um Wohnungen erfolgreich zu sanieren. Ob es tatsächlich einen kausalen Zusammenhang zu Rezidiven gibt, müssen prospektive, kontrollierte Studien zeigen.

Pillen per Gießkanne

Krankenkassen interessieren sich kaum für solche Themen – für sie stehen die Schuldigen längst fest. Aktuellstes Beispiel ist der DAK-Antibiotikareport 2014. Verordnungsdaten zufolge haben Ärzte vier von zehn Versicherten im letzten Jahr Antibiotika rezeptiert. Die am häufigsten eingesetzten Wirkstoffe waren Amoxicillin, Ciprofloxacin und Cefuroxim, drei Breitbandantibiotika. Knapp 30 Prozent aller Rezepte galten in Anbetracht der Diagnosen – Infektionen der oberen Atemwege, Bronchitis oder Husten – als fragwürdig. Zum technischen Hintergrund: Laut Paragraph 295 SGB V sind Mediziner verpflichtet, bei vertragsärztlichen Abrechnungen Leistungen Diagnosen gemäß ICD-10-Schlüssel anzugeben. Während Patienten in Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern 4,5, 4,8 und 5,0 Tagesdosen bekamen, waren es im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in Niedersachsen durchschnittlich sieben Tagesdosen. „Wir brauchen ein kritisches Bewusstsein bei den Ärzten im Umgang mit Antibiotika“, sagt Professor Dr. Gerd Glaeske, Forscher am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. Heilberufler – einmal mehr schuldig im Sinne der Anklage? Ganz so einfach ist der Sachverhalt nicht.

Ärzte knicken ein

Versorgungsforscher haben auch 3.100 Menschen befragt. Zirka 40 Prozent wissen recht wenig über Antibiotika. Sie sind der Meinung, entsprechende Wirkstoffe würden auch bei Virusinfekten helfen – und setzen Ärzte häufig unter Druck. Drei von vier Interviewten wünschen sich Antibiotika bei Erkältungsbeschwerden, und ein Viertel erwartet Wunder, um nur schnell wieder fit für den Job zu sein. Die DAK-Studie zeigt, dass jeweils elf Prozent eigenständig mit der Therapie aufhören oder die Dosis reduzieren, sobald es ihnen besser geht. Noch ein Blick auf den Nachwuchs: Ärzte verordneten 41 Prozent aller Vier- bis Sechsjährigen Antibiotika. Als Indikationen wurden Bronchitis (37 Prozent), Mittelohrentzündungen (29 Prozent) und Erkältungen generell (27 Prozent) angegeben.

Dr. Michael Freitag vom wissenschaftlichen Beirat der DAK-Gesundheit sagt: „Bei Virusinfekten sind etwas Gelassenheit und gegebenenfalls eine kurzfristige Schmerzmittelgabe sinnvoller als Antibiotika.“ Wer nur Ärzten die Schuld zuschiebt, übersieht einen entscheidenden Aspekt: Viele Eltern wollen, dass die Kleinen schnell fit werden, um in Kindergarten oder Schule zu gehen. Kein Wunder also, dass 17 Prozent der Erziehungsberechtigten ein Antibiotikum bei Infektionskrankheiten erwarten – und auch mehr oder minder Druck ausüben. Freitag: „Wenn noch mehr Eltern wüssten, dass es durchaus normal sein kann, dass ein Kleinkind bis zu zehn Infekte pro Jahr durchmacht und diese in den allermeisten Fällen innerhalb einiger Tage folgenlos vorübergehen, dann würde auch die Nachfrage nach Antibiotika sinken.“ Dank apothekerlicher Beratung brachen nur jeweils sieben Prozent die Therapie ab oder verringerten die Dosierung.

Methodische Mängel

Wieder einmal scheint der Skandal perfekt zu sein. Allerdings fanden Experten bei der DAK-Studie methodische Schwächen. So sei erst gar nicht versucht worden, mit Ärzten oder Apothekern zu sprechen – Laieninterviews per Telefon sind eben nur ein Teil der Realität. Auch genügt der hohe Abstraktionsgrad von ICD-10-Schlüsseln nicht, um fundierte Informationen zu erhalten. Sinnvoller wäre gewesen, Ärzte anonymisiert über Differentialdiagnosen und patientenbezogene Risiken zu befragen. Unterschiede bei der Infektionsepidemiologie zwischen Ballungszentren im Westen und dünn besiedelten Flächenländern im Osten seien ebenfalls nicht berücksichtigt worden.

29 Wertungen (4.28 ø)

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18 Kommentare:

Gast
Gast

Fragt sich jetzt, ob diese vielen “ungefährlichen” Operationen bei Kindern tatsächlich billiger sind als diese so unheimlich gefährlichen Antibiotoka.
Müsste die AOK eigentlich wissen.
Ich vermute mal, so komplizierte Gedankenkombinationen sind zu schwer für Krankenkassen. (Kassen, die krank machen)

#18 |
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besorgte Mutter
besorgte Mutter

der Kleine hat es geschafft, noch mals danke für die moralische Unterstützung,
die Mutter im gleichen Zimmer hatte ihr Kind schon 2 Wochen aus dem Kindergarten rausgenommen zur Vorbereitung.
Der Operateur war etwas überrascht, wieviel Eiter sich schon gebildet hatte. Man hätte doch schon Antibiotika geben sollen.

#17 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Richtig, @Ärztin, die normale Nahrung ist alles andere als keimfrei, das erkennt auch der Laie schon am Stuhlgeruch des Säuglings, der sich nach Ende der reinen Brustmilchernährung “brutal” ändert. Reiner Brustmilchstuhl stinkt nicht! Selbst die normalen Blutgruppenantikörper werden erst nach der Geburt gebildet wahrscheinlich auch durch bakteriellen Kontakt durch normale Darmkeime.

Das Thema war hier der Antibiotikaeinsatz durch Kinderärzte:
Skandalös sind hier allenfalls pauschale gedankenlose Beschuldigungen gegen Ärzte auf Bildzeitungsniveau. Mich wundert nur dass die Presse solche Behauptungen im Auftrag von KOSTENTRÄGERN nicht etwas kritischer beurteilt.

#16 |
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Ärztin
Ärztin

@Sabine Nattermann von Medizin scheinen Sie nicht besonders viel Ahnung zu haben. Fragen Sie einen Kinderarzt, das fängt schon mit der Säuglingssterblichkeit von über 2000 bei uns an. Die Entwicklung des Immunsystems beginnt OHNE Krankheitskeime und fängt mit der normalen Nahrung an, die von der Muttermilch schrittweise zur “Erwachsenen Nahrung” umgestellt wird. Im Vordergrund steht in diesem Alter das ungehinderte (rasante) Wachstum, nicht das Immunsystem! Ein für Erwachsene harmloser Durchfall ist in diesem Alter LEBENSGEFÄHRLICH und erfordert meist Krankenhausbehandlung (Dyspepsie, schlimmer RotaVirus)). Es wurde ja deshalb auch jahrzehntelang “hypoallergene Babykost” empfohlen, was man heute nicht mehr macht. Hinzu kommen ebenso schrittweise die Impfungen gegen reale Krankheitskeime. Masern unter drei Jahren sind manchmal lebensgefährlich, danach kaum noch, weil das Immunsystem schon besser entwickelt ist.
Hier ging es um eine echte Erkrankung durch lokale Überstimmulierung der Rachenmandel durch Infekte, die immerhin eine OPERATION erfordert und vielleicht durch Antibotikagabe, sicher aber durch spätere “Kindergartenbelastung” hätte verhindert werden können. Ich will hier nicht die allgemeine Diskussion über das Eintrittsalter Kita anstoßen, nur aus infektionshygienischer Sicht ist der ab 3 Jahren sicher ungefährlicher. In Sachsen wird beispielsweise deshalb schon ab 6.Monat auch JÄHRLICH gegen Grippe geimpft. Es sind auch andere Impfstoffe als die für Erwachsene, insbesondere bis zum 8. Lebensjahr die nasale, keine Injektion, sollte eine Apothekerin wissen.

#15 |
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Apothekerin

Die Diskussion hat nicht viel Niveau, und die Meinungein Kind bis zum 3. Jahr zu Hause zu behalten ist falsch, den. Das Immun System bildet sich am Anfang des Lebens aus und braucht entsprechende Situationen. was ist Ihr Argument für die haeusliche AufbewHrung?i In Kinderkrippen haben die Kinder Kontakt zu anderen Kindern und werden nicht nur von einer Helikoptermutter betreut.

#14 |
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besorgte Mutter
besorgte Mutter

danke, nachdem 3 Ärzte (Kinderarzt, Augenarzt, HNO) alle keine Antibiotika gegeben haben und (richtig) sagten, das käme wohl immer neu vom Kindergarten, hab ich den Kleinen da raus genommen und feiere krank, bis zur Op, die ist Montag.

#13 |
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Gast
Gast

Die DAK sollte dafür eintreten, dass Kinder mindestens bis zum 3Lbj. zuhause bleiben.
Das spart Antibiotika.
Auch ich drücke der besorgten Mutter beide Daumen.

#12 |
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Rolf Lachenmaier
Rolf Lachenmaier

Der DAK-Report… weiß eigentlich der “Report-Papa” Prof. Gläske, dass die DAK bsp. (Dampf-)Vernebler zur Inhalation für die AKUT-Versorgung von Kindern und Kleinkindern nicht vorsieht?! Zitat: “Knapp 30 Prozent aller Rezepte galten in Anbetracht der Diagnosen – Infektionen der oberen Atemwege, Bronchitis oder Husten – als fragwürdig.” Vielleicht hätte da eine Akut-Versorgung mit Alternativen etwas gebracht – aber die DAK setzt auf BILLIG. EIN einziger Zentralversender für ganz Deutschland ist vorgesehen. Da muss dann das Kleinkind mal das Wochenende durchhusten – die DAK will das so…

#11 |
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Ärztin
Ärztin

@Gast#8
Sehen Sie denn keinen Widerspruch in Ihrem vorgetragenen Wunsch,
“… können sich (Kinder) nicht mal auskurieren?”
und gleichzeitiger Kritik an Antibiotika-Therapie?
Die Schilderung von Rachenmandelhypertrophie durch permanente “Keimüberforderung”, dadurch Behinderung der Nasenatmung, dadurch noch mehr Bronchitis (mindestens) und Innenohrschäden war hier in #3 und #4 medizinisch völlig realistisch geschildert und kommt häufig vor.
Ich drücke der Mutter und ihrem Kind beide Daumen für die Operation,
egal ob mit oder ohne Antibiotokaschutz, das wird der Operateur schon wissen.

#10 |
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Gast
Gast

Ich dachte tatsächlich, die Diskussion hier hätte Niveau!

#9 |
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Gast
Gast

Vielleicht muß man bei Kindern und Antbiotika doch auch mal nach etwas anderem fragen: Warum müssen die denn schnellwieder fit werden für den Kindergarten bzw. für die Schule und können sich nicht mal auskurieren? Etwa weil Eltern wieder arbeiten müssen, und es bei vielen Chefs und Kollegen die Nase gerümpft wird:”Aha, Kind wieder krank.”
In Deutschland ist funktionieren angesagt, egal wie!

#8 |
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Ärztin
Ärztin

Vielleicht schicken wir unsere Kita-Kinder zu diesem Dr. Michael Freitag, kann man seine Adresse erhalten?

#7 |
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Arzt
Arzt

“17 Prozent der Erziehungsberechtigten ein Antibiotikum bei Infektionskrankheiten erwarten”
so wenig?
Man hört, dass auch Tbc zunimmt,
kann man übrigens auch von Tieren bekommen.

#6 |
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Elfride Sakcic
Elfride Sakcic

Meine Tochter bringt auch die Probleme aus dem städtische Kindergarten mit.
Die ham das dort so geregelt, dass die eine Betreuerinnen sich oft krank melden und die andere kommt dafür immer etwas später, muss man ja heute Verständnis haben und auch immer noch was spenden, besonders jetzt vor Weihnachten.
Jedenfalls muss die Lara morgens immer erstmal in eine andere Gruppe und sie hustet sich dann in kürzester Zeit praktisch systematisch durch den ganzen Kindergarten durch.

#5 |
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besorgte Mutter
besorgte Mutter

ich bin auch gegen die DAK, Tierarzt müsste man sein.
Dann hat man auch die volle Unterstützung der Politiker.
Wir machen das jetzt noch mit der Vollnarkose zum scheren.
Die Haare sind ja in 3 Monaten wieder da.
Ich denke der Kleine muss jetzt erst maximal geschont werden ganz ohne Antibiotika,
koste es was es wolle. Die Tierärztin is allerdings etwas teurer als die DAK,
na ja, was tut man nich für seinen ungeschützten Sohn.
Nächste Woche is Op, drückt mir bitte die Daumen.
Ich denke es muss sein, gut hören für später is auch wichtig wegen die Schule.

#4 |
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besorgte Mutter
besorgte Mutter

bei uns isses die Katze, die hat bestimmt MRSA und legt sich immer unerlaubt in das weiche Bett von den Kleinen (2Jahre). Der war schon 4 mal beim Arzt (mehrere) nur in die letzte 6 Wochen und die hamm alle KEINE Antibotika verschrieben,
jetzt hat der HNO gesagt, es reicht, so geht das nich weiter, der kriegt ja kaum noch Luft, weil diese Rachenmandel von den einen nach den anderen Infekten, alle aus die Kita so angeschwollen sei, auch in die Ohren sei schon Wasser, so von innen irgendwie.
Antibiotika dürfe er trotzdem nich verschreiben, wegen die DAK, wirklich nur bei hohem Fieber und Keimtestung, die aber so teuer wäre dass die DAK das nich bezahlt,
also jetzt Operation.
Hoffentlich überlebt er es ganz ohne Antibiotika.
Die Katze lässt sich nicht richtig waschen, die Tierärztin hat ihr schon Antibiotika gegeben, aber ich meine jetzt hilft nur richtig waschen und alle Haare ab.
Die Tierärztin meint, das ging nur mit Vollnarkose.
Ich mein, wenn die sich wieder in das Bett des frisch operierten legt,
dann soll die wenigstens Antibotika bekommen.

#3 |
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Zeitungsleser
Zeitungsleser

Wie wo was, schon wieder SKANDAL?
Vielleicht sollte man die DAK dicht machen mit ihren Skandalen.

#2 |
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Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

Wir haben immer nur die übermäßige, oft nicht notwendige und verdachtsmässige Anwendung im Humanbereich im Focus.
Die Tonnen, die in der Tiermast verbrauchtwerden fallen einfach unter den Tisch.
Oft wird bei einem kranken Individuum die ganze Herde mit Antibiotika behandelt.
Die Ausscheindungen landen dann ungeklärt auf den Feldern.

Elmar Werner
Apotheker, Chemnitz

#1 |
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