Pharmazieräte: Halt – Kontrolle

28. November 2014
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Nach ihrer Jahrestagung haben Deutschlands Pharmazieräte eine Resolution veröffentlicht. Ihr Credo: mehr Pharmazie und mehr Qualität. Damit ist zwangsläufig auch mehr Kontrolle verbunden, etwa bei Beratungsgesprächen. Apothekenleiter müssen mit zusätzlichen Kosten rechnen.

In regelmäßigen Abständen treffen sich Kollegen der Arbeitsgemeinschaft der Pharmazieräte Deutschlands (APD), um strittige Punkte zu diskutieren. Bei ihrer letzten Sitzung im Oktober befassten sie sich einmal mehr mit der Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO). Aufgrund von schwammigen Formulierungen ist der Auslegungsspielraum besonders hoch. Jetzt haben sie eine neue Resolution veröffentlicht.

„Mehr Pharmazie“

Im Dokument heißt es: „Die APD sieht die Zukunft des Apothekerberufes als akademischen Heilberuf. Eine essentielle Voraussetzung hierfür ist mehr Pharmazie in der täglichen Berufsausübung.“ Um entsprechende Ziele zu erreichen, begrüßen Pharmazieräte das ABDA-Grundsatzpapier „Apotheke 2030“. Gleichzeitig seien zahlreiche Einzelmaßnahmen erforderlich. So stehen pharmazeutische Aufgaben im Mittelpunkt – Apotheken sollten als „Ort der Arzneimittelabgabe und -beratung“ klar erkennbar sein. Dazu gehört, dass Kunden einfach und direkt bis zum HV-Tisch gelangen. Moderne Ladenbaukonzepte setzen eher auf die Möglichkeit, Besucherströme gezielt auf längeren Wegen durch die Freiwahl zu lenken, um ihnen Angebote schmackhaft zu machen. Für Pharmazieräte hat die Arzneimittelversorgung gemäß Paragraph 2 Absatz 4 und Paragraph 4 Absatz 2a ApBetrO eindeutig Vorrang – inklusive Beratungspflicht. Bei allen Arzneimitteln müssen Apotheker zuerst den Beratungsbedarf ermitteln und dann patientengerecht informieren. Pharmazieräte nennen Hinweise zur Dosierung, zur Einnahme und zur Anwendung, zu Neben- und Wechselwirkungen und zu therapiefördernden Maßnahmen. Bei peroralen Zubereitungen hält das Gremium orale Dosierspritzen für erforderlich. „Sie sind damit anderen Dosiereinrichtungen in der Regel überlegen und müssen deshalb in jeder Apotheke zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit vorhanden sein.“ Gleichzeitig folgt als Drohung: „Im Sinne einer kontinuierlichen Verbesserung der Arzneimittelversorgung wird auch der Bereich Beratung verstärkt durch die PharmazierätInnen im Rahmen der Revision überwacht werden.“ Das heißt im Klartext: Künftig überprüfen nicht nur Pseudocustomer der Apothekerkammern, sondern auch Pharmazieräte, ob es am HV-Tisch mit rechten Dingen zugeht.

Leiden im Labor

Auch das Apothekenlabor wird gründlich beleuchtet. Pharmazieräte weisen darauf hin, dass Kollegen Geräte benötigen, um folgende Zubereitungen herzustellen (Paragraph 4 Absatz 7 ApBetrO): Lösungen, Emulsionen, Suspensionen, Salben, Cremes, Gele, Pasten, Kapseln, Pulver, Drogenmischungen sowie Zäpfchen und Ovula. „Dies beinhaltet gegebenenfalls auch die ersatzweise erforderliche individuelle Zubereitung von zeitweise nicht verfügbaren Fertigarzneimitteln (zum Beispiel Notfalltherapeutika).“ Wie Apotheker dies im Nacht- und Notdienst allein umsetzen, bleibt offen. Zusätzlich empfehlen APD-Experten einen Autoklaven, einen Trockenschrank, ein geschlossenes Rührsystem, eine Kapselfüllmaschine, einen Magnetrührer, Geräte zur Herstellung von Augentropfen, Waagen mit verschiedener Genauigkeit, Gießformen und ein Wasserbad. An klassischen Fantaschalen aus Melamin stören sich Pharmazieräte jedoch stark. Hier bestünde die Gefahr, dass Arzneistoffe adsorbiert und desorbiert würden – beispielsweise Dithranol, Rifampicin oder Vioform. Mit Kreuzkontaminationen sei zu rechnen. Ähnliche Einschätzungen kamen schon vor zwei Jahren vom Bundesinstitut für Risikobewertung, wenn auch für Haushaltsgegenstände zum Kochen. Damit nicht genug: Um Ausgangsstoffe zu prüfen, empfehlt die APD Nahinfrarot-Spektrometer (NIR). Bei Geräten sei die Qualität der herstellerseitig hinterlegten Datenbank entscheidend, heißt es weiter. Damit gelingt es trotzdem nicht, alle Edukte hinsichtlich ihrer Qualität zu untersuchen. Bei anorganischen Salzen, fetten Ölen oder bei TCM-Drogen halten Pharmazieräte weitere Methoden gemäß Arzneibuch für erforderlich.

Theorie trifft Praxis

Ein Resümee: Bei vielen Punkten handelt es sich um Empfehlungen, aber nicht um gesetzliche Vorgaben. Apotheker bemängeln trotzdem, immer stärker gegängelt zu werden. Rezepturen stoßen ihnen besonders sauer auf: Der apparativ und zeitlich hohe Aufwand wird durch Zuschläge immer weniger gedeckt. Apothekenleitern bleibt momentan nur, soweit möglich Defekturen herstellen. Je nach Aufwand und nach Einkaufspreis der Substanzen rechnen sich bereits Chargengrößen ab fünf bis sieben Gebinden. Zubereitungen mit niedrigem bis mittlerem Risiko gemäß EU-Resolution CM/ResAP (2011) 1 gelten hinsichtlich der Dokumentation als unkritisch. Wer größere Investitionen wie ein NIR-Spektrometer in Erwägung zieht, sollte alle Größen gegeneinander abwägen. Um wirtschaftlich zu arbeiten, müssen die Anschaffungskosten geringer ausfallen als der Gegenwert sinkender Personenstunden. Mit höheren Rezepturzuschlägen sollten Inhaber nicht spekulieren. Der Ruf ihrer Standesvertretung hat in Berlin noch wenig Gehör gefunden.

70 Wertungen (3.94 ø)

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15 Kommentare:

Gast
Gast

#7: Ohne Angabe des Genitivs ist aber unklar wie nun appliziert wird.

#15 |
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Gast Paul H.
Gast Paul H.

Wenn sich Anachronismen auf 2 Beinen treffen, kann nur etwas Realitätsfernes,
in der Regel vollkommen Überflüssiges dabei herauskommen, dessen Umsetzung
vorauseilenden Gehorsam, ” Duckmäusertum”, Obrigkeitsdenken und die Umsetzung
kaufmännischer Gepflogenheiten voraussetzt. All das erfüllt der durch diverse
staatliche Examina “geadelte” Berufsstand des Pharmazeuten voll und ganz.
In diesem Zusammenhang: Ziviler Ungehorsam ist gefragt !!, um der sich abzeichnenden Entwicklung in Richtung Bürokratie Einhalt zu gebieten.
Leider ist der Taliban nie da, wenn man ihn braucht !!!

#14 |
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Hans Westphal
Hans Westphal

Für eine gute Beratung brauchen wir auch eine gute Bezahlung.
Zur Zeit bekommen wir nur Almosen und keine angemessene Vergütung

#13 |
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Gast
Gast

Geehrter Herr Kollege Paulmann, das liegt daran dass viele unserer Standeskollegen den Beruf der/des PTA als minderwertig betrachten und auch genauso bezahlen.
Meist haben diese Apotheker nur Hohn und Spott über für den Einzelnen (Phantastisch-Teure-Angestellte, Originalzitat!).
Wundern wir uns nicht mehr.
Wenn sich die Beratung verbessern soll, schaffen wir möglichst schnell eine arbeitswürdige Umgebung für PTAs und lassen endlich den Standesdünkel beiseite.

#12 |
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Dirk Paulmann
Dirk Paulmann

Das es ein Mindestmaß an Beratung bei der Abgabe gibt ,ist klar.Leider werden in vielen Apotheken immer noch Helferinnen vorne mit eingesetzt, auch bei ehemaligen Pharmazierat-Apotheken !!!(Bericht einer Helferin, die gewechselt hat). Und sollte die Beratung sich wirklich verbessern, gehen die Fragen der Testkäufer eben mehr in die Tiefe und dann stimmt das Beratungsbild der Apotheke in der Öffentlichkeit wieder. Auch ziehen bei solchen Resolutionen längst nicht alle Pharmazieräte an einem Strang.Während z. B in München mit dem Zollstock der HV-Abstand nachgemessen und es zum Streit Pharmazierat-Apothekeneinrichter kommen kann, wird darüber in anderen Regionen nur geschmunzelt .

#11 |
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Daniel Andreas Eicke
Daniel Andreas Eicke

Ja. So sieht das aus.
Wünsch Dir was.
Und die Internetapos?
LG aus der Praxis

#10 |
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Gast
Gast

Die wahre Traurigkeit liegt leider in der Individual – Rezeptur, die stets so hoch gelobt wird.
Sie ist auch ganz wundervoll, keine Frage.
Aber solange man eine Salbe, die recht kompliziert herzustellen ist (einschmelzen, kaltrühren, Verluste ergänzen und die traumhafte Dokumentation jedes einzelnen Arbeitsschrittes) mit lächerlichen fünf, In Zahlen fünf, in römisch V, Euro vergütet als Arbeitspreis, wird es keine echte Novelle geben.
Und solange es PTAs gibt, die sich in ihrer Mittagspause hinstellen und Salben rühren, weil sie im Arbeitsalltag nicht dazu kommen, wird es auch Apotheker geben, die das erwarten.
Die Zeiten der Freude sind vorbei.
Den Beruf, den ich gelernt habe, ist gestorben.
(Beispiel: Gentamycin in fast JEDER Salbe…da fasst man sich an den Kopf…)

#9 |
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Barbaros Orhon
Barbaros Orhon

Ich schließe mich auch ganz herzlich dem Komentar Frau Hirsch.
Aber es scheint,daß es kein einziger mutiger Politiker oder G.minister zu geben,der Rabat-Reimport-Genähmigung und Weitere nutzlose schädliche Schmarotzereien vor allem zu Gunsten den Patienten abzuschaffen.
Außerdem würde ich nicht an den Kleinigkeiten Frau Dr.med.Gröschl hängen.
Wir sind nicht mehr in der Volsschule sondern in einem sinnlosenApotheken-
praxisdurcheinander.Wenn wie oben Erleichterungen kommen würde,wäre
auch sehr gut die Beratung vieler Kollegen zu verbessern

Barbaros Orhon
Löningen

#8 |
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Dr. med. Helma Gröschel
Dr. med. Helma Gröschel

Jeder, der peroral verwendet, ist in meinen sehr empfindlichen Augen schon ein ganz klein wenig disqualifiziert. Gibt es denn keine Kontrolle diesbezüglich? Entweder oral, das “per” ist absolut überflüssigg, oder per os, wie der Lateiner sagt. Wem darf ich das in Rechnung stellen?

#7 |
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Alexandra Brockmann
Alexandra Brockmann

Zum Labor: die Ansprüche und das Machbare müssen definiert werden. Ob dann die Qualität und Identität fetter Öle (etwa mal eben Fettkennzahlen bestimmen?) und von TCM Drogen (was “sehen” NIR-Geräte eigentlich?) inbegriffen sind, darf sich jeder Kollege selbst fragen. Chemisch definierte Substanzen per FT-IR via Diamant-ATR identifizieren ist schick, mit Raman-Spektroskopie kann man angeblich auch anorganische Stoffe erfassen. Doch wer diesen Aufwand treibt, sollte sich von seinem Glasgerät und noch von Ernst Merck aus Darmstadt gelieferten Reagenzien trennen dürfen. Das wäre eine sinnvolle Substitution.

#6 |
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Apotheker

Wie immer im Leben, bekommt der den Ärger, der bestehendes Recht durchsetzen muss. Leider wird nicht erkannt, dass die Gesetze von Politikern gemacht werden, die oft nicht verstehen worum es geht. Mit der Abschaffung der Kontrollen ist den korrekt arbeitenden Kollegen am wenigsten gedient. Dann ist es mit der Chancengleicheit vorbei. Vielleicht tröstet es ein wenig, dass die Rezeptur seit vielen Jahrzehnten nicht mehr kostendeckend ist. Sollte die Preisbindung für Rx fallen, sieht es für das Apothekenlabor und die Rezepturen düster aus. Alle Kräfte sollten für den Bestand der RX Preibindung gebündelt werden !

#5 |
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Selbstst. Apotheker

Ich schließe mich dem Kommentar von Frau Hirsch an und gehe noch weiter, indem ich feststelle :
wir regulieren uns in Deutschland noch in den Ruin,und das nicht nur im Bereich Pharmazie. Unter dem Deckmäntelchen der Qualitätssicherung und Profilfindungsaktionen lassen wir zu, dass wir uns als akademisch ausgebildete Fachleute von den Krankenkassen und Kontrollorganen wie Pharmazieräten gängeln und kontrollieren lassen wie Schafe .Wir lassen uns aufreiben zwischen dem Anspruch auf Wirtschaftlichkeit der KK gegenüber und Anspruch auf guter pharmazeutischer Arbeit vielleicht uns selbst gegenüber, auf jeden Fall den Kontrollinstanzen gegenüber. Wo bleibt eigentlich der Anspruch auf Wirtschaftlichkeit unseres eigenen Unternehmens Apotheke gegenüber?
Und wo ist der gesunde Menschenverstand bei der Frage nach Leistung guter Arbeit? Sicher nicht in der Erstellung neuer Richtlinien, ohne dass Voraussetzungen geschaffen werden, die Freiraum bieten, um gute Arbeit zu ermöglichen. Veronika Lücker

#4 |
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Apotheker

Das schlägt dem Fass den Boden durch!!! – Da haben unsere intelligenten Standesvertretungen Ex-Gesundheitsminister Bahr gestoppt, weil er das Labor “ausmisten” wollte und jetzt wollen die Pharmazieräte noch mehr Geräte und Macht um uns noch mehr zu gängeln!
Wann werden endlich (nur für uns Apotheker eingesetzte) Pharmazieräte abgeschafft – da sollte mal eine Apothekerkommission der niedergelassenen Apotheker ins Leben gerufen werden!
Wir haben jetzt schon das QMS am Hals – da kann man den Pharmazieräten ruhig den Ruhestand gönnen!

Sven Dalbert Biebesheim

#3 |
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Alexa Beatrice Nessling
Alexa Beatrice Nessling

… der Pharmazierat war gerade bei mir. Nach dreieinhalb Stunden im Backoffice und Labor wies ich darauf hin, dass noch keine Sekunde nach pharmazeutischer Betreuung, Beratung… gefragt wurde. Sehr wichtig ist wohl allerdings die Dokumentation von allerlei Wichtigem, z.B. die Charge bei verschreibungspflichtigen Tierarzneimitteln, die Temperaturkontrolle incl. Auswertung an etwa 8 Messpunkten in meiner kleinen Apotheke, ferner der E-Check der fest installierten Elektroleitungen, der Kaffeemaschine, des Wasserkochers…
Nach fast 5 Stunden hatten wir es beide gepackt. Zu dem Zeitpunkt war ich mir nicht mehr sicher ob ich Pharmazeut mit Beratungsauftrag am Patienten, oder Dokumentator und Archivar mehr oder weniger notwendiger Daten bin. Mit Vielem hat der Kollege Recht. Teilweise vereinfachen seine Verbesserungsvorschläge sogar die zukünftige Arbeit. Trotzdem ärgere ich mich über den, in meinen Augen übertriebenen Aufwand, den ich in meiner 2013 komplett renovierten Apotheke betreiben muss, um dem Pharmazierat genüge zu leisten. Angesichts der Tatsache dass es genügend Kollegen gibt, die mit Helferinnen beraten, keine geeigneten Rezepturwaagen verwenden… fühle ich mich fast gegängelt. Wir verwenden ausschliesslich ZL geprüfte Ausgangsstoffe, führen die geforderten Prüfungen durch, dokumentieren wie die Weltmeister die Hertstellung… von einfachsten Rezepturen… investieren Unsummen und nun soll auch noch ein NIR Spekrometer die Qualität verbessern?
Solange nicht die breite Masse der Kollegen in der Rezeptur aufgrund falsch eingesetzter Waagen korrekt arbeiten kann, ist die industriemässige Prüfung der Ausgangsstoffe zwecklos. Vielleicht wird unsere, für den Patienten nicht wahrnehmbare, Arbeit auch mal zumindest teilweise entlohnt. Ich stehe weiterhin am HV und kümmere mich mit Herzblut um meine Kunden, alles Andere kann ich ja in Nachtschichten erledigen. Schlaf wird vollkommen überbewertet…
In diesem Sinne Kraft und Zuversicht für Alle die ihren Beruf immer noch lieben

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Apothekerin

Das hört sich alles sehr gut an. Vielleicht sollten hauptamtliche Pharmazieräte mal für 4 Wochen in der Apotheke mitarbeiten und dann entscheiden!!! Theoretisch hört sich das alles gut an, aber in der Praxis fehlt generell die nötige Zeit, wo wir uns doch nur mit Rabattverträgen, ständigen Anrufen in den Arztpraxen usw. durch den Tag hecheln. Nicht zu vergessen der andere bürokratische Aufwand. Der Krankenstand der Angestellten steigt stetig durch die ständige Überlastung und das ständige Querdenken was richtig ist laut Rabattvertrag. Wäre es nicht besser endlich eine vernünftige Lösung ohne diesen blödsinnigen bürokratischen Aufwand mit den KK zu erreichen, dann könnten wir auch in Ruhe unserem wahren Berufsethos nachkommen!!! A.Hirsch

#1 |
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