Arzneimittelpreise: Firmen auf dem Basar

28. November 2014
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Ursprünglich als befristete Maßnahmen angelegt, greifen Zwangsabgaben bis heute. Bei innovativen Wirkstoffen gehen Hersteller mit großen Zahlen in das Rennen - sehr zum Ärger von Kassen. Einsparungen – gemessen an Vergleichstherapien – rechtfertigen nicht jeden „Mondpreis“.

Ein Blick auf die Branche: Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) hat aktuelle „Pharma-Daten 2014“ veröffentlicht. Darin heißt es, Zwangsabschläge an gesetzliche Krankenversicherungen summierten sich seit 2010 auf rund 11 Milliarden Euro. Zwar wurde dieser Obolus kürzlich nach unten korrigiert. Laut BPI seien jetzt „insgesamt mehr Produkte und einige härter als zuvor“ betroffen.

Maue Mittelständler

Besonders stark werden Verbandsangaben zufolge mittelständische Betriebe belastet. „Viele dieser Firmen haben kaum noch Handlungsspielräume“, sagt BPI-Hauptgeschäftsführer Henning Fahrenkamp. „Neben Zwangsabgaben setzen ihnen Festbeträge, Rabattverträge, niedrige Erstattungsbeträge nach der frühen Nutzenbewertung und vor allem das unendliche Preismoratorium zu.“ Fahrenkamp kritisiert den fehlenden Inflationsausgleich – allein schon wegen steigender Energie- und Rohstoffpreise sowie höherer Personalkosten. Gleichzeitig warnt der BPI-Chef: „Noch sind wir die forschungsintensivste Branche und liegen vor IT, Luft- und Raumfahrt und der Autoindustrie.“ Arzneimittelinnovationen entstünden nicht am Fließband, sondern Schritt für Schritt und langfristig.

Innovationen um jeden Preis

Auf die Kritik, Pharmaka seien Kostenreiber im Gesundheitswesen, reagiert der BPI scharf. „Arzneimittel lassen die Gesundheitsausgaben nicht explodieren“, sagt Henning Fahrenkamp. „Vielmehr liegen die Ausgaben für Arzneimittel seit zehn Jahren konstant bei etwa einem Prozent des Bruttoinlandsproduktes.“ Das könnte sich vielleicht schon bald ändern – und zwar durch einen einzigen Wirkstoff: Sovaldi® (Sofosbuvir) gilt als echte Innovation, schlägt jedoch mit 700 Euro pro Tablette und 20.000 Euro pro Packung zu Buche. Pro Patient ist mit 120.000 Euro zu rechnen. „Sovaldi ist kein Einzelfall“, erklärt Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des vdek. „Insbesondere im Bereich der Krebstherapie oder der seltenen Erkrankungen (orphan drugs) kommen zahlreiche neue Medikamente beziehungsweise Wirkstoffe auf den Markt, für die Pharmahersteller zunächst horrende Preise verlangen, bevor es nach einer „Schonfrist“ von zwölf Monaten zu einer Preisregulierung durch Preisverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband kommt.“ Elsners Vorschlag: „Um Mondpreise in den ersten zwölf Monaten zu verhindern, sollten die mit dem GKV-Spitzenverband verhandelten Erstattungspreise rückwirkend – also mit dem ersten Monat des Inverkehrbringens – gelten und nicht erst ab dem 13. Monat.“

Äpfel mit Glühbirnen verglichen

Angesichts der Kontroverse fordern Industrieverbände, nicht nur absolute Zahlen anzuführen – auch etablierte Therapien kosten Geld. Einige Details: Die Standardbehandlung mit pegyliertem Interferon α und Ribavirin schlägt bei einem 48-wöchigen Zyklus mit 30.000 bis 50.000 Euro zu Buche. Einer amerikanischen Studie zufolge muss die Versicherung bei Leberzirrhose durch chronische Hepatitis zwischen 18.000 und 45.000 Euro pro Jahr aufbringen. Pro Lebertransplantation betragen die Ausgaben laut Barmer GEK rund 90.000 Euro plus weitere 20.000 Euro pro Jahr für Medikamente. Ob diese Vergleiche „Mondpreise“ von Sofosbuvir rechtfertigen, ist eine andere Frage.

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