Intensiv-Patienten in der Brush-Hour

4. Dezember 2014
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Werden Zähne und Mundraum von Intensivpatienten durch Fachpersonal gereinigt, erkranken diese seltener an oft lebensbedrohlichen Atemwegsinfektionen. Auch Gesunde und Schwangere profitieren von einer regelmäßigen, professionellen Zahnreinigung.

In Krankenhäusern stellen nosokomiale Infektionen ein ernstes Gesundheitsproblem dar. Vor allem die meist ohnehin geschwächten Patienten auf den Intensivstationen haben mit Infektionen der unteren Atemwege – den häufigsten nosokomialen Infektionen – zu kämpfen. Eine Studie zeigte: Infizierte Patienten müssen durchschnittlich sechs bis elf Tage länger im Krankenhaus bleiben. Je nach Vorerkrankung besteht außerdem die Gefahr, dass nosokomiale Infektionen zum Tod führen.

Das Elend beginnt im Mund

„In vielen Fällen beginnt eine Infektion der unteren Atemwege damit, dass pathogene Bakterien aus der Mundhöhle in die Lunge wandern“, schreiben Dr. Fernando Bellissimo-Rodrigues von der Ribeirão Preto Medical School der Universität Sao Paulo in Brasilien und seine Kollegen in ihrer aktuellen Publikation. Endotracheale Intubation und Überdruckbeatmung schleusen Pathogene an den natürlichen Barrieren der Atemwege vorbei und führen so immer wieder zu lebensbedrohlichen Pneumonien. Kariöse Zähne oder Infektionen im Mundraum zählen daher zu den Hauptrisikofaktoren für Infektionen des unteren Respirationstrakts während eines stationären Aufenthaltes.

Antiseptische Spüllösungen nur im gesunden Mund wirksam

Lange Zeit ging man davon aus, dieses Problem mit antiseptischen Mundlösungen in den Griff zu bekommen. Doch die Studienlage verblüfft: „Frühere Untersuchungen, die die Wirkung von antibakteriellen Mundspülungen auf das Infektionsrisiko analysiert haben, kamen seltsamerweise zu widersprüchlichen Ergebnissen“, schreiben die Wissenschaftler. Für dieses Phänomen haben die Forscher eine einfache Erklärung. Sie vermuten, dass orale Antiseptika nur dann wirken, wenn keine Parodontopathien vorhanden sind. Ansonsten könnte der Biofilm auf den Zähnen und in den Zahntaschen den antiseptischen Mundspülungen trotzen. Die brasilianischen Wissenschaftler haben daher untersucht, ob eine aufwendige Mundhygiene das Infektionsrisiko von Intensivpatienten verbessern kann.

Standardzahnpflege versus professionelle

Dazu teilten sie 254 Patienten, die mindestens für 48 Stunden auf der Intensivstation lagen, in zwei gleich große Gruppen ein. Alle Patienten erhielten dreimal täglich eine antibakterielle Mundspülung mit Chlorhexidin durch das Pflegepersonal der Station. Außerdem wurde ihr Mundraum nach dem Standard-Hygiene-Protokoll dreimal täglich mit einem Mullbindenaufsatz mechanisch gereinigt. Die Interventionsgruppe erhielt zusätzlich eine intensive Zahnpflege von Fachpersonal. Diese beinhaltete das gründliche Zähneputzen mit einer Kinderzahnbürste, die Zungenreinigung und Entfernung von Zahnstein. Bei dieser Gruppe entfernten Kieferchirurgen außerdem kariöse, zerstörte Zähne und sanierten die übrigen kariösen Zähne. Die Zahnpflege der Interventionsgruppe erfolgte an vier bis fünf Tagen in der Woche.

Atemwegsinfektionen reduziert

In der Tat schien sich die intensive Zahnhygiene – zusätzlich zur regulären Mundhygiene – positiv auf das Infektionsrisiko der Patienten auf der Intensivstation auszuwirken. Nur 8,7 Prozent der intensiv behandelten Patienten erlitten eine Infektion der unteren Atemwege. Bei der Kontrollgruppe waren es 18,1 Prozent. Auch direkt beatmungsassoziierte Infektionen traten bei der intensiv behandelten Patientengruppe seltener auf (7,6 Prozent versus 16,5 Prozent). Die deutlich verbesserten Infektionsraten zogen allerdings keine signifikant reduzierte Mortalitätsrate nach sich. Während in der Interventionsgruppe 29,1 Prozent der Patienten verstarben, waren es in der Kontrollgruppe 31,5 Prozent.

Mortalität nicht gesenkt

Die Wissenschaftler erklären das damit, dass ein Großteil der Patienten (83,1 Prozent) ihrer Studie nicht an respiratorischen Infekten, sondern an ihren Vorerkrankungen verstarb. Berücksichtigen die Forscher ausschließlich die Todesfälle durch Atemwegsinfektionen, reduzierte die intensive Mundhygiene die Sterblichkeit der Patienten um 38,1 Prozent. Bei einer Anzahl der notwendigen Behandlungen (NNT) von 10,5 würde sich sogar der kostenintensivere Einsatz eines Dentalchirurgen lohnen, argumentieren die Wissenschaftler. Zu schwerwiegenden Nebeneffekten wie dauerhaften Blutungen oder Parodontitis kam es während der Studie nicht.

Richtige Zahnpflege wirkt auch bei Gesunden präventiv

Auch bei gesunden Menschen kann die richtige Zahnpflege offenbar Infektionen vermeiden. So zeigte eine Studie, dass Menschen mit guter Mundhygiene und gepflegten, kariesfreien Zähnen seltener an einer HPV-Infektion des Mundraumes leiden als Menschen mit schlechter Mundhygiene. Orale Human-Papillomviren verursachen 40 bis 80 Prozent der Tumore im Mund- und Rachenraum.

Auch für Schwangere spielt der Hygiene-Status in ihrem Mund eine wichtige Rolle. Denn Studien zeigten, dass das Risiko eines Spontanabortes oder eines untergewichtigen Neugeborenen bei Frauen mit einer Parodontitis siebenmal höher ist als bei Frauen mit gesunden Zähnen und gesundem Zahnfleisch. Als Wissenschaftler die Fruchtblase von Frühchen bakteriell untersuchten, fanden sie dort genau jene Bakterien, die auch zwischen Zahnfleisch und Zahn der Mutter vorhanden waren.

Eine taiwanesische Studie aus dem Jahr 2011 hatte außerdem gezeigt, dass eine regelmäßige professionelle Zahnreinigung auch das Risiko, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt zu erleiden, reduzieren kann. Probanden mit regelmäßiger professioneller Zahnreinigung beim Zahnarzt wiesen ein um 13 Prozent geringeres Schlaganfallrisiko Risiko auf als Menschen, die ihre Zähne lediglich zu Hause pflegten. Auch das Risiko für einen Herzinfarkt war um 24 Prozent niedriger. Eine gute, professionelle Zahnhygiene zahlt sich also in jeder Hinsicht aus.

57 Wertungen (4.72 ø)
Forschung, Medizin, Zahnmedizin

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14 Kommentare:

Mea Thanrin
Mea Thanrin
#14 |
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moderner Mann
moderner Mann

aber Oral-Kontakt wird doch heute erwartet?

#13 |
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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

Was HPV-Infektion betrifft: diese kommt bei beiden Geschlechtern vor und bei beiden unterschiedlich lokalisiert zum entarten neigt, daher soll die Impfung auch für beide Geschlechter verfügbar sein (zumindest für männliche “Risikogruppen”) und von Krankenkassen getragen werden.

#12 |
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Gast
Gast

Liebe Frau Dr. Angelika, richtig, Dank Eurer Bemühungen sind doch die “heutigen” Zähne besser als noch die unserer Eltern und Ureltern.

#11 |
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Dipl. Med. Angelika Speda-Hübsch
Dipl. Med. Angelika Speda-Hübsch

Ich hoffe, die Vertreter der gesetzlichen Krankenkassen, die noch immer behaupten, die professionelle Zahnreinigung wäre eine rein kosmetische Maßnahme, die nur zum “Gelddrucken” dient, lesen diese Studien auch mal. Zum Glück trägt die jahrelange Aufklärungsarbeit der Zahnärzte langsam Früchte und immer mehr Patienten erkennen, dass die Kosten für die PZR besser investiertes Geld sind, als für Brücken und Implantate.

#10 |
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Martin Paetz
Martin Paetz

Ich bin eine Prophylaxefee seit 1986. ich sehe diesen Beruf, als Berufung. Ich empfehle sogar 4 x PZR. Wichtig dabei ist die praktische Unterweisung mit allen Hilfsmitteln. Dazu Zungenreinigiung, Zahnputztechnik nach Bass, Einbüschelbürste, Zahnseide u.v.m. Nur eine Reinigung reicht nicht aus. Ebenfalls kontaktiere ich Fachkollegen, wie KfO , Logopäde, Eltern im Interesse der Kinder .

#9 |
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Zahnarzt

Zunächst mal Danke für diesen Artikel!
“Prophylaxe ein Leben lang” (seit vielen Jahren ein Slogan der KZBV)
Daran sieht man, dass konsequente Mundgesundheit bis ins hohe Alter immer wichtiger wird. Denn desto älter wir werden, desto höher ist die Gefahr, dass wir intensiv medizinisch versorgt werden müssen.
Zumal die Anzahl der “Vollprothesen-Träger” in den letzten 15 Jahren gewaltig gesunken ist, wird die parodontale Gesunderhaltung immer wichtiger.
Ich werde diesen Artikel mal meinen Prophylaxe-Assistenzen zum Lesen geben, denn das sind die “Aufklärer” an der Basis . Zumindest die Schwangeren und die älteren Patienten saugen solche Infos auf wie ein Schwamm.

Aber auch gut, wenn auf solchen Foren, auf denen eher Allgemeinmediziner unterwegs sind, Aufklärung betrieben wird. Jeder sollte mal über seinen Tellerrand schauen. Ich schau ja auch gerne mal über meinen Zahnfleischrand :-)

#8 |
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Dr. med. Frank Bollig
Dr. med. Frank Bollig

@Dipl. Kaufmann Kurt Maier
Zitat:
“Es gibt im Übrigen schnelle Test mit denen man die orale Entzündung in 5 Minuten diagnostizieren kann.”
Welch ein flammendes Plädoyer in Sachen Paradontitis und Prophylaxe. Vielleicht sollten Sie noch erwähnen, dass Ihre Firma den o. g. Test und weitere Produkte rund um das Thema vertreibt. Dann wird ein Schuh draus.
P. s. Vielleicht wissen Sie ja eine gute Studie in Bezug auf Zahnerhalt/Zahnverlust (siehe meinen letzten Beitrag Nummer 6).

#7 |
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Dr. Frank Bollig
Dr. Frank Bollig

Kennt vielleicht jemand eine gute Studie, die einen Nutzen der professionellen Zahnreinigung in Bezug auf Zahnerhalt/Zahnverlust belegt. DAS ist doch der vermeintliche Grund, warum wir diese Prozedur über uns ergehen lassen. Eine Reduktion von HPV im Mundraum scheint mir ein nicht so spannender Surrogatmarker zu sein. Anscheinend wurde in der Studie ja noch nicht mal gezeigt, dass die Anzahl der – ohnehin seltenen – Tumore im Mundraum reduziert wird.

#6 |
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Die pharyngo-tracheale Keimdeszension bei beatmeten Intensivpatienten wurde bereits in den 80er Jahren von Rommesheim, Exner und Vogel beschrieben. Damals hatte man noch bei einer 1:1-Ratio von Pflegekraft zu Patient (unter Einbeziehung sog. Intensivstudenten) die Ressourcen für u.a. eine adäquate Mundhygiene. Heute ist bei einer 1:3 bis 1:4 Ratio auf Intensivstationen leider nur noch die Mängelverwaltung möglich.

#5 |
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Dipl.Kfm. Kurt Maier
Dipl.Kfm. Kurt Maier

Das Wissen um interdisziplinäre Zusammenhänge ist in hunderten von Studien belegt. Herzinfarkte, periphäre vaskuläre Verswchlüsse, Diabetes, Fruchtbarkeit, Spermienmobilität, COPD, Head and Neck Karzinome, Endoprothesen, Frühgeburtlichkeit, niedrigesw Geburtsgewicht alles dokumentiert… dennoch, weder Zahnmediziner (mit wenigen Ausnahmen) noch die betroffenen Fachärzte (ebenfalls mit wenigen Ausnahmen) nehmen die zum Teil schweren Entzündungen des Zahnhalteapparates ernst. Es geht nicht darum wer was wann wusste, sondern wer das Wissen in Behandlungskonzepte und in eine interdisziplinäre Zusammenarbeit (ja zwischen Zahnärzten und Fachärzten!) einzubinden versteht. Klar die Politik und die Kassen sind auch schuld, weil… bla, bla, bla… Aber letzten Endes gibt es keinen einzelnen Schuldigen sondern nur verantwortliches Handeln Einzelner. Darauf zu hoffen, dass die Geselslchaft es richten wird, heisst die Situation zu akzeptieren. Und die zeigt, dass mehr als 70% der Erwachsenen Bevölkerung in Deutschland mindestens eine behandlungsbedürftige Stelle (immernhin eine Tasche mit mehr als 4mm Gewebeverust mit einer aktiven Entzündung) im Mund trägt. 35 Millionen Patienten also. Das sollte Zahnärzten (vor allen anderen) und Haus- wie Fachärzten zu Denken geben. Es gibt im Übrigen schnelle Test mit denen man die orale Entzündung in 5 Minuten diagnostizieren kann. Nicht nur beim Zahnarzt. In jeder Praxis. Sogar zuhause am Küchentisch. No Excuse.

#4 |
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Medizinjournalist

Aus eigener Erfahrung lasse ich 3x pro anno professionelle Zahnreinigung über mich “ergehen” – mit sehr gutem Erfolg!

#3 |
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dr. med.dent Jobst-Wilken Carl
dr. med.dent Jobst-Wilken Carl

Diese Erkenntnis hatten Zahnmediziner schon lange vorher! Dass das nun wissenschaftlich auch an Intensivpatienten nun bestätigt wurde ist erfreulich, wundert aber Zahnärzte nicht. Alllein es fehlt an ausreichender Betreuung, Bezahlung und der erforderlichen Schulung!
Dr.Jobst-W.Carl

#2 |
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Gast
Gast

Zähne putzen sei wichtig,
sagt mein Zahnarzt auch immer.

#1 |
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