RR-Senkung: Eine Rückrunde länger leben

20. März 2012
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Gute Nachrichten für hypertensive Fußballfans: Medikamentöse Blutdrucksenkung verlängert das Leben von Hypertonikern mehr als eine Rückrunde - nämlich satte 158 Tage. Erstmals konnten US-Forscher nachweisen, dass jeder Monat, in welchem der Blutdruck gesenkt wurde, zusätzliche Lebenszeit beschert.

Als Faustregel gilt: Ein Kilo weniger Fettgewebe reduziert den Blutdruck um 1,5/1 mmHg. Durch medikamentöse Blutdrucksenkung konnte in placebokontrollierten Studien, die in der Regel nicht länger als fünf Jahre dauerten, die Inzidenz tödlicher und nicht tödlicher kardiovaskulärer Ereignisse signifikant reduziert werden. In einigen Fällen ist die Nachbeobachtung der Studienteilnehmer nach Studienabschluss fortgesetzt worden. Dabei konnte gezeigt werden, dass der Überlebensvorteil der aktiv behandelten Verum-Gruppe auch in der Phase der prolongierten Nachbeobachtung, in der allen Studienteilnehmern eine blutdrucksenkende Therapie empfohlen worden war, erhalten blieb (Legacy-Effekt). Unklar war bisher, ob und in welchem Ausmaß durch die Blutdrucksenkung langfristig eine zählbare Verlängerung des Lebens resultiert. Die zur Beantwortung notwendigen Langzeitdaten aus Blutdrucksenker-Studien fehlten bislang.

Patienten lebten 105-158 Tage länger

Die placebokontrollierte SHEP (Systolic hypertension in the Elderly Program)-Studiengruppe liefert nun erstmals solche Daten. Mehr als 4.700 ältere Hypertoniker sind mit isolierter systolischer Hypertonie (ISH) sind durchschnittlich 4,5 Jahre lang mit dem Diuretikum Chlortalidon (bei Bedarf zusätzlich Atenolol) oder Placebo behandelt worden. Als Folge der im Studienverlauf erzielten Blutdrucksenkung – die Blutdruckwerte lagen in diesem Zeitraum im Mittel bei 143/78 mmHg (Verum) und 155/72 mmHg (Placebo) – wurde die Inzidenz von kardiovaskulären Ereignissen signifikant reduziert. Allerdings ergaben sich weder bei der kardialen Mortalität noch bei der Gesamtmortalität signifikante Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Nach Abschluss der Studie wurde allen Teilnehmern eine blutdrucksenkende Behandlung ans Herz gelegt. Für die aktuelle Studie hat die SHEP-Gruppe anhand eines Sterberegisters (National Death Index) alle Todesfälle unter den Studienteilnehmern und deren Ursachen bis zum Stichtag 31.Dezember 2006 ermittelt. Die Dauer der Nachbeobachtung, vom Zeitpunkt der Randomisierung an gerechnet, betrugen damit knapp 22 Jahre. Das Ergebnis: In der Studie antihypertensiv behandelte Patienten lebten durchschnittlich 158 Tage länger als Patienten der Placebogruppe, ohne von einem tödlichen kardiovaskulären Ereignis betroffen zu sein. Unter Berücksichtigung von Todesfällen jeglicher Ursache betrug der Überlebensvorteil 105 zusätzliche Tage Lebenszeit.

Ein Therapiemonat bringt einen Lebenstag mehr

Nach Berechnung der Forscher resultiert daraus folgende Faustregel: Mit jedem Monat, den ein Hypertoniker unter kontinuierlicher antihypertensiver Therapie verbringt, erhöht sich seine Lebenszeit, die er ohne eine tödliche kardiovaskuläre Komplikation verbringt, um einen zusätzlichen Tag. Die Lebenszeit ohne Eintreten eines tödlichen Ereignisses jeglicher Ursache verlängert sich um jeweils einen halben Tag. Um die Verlängerung der Lebenszeit zu dokumentieren, haben die SHEP-Autoren noch eine weitere Berechnung angestellt. Und zwar verglichen sie auch die Zeitspannen, innerhalb derer 30 Prozent aller Studienteilnehmer verstorben waren (70. Perzentile der Überlebensrate). Gemessen an der kardiovaskulären Mortalität wurde dieser Zeitpunkt bei den Patienten der ursprünglichen Verum-Gruppen im Vergleich zu jenen der Placebogruppe erst 1,4 Jahre später erreicht (17,8 versus 16,4 Jahre). Gemessen an der Gesamtmortalität verlängerte sich die Zeitspanne um rund ein halbes Jahr (11,5 versus 11,0 Jahre). Zu bedenken ist, dass die beobachtete Lebensverlängerung bei Patienten erreicht wurde, die bei Therapiebeginn im Schnitt bereits 72 Jahre alt waren. Bei einem früheren Start der antihypertensiven Therapie könnte der Überlebensvorteil noch größer sein. Weiters zeigt die Analyse der SHEP-Forscher, dass der lebensverlängernde Effekt mit der Güte der Blutdruckeinstellung, gemessen am Erreichen der systolischen Zielwerte, größer wurde.

Anmerkung: Eine placebokontrollierte Hypertonie-Studie wie SHEP wäre heute aus ethischen Gründen nicht mehr möglich. Damals – Studienbeginn war im März 1984 – stand aber auf der Tagesordnung, den klinischen Nutzen von Blutdrucksenkern im Vergleich mit Placebo erst noch unter Beweis zu stellen.

Lebensstil kostet bis zu 15 Lebensjahre

Wer raucht, einen hohen Blutdruck und hohe Cholesterinwerte hat, verschenkt neun Jahre seines Lebens. Zu diesem Ergebnis kamen britische Forscher im Jahr 2009 in der so genannten Whitehall-Studie bei der insgesamt 18.863 Beamte zwischen 40 und 69 Jahren teilnahmen. Nach 38 Jahren untersuchte das Forscherteam den Gesundheitszustand der Männer. Folgende Daten wurden ermittelt: Größe, Gewicht, Blutdruck, Lungenfunktion, Cholesterinwerte und Blutzucker. Resultat: 42% waren Raucher, 39% hatten Hypertonie und 51% erhöhte Cholesterinwerte. Demnach verkürzte Rauchen die Lebenserwartung um 6,3 Jahre, die Teilnehmer mit den höchsten Blutdruckwerten (oberstes Quintil) starben 5,2 Jahre früher, während eine Hypercholesterinämie (oberstes Quintil) 1,9 Lebensjahre raubte. Wurden außer den drei Hauptrisikofaktoren noch Übergewicht, Diabetes und der Dienstgrad berücksichtigt, lag der Unterschied zwischen den fünf Prozent mit den höchsten und fünf Prozent mit den niedrigsten Risikofaktoren bei 15 Lebensjahren. Männer mit 50 Jahren, die mehr als drei Risikofaktoren aufwiesen hatten demnach eine Lebenserwartung von 74 Jahren, ohne diese Risikofaktoren lag die Lebenserwartung bei 83 Jahren. Daher empfiehlt Studienleiter Peter Weissberg, Leiter der British Heart Foundation, welche die Studie zusammen mit dem Medical Research Council finanzierte, bereits ab dem 40. Lebensjahr Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin regelmäßig überprüfen zu lassen.

69 Wertungen (4.29 ø)
Medizin

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5 Kommentare:

Altenpfleger

Blutdrucksenker behandeln nicht die Ursache einer bestehenden Hypertonie und sind daher nur das Mittel letzter Wahl. Sie vermitteln zudem den Patienten die Illusion, er könne seinen (wahrscheinlich) ungesunden Lebensstil fortsetzen, weil es ja für jedes Wehwehchen eine passende Pille gibt.

Die Studie hat zudem noch andere Schwachstellen: Zum einen weicht die physiologische Blutdruckskala von Mensch zu Mensch ab. Manche Leute können mit einer Systole von 150 mmHg relativ unbeschwert leben und damit 100 Jahre alt werden. Kommt dann so ein “oberschlauer” Mediziner daher und verschriebt ihnen ein blutdrucksenkendes Medikament, fangen sie plötzlich an zu kränkeln. (Sind reine Erfahrungswerte). Zum anderen kann erhöhter Blutdruck ganz unterschiedliche Ursachen haben. Demzufolge handelt es sich dann um nicht miteinander vergleichbare Ausgangssituationen, die aber in der Studie als solche stilisiert werden. Interessant ist immer wieder, warum es bei solchen Langzeitstudien immer nur eine Verumgruppe gibt, die mit einer Placebogruppe verglichen wird. (?) Weshalb nicht zwei Verumgruppen? Zum Beispiel eine, deren Probanten freiwillig Blutdrucksenker nehmen und eine andere, die das Konzept einer gesunden Lebensweise strikt beachtet. Insbesondere bei Langzeitstudien könnte das sehr aufschlussreich sein. Diese Gruppe wäre dann zwar nicht mehr placebokontrolliert, würde aber über den tatsächlichen Wert einer blutdrucksenkenden Theapie ins rechte Licht rücken.

#5 |
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sehr gut

#4 |
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Es wird auf die Procam Studie hingewiesen. Hier kann die Wertigkeit der Risikofaktoren problemlos in Form von Zahlen nachvollzogen werden.

#3 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Hallo Kollegin oder Kollege,
die Cholesterinwerte haben sehr wohl mit Atherosklerose, KHK uns Schlaganfall zu tun!!!

Was mich aber viel mehr interessiert: was hat es mit dem im vorletzten Absatz erwähnten “Dienstgrad” auf sich?

#2 |
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Dr. med. univ. Goran samardzic
Dr. med. univ. Goran samardzic

Bitte, mischen sie die Äpfel und Birnen nict zusammen!
Cholesterin hat weder mit dem Blutdruck noch mit der Herzkreislauferkrankungen etwas zu tun.
Und Statine erhöhen Diabetes- und Krebsrisiko!

#1 |
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