Tumorschmerz: Das Opioid-Komplott

24. November 2014
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Etwa 50 Prozent aller Krebspatienten haben Schmerzen, in fortgeschrittenen Stadien sind es bis zu 90 Prozent. Onkologen kritisieren, dass sich die Firmen zu stark auf Opioide konzentrieren. Dabei gibt es alternative schmerztherapeutische Ansätze im Falle eines Therapieversagens.

Um die Lebensqualität von Patienten mit Tumorschmerzen zu verbessern, ist neben psychoonkologischen Konzepten vor allem eine maßgeschneiderte Analgesie gefragt. Das Thema betrifft sowohl kurative als auch palliative Therapien. Sprechen Patienten mit Tumorschmerz nicht ausreichend auf Morphin, Hydromorphon oder Oxycodon an, verschreiben Ärzte andere Opioide. Bislang gab es zum Wechsel der Medikation keine ausreichend validen Daten.

Opioid, wechsle dich

Jetzt hat Julia Riley, Palliativmedizinerin aus London, Resultate aus der Praxis veröffentlicht. Im Rahmen einer offenen, randomisierten Studie untersuchte sie bei 200 Personen den Opioidwechsel. Als Nonresponder galten Patienten, bei denen sich Tumorschmerzen trotz Dosissteigerung im üblichen Bereich nicht ausreichend kontrollieren ließen. Insgesamt erhielten 85 Personen Morphin zur Primärtherapie. Hier lag die Ansprechrate bei 62 Prozent. Für Oxycodon gab Riley 67 Prozent an, der Unterschied zu Morphin war statistisch aber nicht signifikant. Zur Second-Line-Therapie kam in der Morphin-Gruppe Oxycodon zum Einsatz, was bei 52 Prozent zu guten Resultaten führte. Teilnehmer der Oxycodon-Gruppe erhielten an zweiter Stelle Morphin. Dieser Wirkstoff führte in 67 Prozent der Fälle zur Beschwerdefreiheit. Rileys Resümee: Ob Ärzte primär Morphin oder Oxycodon verordneten, sei irrelevant. Schmerzpatienten reagierten extrem unterschiedlich auf die First-Line-Therapie. Ein Wechsel führte zu teils starker Benommenheit bis hin zu Halluzinationen. Gastrointestinale Beschwerden kamen mit hinzu.

Marke Eigenbau

Neben Opioiden kommen auch Cannabinoide für die Schmerztherapie infrage. In Deutschland gibt es derzeit nur Sativex® als Fertigarzneimittel. Apotheker kritisierten mehrfach den hohen Gehalt an Hanfextrakt und die ethanolische Galenik: zwei Punkte, warum sich Sativex® nicht bei pädiatrischen Schmerzpatienten eignet. Dronabinol ist seit 1998 in Deutschland als verkehrs- und verschreibungspflichtige Rezeptursubstanz in Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) aufgeführt. Zugelassene Fertigarzneimittel gibt es bislang nicht. Mittlerweile haben Kölner Richter Voraussetzungen geschaffen, um den Anbau von Medizinalhanf zu entkriminalisieren (Az.: 7 K 5203/10; 7 K 4020/12; 7 K 5217/12; 7 K 4447/11; 7 K4450/11). Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) legte jedoch Berufung ein. Fragen zur pharmakologischen Qualität heimischer Produkte bleiben ebenfalls ungeklärt. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Industrie mehr und mehr auf Opioide konzentriert. Palliativmediziner fordern deshalb, Cannabinoide mit staatlicher Förderung zu erforschen – nicht ohne Hintergedanken. Marcus A. Bachhuber, Philadelphia, fand heraus, dass Cannabis die Zahl opioidassoziierter Todesfälle verringert. In den USA haben sich von 1999 bis 2010 genau 13 US-Staaten entschlossen, Hanfpräparate als Schmerzmittel zuzulassen. Nachdem Bachhuber sonstige Effekte mathematisch korrigiert hatte, fand er eine durchschnittlich 24,8 Prozent niedrigere Sterberate durch Opioide in Staaten mit Cannabis-Freigabe. Barbara Koppel, New York, bestätigte die analgetische Wirkung im Rahmen von Literaturanalysen.

Kampf den Knochenmetastasen

Weisen Onkologen Knochenmetastasen nach, kommen spezielle Strategien zum Einsatz. Ärzte versuchen, mit Radiotherapien oder Bisphosphonaten zu intervenieren. Ansonsten kommt Denosumab zum Einsatz. Der Antikörper stabilisiert Knochen und verringert die Freisetzung von Schmerzmediatoren – mit Erfolg: Analgetika sind erst später und in niedrigerer Dosierung erforderlich. Jetzt berichten Forscher über fokussierten Ultraschall – ein Verfahren, mit dem bislang Myome verödet wurden. Nach ersten Erfolgen hat Mark D. Hurwitz, Philadelphia, jetzt Daten aus Phase-III-Studien publiziert. Er fand 147 Personen, bei denen Bestrahlungen nicht möglich waren oder nicht zum Erfolg geführt hatten. Sie wurden randomisiert entweder mit fokussiertem Ultraschall behandelt oder erhielten eine Scheinintervention. Als primären Endpunkt definierte Hurwitz, der höchste Schmerzwert auf einer Skala mit zehn Punkten müsse sich um mindestens zwei Zähler verringern. Gleichzeitig durfte der Bedarf an Morphinäquivalenten um nicht mehr als 25 Prozent ansteigen. Entsprechende Ziele erreichten 64 Prozent aller Krebspatienten unter fokussiertem Ultraschall, aber nur 20 Prozent unter Scheininterventionen. Bei 23 Prozent (Placebo sechs Prozent) kam es sogar zur vollständigen Beschwerdefreiheit. Hurwitz vermutet, bei Eingriffen würden Teile der Knochenhaut und der Nerven zerstört. Außerdem verringere sich die Tumormasse. Weitere Untersuchungen sind geplant.

Forschung kommt nicht an

Trotz guter Resultate aus medizinischen und pharmazeutischen Labors werden immer noch viele Patienten von den schmerztherapeutischen Angeboten nicht erreicht, so der Tenor von Medizinern beim 117. Deutschen Ärztetag. Hier war die Versorgung schmerzkranker Menschen ein zentrales Thema. Schmerzmedizin ist zwar als Pflichtlehr- und Prüfungsfach in der ärztlichen Approbationsordnung verankert. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin hat weitergehende Vorstellungen und plädiert für einen speziellen Facharzt.

157 Wertungen (4.2 ø)

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12 Kommentare:

Weitere medizinische Berufe

JA, ein spezieller Facharzt währe ein Fortschritt für die Betroffen.

Zu den Komentaren:
Mich wundert doch sehr das “Hanf” anscheinend das einzige bekannte Schmerzmittel ist?

Europa hat Amerika entdeckt, und da war “Krieg” in Europa schon lange bekannt. In Europa gab ( es wird sie auch noch geben) wahre” Künstler” in Sachen Krieg. Aber was hat das mit “Schmerztherapie ” zu tun???

Was hat Alkohol mit Schmerztherapie gemeinsam???

#12 |
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Ärztin
Ärztin

#7 ich bin wie alle Ärzte mit meinen Betäubungsmittelrezepten in Berlin registriert,
da wird nicht “geschleudert”, frecher Kerl!
Ich muss ja hier wohl keine Nachhilfe in ordentlicher Schmerztherapie geben.
Einen “Kick” (wenn der Schmerz nachlässt) muss man dabei jedenfalls vermeiden.

#11 |
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alter Arzt
alter Arzt

Da wir den Amerikanern ja gerne alles nachmachen (viele Drogensüchtige) vermute ich mal, dass hier so lange Reklame gemacht wird bis wir bei “Hanf” auch einknicken.
Alkohol ist ja auch nicht verboten und die Zahl der krankenhausbedürftigen “Intoxikationen” (Alkohol) hat sich ja auch in den letzten 10 Jahren vervielfacht, insbesondere die Frauen haben stark aufgeholt, die Männer allerdings wie beim Rauchen noch nicht (ganz) erreicht. Also Frauen …

#10 |
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Gast
Gast

Special K (u.ä.) ist auch ein gutes Schmerzmittel,
hat allerdings Nebenwirkungen, die Opiate nicht haben.

#9 |
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Gast
Gast

Alkohol ist auch ein dolles Schmerzmittel,
viel besser als das blöde Hanf

#8 |
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bitte keine solche Ärzte!
bitte keine solche Ärzte!

“bitte keine Reklame für den Hanf”
Witzig, wie verbohrt man auf einen Artikel reagieren kann, der eben keine Reklame ist, sondern Tatsachen beleuchtet. Hauptsache “Ärztin” kann auch in Zukunft ganz entspannt Opioide um sich schleudern.

#7 |
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Ärztin
Ärztin

Bitte keine Reklame für Hanf!
Es gibt nicht eine vernünftige pharmakologische Arbeit zur Schmerztherapie darüber.
Alles schlechte kommt aus USA!
Auch der Krieg.

#6 |
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Gast
Gast

“Leben ist gefährlich: es wird sexuell übertragen und endet tödlich!” das ist wohl wahr, und wenn man fragt warum es sich dann lohnt zu leben, dürfte die ebenso sachliche Antwort “42” sein?

Ein Wort welches ich bisher vermisse ist: Hoffnung. Nicht jeder Krebs führt unmittelbar zum Tode. Welchen Weg es nimmt, dürfte in der Palli klar sein. Doch selbst hier sind die letzten Tage wichtig um mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Bei der Art und Weise den unvermeidlichen Weg zu gehen sollte nicht experimentiert werden – die beste Art der gewünschten Hilfe sollte gerade recht sein.

#5 |
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Bei allen unbestritten noch offenen Fragen, führt die restriktive Politik und die zumindest latente Kriminalisierung der Cannabis-Therapie im Zusammenhang mit anderweitig nicht oder nur bedingt beherrschbaren Schmerzen dazu, dass die offenen Fragen nicht bearbeitet werden bzw. bei uns nur “anonym”. Als Pädiater zwar vielfach an den nicht lizensierten Einsatz von Medikamenten gewöhnt, ist dies eine tatsächlich untragbare Situation, die nicht noch durch den – vielleicht nicht ganz unbegründeten – Verdacht des lobbyistischen Einflusses der Pharma-Industrie aggraviert werden muss. Die zitierten Resutate sollten nicht in den Hinterzimmern zur Hilfestellung entschlossener Ärzte und Patienten verdämmern.

#4 |
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3 von 5 der im Artikel angegebenen Literaturstellen zur Rechtssprechung ergeben keinen Treffer.

#3 |
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Gast
Gast

Das Cannabispflanzen für Schmerzpatienten hier in Deutschland nicht angebaut werden dürfen, besagt auch wieder mal, dass der Pharma-Konzern sich goldene Löffel, mit dem erforschen u. späteren Verkauf verdienen möchte. Der Patient zählt weder für Diejenigen, die diese Gesetze machen, noch für Konzerne. Zuviele wollen mitverdienen!

#2 |
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Dr.med Klaus Schwarzmaier
Dr.med Klaus Schwarzmaier

Zu den Cannabinoiden:
“…. 24,8 Prozent niedrigere Sterberate durch Opioide”

das ist zu einfach. Liegt vielleicht an der Zusammenfassung.
Wir reden von Palliativpatienten. Wollen die das? Opioide stehen im Ruf eines “angenehmen” Todes. Was blüht den Cannabis-Patienten?
Im Hinblick auf die junge US-Amerikanerin mit Hirn-TU, die ihren Todestag festgelegt hat und dank Sterbehilfe das erreichen konnte was sie wollte….. Wollen die (alle) Patienten das?
Eine Möglichkeit mehr, das unausweichlich nahe Ende zu modulieren ist sicher gut.
In erster Linie aber bleibt es bei der Selbstbestimmung.
Der Tod ist für JEDEN unausweichlich. Wer aber die Möglichkeit hat Einfluß zu nehmen, dem sollte sie gegeben sein. -Ein paar Tage länger Leben—— wer’s will, soll es haben. Wem’s reicht, der darf gehen, auch wenn es eine andere Lösung gibt.

Leben ist gefährlich: es wird sexuell übertragen und endet tödlich!

#1 |
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