E-Health: Im Schneckentempo in die Zukunft

18. November 2014
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Während andere Länder in puncto E-Health-Anwendungen bereits ihre Stärken ausspielen, hat Deutschland auch zwölf Jahre nach dem Projektstart der elektronischen Gesundheitskarte noch Defizite bei der digitalen Vernetzung des Gesundheitswesens. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe macht jetzt Druck: Er will Resultate sehen.

„Electing Health – The Europe We Want“: Unter diesem Motto stand das 17. European Health Forum Bad Hofgastein. Nach wie vor prallen beim Thema Welten aufeinander. In Estland stellen Ärzte schon jetzt rund 90 Prozent aller Rezepte elektronisch aus, während Deutschlands Apotheker davon nur träumen. Peteris Zilgalvis, Chef der Abteilung für E-Health bei der Europäischen Kommission, bemängelt drastische Unterschiede zwischen einzelnen Mitgliedsstaaten. Er wünscht sich mehr Engagement bei der Umsetzung des „Aktionsplans für elektronische Gesundheitsdienste 2012–2020 – innovative Gesundheitsfürsorge im 21. Jahrhundert“. Helmut Brand, Professor an der Universität Maastricht, ergänzt: „Über Jahre hat Europa über E-Health gearbeitet. Die Technik ist inzwischen ausgereift.“

Patienten gut versorgt

Aus der Forschung kommen ebenfalls neue Ansätze. Mit ITAREPS (Information Technology Aided Relapse Prevention Programme in Schizophrenia) versuchen Ärzte, Vorläufersymptome eines Rückfalls bei Schizophrenie-Patienten zu identifizieren. Generell kommt es hier zu einer besonders niedrigen Adhärenz. Ohne Pharmakotherapie stehen Verschlechterungen auf der Tagesordnung. Apropos Medikamente: SALUS (Scalable, Standard based Interoperability Framework for Sustainable Pro-active Post Market Safety Studies) hilft Apothekern, Risiken nach der Markteinführung zu bewerten. Die Plattform ergänzt Pharmakovigilanz-Studien durch softwaregestützte Analysen.

Datenschutz und Datennutzung

Jedes Projekt geht mit der Speicherung von Patientendaten einher – und Heilberufler reagieren skeptisch. Holly Jarman, Expertin der University of Michigan, sagt: „In den USA ist es ein bisschen komplizierter, weil wir eine Serie von Bundesgesetzen haben, die Patientendaten schützen sollen.“ Manchmal seien Regelungen hinderlich, wenn es darum gehe, Gesundheitsinformation auszutauschen, und manchmal schadeten sie Patienten, wenn sich jemand auf diese Gesetze berufe, um Informationen zurückzuhalten. Auch in den USA streiten alle Beteiligten über das Dilemma, Daten zu schützen, aber berechtigte Zugriffe nicht zu erschweren. Eine mögliche Lösung haben Programmierer aus Estland entwickelt. Im Baltenstaat erhalten Patienten automatisch eine Übersicht, wer ihre elektronische Gesundheitsakte zu welchem Zeitpunkt aufgerufen hat. „Und es wurden bereits Ärzte bestraft, die ohne hinreichenden Grund und ohne Erlaubnis jemandes Akte eingesehen haben“, so Zilgalvis. Informatiker der Eidgenössischen Technische Hochschule Zürich setzen auf ein anderes Prinzip. Sie entwickeln Systeme, mit denen Patienten Zugriffsrechte selbst verwalten und beispielsweise Familienmitglieder oder einen Apotheker freischalten. Die Frage, wie leicht Daten gehackt werden können, bleibt jedoch unbeantwortet.

Zauberwort Interoperabilität

Mit Sicherheitsaspekten allein ist es nicht getan. „Der Mangel an national und international festgelegten Standards behindert die Optimierung der Potenziale von eHealth“, weiß Zilgalvis. Er wünscht sich ein koordiniertes Datenmanagement und solide Infrastrukturen. Der Experte sieht nicht nur technische Hürden, sondern fordert „ein Bewusstseins des Denkens und der Handlungsbereitschaft aller Akteure im Gesundheitswesen“. Apotheker wissen nur allzu gut, woran es hapert. „Deutschland hat auch zwölf Jahre nach dem Projektstart der elektronischen Gesundheitskarte erhebliche Defizite bei der digitalen Vernetzung des Gesundheitswesens“, sagt Dr. Pablo Mentzinis vom Branchenverband BITKOM. Und so lautet eine Forderung, im geplanten E-Health-Gesetz Anwendungen festzuschreiben – inklusive verbindlicher Zeitvorgaben. Dazu zählen der elektronische Arztbrief, die elektronische Fallakte, die Speicherung von Notfalldaten, die automatische Überprüfung von Wechselwirkungen bei Medikamenten sowie ein digitaler Organspendeausweis. Technische Standards müssten von unabhängigen Organisationen geschaffen werden. Die Realität sieht anders aus: Elektronische Gesundheitskarten werden ab Januar zur Pflicht. Patienten bieten sie derzeit keine wesentlichen Vorteile.

Gröhe gibt Gas

Gegen diese prekäre Situation regt sich Widerstand. Bereits im Juni hat Hermann Gröhe (CDU) gesetzliche Regelungen angekündigt. Noch im Dezember plant der Bundesgesundheitsminister, einen Referentenentwurf vorzulegen. Das hat Oliver Schenk, Abteilungsleiter Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik im Bundesgesundheitsministerium, jetzt bestätigt. Gröhe will Voraussetzungen schaffen, um Notfalldatensätze, Medikationspläne und Entlassbriefe verbindlich zu integrieren. Interoperabilität wird auch ein großes Thema sein – derzeit existieren schätzungsweise 200 IT-Schnittstellen. Wer die Kosten zu tragen hat, bleibt offen. Unklar ist auch, wie Heilberufler mit Einwänden umgehen. Patienten könnten der Speicherung eines bestimmten Datensatzes widersprechen, obwohl Arzt und Apotheker entsprechende Informationen für ihre Arbeit benötigen.

9 Wertungen (3.56 ø)

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4 Kommentare:

Gast
Gast

Alessandro Büring FALSCH,
es gibt zu viele Schrottprogramme und denken Sie bitte an #1
Der Patient ist wichtiger als die EDV-Industrie.

#4 |
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Apotheker

Ein Blick inLänder,die E-Health praktizieren lohnt. Dort wird eine neue Art von Fehlern gefunden.Sie entziehen sich der Routineüberprüfung. Es sind zwar weniger aber andere.Dazu ist nichts zu hören.

#3 |
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Alessandro Büring
Alessandro Büring

Neuland… Solange sich die Gurkentruppe ihre E-Mails ausdrucken lässt und nichtmal weiß, was ein Browser ist, habe ich da eher begrenzte Hoffnungen.

#2 |
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Gast
Gast

Das “Zauberwort” heist fehlender Datenschutz ausgerechnet wenn es um Krankheit geht.

#1 |
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